Der Familienname Tunnat ist litauischen Ursprungs. Dort wird er bis heute in der traditionellen Form Tunaitis geschrieben. Die historische und sprachwissenschaftliche Entwicklung des Namens geht auf den samogitischen Kleinadel (bajorai) zurück. Jüngere onomastische Forschungen zeigen, dass der Name eine signifikante personennamentliche Persistenz aufweist und durch Verkürzung aus einer älteren, zweistämmigen Namensform hervorgegangen ist.

Onomastische Herleitung Die konkrete Bedeutung des Namens lässt sich im Litauischen laut Sprachwissenschaftlern der Universität Vilnius wie folgt herleiten: Dass der Name Tunaitis zwei Silben vor der Endung trägt, ist ein Zeichen für sein sehr hohes Alter. Er stammt aus einer Zeit, als Namen noch kurze, kraftvolle Beschreibungen der Person waren. Insofern stellt der Name Tun-aitis eine extrem interessante litauische Namens-Kombination dar. Die Analyse des Namens nach altlitauischen Maßstäben führt über die Silbe „Tun-“ (in archaischer Form „Tun-as“ oder „Tūn-as“) in eine sehr spezifische Richtung. Im Altlitauischen hat der Wortstamm „tun-“ bzw. „tū-“ eine Bedeutung, die perfekt zu einem Anführer oder einer sesshaften, einflussreichen Persönlichkeit passt.

Wissenschaftlich lässt sich die Entstehung des Namens Tunaitis (sowie seiner historischen Varianten wie Tunnaitis, Tunatis, Tuninaitis oder Tunat) über den älteren samogitischen Namen Drutunaitis herleiten. Durch den Wegfall des vorderen Stammglieds (Drut- zu altlitauisch drūtas für „stark“, „fest“ oder „mächtig“) bildete sich die verkürzte Form Tunaitis als eigenständiges Patronym heraus. Diese morphologische Entwicklung widerlegt ältere Annahmen über eine vermeintliche Polonisierung oder Slawisierung des Namens im Zuge der polnisch-litauischen Union; die Namenslinie blieb in ihrer sprachlichen Struktur originär litauisch-samogitisch.

Regionale Verbreitung und Migration Die linguistischen Herleitungen weisen nach, dass die Tunaitis Teil jener sesshaften Elite waren, die das Großfürstentum Litauen im Mittelalter mit aufbauten und verwalteten. Der Name „Tun-aitis“ bzw. dessen Vorläufer bewahrt linguistisch den historischen Moment der Sesshaftwerdung und Statusbildung der Familie im vorchristlichen Litauen. In der Region Samogitien (Žemaitija) existierten Adelsdörfer (Okolica), in denen Mitglieder der Tunaitis über Jahrhunderte ansässig waren. Listen des Adels des Gouvernements Grodno (Fond 332 im NIAB) weisen nach, dass Mitglieder der Tunaitis über Landgüter in der Region verfügten.

Die staatlichen Archive (LVIA) bestätigen, dass Namen mit dem Suffix -aitis, also die Tunaitis, ein starkes Zentrum in Westlitauen (Samogitien) hatten. Was bedeutet: Tunaitis siedelten im litauischen Kernland an der Grenze zum Deutschen Orden. Viele Familienmitglieder zogen von dort nach der Vereinigung mit Polen als „Kriegeradel“ oder Beamte der Großfürsten gen Osten (Grodno/Minsk). Es waren andere Mitglieder dieses uralten samogitischen Familienstammes, die nach Ostpreußen auswanderten und ihren Namen dort zu „Tun-nat“ germanisierten.

Die ostpreußisch-deutsche Form Tunnat kam 1825 erstmals im damaligen Ostpreußen auf.Kirchenbuch Nemmersdorf Heiratsbuch 1795–1825 S. 190.Anlässlich einer Eheschließung am 28. Juni 1825 wird der am 15. August 1794 noch als Tunnatis im Taufbuch verzeichnete Ehemann erstmals im Kirchenbuch als Tunnat verzeichnet. Der Nachname Tunnat ist in Deutschland mit rund 40 Namensträgern sehr selten. Außer in Deutschland finden sich in den USA circa 25 NamensträgerStatistik und Bedeutung des Namens Tunnat, Namespedia. als Nachkommen ostpreußischer Auswanderer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Daneben leben in den USA mehr Nachkommen des litauischen Familienzweigs unter dem Namen Tunaitis als Nachkommen litauischer Immigranten.

Der Ursprung der Tunaitis/Tunnat lässt sich auf zwei Orte in Litauen eingrenzen: Radviliškis (deutsch Radwillischken) im Bezirk Šiauliai (deutsch Schaulen) sowie Juodpetriai (deutsch Schwarzpeter) in der Region Tauragė (deutsch Tauroggen), einer historischen Kernregion des samogitischen Kleinadels. Beide Orte sind mit dem litauischen Hochadelsgeschlecht Radziwiłł verbunden. Radviliškis wurde von den Radziwills gegründet; Tauroggen war ein Allod der Familie Tunaitis. Juodpetriai war Grenzort der Herrschaft Tauroggen, es gab eine Postkutschen-Station im Ort. Von hier wanderte ein TunaitisZentrales Staatsarchiv Litauen, Registerband der Herrschaft Tauroggen-Serrey. 1695 nach Nemmersdorf (Kreis Gumbinnen) aus. Zwischen 1695 und 1744 wechselte die Schreibweise des Namens von Tunaitis zu Tunnaitis. Ab 1763 herrschte die Schreibweise Tunnatis vor. Ab 1825 wird der Name Tunnat geschrieben.

Der litauische Teil der Familie Tunnat behielt die traditionelle Schreibweise Tunaitis bei. Das berühmteste Familienmitglied im Litauen der Gegenwart war Juozas Tunaitis, der 2012 verstorbene Erzbischof von Vilnius. Ein zu traurig-negativem Ruhm gelangtes deutsches Familienmitglied war Heinrich Tunnat.

Archive Archiv Kirche Jesu Christi – Salt Lake City, USA Litauisches historisches Staatsarchiv – Vilnius Litauisches zentrales Staatsarchiv – Vilnius Staatsarchiv Ostpreußen – Leipzig

Anmerkungen Bedingt durch den Zweiten Weltkrieg sind die in Gumbinnen, Königsberg und Berlin aufbewahrten Kirchenbucharchive Ostpreußens als Originale zerstört worden. Marginale Restbestände haben sich im Staatsarchiv Leipzig erhalten. Die Kirche Jesu Christi hat seit den 1920er Jahren alle Kirchenbücher Ostpreußens verfilmt und verwahrt sie in ihrem Zentralarchiv in Utah als Microfilm. Die ostpreußisch-deutschen Daten zu Familie Tunnat/Tunaitis sind in den Kirchenbüchern von Nemmersdorf, Taufbücher 1669–1710, 1710–1764, 1764–1795, Heiratsbuch 1710–1764, 1764–1795, 1795–1825, Sterbebuch 1751–1791, sowie im Registerband enthalten. Sie entsprechen den Microfilmen-Nr. 1812654–1812657. Die erhaltenen litauisch-polnisch-preußisch-russischen Unterlagen befinden sich im Staatsarchiv zu Vilnius.

Namensträger siehe: Tunnat

Einzelnachweise

Kategorie:Familienname