mini|Britische Offiziere kochen an der Front. Der Rauch von Kochfeuern konnte leicht Artilleriefeuer auf sich ziehen, aber während der Essenszeiten galt oft „Leben und leben lassen“ Als Leben und leben lassen wird das spontane Zustandekommen von nicht-aggressivem Verhalten zwischen Truppenteilen bezeichnet, die sich während des Ersten Weltkriegs an der Front als Feinde gegenüberstanden. Nach dem ersten Zustandekommen konnte dieses Verhalten zu einem System der instabilen Kooperation ausgebaut werden. Dies geschah durch Gewaltvermeidung oder ritualisierte Gewaltanwendung ohne Verletzungsabsicht wie auch durch Deeskalation, aber auch mittels vorhersehbarer und maßvoller Vergeltung bei Übertretungen der impliziten Abmachungen. Die Verständigung mit dem Gegner geschah dabei im Gegensatz zum offenen Fraternisieren meist durch (Nicht-)Handeln anstelle von Sprache. Das Verhaltensmuster trat insbesondere während längerer Phasen der Stagnation im Stellungskrieg an der Westfront auf. Als bekanntestes, wenn auch untypisches Beispiel gilt der Weihnachtsfrieden von 1914. Am weitesten verbreitet war das System an ruhigen Frontabschnitten zwischen November 1914 und Ende 1916, bevor es durch offensive Patrouillen und Stoßtrupps auf Befehl höherer Stäbe unterminiert wurde, um schließlich mit der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918 und dem folgenden Bewegungskrieg ganz zusammenzubrechen. Die Strategie „Leben-und-leben-lassen“ ist ein Untersuchungsgegenstand der Spieltheorie.

Prinzip Auftreten Das Prinzip Leben-und-leben-lassen manifestierte sich im bewussten Absehen von Gewaltausübung während des Krieges. Typische Verhaltensformen im Sinne des Prinzips waren: Während der Zeit, in der das Essen an die Front gebracht und verzehrt wird, herrscht praktisch Waffenruhe.Tony Ashworth: The Live and Let Live System. In: Michael S. Neiberg (Hrsg.): The World War I Reader. New York 2007, S. 208–209. Feldartillerie, die jeden Tag zur selben Zeit auf dieselbe Stelle im Niemandsland oder hinter den feindlichen Gräben feuert, sodass das Artilleriefeuer vorhersehbar und leicht vermeidbar wirdTony Ashworth: Trench warfare 1914–1918 : the live and let live system. Macmillan, London 1980, S. 119 f. Arbeitskommandos, die nachts exponiert im Niemandsland die Feldbefestigungen ausbessern sowie Stacheldraht-Verhaue reparieren und sich dabei gegenseitig ignorierenTony Ashworth: Trench warfare 1914–1918 : the live and let live system. Macmillan, London 1980, S. . Scharfschützen, die gezielt daneben schießen; in einzelnen Fällen so lange auf denselben Punkt an einem Haus im Hinterland des Gegners, bis dort ein Loch in der Wand entstandTony Ashworth: Trench warfare 1914–1918 : the live and let live system. Macmillan, London 1980, S. . Dieses Verhalten trat auf der Ebene kleinerer Einheiten auf, typischerweise bis hin zu Bataillonsgröße. Das ergibt sich aus der sozialen Kohäsion dieser Einheiten, in denen abweichendes (zu aggressives) Verhalten einzelner Soldaten informell bestraft worden wäre. Auch wurden Bataillone zusammen abgelöst und rotierten mit anderen Bataillonen im Frontdienst. Bei der Übergabe an den folgenden Truppenteil wurden die lokalen Gepflogenheiten von Leben-und-leben-lassen dann häufig mündlich weitergegeben.Tony Ashworth: The Live and Let Live System. In: Michael S. Neiberg (Hrsg.): The World War I Reader. New York 2007, S. 214.

Nicht alle Einheiten beteiligten sich regelmäßig an Leben-und-leben-lassen, wenn sie Gelegenheit dazu hatten. Auf beiden Seiten der Front gab es Einheiten, die einen „ruhigen Abschnitt rasch in ein Hornissen-Nest“Tony Ashworth: Trench warfare 1914–1918 : the live and let live system. Macmillan, London 1980, S. 45. verwandelten. Ashworth (1980) nennt diese Bataillone „Elite-Einheiten“ und führt auf britischer Seite beispielhaft das II. Bataillon der Royal Welch Fusiliers und das I. Bataillon der Royal West Kents auf. Die Nennung der Bataillons-Nummern ist bei britischen Regimentern relevant, da die Bataillone mit höheren Nummern zwar den Traditions-Regimentern („Regular Army“) zugeordnet waren, aber der New Army oder Territorial Army entstammten. Auf deutscher Seite galten die Garderegimenter und bestimmte Regimenter der preußischen Linieninfanterie als wenig geneigt, das Prinzip Leben-und-leben-lassen anzuwenden. Hingegen hatten die sächsischen Regimenter den Ruf, gern dem Prinzip zu folgen.Tony Ashworth: Trench warfare 1914–1918 : the live and let live system. Macmillan, London 1980, S. 150.

Zustandekommen und Aufrechterhaltung Das Prinzip Leben-und-leben-lassen wurde nur selten in offenen lokalen Waffenstillständen vereinbart, so wie dies beim Weihnachtsfrieden 1914 der Fall war. Häufiger kam es durch demonstratives Verhalten zustande: entweder durch Nichtgebrauch der Waffen, wo dies leicht möglich gewesen wäre, oder durch den Gebrauch in rein ritueller oder vorhersehbarer Form. Letzteres signalisierte die nicht-tödliche Absicht und wahrte den Anschein aggressiven Verhaltens vor Vorgesetzten. Anlass konnten auch äußere Bedingungen sein, die das Kämpfen sehr erschwerten, wie zum Beispiel starker Regen und damit einhergehend Schlamm und überflutete Schützengräben.Tony Ashworth: The Live and Let Live System. In: Michael S. Neiberg (Hrsg.): The World War I Reader. New York 2007, S. 216. mini|Britische Artillerie­offiziere im Front­bereich vor dem Eingang zu ihrem Unterstand, der „besser gesichert und komfortabler“ als ein Schützen­graben war Neben der praktischen Überlegung, dass ein Einhalten des Prinzips das eigene Überleben sichern würde, gab es bei vielen Soldaten Widerwillen gegen das Töten ihrer direkt sichtbaren Gegenüber, ohne dass diesem ein Kampf vorangegangen wäre. Solche Hemmungen hatte die Artillerie nicht, die nur auf Koordinaten schoss. Zudem war die Artillerie weniger Vergeltungsmaßnahmen ausgesetzt. Daher versuchten die Grabenbesatzungen die ihnen zugeteilten Beobachtungsoffiziere der Artillerie, welche das Feuer lenkten, zu einem Einhalten des Prinzips zu bringen. Dies geschah zum Beispiel durch bevorzugte Versorgung mit Verpflegung und einem sicheren Unterstand für den Beobachter, es sind auch direkte Absprachen zwischen Infanterieoffizieren und Artilleriebeobachtern überliefert. Häufig waren Feldartillerie-Batterien über längere Zeit einem bestimmten Bataillon zugeteilt, so dass sich soziale Bindungen bilden konnten. Problematischer war die Abstimmung mit der schweren Artillerie, die zudem zentral gelenkt wurde. Falls der Feuereinsatz der eigenen schweren Artillerie in vorderster Linie bekannt war, wurden manchmal die gegnerischen Grabenbesatzungen durch Signale gewarnt.Tony Ashworth: Trench warfare 1914–1918 : the live and let live system. Macmillan, London 1980, S. 119–123.

Nachdem das Prinzip einmal mittels stillschweigender Übereinkunft zwischen den Fronttruppen eingeübt war, perpetuierte es sich dann – „Schlafende Hunde soll man nicht wecken“. Wenn eine Seite doch Gewalt einsetzte, wurde dies lokal durch genau abgezählte Gegengewalt beantwortet, häufig nach dem Prinzip „Drei-zu-eins“: Auf einen gezielten Schuss der Gegenseite, der nicht dem Prinzip Leben-und-leben-lassen entsprach, antwortete man mit drei gezielten Schüssen, und stellte dann wieder das Feuer ein.

Die mögliche Vergeltung von Verstößen gegen das Prinzip war für die Aufrechterhaltung wichtig. Paradoxerweise waren daher Frontabschnitte, an denen sich die Schützengräben auf Ruf- und Wurfentfernung gegenüberlagen, am sichersten. An bergigen Abschnitten wie in den Vogesen trennten teilweise nur wenige Meter die Gräben. Schon ein Einsatz von Handgranaten ohne Warnung wäre verheerend gewesen und wurde genau deshalb vermieden.Tony Ashworth: The Live and Let Live System. In: Michael S. Neiberg (Hrsg.): The World War I Reader. New York 2007, S. 215. Stattdessen wurden dort die Gräben aufwendig pioniertechnisch ausgebaut, was ohne gegenseitiges Ignorieren der Baukommandos unmöglich gewesen wäre.

Haltung der militärischen Führung Generale, Kommandeure ab Regimentsebene und höhere Stabsoffiziere, die selbst nicht der direkten Einwirkung des gegnerischen Feuers ausgesetzt waren, waren kein Teil der Abmachungen und Verhaltensweisen des Leben-und-leben-lassen. Dennoch bestand auf höheren Ebenen durchaus ein Bewusstsein für das Vorhandensein des Systems.Tony Ashworth: Trench warfare 1914–1918 : the live and let live system. Macmillan, London 1980, S. 44–45. Das Verhältnis dazu war jedoch nicht immer eindeutig: Die Existenz ruhiger Frontabschnitte wurde zur Erholung von abgekämpften Einheiten genutzt. Andererseits barg die indirekte Kooperation der Fronttruppen mit dem Gegner die Gefahr der Abnutzung des Kampfgeistes bis hin zur Fraternisierung. Schlimmstenfalls befürchtete die Führung eine daraus resultierende Befehlsverweigerung und Meuterei, sollte es wieder zu direkten Angriffsbefehlen kommen. Aus strategischer Sicht waren der englische und französische Generalstab durchaus an einem Abnutzungskrieg interessiert, da die Ressourcen der Mittelmächte diesem auf längere Sicht nicht gewachsen schienen.Tony Ashworth: The Live and Let Live System. In: Michael S. Neiberg (Hrsg.): The World War I Reader. New York 2007, S. 221 f.

Pragmatische Überlegungen zur Erholung von Truppenteilen und der Senkung von Verlustraten in statischen Situationen führten zumindest in bestimmten Frontabschnitten oder Zeiträumen zu einem stillschweigenden Tolerieren des Systems Leben-und-leben-lassen durch die militärische Führung. Dennoch stand das System auf beiden Seiten der Front in fundamentalem Gegensatz zur geltenden Militärdoktrin und den Idealen einer aggressiven Männlichkeit. Auf britischer Seite wurde die gewünschte Haltung als „offensive spirit“ (Angriffsgeist) bezeichnet. In einer Dienstvorschrift zum Grabenkrieg von 1916 warnte das GHQ vor Passivität und Lethargie und empfahl neben konstanter Beschäftigung mit dem Ausbau der Befestigungen den Störangriff auf den Gegner als beste Therapie für die eigenen Truppen:Tony Ashworth: Trench warfare 1914–1918 : the live and let live system. Macmillan, London 1980, S. 41–47.

Auf französischer Seite war der Widerspruch zwischen Leben-und-leben-lassen und dem Ideal der „offensive à outrance“ (Angriff bis zum Äußersten) noch größer. Auch wenn sich die französische Führung vom reinen Ideal des infanteristischen Frontalangriffs nach horrenden Verlusten in den ersten Kriegsmonaten verabschiedet hatte, blieb der Angriff mit allen Mitteln weiter Ziel. Erst 1917 wandte sich der französische Oberbefehlshaber Pétain unter dem Eindruck der großflächigen Meutereien in seiner Armee davon ab.

Gegenmaßnahmen Zur Analyse des Angriffsgeistes der eigenen Truppe dienten den höheren Ebenen Statistiken über eigene Verluste, Munitionsverbrauch und Meldungen über Angriffe. Da der Munitionsverbrauch durch vorhersagbares und absichtlich ungezieltes Feuer nicht aussagekräftig genug war, wurden Patrouillen und Stoßtrupps angeordnet. Dabei mussten zum Beweis des gewalttätigen Vorgehens feindliche Gefangene eingebracht werden, zumindest jedoch ein Stück des gegnerischen Stacheldrahts oder ein Ausrüstungsteil gegnerischer Soldaten.Tony Ashworth: The Live and Let Live System. In: Michael S. Neiberg (Hrsg.): The World War I Reader. New York 2007, S. 221.

Am 4. Dezember 1917 erging in der französischen Armee eine Weisung zum Verbot der offenen Fraternisierung, die von deren Oberbefehlshaber Pétain unterzeichnet wurde. Eine weitere solche Weisung folgte am 29. Januar 1918: „Wer sich in den Schützengräben mit feindlichen Soldaten unterhält, ist wegen ‚geheimer Verbindungen zum Feind‘ einem Kriegsgericht zu überantworten“.André Bach: Die Stimmungslage der an der französischen Front 1917 bis 1918 eingesetzten Soldaten nach den Unterlagen der Briefzensur. In: Jörg Duppler und Gerhard P. Groß: Kriegsende 1918 – Ereignis, Wirkung, Nachwirkung. Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56443-9, S. .