mini|hochkant|Der 18-jährige Peter Kollwitz als Musketier, 2. Oktober 1914 Peter Kollwitz (* 6. Februar 1896 in Berlin; † 23. Oktober 1914 nahe Esen bei Diksmuide, Provinz Westflandern, Belgien) war ein in der Jugendbewegung aktiver deutscher „Wandervogel“, Student der Malerei und Bildhauerei sowie Soldat im Ersten Weltkrieg. Er wurde durch seine Mutter, die international bekannte Künstlerin Käthe Kollwitz, und seinen Kontakt zu Persönlichkeiten wie Walter Benjamin, Siegfried Bernfeld und Gustav Wyneken zu einer Figur der Zeitgeschichte. Peter Kollwitz wurde im Tagebuch der Künstlerin und deshalb auch in wissenschaftlicher Sekundärliteratur, in Lexika, der Presse und verfilmten Geschichtsdokumentationen erwähnt. Er wurde zudem in verschiedenen Werken seiner Mutter dargestellt. Zu seinem Gedenken schuf sie ihr bildhauerisches Hauptwerk, eine Figurengruppe, die an seinem Grab errichtet wurde und bis heute besteht. Eine Pietà mit verkörpertem Peter Kollwitz steht in der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in der Neuen Wache, Unter den Linden, in Berlin.
Familie Peter Kollwitz war der zweite Sohn der in Königsberg geborenen Bildhauerin, Malerin und Grafikerin Käthe Kollwitz und des im ostpreußischen Rudau bei Königsberg geborenen Arztes Johannes Carl August Kollwitz. Peter Kollwitz hatte einen älteren Bruder, den späteren Arzt Hans Kollwitz (1892–1971).. In: Käthe Kollwitz Museum Köln, auf: kollwitz.de
Leben mini|hochkant|National Gallery of Art, Washington, D.C.: Der 7-jährige Peter Kollwitz als Modell für die Radierung Frau mit totem Kind, Käthe Kollwitz, 1903 mini|hochkant|Hans und Peter Kollwitz, 1904
Im August 1910 notierte Käthe Kollwitz in ihrem Tagebuch eine Erinnerung an Peter in den Sommerferien in Rauschen an der Kurischen Nehrung:
Im Mai 1913 schrieb sie auf: „Ich habe ihn seit Jahren nicht weinen sehen, nur als Junge, und dieses fassungslose, fast gebrochene Schluchzen, an das denk ich immer. Daß er ebenso weinen wird, wenn ich sterbe. Auch wenn er schon ein Mann ist. Er ist weich und sehr liebenswürdig.“ In der Weißenburger Straße 25 (heute: Kollwitzstraße 56 a (Neubau), am Kollwitzplatz) im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg verbrachte Peter Kollwitz die meiste Zeit seines Lebens.
mini|hochkant|Teilansicht des Jugendzimmers von Peter Kollwitz in der Weißenburger Straße in Berlin-Prenzlauer Berg, nach 1914
Im Jahr 1904 bekamen Hans und Peter Kollwitz unerwarteten Familienzuwachs, als ihre Mutter aus Paris einen „Ziehsohn“ mitbrachte, Georg Gretor, den zwölfjährigen Sohn ihrer Studienfreundin, der Malerin Rosa Pfäffinger, und des Malers und Kunsthändlers Willy Gretor.Peter Dudek: Fetisch Jugend. Walter Benjamin und Siegfried Bernfeld – Jugendprotest am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2002, ISBN 978-3-7815-1226-9, S. 45–46. Von diesem Zeitpunkt an wuchsen die drei Jungen gemeinsam auf.Gideon Botsch, Josef Haverkamp: Jugendbewegung, Antisemitismus und rechtsradikale Politik. Vom „Freideutschen Jugendtag“ bis zur Gegenwart (= Europäisch-jüdische Studien – Beiträge, 13). Walter de Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-1103-0642-2, S. 80.Yury Winterberg, Sonya Winterberg: Kollwitz – Die Biografie. C. Bertelsmann, München 2015, ISBN 978-3-570-10202-2, S. 90.
Platzmangel gab es nicht, denn die Familie Kollwitz nutzte zwei Etagen eines Mietshauses. In dessen zweiter Etage war die Arztpraxis des Vaters, zeitweise auch das Atelier der Mutter. Darüber in der dritten Etage war die Wohnung. Peter Kollwitz’ Jugendzimmer war nüchtern und schlicht eingerichtet: Ein eisernes Bettgestell, ein Schrank mit Glastüren, in dem seine Gesteinssammlung und ein aus Gips modellierter Kopf des griechischen Göttersohnes Narcissus aufbewahrt wurde, ein Bücherregal und eine Staffelei. An der Wand hingen ein hinter Glas gerahmter Scherenschnitt seines Profils und seine Klampfe; in einer Ecke standen seine Skier und sein Rodelschlitten.Ulrich Grober: Das kurze Leben des Peter Kollwitz. Bericht einer Spurensuche. In: Die Zeit, 22. November 1996, auf: zeit.de
In ihren Tagebucheintragungen skizzierte Käthe Kollwitz, welche Gedanken und Vorlieben ihren eigenen Sohn umtrieben:
Ab 1908 wurde der zwölfjährige Peter Kollwitz Protagonist eines Schülerzeitungsprojekts. Die ersten Ausgaben der Jugendzeitschrift Der Anfang gelten als Kollwitz’sches Erzeugnis, denn Hans Kollwitz wurde Verfasser, Peter trug eigene Zeichnungen und weitere Texte bei, zwei Cousinen arbeiteten ebenfalls zeichnerisch zu, „Ziehbruder“ Georg Gretor verfasste Artikel. Zunächst hektographiert, erschien Der Anfang ab 1911 gedruckt. Georg Gretor publizierte unter Pseudonym als Georges Barbizon, nach seiner Heimatstadt Barbizon bei Paris. Als Autoren waren nun auch die jugendbewegten Walter Benjamin,Peter Kollwitz: 1914 mit nur 18 Jahren gefallen. In: vrtNWS, 22. Oktober 2014, auf: vrt.be Siegfried Bernfeld und der ebenso skandalträchtige wie äußerst streitbare Gustav Wyneken dabei, letzterer als Schriftleiter. Im Königreich Bayern wurde Der Anfang an allen Schulen verboten.
Walter Benjamin und Wyneken waren mit der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald verbunden. Diese war ein reformpädagogisches Landerziehungsheim, das seit 1906 von sich reden machte. Bernfeld, der im Juni 1914 eine Woche bei der Familie Kollwitz wohnte, war ein Verehrer Wynekens und vertrat nach einem Tagebucheintrag von Käthe Kollwitz jener Zeit die revolutionär gesinnte Fraktion, während ihr Sohn Hans Kollwitz und Richard Noll der eher geistig orientierten Fichte-Fraktion nahestanden.Jutta Bohnke-Kollwitz (Hrsg.): Käthe Kollwitz. Die Tagebücher. Siedler, Berlin 1989, ISBN 978-3-8868-0251-7, S. 145f.
mini|hochkant|Von links: Hans, Käthe und „Wandervogel“ Peter Kollwitz, 1909
Ab 1909 war der dreizehnjährige Peter durch seinen „Ziehbruder“ Georg Gretor mit der Jugendbewegung (Bündische Jugend) in Kontakt,Yvonne Schymura: Käthe Kollwitz. Die Liebe, der Krieg und die Kunst. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-4066-9871-2, S. 82. wurde wie dieser ein „Wandervogel“. Georg besuchte ab 1911 die Freie Schulgemeinde in Wickersdorf und war dort gleichzeitig als Aushilfslehrer für Französisch tätig, da er muttersprachliche Kenntnisse hatte und altersmäßig bereits fortgeschritten war.Schülerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein bei Witzenhausen in Hessen.Lehrerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein bei Witzenhausen in Hessen
Mit dem zwei Jahre jüngeren Berliner Erich Krems aus Schöneberg, der ebenfalls dieses Internat in Thüringen besuchte, war Peter sehr eng befreundet. (PDF-Datei; 130 kB). Begleitbuch zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, vom 26. September 2013 bis 19. Januar 2014, in Zusammenarbeit mit dem Archiv der deutschen Jugendbewegung. Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2013, S. 45, auf: uni-heidelberg.de Erich Krems, Peter Kollwitz, Julius Hoyer, Hans Koch, Gottfried Laessig und Richard Noll bildeten einen Freundschafts- und Liebesbund, der dazu diente, ein enges Gemeinschaftsgefühl entwickeln zu können. Zumindest Peter Kollwitz hatte sich innerlich stets einsam gefühlt und schon als Kind nicht allein spielen wollen. Seine Freunde begannen teilweise, Käthe Kollwitz mit „Mutter“ anzusprechen, ein Ausdruck des engen Verhältnisses, das gepflegt wurde.Roswitha Mair: Käthe Kollwitz – Ein Leben gegen jede Konvention. Romanbiografie. Herder, Freiburg i. Br. 2017, ISBN 978-3-451-81206-4, Kapitel VII.
Im April 1911 äußerte Peter Kollwitz gegenüber seinem älteren Bruder Hans, dass er Künstler werden wolle, bestimmt Maler.Yvonne Schymura: Käthe Kollwitz – Die Liebe, der Krieg und die Kunst. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-4066-9871-2, S. 101–103. Seine Mutter legte einige seiner Zeichnungen ihrem Kollegen Max Liebermann vor, der ihm Talent bescheinigte und dazu riet, ihn entweder zur Akademie oder an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin anzumelden.Yvonne Schymura: Käthe Kollwitz – Die Liebe, der Krieg und die Kunst. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-4066-9871-2, S. 102 f.
Im selben Jahr war Peter Kollwitz’ schulische Versetzung gefährdet, so dass seine Eltern überlegten, den inzwischen 15-Jährigen zu Georg Gretor und Erich Krems in das Landerziehungsheim nach Wickersdorf zu schicken. Die dort gewollte Distanz zu den staatlichen Schulstrukturen der wilhelminischen Zeit, ein größeres Maß an persönlicher Freiheit, Individualität und die in diesem Internat gepflegte Kameradschaft hätten Peter vermutlich reizen können, doch der Unterricht selbst unterschied sich dort kaum von dem, was er an den staatlichen Schulen Berlins gewohnt war. Dietmar Haubfleisch: Dr. Alfred Ehrentreich (1896–1998). Marburg 1999, auf: uni-marburg.de Bei konkreter Betrachtung stellte sich heraus, dass Peter ein Jahr hätte wiederholen müssen, um Anschluss an den Stoff in der Freien Schulgemeinde zu bekommen. Nach einer Abwägung der Vor- und Nachteile eines Schulwechsels riet ihm Georg Gretor davon ab. Peter Kollwitz erhielt dann von seinen Eltern die Erlaubnis, den staatlichen Schulbetrieb mit der Mittleren Reife statt des Abiturs zu verlassen, und ging Ostern 1912 von seiner Schule in Berlin ab. In der Folge besuchte er bei Arthur Lewin-Funcke die Malklasse der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums.
Käthe Kollwitz, deren Söhne Hans und Peter die Jugendbewegung (Bündische Jugend) als „sehr bedeutsam“ einschätzten, schrieb im Frühjahr 1914 in ihr Tagebuch, es entstehe offenbar „aus der Jugend selbst eine Bewegung“, die mit starkem Pathos eine „Neugeburt der deutschen Jugend“ anstrebe. Sie beschrieb damit einfühlsam die Atmosphäre der Zeit, die man als „vagierende Religiosität“ charakterisieren könnte, als eine im weitesten Sinn religiös motivierte Suche nach sinnhaften Angeboten.Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800–1966, Band 1: Bürgerwelt und starker Staat. C. H. Beck, München 1983, ISBN 3-4060-9354-X, S. 508. Sie beobachtete in der Altersgruppe ihrer Kinder eine stark ausgeprägte Neigung zum Idealismus, einen Hang zum Visionär-Prophetischen und eine ausgesprochene Empfänglichkeit für gefühlvolle und pathetische Aufbruchsformeln. Sie war entschlossen, dieser Jugend in die Zukunft zu folgen.Yvonne Schymura: Käthe Kollwitz – Die Liebe, der Krieg und die Kunst. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-4066-9872-9, S. 127, 147, 148, 149, 152.
In den Sommerferien 1914 fuhren Hans Koch, Peter Kollwitz, Erich Krems und Richard Noll mit dem Schiff zum Wandern nach Norwegen. Dort erfuhren sie von der Kriegserklärung Österreich-Ungarns, der sich auch das Deutsche Kaiserreich anschloss, gegenüber dem Königreich Serbien. Sie fassten den Entschluss, sich als Kriegsfreiwillige beim Deutschen Heer zu melden,Peter Dudek: „Alles braver Durchschnitt“? Impressionen zur Schülerschaft der FSG Wickersdorf 1906–1945. In: JHB 23. Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 2017. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2018, ISBN 978-3-7815-2237-4, S. 234–279 (Zitatstelle: S. 238).Ulrike Koch: „Ich erfuhr es von Fritz Klatt“ – Käthe Kollwitz und Fritz Klatt. In: Käthe Kollwitz und ihre Freunde: Katalog zur Sonderausstellung anlässlich des 150. Geburtstages von Käthe Kollwitz. Hrsg. vom Käthe-Kollwitz-Museum Berlin. Lukas Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-8673-2282-9, S. 65. und brachen ihren Urlaub sofort ab.