mini|Stadtdetails auf dem Hochaltarflügel aus dem Kloster Weihenstephan (1489): Zwischen den Säulen erkennt man links das Kloster, in der Mitte die Stadt und rechts den Domberg mit den Türmen des Doms
Die Geschichte der Stadt Freising ist seit über 1300 Jahren durch schriftliche Quellen belegt. Als Siedlung kann die oberbayerische Große Kreis- und Universitätsstadt Freising wohl auf eine Kontinuität seit der Bronzezeit zurückblicken. Als agilolfingische Herzogsburg gegründet, war die seit dem 8. Jahrhundert n. Chr. sich entwickelnde „Geistliche Stadt“ auf dem Burgberg ab 739 neben Regensburg, Passau und Salzburg einer der vier Bischofssitze im altbayerischen Raum. Am Fuße des Dombergs entwickelte sich eine kleine Bürgerstadt, die aber immer im Schatten des Bischofs, der Klöster und der Kleriker blieb und später die Residenzstadt des Fürstbischofs und seines Hochstifts wurde. Über viele Jahrhunderte ist die Geschichte Freising die einer „Geistlichen Stadt“.
Als 1802 das Hochstift im Zuge der Säkularisation dem Königreich Bayern einverleibt wurde, verlor Freising die Funktion als Residenzstadt eines Reichsfürsten und brauchte Jahrzehnte, um diesen Bedeutungsverlust zu überwinden. Erst nach dem Eisenbahnbau 1858 konnte sich die Schul- und Garnisonsstadt im 20. Jahrhundert zu einer Mittelstadt entwickeln, die zwar wenig Industriebetriebe besaß, aber bis heute neben ihrer Funktion als Kreisstadt vor allem die Aufgaben einer Schul- und Universitätsstadt zu erfüllen hatte. Sie ist zum sogenannten „Grünen Zentrum Bayerns“ geworden und hat durch die Brauerausbildung, den Campus Freising-Weihenstephan und die dort befindliche TUM School of Life Sciences (bis Ende September 2020 Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt, kurz WZW) und durch die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf weltweite Bekanntheit erlangt. Die Verlegung des Münchner Großflughafens 1992 in die Nähe Freisings und die Nähe zur Metropole München hatte großen Einfluss auf die jüngste Stadtentwicklung.
mini|Siegel des Freisinger Domkapitels aus dem Jahr 1327 mini|200px|Karte Freisings im Jahre 1858, dem Jahr des Eisenbahnbaus München-Landshut, Bahnhof ist schon zu sehen. mini|Blick vom Flughafen München auf die vier Kilometer entfernte Stadt
Bevorzugte Lage der Stadt In urgeschichtlicher Zeit wurde das Stadtgebiet – Grenzgebiet zwischen der Schotterebene, ihren nördlichen Niedermoorgebieten, den Auen der wilden reißenden Isar und dem Tertiärhügelland im Norden – erst dann ein durch Menschen dauernd besiedelbares Gebiet, als sich in der Warmzeit nach der letzten Kaltzeit das Klima und die Vegetation änderten. Die isolierten Randhügel des Hügellands, der Domberg und der Weihenstephaner Berg, waren wohl immer wichtige Überblickspunkte und zeitweise auch befestigte Höhenburgen, von denen man nach Süden die große Ebene überwachen konnte. Von ihnen aus überblickt man einen weiten Teil des Alpenvorlands, bei klarer Luft sieht man bis zum Hochgebirge. Zumindest die Münchener Schotterebene und das Moosgebiet an ihrem nördlichen Rand konnte von diesen Höhenburgen aus überwacht und kontrolliert werden.
Siedlungskontinuität auf dem Domberg mini|Asparn Zaya Jungsteinzeithaus – so ähnlich sahen wohl auch die Häuser im Freisinger Raum aus
Das Stadtgebiet wurde in der Altsteinzeit von Jägern und Sammlern durchstreift. Dies ist anzunehmen, da es ein paar Funde aus dieser Zeit im Landkreis gibt. Während der Klimaerwärmung und während des Eisrückgangs am Ende der Würm-Eiszeit kamen in der Epoche des Neandertalers auch Menschen in das Gebiet des Landkreises und Stadtgebiets und verloren dabei Steinwerkzeuge.Erwin Neumair: Das neue Bild der frühen Geschichte des Landkreises Freising als Ergebnis der 30-jährigen ehrenamtlichen Forschungsarbeit. In: Archäologie im Landkreis Freising, Heft 10, Freising 2008, S. 101 ff
Um 6000 v. Chr. begann auch im Umland von Freising die Neolithische Revolution. Die jungsteinzeitliche Lebensweise dieser sich in Dörfern ansiedelnden Bauern war gekennzeichnet durch Hausbau, Ackerbau und Viehzucht (Haustiere), Vorratshaltung und Herstellung von Gefäßen aus Ton sowie immer besseren und funktionsgerechteren Werkzeugen aus Stein. Während einer länger andauernden Entwicklung wurde wohl die vorhandene Bevölkerung der Jäger und Sammler in diese Gesellschaft mit der ganz neuen Lebensweise integriert.Erwin Neumair: Das neue Bild der frühen Geschichte des Landkreises Freising als Ergebnis der 30-jährigen ehrenamtlichen Forschungsarbeit. In: Archäologie im Landkreis Freising, Heft 10, Freising 2008, S. 101 ff.
Diese Gruppen von Ackerbauern, die von der Donau kommend das Isartal aufwärts wanderten, suchten sich zuerst die besten, leicht zu bearbeitenden Lössböden am Rande der Täler und Tälchen aus. Wichtig war natürlich für Mensch und Tier der Zugang zu Trinkwasser. Die randlichen Gebiete des Ampertals und dessen Seitentäler wurden wohl zuerst besiedelt. Und diese Standorte wurden über lange Zeiträume beibehalten, obwohl die Häuser räumlich durchaus verlegt wurden. Viele Ausgrabungen und Funde unterschiedlicher Epochen der Bandkeramik belegen diese Besiedlung.Erwin Neumair: Das neue Bild der frühen Geschichte des Landkreises Freising als Ergebnis der 30-jährigen ehrenamtlichen Forschungsarbeit in Archäologie im Landkreis Freising, Heft 10. - Freising 2008. S. 101 ff.
Als älteste Spuren menschlicher Besiedelung des Freisinger Gebietes galten lange Zeit die bei Ausgrabungen auf dem Domberg im Jahr 1976 zu Tage geförderte Keramik und Hornsteingeräte. Diese Funde wurden der jungneolithischen Münchshöfener Kultur zugeordnet. Bei neueren Ausgrabungen im Jahr 2019 konnten noch ältere Spuren aus der Zeit um 5.000 v. Chr. geborgen werden. Keramik dieser Zeit – der späten Linearbandkeramik – wurde in mehreren Siedlungsgruben unterhalb des Diözesanmuseum freigelegt. Weitere Zeugnisse sind umfangreiche Funde aus der frühen Bronzezeit und der Urnenfelderzeit. Bis zum Beginn des 8. Jahrhunderts n. Chr., als die schriftliche Überlieferung einsetzte, kann eine kontinuierliche Besiedlung nicht lückenlos nachgewiesen werden, aber sie ist wohl durchgehend und auch während der Zeit der Römer anzunehmen.
Römerstraße nahe Freising mini|Modell einer römischen Villa, wie es sie wohl auch im Freisinger Raum gegeben hat
Auch eine Römerstraße an der Isar, die sogenannte „Isartalstraße“ ist den Archäologen bekannt und an verschiedenen Stellen durch Luftbilder oder Grabungen nachgewiesen. Sie stieg bei Fürholzen, einem Ortsteil von Neufahrn, genau an der Stelle aus dem Tertiärhügelland in den Moosgürtel hinab, wo es heute auch die Autobahn tut. Dieses Moos am Nordsaum der Münchner Schotterebene ist hier nicht sehr tiefgründig, so dass es hier leicht zu durchqueren war. In einem großen Bogen verlief die Römerstraße aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. nördlich von Neufahrn und Mintraching in Richtung Achering. Auf der östlichen Seite der Isar ging die Straße dann auf den hochwasserfreien Schottern weiter in Richtung Landshut und vermutlich im späteren Verlauf linksseitig des Flusses in Richtung Donau, Regensburg und Limes. Dieser Verkehrsweg, der Augsburg und Freising verband und zur Donau weiterführte, wurde im Hochmittelalter erneuert, weil er überregionale Bedeutung hatte.Bernd Steidl: Ein Schnitt durch die römische „Isartalstraße“ im Moos bei Neufahrn-Fürholzen in: Archäologie im Landkreis Freising, Bd. 9, hrsg. vom Archäologischen Verein im Landkreis Freising e.V. 2006. S. 101–116.
Der ursprüngliche Stadtname, der Siedlung eines Frigis bedeutet, geht möglicherweise auf eine Ortsgründung vor der Völkerwanderung zurück und ist vermutlich keltischer Herkunft.
Von der Herzogspfalz zur Geistlichen Stadt mini|links|Der Domberg mit den beiden Türmen ragt über die Stadt auf
In der Völkerwanderungszeit hat sich im Donauraum (Dungau), im niederbayerischen Kernland zwischen Regensburg und Passau, der später so genannte Stamm der Bajuwaren herausgebildet. Die Zusammenfügung verschiedenartiger Volkssplitter geschah wohl durch die zentrale Macht der agilolfingischen Herzöge und ihrer Gefolgsleute. Diese waren vermutlich fränkische Edelleute, denn das alte Baiern war ja frühzeitig ein Teil des Herrschaftsbereichs der Merowinger und dann der Karolinger geworden. Die Hauptstadt der Agilolfinger war natürlich Regensburg, aber auf dem wohl ständig vorher schon besiedelten Berg am Nordende der Münchner Schotterebene, der von strategischer Bedeutung war, entstand eine Burganlage dieser Herzöge.
Herzogspfalz der Agilolfinger Die nächsten siedlungsgeschichtlichen Zeugnisse stammen erst aus dem frühen Mittelalter, als der Ort unter dem Namen Frigisinga eine Herzogspfalz im ersten bairischen Stammesherzogtum (ab 555 n. Chr.) war. Nachdem Herzog Theodo II. noch zu Lebzeiten das Herzogtum unter seinen vier Söhnen aufgeteilt hatte, wurde Freising um 715 eine agilolfingische Residenz, zu der eine Burg (Castrum), ein Wohnsitz (Palatium) und eine Marienkapelle gehörten. Freising ist die einzige bekannte „Stadtgründung“ der bajuwarischen Agilolfinger und damit die älteste Stadt in Oberbayern.
Die Marienkirche, der erste Vorgängerbau des späteren Doms, war damals bereits aus Stein erbaut und als Bischofskirche konzipiert. Herzog Theodo war nach Rom gepilgert und hatte bei Papst Gregor II. um die Errichtung von Bischofssitzen in Bayern gebeten. Dieses Ereignis wurde im Liber pontificalis festgehalten und führte 716 zur päpstlichen Instruktion, vier Bischofssitze (Regensburg, Passau, Salzburg und Freising) in Bayern zu gründen. Diese erste Kirchenorganisation kam jedoch aus unbekannten Gründen nicht zustande, obwohl der Herzog auf einen Bischof wartete, da er sich von ihm eine Festigung seiner Herrschaft versprach.
Der Wanderbischof Korbinian mini|links|Darstellung des Hl. Korbinian im Fürstengang der Residenz mini|hochkant|Freisinger Stadtwappen am Rathaus
In seinen Bestrebungen, dem Herzogtum Bayern eine kirchliche Ordnung zu geben, suchte und fand Herzog Grimoald (Sohn des Theodo II.) den fränkischen Wanderbischof Korbinian, der offiziell 724 (vermutlich aber bereits um 715) aus Arpajon (südlich von Paris) nach Freising kam. In Freising fand der Bischof auf dem Weihenstephaner Berg eine Kapelle (St. Stephanus) vor, die zu einem Ausgangspunkt seines Wirkens wurde. Korbinian wird deshalb als der erste Freisinger Bischof und als Gründungsheiliger des Bistums angesehen, auch wenn die kanonische Anerkennung des Bischofssitzes erst 739 durch Bonifatius erfolgte. Bis heute ist der Heilige Korbinian Schutzpatron der Erzdiözese München und Freising. Sein besonderes Attribut, der Bär, der der Legende nach dem Heiligen das Gepäck über die Alpen trug, ziert das Freisinger Stadtwappen.
Herzog Grimoald und Korbinian gerieten in Streit über die Eheschließung des Herzogs mit Pilitrud, der Witwe seines Bruders Theodolt (Herzog in Regensburg). Da dies nach damaligen Kirchenrecht untersagt war, verlangte Korbinian die Auflösung der Ehe. Als Herzogin Pilitrud daraufhin versuchte, Korbinian zu vergiften, floh der Heilige nach Kuens (bei Meran) und kehrte erst einige Jahre später wieder nach Freising zurück. Herzog Grimoald war inzwischen gestorben und sein Neffe Hugibert Herzog in Bayern. Das um 725 auf dem Domberg errichtete Hugibertsmünster geht auf diesen zurück. Ab diesem Zeitpunkt erschien Freising nicht mehr als Herzogspfalz, es war zum Bischofssitz geworden und aus dem Burgberg wurde der befestigte Domberg der Geistlichkeit.Josef Maß: Das Bistum Freising im Mittelalter München 1986. S. 32–44
Der Domberg wird eine „Geistliche Stadt“ mini|hochkant|Die erste Seite des Codex Abrogans des Arbeo von Freising