mini|Ptolemäer-Kameo Der Ptolemäer-Kameo ist eine wohl 278 v. Chr. oder wenige Jahre später geschnittene Kamee aus indischem Sardonyx, die das ptolemäische Herrscherpaar Ptolemaios II. und Arsinoë II. als Doppelbildnis in der damals neuen Art der capita iugata („verbundenen Köpfe“) zeigen soll.

Der Stein war seit etwa 1200 als dessen wertvollster Schmuckstein an der Stirnseite des Dreikönigenschreins im Kölner Dom angebracht, wo er wahrscheinlich den Stern von Betlehem symbolisierte. Er wurde im Januar 1574 aus dem Kölner Dom geraubt, später in einen Goldreif gefasst, und gelangte über mehrere Stationen in das Kunsthistorische Museum Wien.

Die Qualität des Steins und seiner Bearbeitung, seine Größe und seine Geschichte machen den Ptolemäer-Kameo zu einem der bedeutendsten Zeugnisse der antiken Steinschneidekunst.

Beschreibung mini|Heliogravüre, ca. 1900 Der Ptolemäer-Kameo ist ein in siebzehn sehr dünnen Schichten abwechselnd dunkelbraun und bläulich weiß gefärbter indischer Sardonyx, für die Bilddarstellung wurden elf Schichten genutzt. Der Stein hat heute ein Format von 115 Millimeter Höhe und 113 Millimeter Breite. Er ist am Unterrand gebrochen und mit schwarzem Email ausgebessert. Als ursprüngliche Höhe werden 155 Millimeter angenommen, der untere Teil wird 1574 beim Raub des Steins aus dem Kölner Dom abgebrochen sein. Die früher vorhandenen Halskragen und Büsten der dargestellten Personen sind ähnlich wie beim Gonzaga-Kameo verloren.

Die Darstellung zeigt im Vordergrund das nach links gerichtete Kopfbild des bartlosen Ptolemaios II. (308 bis 246 v. Chr.), der von 285 bis 246 v. Chr. Pharao von Ägypten war. Der Pharao trägt einen attischen Helm, auf dessen Helmglocke eine der altägyptischen Uräusschlange als Beschützerin des Pharaos nachempfundene Schlange abgebildet ist. Die Wangenklappe trägt ein Blitzbündel als Symbol des griechischen Gottes Zeus, und der Nackenschild das Porträt des ägyptischen Gottes Ammon, der von den Griechen ebenfalls mit Zeus identifiziert wurde.

Hinter Ptolemaios II. gestaffelt ist seine Schwester und Ehefrau Arsinoë II. (um 316 bis 270 v. Chr.) abgebildet, die über einem breiten geschmückten Stirnband einen Schleier trägt. Am oberen Rand des Stirnbands ist eine Lotosblüte eingesteckt. Die Darstellung griechischer Bräute mit Stirnband, eingesteckten Blättern und Schleier ist von der griechischen Vasenmalerei bekannt. Wenn Arsinoë II. hier als Braut dargestellt ist, wird der Kameo zur Hochzeit im Jahr 278 v. Chr. geschnitten worden sein.

Der Kameo ist in einen Goldreif mit oben angebrachter Öse gefasst, der auf das letzte Viertel des 16. Jahrhunderts datiert wird.

Datierung und Ikonographie mini|Oktadrachmon mit Bildnissen von Ptolemaios’ II. und Arsinoë II., Münzkabinett, Berlin mini|links|Preußischer Taler mit Bildnissen von König Wilhelm I. und seiner Gemahlin Augusta, 1861 Der Ptolemäer-Kameo ist nach der Heirat des Königspaares im Jahr 278 v. Chr. und vor dem Tod der Arsinoë II. im Jahr 270 oder 269 v. Chr. angefertigt worden. Mit der Darstellung des gestaffelten Doppelbildnisses des Herrscherpaares, die zunächst auf seinen Münzprägungen und später auch auf Kameen erscheint, begründete Ptolemaios II. den Bildtypus der capita iugata. Die capita iugata waren in der Glyptik bis in die Spätantike und in der Numismatik bis in das 20. Jahrhundert eine beliebte Form der Darstellung des Herrschers mit seiner Gefährtin, Mitregentin oder Bewahrerin der Dynastie, oder auch mit einem Vorfahren.

Die Beliebtheit des Bildmotivs in der antiken Kunst erschwert die Datierung des Ptolemäer-Kameos. Identität des porträtierten Paares und die Zeit der Entstehung des Ptolemäer-Kameo werden von einzelnen Forschern mit Nachdruck angezweifelt. So wird der Mann häufig als Alexander der Große oder als Augustus mit den Zügen Alexanders, die Frau als Alexanders Mutter Olympias von Epirus identifiziert. Diese Deutungen ziehen sich seit einem Brief Fulvio Orsinis an Kardinal Alessandro Farnese aus dem Jahr 1586 durch die Forschungsgeschichte. Wohl auch in Anspielung auf Farneses Vornamen hatte Orsini das dargestellte Paar als Alexander den Großen und Olympias benannt. Die Zeus-Symbolik des Kameos scheint das nahezulegen, sie stützt aber auch die Identifizierung mit Ptolemaios II. und Arsinoë II., da ptolemäische Legenden eine Verwandtschaft Ptolemaios’ I. mit Alexander behaupten und mütterlicherseits eine Abkunft von Herakles und so auch von Zeus darlegen. Der Herkunftsmythos der Ptolemäer beschreibt die Rettung des ausgesetzten Ptolemaios I. durch Zeus in Gestalt eines Adlers. Eine andere Deutung stammt von Hans Peter Laubscher, der die Porträtierten als Ptolemaios X. mit seiner Mutter Kleopatra III., möglicherweise auch mit seiner Nichte und Gemahlin Kleopatra Berenike III. ansieht.

Die Altertumsforscher Dieter Hertel, Wolf-Rüdiger Megow und Dimitri Pantzos begründeten ihre Datierung in die augusteische Periode um die Zeitenwende mit typologischen und stilistischen Erwägungen, sie schließen eine Herstellung des Kameos in hellenistischer Zeit aus. Elisabeth Nau datiert den Ptolemäer-Kameo sogar in die Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr.

Dreikönigenschrein mini|Stirnseite des Dreikönigenschreins mit abgenommener Trapezplatte. Über die Herkunft des Ptolemäer-Kameos und seine Besitzer in der Antike und im Mittelalter liegen keine Erkenntnisse vor. Sicher ist nur, dass im Mittelalter weder eine Datierung des Steins noch eine Identifizierung der abgebildeten Personen möglich war. Dennoch muss allen mit derartigen Steinen befassten Personen die ungeheure Seltenheit und Kostbarkeit des Steins bewusst gewesen sein. Die drei antiken Porträts – des Königspaares und des Gottes Ammon – wurden nach fast einhelliger Forschermeinung christlich in die Abbildung der Heiligen Drei Könige umgedeutet, was die Anbringung des Steins am Dreikönigenschrein veranlasst haben wird. Sie können aber auch als Symbol der Dreifaltigkeit gesehen werden.

Zu einem in der Forschung umstrittenen Zeitpunkt um 1200 stiftete der römisch-deutsche König Otto IV. von Brandenburg für den Dreikönigenschrein im Kölner Dom Gold, Edelsteine und große Kameen. Zeittypisch ist davon auszugehen, dass der königliche Stifter den Ptolemäer-Kameo als Abbildung seiner selbst für den Schrein vorgesehen hat, der so auch ein Monument für ihn und seine Dynastie darstellen sollte. Im gleichen Sinne wird der zentrale Kameo des wahrscheinlich um das Jahr 1000 von Otto III. gestifteten Lotharkreuzes verstanden. Mit der Stiftung für den Dreikönigenschrein geriet das Kölner Domkapitel in eine schwierige Situation, drohte der Dreikönigenschrein doch von Otto IV. vereinnahmt zu werden. Man fand eine Lösung in der figürlichen Darstellung Ottos als „viertem König“ auf der Stirnseite des Schreins, mit der beigegebenen Inschrift „OTTO REX“. Auf diese Weise wurde Otto als weltlicher Pilger dargestellt und seine angestrebte gottgleiche Darstellung aufgehoben.

Zur Stiftung Otto IV. gehörten auch drei goldene Kronen für die Häupter der Heiligen Drei Könige. Der Dreikönigenschrein erhielt an der Stirnseite zwischen dem zweischiffigen „Erdgeschoss“ und dem Aufbau eine abnehmbare trapezförmige Platte eingefügt. Bei abgenommener Platte wird der Blick durch ein verziertes Gitter auf das „Häupterbrett“ frei, auf dem sich die gekrönten Schädel der Könige befinden. Wie alle Außenflächen des Dreikönigenschreins weist auch das abnehmbare Trapezbrett eine reiche Verzierung auf. In seiner Mitte befand sich ursprünglich als wertvollster von drei großen Schmucksteinen der Ptolemäer-Kameo, heute nimmt seine Position ein großer Citrin ein. Links befand sich ein großer Sardonyx mit der Darstellung von Mars und Venus, rechts der Nero-Kameo. Die drei Steine waren von insgesamt vier Engeln umrahmt, die inneren stehend und die beiden äußeren kniend.

Der Ptolemäer-Kameo hat die Gestaltung des Dreikönigenschreins und seines Figurenprogramms erheblich beeinflusst. So gleicht das Gesichtsprofil der Marienfigur auf der Stirnseite des Schreins dem Profil der Frauendarstellung auf dem Kameo. Noch deutlicher wird der Einfluss an der Figur des Jesuskindes, das ebenfalls nach links schaut und dessen Profil dem des Ptolemaios auf dem Kameo entspricht. Es wurde bei der plastischen Gestaltung offenbar in Kauf genommen, dass das Kind den Kopf eines Erwachsenen aufgesetzt bekam. Dieser scheinbare Fehlgriff wird durch das mittelalterliche Verständnis erklärt, dass manche Steine in der Erde wachsen können. In dieser Vorstellung ist das männliche Porträt (Jesus) aus dem weiblichen Porträt (Maria) herausgewachsen und wird zur Vorlage für die spätere Goldschmiedearbeit.

Von Joseph Hoster wurde beklagt, dass der Dreikönigenschrein an seiner Stirnseite auf Veranlassung Ottos IV. keinen Stern zeigt, obwohl dieser zeittypisch ein unverzichtbares Element jeder Dreikönigendarstellung war, das herausragend dargestellt werden musste. In diesem Zusammenhang wurde der große Ptolemäer-Kameo in seiner aufwändigen Goldfassung von späteren Autoren als Bild des Sterns von Bethlehem verstanden, zumal für eine von Hoster nahegelegte andere Darstellung des Sterns auf dem Schrein kein Raum ist.

Albertus Magnus mini|Albertus Magnus, Fresko von Tommaso da Modena, um 1352, Kapitelsaal des Konvents von San Niccolò, Treviso Der erste Nachweis des Ptolemäer-Kameos am Dreikönigenschrein stammt von dem Kölner Gelehrten und späteren Regensburger Bischof Albertus Magnus, der in seinem zwischen 1248 und 1252 in Köln verfassten Buch über Mineralien eine detaillierte Beschreibung des Kameos lieferte:

Die Beschreibung durch Albertus Magnus bezieht sich ohne Zweifel auf den Ptolemäer-Kameo, auch wenn er die Porträtierten als zwei Jünglinge anspricht. Die von Albertus beschriebene schwarze Schlange an der Stirn der Köpfe ist nicht die auf dem Helm dargestellte, sondern eine braune Ader im Stein, die der Gemmenschneider so in seine Arbeit einbezogen hat, dass sie als eine von der Schläfe der Arsinoë zu ihrer Stirn verlaufende Haarsträhne mit schlangenkopfähnlichen Ende zeigt. Den Helm Ptolemaios’ deutet Albertus falsch, er betrachtet seine Wangenklappe als Bart und den Helmbusch und den heute fehlenden Halskragen als blumengeschmücktes Gewand. Für die Forschung hilfreich ist die Erwähnung des Halskragens. Sie belegt, dass der Kameo zu Albertus’ Zeit noch vollständig war.

Obgleich Albertus die Heiligen Drei Könige nicht ausdrücklich als die dargestellten Personen benennt, fällt doch auf, dass er das kleine Porträt Ammons, für ihn das tiefschwarze Haupt eines Äthiopiers mit langem Bart, gleichrangig mit den beiden großen Porträts beschreibt. Als eine der im Verständnis der mittelalterlichen Betrachter ersten Darstellungen der Heiligen Drei Könige mit einem dunkelhäutigen König könnte der Ptolemäer-Kameo Vorlage für die im 13. Jahrhundert einsetzende und bald zum Standard gewordene Darstellung eines schwarzen Königs als Vertreter Afrikas gewesen sein.

Albertus Magnus und andere zeitgenössische Gelehrte vertraten die Ansicht, dass für die Zeugung eines Menschen günstige Sternenkonstellationen einem Stein bereits in der Erde die Abbilder von Tieren oder Menschen einprägen können. Der Onyx sei dafür besonders geeignet, Albertus hielt ihn für ein Baumharz oder eine Mischung aus Erde und Wasser, die nach der Ausformung zu Stein aushärtet. Dem Ptolemäer-Kameo wies Albertus eine solche Entstehung zu, so dass ein weiterer Zusammenhang zwischen den Legenden um die Heiligen Drei Könige, dem Stern von Betlehem und dem Kameo entstand.

Beschreibung aus dem 16. Jahrhundert