Fakürt (, „Holzhorn“), auch kürt („Horn“), ist eine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Alltag verschwundene Naturtrompete mit einem überwiegend zylindrischen Holzrohr, die hauptsächlich von Schafhirten und Bauern in Ungarn als Signalinstrument verwendet wurde. Die zum Typus des Alphorns gehörende Holztrompete war bei den Szeklern in Rumänien bis zu 2,5 Meter und in der Großen Ungarischen Tiefebene weniger als einen Meter lang.
Herkunft und Verbreitung mini|Das Detail einer Initiale in der Ungarischen Bilderchronik aus dem 14. Jahrhundert zeigt die Legende, wonach der gefangene ungarische Fürst Lehel den siegreichen deutschen Herzog Heinrich mit einer Langtrompete niederschlug. Die wohl älteste Abbildung einer ungarischen Holztrompete. Naturtrompeten und Tierhörner produzieren entweder nur einen Ton oder mehrere Obertöne der Naturtonreihe und sind in großer Formenvielfalt weltweit verbreitet. Zur möglichen Herkunft und der Verbreitung der nord- und osteuropäischen Holztrompeten siehe den Artikel Bazuna über die im Norden Polens von den Kaschuben gespielte hölzerne Langtrompete.
Während die Holztrompete in Westeuropa abgesehen vom Alphorn (und dem Büchel) in der Schweiz kaum noch anzutreffen ist, lebt ihre Tradition in einigen ländlichen Gemeinschaften in Osteuropa fort. Verwandte Blasinstrumente in der Region sind die trembita der Huzulen in der Ukraine und die hölzerne lur, die neben der Birkenrindentrompete neverlur in Norwegen vorkommt.
Den engen musikalischen Grenzen entsprechen die wenigen Verwendungsmöglichkeiten der europäischen Holztrompeten: Sie stehen üblicherweise in einer Verbindung mit der saisonalen Weidewirtschaft der Schäfer, die im Frühsommer ihre Herden über größere Entfernungen auf die Hochweide und bei Wintereinbruch in Stallungen ins Tal treiben. Diese Form der Transhumanz wird bis heute in den Pyrenäen, den Alpen, in den Ländern des Balkan, in den Karpaten, im Baltikum und in Skandinavien betrieben. Häufig war dort zumindest früher die Holztrompete ein Hilfsmittel für die Viehhirten.Aindrias Hirt: The European Folk Music Scale: A New Theory. University of Otago, 2013, S. 1–70, hier S. 5 (gekürzte Fassung: The Origin of the European Folk Music Scale: A New Theory.) In: Ethnomusicology Review, Band 21, September 2013. Die Kenntnis über das Vorkommen von Holztrompeten im 19. Jahrhundert in den Pyrenäen und in Schottland basiert lediglich auf einem Hinweis in Heinrich Szadrowsky: Die Musik und die tonerzeugenden Instrumente der Alpenbewohner: Aus Schafhäutls Nachlass. Eine kulturhistorische Skizze. Separat-Abdruck aus dem Jahrbuch des Schweizer Alpen-Club, IV. Band, 1867, S. 297 Den Hirten dienen diese Instrumente dazu, ihre Herde zusammenzutreiben und Raubtiere fernzuhalten. Darüber hinaus warnen sie vor Gefahren; Waldarbeiter und Fischer übermitteln Nachrichten mit Trompetensignalen. Ferner haben Holztrompeten nach alten kultischen Überlieferungen eine magische Bedeutung für Hirten sowie in den Dörfern bei Weihnachtsbräuchen und anderen jahreszeitlichen Feiern. Ihr Klang soll Geister vertreiben und vor dem Bösen schützen.Andreas Michel, Oskár Elschek: Instrumentarium der Volksmusik. In: Doris Stockmann (Hrsg.): Volks- und Popularmusik in Europa. (Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 12) Laaber, Laaber 1992, S. 324 Als Melodieinstrumente in der Volksmusik gespielte Holztrompeten haben heute bei Folkloreveranstaltungen eine symbolische Bedeutung für die auf eine Hirtenkultur zurückgeführte nationale Identität.Max Peter Baumann: Befragungsmodell und Vergleich. Erläutert am Beispiel der Langtrompeten. In: Die Musikforschung, (31. Jahrgang) Heft 2, April/Juni 1978, S. 161–176, hier S. 166 In der Schweiz, bei den Huzulen in der Ukraine (trembita), in Rumänien (mit dem alten lateinischen Namen bucium), bei den Kaschuben in Polen (bazuna) und anderswo gelten Holztrompeten als „nationale“ Instrumente.Wojciech M. Marchwica: The Musical Tradition of Central European Intangible Heritage. (PDF; 1,2 MB) In: K. Jagodzińska, J. Purchla (Hrsg.): The Limits of Heritage. The 2nd Heritage Forum of Central Europe. Krakau 2015, S. 674–686, hier S. 678
Der Name bucium verweist auf die Bucina und der Name truba für belarussische, finnische,Inna D. Nazina, Ilkka Kolehmainen: Truba. In: Grove Music Online, 25. Mai 2016 ukrainischeWilliam Noll: Ukraine. In: Thimothy Rice, James Porter, Chris Goertzen (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Volume 8: Europe. Routledge, New York / London 2000, S. 812 und weitere osteuropäische Holztrompeten steht (wie die ukrainische Maultrommel drymba) mit der Tuba in einer sprachlichen Beziehung. Bucina und Tuba waren römische Bronzetrompeten, die als militärische Signalgeber dienten. Auch die spätmittelalterlichen Feldtrompeter und Pauker im Königreich Ungarn, die mit ihren Instrumenten Signale übermittelten oder ihre Ankunft kundtaten, standen in militärischen Diensten.Eugen Brixel: Das Signalwesen der Postillione in Österreich, Ungarn. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Band 32, Nr. 1/4, 1990, S. 347–382, hier S. 348 Die ungarische Kriegsmacht basierte auf Reiterheeren, weshalb die Feldmusiker zu Pferde die Trommel schlugen und Trompete bliesen. Außerdem gehörten im 15. und 16. Jahrhundert Dudelsack (duda) und Maultrommel (doromb) zu den Feldinstrumenten.László Zolnay: Feldtrompeter und Kriegsmusiker im ungarischen Mittelalter. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Band 16, Nr. 1/4, 1974, S. 151–178, hier S. 152 Neben den Feldtrompetern gab es Trompeter in städtischen Diensten („Türmer“), die im 16. Jahrhundert in Ungarn zu Berufsmusikern geworden waren und die Trompete sowie andere Instrumente auch in der Kirchenmusik spielten. Eine weitere Berufsgruppe bildeten die Hoftrompeter, deren Tätigkeit an den ungarischen Fürstenhöfen für einige von ihnen, die als Musiker angesehen wurden, über das Signalblasen hinausging.Péter Király: Hoftrompeter in Ungarn im 16.–17. Jahrhundert. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Band 46, Nr. 1/2 (Städtisches und höfisches Musikleben in Ungarn und in den Nachbarregionen im 16.–19. Jahrhundert) 2005, S. 1–19, hier S. 7
Die in den unterschiedlichen offiziellen Funktionen spielenden Trompeter von Blechtrompeten sind in den ungarischen literarischen Quellen vom 10. bis zum 19. Jahrhundert belegt. Der erste schriftliche Nachweis für das Naturhorn in Ungarn ist der Name kürtös („Hornspieler“), der aus dem 13. Jahrhundert überliefert ist. Die Holztrompete fakürt ist namentlich seit dem 15. Jahrhundert bekannt. In einer militärischen Anordnung des Jahres 1463, während der Regierungszeit des Königs Matthias Corvinus, heißt es, die Szekler Soldaten sollten mit „tympanis et zaldobomibus“ herbeigerufen werden, also mit Trommeln und Holztrompeten, denn zaldog oder zádog bedeutete „Holztrompete aus Lindenholz“. In einer bebilderten Handschrift aus dem 14. Jahrhundert, der Ungarischen Chronik des Kálti Márk, ist in einer Initiale eine Langtrompete – nach Länge und Form eine Holztrompete – dargestellt, mit welcher der in der Schlacht auf dem Lechfeld 955 unterlegene und gefangengesetzte ungarische Fürst Lehel nach der Legende den deutschen Herzog Heinrich niederschlug.Bálint Sárosi, 1967, S. 103
mini|hochkant|Alphornbläser in Tracht. Genreszene des Schweizer Malers und Grafikers Gabriel Lory von 1824. Die Holztrompeten und Naturhörner wurden in der Volkstradition hauptsächlich als Hirteninstrumente überliefert. Schäfer und Bauern bliesen die Holztrompete in Ungarn bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Szekler verwendeten sie bis ungefähr in die 1930er/1940er Jahre. Ungarische Schweinehirten besaßen bis in die 1960er Jahre ein aus Rinderhorn gefertigtes Blasinstrument (kanásztülök). Bis zu dieser Zeit wurden auch noch Blechtrompeten („modernisierte“ Holztrompeten) zur Signalgebung eingesetzt.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Trompeten in der Volksmusik eher geringgeschätzt, obwohl sie ein Jahrhundert zuvor noch eine führende Rolle in den Kapellen innegehabt hatten. So schrieb der Amateurmusiker Fabó Bertalan (1868–1920) im Jahr 1908: „Das Blechinstrument ist beim Ungarntum nicht beliebt; bei den ungebildeten und rückständigeren Zigeunerkapellen auf dem Lande findet sich zwar eine Blechtrompete, die dann bei Hochzeitszügen auf den Gartenwegen gnadenlos geblasen wird...“Bertalan Fabó: A magyar népdal zenei feilödése [Die musikalische Entwicklung des ungarischen Volksliedes]. Budapest 1908, S. 533, zit. nach: Lujza Tari: Die volksmusikalische Praxis der ungarischen Blaskapellen, dargestellt anhand historischer Quellen aus dem 19. Jahrhundert. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Band 32, Nr. 1/4, 1990, S. 409–419, hier S. 410 Volksmusikkapellen mit Trompeten waren zwar in jener Zeit selten – sie verbreiteten sich erst ab den 1930er Jahren in den ungarischen Dörfern, doch Holztrompeten und Naturhörner waren noch so weit verbreitet, dass Volkskundler sie in großer Zahl sammelten und in die Ethnographischen Museen brachten. Im Jahr 1911 veröffentlichte Béla Bartók eine für die ungarische Volksmusikforschung wesentliche Schrift über Holztrompeten und Hörner.Béla Bartók: A hangazeres zene folklória Magyarországon I. Kanásztülök [Die Folklore der Instrumentalmusik in Ungarn I. Schweinehirtenhorn]. Budapest, 1911; Lujza Tari, 1990, S. 410 Auf Bartók (1935) geht die in die Fachliteratur eingegangene Benennung havasikürt („Alpen-Horn“, wörtlich „Horn der Schneeberge“) zurück.
Bauform Neben fakürt kamen weitere regionale Bezeichnungen vor, die auf Form und Verwendung der Holztrompete hinweisen. Bei den Szeklern sind dies: pásztorkürt („Hirtenhorn“),Pásztorkürt díszes. Europeana Collections (Abbildung eines pásztorkürt genannten Ochsenhorns) nyírfakürt („Birkenholzhorn“, falls mit Birkenrinde umwickelt), hárskürt, szádokkürt und zádogkürt („Lindenhorn“, falls mit Lindenbast umwickelt). In der Tiefebene waren für die kleinere Holztrompete folgende Namen geläufig: duda („Tröte“, häufiges slawisches Wort für Blasinstrumente), speziell füzfaduda („Weidenholztröte“) und víziduda („Wassertröte“, weil eine undicht gewordene Trompete in Wasser gelegt wurde, damit sich die Undichtigkeit durch das quellende Holz von selbst schloss).
Holztrompete der Szekler mini|hochkant|Norwegische Birkenrindentrompete neverlur. Bei der ungarischen Minderheit in Rumänien besteht die fakürt aus einem 1,5 bis 2,5 Meter langen, annähernd zylindrischen Holzrohr, dessen unterer Teil sich konisch erweitert und aufgebogen ist. Für die mehr oder weniger starke Krümmung muss ein entsprechend gewachsener, junger Tannen- oder Ahornbaum gefunden werden. Der unterhalb der Krümmungsstelle umgesägte Baum wird nach der traditionellen Herstellungsmethode, die im Prinzip bei allen Holztrompeten gleich ist, entrindet und mit der Axt längs in zwei Hälften gespalten. In einem zeitaufwendigen Arbeitsprozess werden beide Hälften mit einem Hohlbeitel rinnenförmig ausgestemmt und geglättet. Die wieder aufeinandergelegten Hälften werden zur ersten Fixierung an drei oder vier Stellen mit Draht umwickelt. Um die Trennflächen luftdicht zu verschließen, wird erhitztes flüssiges Tannenharz darüber gegossen. Über das gesamte Rohr geträufelte Harz sorgt für eine bessere Haftung der nun umgewickelten Rindenstreifen aus Birkenrinde oder Lindenbast. Um die in vier bis fünf Zentimeter breiten, spiralförmig um den Stamm geschnittenen und sodann abgezogenen Rindenstreifen weicher zu machen, werden sie vor der Verarbeitung in warmes Wasser gelegt. Die Umwicklung erfolgt vom dünneren, oberen Ende (Anblasöffnung) ausgehend mit überlappenden, straff gezogenen Streifen, bis das Rohr vollständig von Rinde umgeben ist. Um die Luftdichtigkeit einer Holztrompete zu prüfen, verschließt man die Anblasöffnung mit einem Holzpfropf und gießt Wasser hinein.