mini|Vor dem Hintergrund diverser interner Modeströmungen ist die Farbe Schwarz Kernelement des selbstdarstellerischen und individualistischen Konzeptes, der Vergemeinschaftungspraktik der Schwarzen Szene Die Schwarze Szene ist eine in den späten 1980er Jahren aus der Anhängerschaft des Dark Wave und Independent entstandene Szene. Sie entwickelte sich aus einer jugendkulturellen Gemeinschaft über Jahrzehnte hinweg zu einem altersunabhängigen sozialen Netzwerk, dessen große Gemeinsamkeit in einem ästhetischen, selbstdarstellerischen und individualistischen Konzept liegt. Sie gilt als Gemeinschaft, die sich über szeneinterne Symbole, Medien und Treffpunkte definiert, besonders szenespezifische Veranstaltungen und Diskotheken sowie die unterschiedlichen Strömungen der szeneeigenen Mode. Zu den gemeinsamen Interessen der Szene gehören Musik, Kunst und Mode sowie die Auseinandersetzung mit philosophischen, neureligiösen oder von der Gesellschaft als negativ wahrgenommenen Themen- und Tabubereichen. Insbesondere findet vor dem Hintergrund des individualistischen Konzeptes eine Auseinandersetzung mit den Themenkomplexen Tod, Sterblichkeit, Traurigkeit, Trauer und Melancholie, klinische Psychologie und Psychopathologie statt.
Dabei ist die Szene weder musikalisch noch modisch als homogene Gruppe zu verstehen. Sie gliedert sich in unterschiedliche Strömungen, die sich zum Teil in ihren musikalischen und modischen Vorstellungen diametral gegenüberstehen. Die musikalischen Vorlieben der unterschiedlichen Anhänger der Schwarzen Szene sind dabei von einer annähernd unüberschaubaren Stilvielfalt geprägt. Als Sammelbezeichnung für die Gesamtheit der in der Szene rezipierten Musik wird in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Literatur der Ausdruck Schwarze Musik genutzt.
Als kleinster gemeinsamer Nenner, und damit als ein zentraler Aspekt der Vergemeinschaftung, wird die Farbe Schwarz mit all ihren denkbaren Symbolwerten benannt. Sie gilt in der Szene unter anderem als Ausdruck von Ernsthaftigkeit, Dunkelheit und Mystik, aber auch als Symbol für Hoffnungslosigkeit, Leere, Melancholie und als Bezug zu Trauer und Tod.
Inhalt und Abgrenzung Begriffsbestimmung Bei der Schwarzen Szene handelt es sich mittlerweile um ein Milieu, das sich aus Teilen verschiedener Szenen zusammensetzt. Die Szene ohne Namen (so tituliert von Ecki Stieg) findet sich in vergleichbarer Form auch außerhalb der deutschsprachigen Länder wieder. In Spanien heißt sie cultura oscura, in den portugiesischsprachigen Gebieten Amerikas cultura dark und in Luxemburg Schwaarz Zeen. Im englischen Sprachraum scheint sich – neben den sporadisch genutzten Bezeichnungen dark scene und dark culture – keine entsprechende Bezeichnung etabliert zu haben; bisweilen fungiert dort, wie beispielsweise ebenso in Italien, der Begriff Gothic missverständlich als aus der Gothic-Szene fortgeführter Oberbegriff der gesamten Schwarzen Szene.
Der Ursprung der Bezeichnung „Schwarze Szene“ ist umstritten. 1990 taucht diese beispielsweise in dem Bericht Schwarze Szene, Berlin – Eine kritische Selbstdarstellung auf, der bereits im Herbst 1989 fertiggestellt, aber erst 1990 in der Januar-Ausgabe des Zillo-Musikmagazins veröffentlicht wurde. Laut dieses Berichts rekrutierte sich die Berliner Szene zu dieser Zeit aus „Gruftis, Wavern und New Romantics“. Auch die Selbsttitulierung als „Schwarze“ findet dort Erwähnung.
Nur wenig später wurde die Bezeichnung „Schwarze Szene“ in einem Bericht über eines der beiden Konzerte von The Cure in der DDR verwendet; dieser erschien in der 1990er Herbstausgabe des Freiburger Wave-Magazins Glasnost. Ungefähr zwei Jahre später tritt die Bezeichnung unter anderem im Bonner Gothic-Press-Magazin in Erscheinung, dieses Mal im Vorwort zu einem Interview mit Death in June, an dem ein Journalist des Zillo-Magazins intensiv mitarbeitete.
Nachdem in den 1990er Jahren vielerorts die ablehnende Haltung der Subkulturen untereinander schrittweise einer Öffnung wich, avancierte die Bezeichnung in zahlreichen Musikmagazinen zu einem viel genutzten Begriff, um eine bestimmte Zielgruppe von Lesern anzusprechen. Die Independent-Zeitschrift Zillo galt selbst lange Zeit als eines der wichtigsten Medien der Schwarzen Szene und konnte die Bezeichnung dabei vermutlich etablieren. Unklar ist jedoch, ob das Motto „von der Szene für die Szene“, das seit 1997 für die darauf folgenden drei Jahre die Titelseite des Zillo-Magazins schmückte, tatsächlich der Schwarzen Szene galt, oder ob damit die Independent- und Alternative-Kultur in ihrer Gesamtheit gemeint war.
In einer der ersten deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der Szene, Das Charisma des Grabes, befürwortete Roman Rutkowski 2004 die Nutzung des Begriffes, da mit diesem, gegenüber anderen teilweise genutzten Bezeichnungen, ein Oberbegriff für alle Subszenen und Strömungen der Schwarzen Szene benannt wird. Nach Rutkowski wird dieser Begriff durch eine Vielzahl der Szeneanhänger bevorzugt. Nym führte 2010 aus, dass sich besonders in der Soziologie und der Jugendkulturforschung der Begriff bereits etabliert habe. Ebenso hat sich der Begriff seit den 90ern in Szenemedien und der Presse verbreitet, stellenweise wird jedoch der missverständliche Titel Gothic, der eine Subströmung der Szene betitelt, genutzt.
Gelegentlich wird der Begriff ebenso für die Black-Metal-Szene verwandt, die jedoch andere subkulturelle Ursprünge und musikalische Vorlieben hat.
Begriffsabgrenzung Bereits 2004 wurde die Bezeichnung „Gothic“ vor allem von Außenstehenden mehrfach bedeutungsgleich zu „Schwarze Szene“ verwendet. Die Gothic-Subkultur ist jedoch mit der Post-Punk- und Wave-Bewegung verknüpft und stellt somit nur einen Bruchteil des gesamten Spektrums der Schwarzen Szene dar. Vor diesem Hintergrund ist die Nutzung als Synonym umstritten und wird innerhalb der Schwarzen Szene kontrovers diskutiert. Eine klare Abgrenzung wird mitunter durch den häufigen Gebrauch des Begriffes „Gothic“ in der Musikpresse und internationale Unterschiede in der Begriffsnutzung erschwert.
Sozialstruktur mini|Szenegänger beim WGT, einer der international größten Szeneveranstaltungen Im internationalen Vergleich wird die deutsche Szene häufig als bedeutendste Ausprägung der Subkultur angesehen. Aufgrund ihrer international anerkannten Events und des hohen Anteils in Deutschland produzierter Musik wird die deutsche Subkultur als herausragend und besonders wahrgenommen, bisweilen als ‚Urland‘ bezeichnet.
Kontakt und Austausch erfolgen zumeist über Konzert- und Diskothekenveranstaltungen sowie über Internetforen oder Chats, wodurch es zu kulturellen Überlagerungen kommen kann („Patchwork-Kulturen“), obgleich die Eigenständigkeit der subkulturellen Ausgangsformen erhalten bleibt.
Die größten Gesellungsräume der Kultur im deutschsprachigen Raum sind das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig mit etwa 20.500 Besuchern und das M’era Luna Festival in Hildesheim mit etwa 25.000 Besuchern sowie das Amphi Festival in Köln mit 16.000 Besuchern. Als wichtige Medien gelten die Zeitschriften Orkus, Sonic Seducer und Gothic mit Auflagen von 40.000 bis 60.000 monatlich gedruckten Exemplaren. Hinzukommend sind lokale und regionale Veranstaltungskalender üblich. Das Internet hat insbesondere für die Selbstorganisation der Szene eine hohe Bedeutung. Anfang bis Mitte der 2000er Jahre präsentierte das TV-Musikprogramm Onyx.tv in Kooperation mit der Zeitschrift Sonic Seducer die wöchentliche auf die Szene zugeschnittene moderierte Musiksendung Schattenreich.
Größenmäßig wurde die deutsche Schwarze Szene im Jahr 2004 auf etwa 50.000 bis 100.000 Personen geschätzt. Im Jahr 2010 wurde diese Einschätzung erneut bestätigt.
Das Geschlechterverhältnis ist, anders als in vielen vergleichbaren Jugendkulturen, ausgewogen. Aus der festgestellten Altersstruktur der Szene ergibt sich die Erkenntnis, dass sie nur „schwerlich als reine Jugendkultur bezeichnet werden kann.“ Eine Vielzahl der Szenegänger geht einem geregelten Arbeitsverhältnis nach und hat eigene Familien. Die Altersspanne beginnt zwar bei vierzehn Jahren, eine obere Altersgrenze ist jedoch nicht auszumachen, so dass selbst ganze Szene-Familien „keine Seltenheit“ darstellen.
Szeneinhalt Die Szene wird als heterogene Ansammlung unterschiedlicher subkultureller Strömungen, ohne „an eine Stilrichtung der Popularmusik und die damit im Zusammenhang stehenden Denk-, Verhaltens- und Dresscodes gebunden“ zu sein, gesehen. Rutkowski benennt den Stil, bestehend aus Mode und Habitus, als Kern der Szene. Auch Alexander Nym unterstreicht diese These in einem Interview mit der Internetpräsenz der Süddeutschen Zeitung. Laut Nym „spielt Musik nicht mehr die Hauptrolle.“ Vielmehr erstrecke sich „die schwarze Kultur auf jeden Lebensaspekt“, so dass weitere kulturelle Aspekte wie „Literatur, Filme [oder] die Art, wie man seine Wohnung einrichtet“ durch die Szene geprägt werden. Als „universelle Gemeinsamkeit“ und „kleinsten gemeinsame Nenner“ bezeichnet er „die schwarze Kleidung“.
Die „Szene“ ist so weder musikalisch noch modisch als homogene, in sich geschlossene Gruppe zu verstehen. Sie gliedert sich in unterschiedliche Strömungen, die sich zum Teil in ihren musikalischen und modischen Vorstellungen diametral gegenüberstehen. Die musikalischen Vorlieben der unterschiedlichen Anhänger der Schwarzen Szene sind geprägt von einem „Stilmischmasch, der das Spektrum von avantgardistischem Bruitismus über elektronische Popmusik, alte Musik […], (Neo-)Klassik und Folk bis (Punk)Rock, Techno und Ambient“ abdeckt. Als Sammelbezeichnung für die Gesamtheit dieser in der Szene rezipierten Musik wird in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Literatur der Ausdruck Schwarze Musik bevorzugt genutzt.
Als kleinster gemeinsamer Nenner, und damit als zentraler Aspekt der Vergemeinschaftung, wird die Farbe Schwarz mit all ihren Symbolwerten benannt. Sie gilt hier unter anderem als Ausdruck von Ernsthaftigkeit, Dunkelheit und Mystik, aber auch als Symbol für Hoffnungslosigkeit, Leere, Melancholie und als Bezug zu Trauer und Tod.
Die ursprüngliche Dark-Wave-Szene verlor ab der Mitte der 1990er zusehends an Bedeutung in der Schwarzen Szene. Diese existierte fortan, ohne sich auf einen bestimmten Musikstil als gemeinsamen Nenner zu berufen. Populäre Interpreten verschwanden oder orientierten sich musikalisch um und nahmen neue, bis dahin szeneuntypische Einflüsse auf. Derweil aktivierte der Grunge-Hype der frühen 1990er Jahre das mediale Interesse an Subkulturen. „In den folgenden Jahren bildete die geschickt geschürte Massenhysterie um Anti-Stars, Gen-X-Lifestyle, Teenage Rebellion und Grunge Look den idealen Aufhänger für die effektive Vermarktung jugendlicher Identifikationspole […].“
mini|hochkant|Auch das stilistisch vom Electro Wave zum Synth Rock veränderte Project Pitchfork, hier bei einem Auftritt 2009, erhielt zum Ende der 1990er Jahre einen Majordeal und zu dem Titel Steelrose ein Musikvideo produziert mit entsprechender Heavy Rotation auf VIVA In den Folgen dieses Alternative-Rock-Hypes etablierte sich auch ein an den Ursprüngen der Schwarzen Szene orientierter Habitus in der Popkultur. Neue, bis dahin unbekannte Interpreten wie HIM, Nine Inch Nails oder Marilyn Manson etablierten sich mit Anti-Star-Dasein und Teenage Rebellion sowohl in der Szene als auch im Musikfernsehen und in den Charts, während auch bereits populäre Szeneinterpreten wie Depeche Mode, Project Pitchfork oder Wolfsheim entsprechend medial vermarktet wurden.