Neuer Materialismus (auch: Neomaterialismus oder New Materialism) bezeichnet eine interdisziplinäre und heterogene theoretische Strömung, die sich mit den Beziehungen des Menschen zu Technologie, Natur und Umwelt befasst. Der Begriff Neuer Materialismus wurde in den 1990er Jahren geprägt und kann als Reaktion auf die durch ökologische Krisen veränderte Umwelt und den rapiden technischen Fortschritt betrachtet werden.
Gemeinsame Anliegen der diversen Neuen Materialismen sind: die Überwindung der Zentralstellung des menschlichen Subjekts, also des in der Philosophie hegemonialen Anthropozentrismus die Erneuerung einer Konzeption von Materie als aktiv und wirkmächtig die Befürwortung eines revisionären ontologischen Theorieformats der Vorschlag einer „Komplexifizierung von Natur-Kultur-Verhältnissen als Kontinuum“.
Zu den meist rezipierten Vertreterinnen der Neuen Materialismen gehören Donna Haraway, Rosi Braidotti, Karen Barad und Jane Bennett.
Begriff und philosophiegeschichtliche Verortung Der Begriff Neuer Materialismus deutet 1. auf einen Rückbezug und 2. auf eine Abgrenzung zu schon vorher bestehenden Materialismen aus der Philosophie und den Naturwissenschaften hin.Andreas Folkers: Was ist neu am neuen Materialismus? – Von der Praxis zum Ereignis. In: Tobias Goll, Daniel Keil, Thomas Telios (Hrsg.): Critical Matter. Diskussionen eines neuen Materialismus. Edition Assamblage, Münster 2013, S. 16–33, S. 17. Gemeinsamkeiten der neuen und alten Materialismen sind die Vorstellungen, dass Subjekte keine essenziellen Eigenschaften haben und, dass das „menschliche[…] Bewusstsein […] nicht unabhängig von der Wahrnehmung und Interaktion mit der Welt“ existiert, sondern sich im Wechselverhältnis befindet.Pia Garske: What’s the „matter“? Der Materialitätsbegriff des „New Materialism“ und dessen Konsequenzen für feministisch-politische Handlungsfähigkeit. In: PROKLA. Nr. 174, Jg. 44/Nr. 1, 2014, S. 111–129, S. 127. In Abgrenzung zum Historischen Materialismus dezentralisieren neumaterialistische Denkrichtungen den Menschen im Erkenntnisprozess und auch Emanzipation sei nicht nur vom Menschen ausgehend und allein an Menschen gerichtet zu denken. Außerdem wird Materie im Neuen Materialismus nicht mehr als „stumme Verfügungsmasse und einfaches Objekt menschlichen Zugriffs“Katharina Hoppe, Thomas Lemke: Die Macht der Materie. Grundlagen und Grenzen des agentiellen Realismus von Karen Barad. In: Soziale Welt. Band 66, 2015, S. 261–279, S. 262. oder geronnene, verfestigte Struktur von Arbeits-, Klassen- und Tauschverhältnissen verstanden.Jane Bennett: The Force of Things. Steps toward an Ecology of Matter. In: Political Theory. Band 32, Nr. 3, 2004, S. 347–372, S. 366. Der Fokus liegt somit nicht auf den „verfestigten Herrschaftsverhältnisse[n] und deren materielle[r] Struktur, sondern auf dem lebendigen Austausch von Materie, Energien und Dingen“.Christine Bauhardt: Living in a Material World. Entwurf einer queer-feministischen Ökonomie. In: Gender. Nr. 1/2017, S. 99–114, S. 99f. Darüber hinaus grenzen sich Neue Materialismen stark von einigen anderen Auslegungen, wie z. B. dem Repräsentationalimus, dem linguistischen Materialismus oder der Praxistheorie des Sozialkonstruktivismus ab.Andreas Folkers: Was ist neu am neuen Materialismus? – Von der Praxis zum Ereignis. In: Tobias Goll, Daniel Keil, Thomas Telios (Hrsg.): Critical Matter. Diskussionen eines neuen Materialismus. Edition Assamblage, Münster 2013, S. 16–33, S. 17–23. Der Begriff material turn bezeichnet insbesondere die Abgrenzung zum linguistic turn/cultural turn.Andreas Folkers: Was ist neu am neuen Materialismus? – Von der Praxis zum Ereignis. In: Tobias Goll, Daniel Keil, Thomas Telios (Hrsg.): Critical Matter. Diskussionen eines neuen Materialismus. Edition Assamblage, Münster 2013, S. 16–33, S. 16.
Der Neue Materialismus speist sich u. a. aus poststrukturalistischen und posthumanistischen Theorieimpulsen, wie z. B. denen von Gilles Deleuze und Félix Guattari, die durch die feministischen Rezeptionen in den Diskurs eingebracht wurden. Andere Impulse kamen aus der feministischen Wissenschaftstheorie, z. B. durch Donna Haraway. So knüpft der Neue Materialismus an Theorien an, die aus den „Schnittmengen feministischer Natur- und Sozialwissenschaftsdiskurse“ seit den späten 1980er Jahren entstanden sind, und in der Figur des „Cyborgs“Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus, Frankfurt am Main 1995. auf den Punkt gebracht und von dort aus weiterentwickelt wurden.Pia Garske: What’s the „matter“? Der Materialitätsbegriff des „New Materialism“ und dessen Konsequenzen für feministisch-politische Handlungsfähigkeit. In: PROKLA. Nr. 174, Jg. 44/Nr. 1, 2014, S. 111–129, S. 112. Nina Lykke bezeichnet den Neuen Materialismus als feministischen „Postkonstruktionismus“.Nina Lykke: Feministischer Postkonstruktionismus. In: T. Groll, D. Keil, T. Telios (Hrsg.): Critical Matter. Diskussionen eines neuen Materialismus. Edition Assemblage, Münster 2013, S. 36–49.
Themenfelder des Neuen Materialismus
Überwindung der Zentralstellung des menschlichen Subjekts Als eine der Prämissen des Neuen Materialismus gilt die Notwendigkeit der Überwindung der Zentralstellung des menschlichen Subjekts, welche im Humanismus oftmals den Ausgangspunkt des Denkens markiert. Dieser Anthropozentrismus beschreibt eine den Menschen zentrierende Weltsicht, in der „alle Vorgänge und Aktionen danach bewertet werden, ob sie „dem Menschen“ nutzen oder schaden und in der der Mensch (und nicht „Gott“ oder „die Natur“) zugleich auch die wichtigste Handlungseinheit bildet“.Pia Garske: What’s the „matter“? Der Materialitätsbegriff des „New Materialism“ und dessen Konsequenzen für feministisch-politische Handlungsfähigkeit. In: PROKLA. Nr. 174, Jg. 44/Nr. 1, 2014, S. 111–129, S. 121. Neumaterialistische Denkrichtungen setzen dieser Vorstellung eine posthumanistische Anthropozentrismuskritik entgegen, welche sich einerseits gegen die ausschließende Kraft der Kategorie Mensch wendet und die Frage danach stellt, wer als Mensch gilt bzw. als Mensch anerkannt wird.Iwona Janicka: Nichtmenschen und Politik Was bedeutet das? Wie funktioniert es? In: fiph. JOURNAL. Nr. 29, April 2017, S. 21f. So „entlarvten“ laut Pia Garske vor allem feministische und postkoloniale Kritiken die Kategorie Mensch „als Verallgemeinerungen nur ganz bestimmter menschlicher (nämlich vor allem: männlicher, weißer,…) Erfahrungen“.Pia Garske: What’s the „matter“? Der Materialitätsbegriff des „New Materialism“ und dessen Konsequenzen für feministisch-politische Handlungsfähigkeit. In: PROKLA. Nr. 174, Jg. 44/Nr. 1, 2014, S. 111–129, S. 121. Andererseits steht die Frage im Zentrum, „wie die menschlichen Kulturen Teil vieler anderer materieller Kulturen in der Welt sind, z. B. der Elektronen, der Bakterien, der Pflanzen und anderer Lebewesen“.Heather I. Sullivan: New Materialism. In: G. Dürbeck, U. Stobbe (Hrsg.): Ecocriticism. Eine Einführung. Böhlau, Köln 2015, S. 57–67, S. 59. Karen Barad, eine der meist rezipierten Vertreterinnen des Neuen Materialismus und Begründerin des Agentiellen Realismus,Wird von Diane Coole als „renewed“ bezeichnet (Coole/Frost 2010:4). stellt die in der rationalistischen Tradition grundlegende Trennung von Subjekt und Objekt (Subjekt-Objekt-Spaltung) und die daran geknüpften Kategorien von Aktivität und Passivität in Frage: „Agency can not be designated as an attribute of „subjects“ or „objects“ (as they do not preexist as such)“.Karen Barad: Posthumanist Performativity: Toward an Understanding of How Matter comes to Matter. In: Corinna Bath, Yvonne Bauer, Bettina Bock von Wülfingen (Hrsg.): Materialität denken. Studien zur technologischen Verkörperung – Hybride Artefakte, posthumane Körper. transcript, Bielefeld 2005, S. 187–216, S. 211. So sind laut Barad „menschliche“ Körper nicht inhärent unterschiedlich zu „nicht-menschlichen“, sondern sind „material-discursive phenomena“,Karen Barad: Posthumanist Performativity: Toward an Understanding of How Matter comes to Matter. In: Corinna Bath, Yvonne Bauer, Bettina Bock von Wülfingen (Hrsg.): Materialität denken. Studien zur technologischen Verkörperung – Hybride Artefakte, posthumane Körper. transcript, Bielefeld 2005, S. 187–216, S. 208. formieren sich also „prozesshaft und unabschließbar“.Andreas Seier: Die Macht der Materie. What else is new? In: Zeitschrift für Medienwissenschaft (ZfM). Nr. 11, 2014, S. 186–191, S. 186. Aus dieser Annahme folgern u. a. BaradKaren Barad: Posthumanist Performativity: Toward an Understanding of How Matter comes to Matter. In: Corinna Bath, Yvonne Bauer, Bettina Bock von Wülfingen (Hrsg.): Materialität denken. Studien zur technologischen Verkörperung – Hybride Artefakte, posthumane Körper. transcript, Bielefeld 2005, S. 187–216. und Iris van der Tuin,Iris van der Tuin: New Feminist Materialisms – Review Essay. In: Women’s Studies International Forum. Band 34, 2011, S. 271–277. dass diese den Menschen priorisierende Hierarchie als obsolet betrachtet werden kann.Pia Garske: What’s the „matter“? Der Materialitätsbegriff des „New Materialism“ und dessen Konsequenzen für feministisch-politische Handlungsfähigkeit. In: PROKLA. Nr. 174, Jg. 44/Nr. 1, 2014, S. 111–129, S. 121.Iris van der Tuin: New Feminist Materialisms – Review Essay. In: Women’s Studies International Forum. Band 34, 2011, S. 271–277, S. 271.
Diese Annahme beinhaltet für viele Denker des Neuen Materialismus auch eine Kritik am Konzept des Anthropozäns, ein Begriff, der das Ende des geologischen Zeitalters des Holozäns beschreibt und 2000 u. a. von dem Chemiker Paul Crutzen geprägt wurde.Paul J. Crutzen, J. Grinevald, J. McNeil, W. Steffen: The Anthropocene: Conceptual and historical perspectives. In: Philosophical Transactions of the Royal Society. Band 369, 2011, S. 842–864. Der Neologismus definiert die Menschheit als geologische Kraft und thematisiert ihren zentralen Einfluss auf Veränderungen des Klimas.Paul J. Crutzen, J. Grinevald, J. McNeil, W. Steffen: The Anthropocene: Conceptual and historical perspectives. In: Philosophical Transactions of the Royal Society. Band 369, 2011, S. 842–864, S. 834.
Als eine der wichtigsten neumaterialistischen Kritikerinnen des Anthropozän-Konzepts gilt Donna Haraway,Donna Haraway: Anhropocene, Capitalocene, Chthulucene. Staying with the Trouble. 2014. Aus: http://opentranscripts.org/transcript/anthropocene-capitalocene-chthulucene/?highlight=haraway [abgerufen am 21. September 2018]. welche den nach ihrer Ansicht inhärenten Anthropozentrismus des Konzepts mit der Begründung ablehnt, dass nicht eine undifferenzierte Menschheit oder gar ein Kollektivsubjekt „Mensch“, sondern das kapitalistische System Verursacherin der Prozesse sei, die zu den gegenwärtigen ökologischen Krisen geführt haben. Auf Basis dieser Überlegungen entwirft Haraway das Konzept des „Chthuluzäns“, das sie nicht als eine Alternative zum Anthropozän versteht, sondern vielmehr als eine „Fortsetzungsgeschichte“, das heißt, als einen Vorschlag für eine „bewohnbarere, aufblühende Welt“.