Der Nationalsozialismus im Eichsfeld muss aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Zum einen spricht man vom Unter- und zum anderen vom Obereichsfeld. Die beiden Regionen werden südlich der Kreisstadt Duderstadt voneinander getrennt.
Das Eichsfeld (regional-mundartlich: ˈaɪksfɛlt) ist ein historisches Territorium und gilt als eine Kulturlandschaft im südöstlichen Niedersachsen, im nordwestlichen Thüringen und im nordöstlichen Hessen zwischen Harz und Werra. Die größten Orte des Eichsfelds sind die Städte Dingelstädt, Duderstadt, Heiligenstadt und Leinefelde-Worbis. Das Eichsfeld ist, mit kurzer Unterbrechung zwischen Reformation und Gegenreformation, katholisch geprägt. Dieser Glauben sollte sich auch zur Zeit des Dritten Reiches als beständig erweisen.
Propaganda (im Untereichsfeld) Die NS-Propaganda fand im Untereichsfeld hauptsächlich durch Propagandafilme statt. Diese wurden zum Großteil in Duderstadt im Kino „Kronprinzen Lichtspiele“ gezeigt. 1939 machten die manipulistischen Filme hier 13,1 % des gesamten Filmprogramms aus. Zum annähernd gleichen Anteil wurden im selben Jahr kriegsverherrlichende Filme gezeigt. In den Jahren 1944/1945 ließ beides nach: Propagandafilme nahmen nur noch 10 % des Programms ein, Kriegsfilme nur noch 4,3 %. Der größte Anteil entfiel in beiden Zeiträumen auf die Unterhaltungsfilme, wobei das Kino dazu verpflichtet war, vor jedem Film die Wochenschau und ein Beiprogramm aus Dokumentar- und Kulturfilmen zu zeigen. Doch auch bei den Unterhaltungsfilmen stellt sich die Frage, inwiefern dies von der Partei beeinflusst wurde, um die Stimmung innerhalb der Bevölkerung zu verbessern. Es wurden vereinzelt auch Propagandafilme in Dorfgemeinschaftshäusern gezeigt, bei denen das Erscheinen meist Pflicht war.
Propaganda, die den Verantwortlichen des Untereichsfelds zu stark erschien, wurde unter Verschluss genommen und nicht verteilt. So wurde auch Alfred Rosenbergs „An die Dunkelmänner unserer Zeit“ zurückgehalten.
Wahlergebnisse 1932/33 Das Frühjahr 1933 stand im gesamten Deutschen Reich im Zeichen der Wahlen. Adolf Hitler war inzwischen zum Reichskanzler gewählt worden. Deshalb sollte nun auch dessen Partei die absolute Macht gewinnen. Trotz allen Terrors und aller Einschüchterung stimmte die Mehrheit des deutschen Volkes gegen Hitler. Die NSDAP erreichte im gesamtdeutschen Raum mit 43,9 % der Stimmen keine absolute Mehrheit, somit konnte Hitler nur mit Hilfe der Deutschnationalen die restlichen 6 % erreichen. Das „Nicht-Wählen“ der NSDAP war zweifelsfrei mit Repressalien und diversen Unannehmlichkeiten verbunden, dennoch bewies das Eichsfeld Mut und Standhaftigkeit gegen den Nationalsozialismus.
Wahlergebnisse im Untereichsfeld Im Landkreis Duderstadt konnte keine andere Partei als das Zentrum bis 1933 nennenswerte Stimmenanteile erreichen. Bei den Reichstagswahlen hatte die NSDAP mit 52 % die absolute Mehrheit erlangt. Im Eichsfeld jedoch wählten lediglich 26 % die NSDAP. Im Kreis Duderstadt erzielte die Zentrumspartei 62,4 % der abgegebenen Stimmen, die NSDAP 26,4 %, die SPD 8 %, die KPD 3,3 % und die Deutsch-Hannoversche Partei 0,2 %. Im Vergleich dazu das zwei Kilometer hinter der Untereichsfeld-Grenze liegende Dorf Ebergötzen: Hier war die anführende Partei, wie im Großteil Deutschlands, mit 53 % die NSDAP. Die Zentrumspartei erlangte hier lediglich 0,2 %.
Kurz nach den Wahlen wurden auf den Dörfern die zentrumsnahen Bürgermeister abgesetzt und durch Nationalsozialisten ersetzt.
Bei der Abstimmung über das Zusammenlegen der Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers im August 1934 waren im Reich lediglich 5 % dagegen. Im gesamten Eichsfeld sprachen sich 13,7 % gegen die Zusammenlegung der Ämter aus. Im Landkreis Duderstadt waren 9,9 % und in der Stadt Duderstadt 17,8 % dagegen. In der Stadt Duderstadt wurden außerdem 5,3 %, im Landkreis Duderstadt 3,8 % ungültige Wahlzettel abgegeben. Dies war das letzte Mal, dass ein Ergebnis veröffentlicht wurde, welches die Partei derart beschämte. Die Eichsfelder Morgenpost bezeichnete diejenigen, die nicht zustimmten, als die „Verstockten, die wirklich kein moralisches Recht auf Brot und Arbeit“ hätten.
Die feste weltanschauliche Verwurzelung der Eichsfelder verhinderte anfangs den Erfolg der NSDAP in diesem Raum. Durch den Katholizismus waren die Eichsfelder dem Nationalsozialismus gegenüber zuerst resistent. Dennoch machte der Aufstieg des Nationalsozialismus im Eichsfeld nicht halt, er geschah hier nur später und langsamer.
Der Grund für die hohe Zustimmung der Untereichsfelder bei der Wahl um die Zusammenlegung der Ämter beruhte vermutlich auf dem Reichskonkordat vom Juli 1933 zwischen dem Reich und dem Vatikan. Die Wähler gingen davon aus, dass das Zusammenleben von Staat und Kirche als gesichert angesehen werden konnte. Dies hing auch damit zusammen, dass einige Male Männer der SA in ihren Uniformen am Gottesdienst teilnahmen. Einen weiteren Grund für die Akzeptanz des NS-Regimes stellte die Beseitigung der gewaltigen Arbeitslosigkeit dar.
Wahlergebnisse im Obereichsfeld Im Obereichsfeld ist ähnlich der Stadt Duderstadt zu erkennen, dass der katholische Glaube und Gesinnung der Menschen es den Nationalsozialisten schwer gemacht haben, Fuß zu fassen. Das spiegelt sich nicht nur bei der Hitlerjugend wider, sondern auch in Gesellschaft und Politik. Verdeutlicht wird dies auch durch die hohe Anzahl an Zentrumswählern. Die Wahl der christlichen Partei hatte damals wie heute Tradition im Eichsfeld und gilt als ebenso manifestiert wie der Glaube selbst.
Machtübernahme im Eichsfeld 1933 Die meist geringe Zahl der Parteimitglieder auf den Dörfern sorgte dafür, dass häufig Personen in die Gemeinderäte berufen werden mussten, die der Partei gar nicht angehörten. In Duderstadt war die NSDAP bereits im März 1933 durch Aufmärsche und das Aufhängen von Hakenkreuzfahnen sehr präsent. Auf den Dörfern blieb die Gegenwärtigkeit der Partei auf Versammlungen dieser beschränkt. Dennoch kam es in einigen Dörfern nach Auseinandersetzungen mit der NSDAP und deren Organen zu Verhaftungen und politischen Verfolgungen.
Zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Eichsfeld, explizit im Obereichsfeld ist bisher wenig erforscht worden. Das Jahr 1932 hatte dennoch die sozialen und politischen Spannungen im Eichsfeld verstärkt. Die große Arbeitslosigkeit in den Kreisen Heiligenstadt und Worbis verursachte Sorgen und Unruhen. Das Alltagsleben lief hingegen recht normal weiter. Doch lokale Kleinereignisse, wie die des Schülerfreizeitzentrums (SFZ – Heiligenstadt) standen im Schatten der politischen Geschehnisse, da die Reichswahlen in relativ kurzen Abständen folgen sollten.Friese: Heimatgeschichtliche Sammelblatt. Ausgabe 2, 1991. S. 7–9. Im März 1932 wurde zunächst der Reichspräsident gewählt. Im Eichsfelder Tagesblatt der damaligen Zeit heißt es:
„Wählt den Mann der Treue und Pflichterfüllung – wählt Hindenburg.“Eichsfelder Tagesblatt vom 15. März 1932.
Hindenburg wurde bekanntlich Reichspräsident. Somit gelang es noch einmal Hitler zu stoppen. Der Aufstieg der NSDAP war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Seit 1930 gewann die Partei mit antidemokratischen Tendenzen, Antisemitismus und scheinrevolutionärer Propaganda zunehmend an Macht. 1932 wurde sie als stärkste Partei proklamiert, was sich in den Reichstagswahlen 1932 bestätigte. Am 30. Januar 1933 wurde A. Hitler schließlich zum Reichskanzler erhoben, was eine weitere Machtfestigung signalisierte.
Wenn man sich nun explizit die Machtübernahme im Obereichsfeld anschaut, so ist ein Name zu nennen: Karl Wolters, seit 1921 Bürgermeister in Heiligenstadt. Am 14. November 1932 wurde er für weitere 12 Jahre gewählt,Stadtarchiv Heiligenstadt (StadtA HIG): I, Nr. 26.12. Protokollbuch der Stadtverordneten-Versammlung und Gemeinderats-Sitzungen 1929–1950. obwohl er als Gegner des Nationalsozialismus galt. Wolters „verachtete die Nazis als Pöbel.“ Deshalb ereilte ihn das Unausweichliche – die Verdrängung aus dem Amt des Bürgermeisters. Binnen weniger Wochen wurde er abgesetzt und letzten Endes durch NSDAP-Zugehörige ersetzt. Dafür wurde am 27. März 1933 eine Stadtverordnetensitzung einberufen, mit der die NSDAP den Einzug ins Stadtparlament legalisieren wollte. Jedoch schlug der erste Anlauf fehl, weshalb nicht wie geplant NSDAP-Fraktionsvorsitzender und Heiligenstädter Ortsgruppenführer Peter Müller an die Macht kam, sondern Zentrumsmitglied Adam Hendus. Dieser wurde aufgrund einer Pattsituation und dem daraus resultierenden Losverfahren eingesetzt. Nach diesem Misserfolg wurde am 3. April 1933 wiederum eine Stadtverordnetensitzung einberufen, zur Infragestellung der Stadtverordnetenwahl. An einer weiteren Stadtverordnetenversammlung am 29. Mai 1933 wurde schließlich Peter Müller mit 10:9 Stimmen das Mandat als Vorsteher im Kreis zugewiesen. Mit seiner Ernennung zum kommissarischen Bürgermeister konnte die NSDAP ihren ersten politischen Erfolg im Eichsfeld verbuchen.
Im Untereichsfeld war 1939 nichts von der Begeisterung und dem Siegesbewusstsein von 1914 zu spüren.
Nationalsozialistische Funktionsträger im Eichsfeld mini|100px|Herbert Haselwander war NSDAP-Kreisleiter im Obereichsfeld mini|100px|Als Kreisleiter im Landkreis Mühlhausen war Paul Vollrath für die südlichen Eichsfelddörfer zuständig Die zur preußischen Provinz Sachsen gehörenden Landkreise wurden parteiorganisatorisch ab 1929 der NSDAP Thüringen zugeordnet, für die Kreise Heiligenstadt und Worbis war ein Kreisleiter zuständig. NSDAP-Kreisleiter für die Landkreise Heiligenstadt und Worbis gemeinsam: Fritz Wiederhold (1930 bis 1931) provisorischer Kreisleiter in Dingelstädt Herbert Haselwander (1931 bis 1936) Arthur Behnert (1936 bis 1937) Alois Vogt (1937 bis 1945) NSDAP-Kreisleiter für den Landkreis Duderstadt: Andreas Dornieden (1933 bis 1937) und stellvertretender Kreisleiter (1939 bis 1941?) im Landkreis Duderstadt Wilhelm Pfeiffer (1937 bis 1941) Helmut Schuhmacher (1941 bis 1945?) NSDAP-Kreisleiter für den Landkreis Mühlhausen: Paul Vollrath (1933 bis 1939/45?) und 1942 bis 1945 kommissarischer Landrat Bürgermeister: Peter Müller (1933 bis 1945) in Heiligenstadt Andreas Dornieden (1933 bis 1945) in Duderstadt Heinrich Nachtwey (1933 bis 1934?) SA-Sturmbannführer und Bürgermeister in Dingelstädt (1934 abgesetzt)
Judentum (im Untereichsfeld) 1933, im Jahr der Machtergreifung, lebten 25 Menschen jüdischen Glaubens in Duderstadt. Am 31. März 1933 forderten beide zu der Zeit ansässigen Zeitungen des Untereichsfelds (Eichsfelder Morgenpost und Südhannoversche Volkszeitung) auf ihren Titelseiten die Einwohner Duderstadts zum Boykott der drei vorhandenen jüdischen Geschäfte auf. Tags darauf wurden beim „Judenboykott“ Sachbeschädigungen an den Geschäften betrieben, die in dem Ausmaß nicht von den Initiatoren beabsichtigt waren. Durch den „Schaden der deutschen Versicherung, sprich des deutschen Volksvermögens“,Südhannoversche Volkszeitung, 1. April 1933 wurden die Bewohner angehalten, von weiteren schweren Sachbeschädigungen abzusehen. Die jüdischen Geschäftsinhaber jedoch ließen sich von dieser Ausschreitung, zumindest nach außen hin, nicht einschüchtern. Sie schalteten sogar einige Tage später Anzeigen in der Zeitung, in denen sie ihre Produkte bewarben.Schäfer-Richter: Die jüdische Bevölkerung in Duderstadt in der Zeit des Nationalsozialismus. 1992, S. 258
1934 begann in Duderstadt die Arisierung der jüdischen Geschäfte, in dessen Folge nur noch zwei der vorherigen drei ansässigen Geschäfte verbleiben konnten.