Die Exemplum-Tafeln des Kurfürsten Joachim II. sind eine vierteilige Gemäldeserie auf jeweils 209,5 × ca. 107 Zentimeter großen Tafeln aus Lindenholz aus der Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren, die auf 1540/1545 datiert wird. Sie zeigen mit David und Bathseba und David kämpft mit Goliath Motive aus der christlichen Mythologie (Altes Testament), sowie aus der griechischen Mythologie die Motive Das Urteil des Paris und Das Urteil des Kambyses als Tugendexempla, welche die herrschaftlichen Tugenden Mäßigung, Weisheit, Gerechtigkeit und Mut darstellen. Die Tafeln gehörten zur Ausstattung des Berliner Schlosses, nur die Kambyses-Tafel gehörte zeitweise zur Ausstattung des Berliner Kammergerichts. Sie werden von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten unter den Inventarnummern SPSG, GK I 1185–1188 geführt.Elke A. Werner: Die Exemplum-Tafeln des Kurfürsten Joachims II. In: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg & Evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Martin (Hrsg.): Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern. Kirche, Hof und Stadtkultur. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2009, S. 200–201. Die Tafeln sind seit 2011 im Jagdschloss Grunewald ausgestellt.

Beschreibung Die vier Tafeln David und Bathseba, Das Urteil des Paris, David kämpft mit Goliath und Das Urteil des Kambyses sind eine Bildfolge. Ihr ungewöhnliches Hochformat gibt einen Hinweis darauf, dass sie für eine bestimmte räumliche Situation geschaffen wurden. Für die 1980er Jahre ist ein restauratorischer Befund vorhanden. Demnach wiesen drei der Gemälde vertikale Risse im Bildträger und Farbabhebungen auf, während die Kambyses-Tafel nur vereinzelte Farbabhebungen zeigte und ihr Zustand insgesamt als gut bewertet wurde.Rainer Michaelis: Deutsche Gemälde. 14.–18. Jahrhundert. 1989, S. 25–28.

David und Bathseba

Die Tafel mit der Darstellung von David und Bathseba nimmt auf eine Episode aus dem 2. Buch Samuel Bezug. König David beobachtet die Frau seines Feldherrn Uria, Bathseba, beim Baden und verliebt sich in sie. Zuerst nimmt er sie sich als Geliebte. Als Bathseba schwanger wird, schickt er ihren Mann in den Tod. Danach nimmt David Bathseba zur Frau. Die hochformatige Tafel mit den Maßen 209,5 × 107 Zentimeter zeigt im rechten Vordergrund Bathseba mit fünf Begleiterinnen in zeitgenössischer Hoftracht am Ufer eines Flusses. Ein jüngeres Mädchen in weißem Kleid steht mit beiden Füßen im Wasser und trocknet den rechten Fuß der sitzenden Bathseba an ihrem Saum. Die Gruppe der Frauen ist hinterfangen von Buschwerk, von links vorn ragt ein Baumstamm über den Fluss. Im Mittelgrund ragt links ein Turm in die Höhe, auf dem sich König David und zwei Begleiter in der linken oberen Bildecke befinden. Der König beugt sich über die Brüstung und spielt auf einer Harfe, um Bathseba zu verführen. In der oberen rechten Bildpartie verliert sich eine bergige Landschaft im Hintergrund.Elke A. Werner: Die Exemplum-Tafeln des Kurfürsten Joachims II. In: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg & Evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Martin (Hrsg.): Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern. Kirche, Hof und Stadtkultur. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2009, S. 201. Die züchtige Kleidung Bathsebas und das aktive Bemühen Davids führen dazu, dass weniger die Warnung vor der weiblichen Lust als die allgemeine Mahnung vor der Sünde des Ehebruchs und damit die Aufforderung zur Mäßigung als Botschaft des Bildes im Zentrum stehen.Elke A. Werner: Die Exemplum-Tafeln des Kurfürsten Joachims II. In: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg & Evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Martin (Hrsg.): Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern. Kirche, Hof und Stadtkultur. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2009, S. 201–202.

Lucas Cranach der Ältere und sein Sohn Lucas, der an der Ausführung dieses Auftrags wahrscheinlich beteiligt war, griffen das Motiv von David und Bathseba mehrfach auf. So befindet sich in Dresden eine vom Sohn angefertigte Tafel im Querformat, die sich kompositorisch stark von der hochformatigen Berliner Tafel unterscheidet. Zur Sammlung des Museums der bildenden Künste in Leipzig gehört eine Zeichnung Lucas Cranachs des Älteren, die wahrscheinlich als Vorzeichnung für die Berliner Tafel diente. Sie zeigt die beiden Figurengruppen, die Architektur und Landschaft, jedoch noch nicht in der gestreckten Ausführung des Gemäldes. Stattdessen zeichnet sich die Vorzeichnung durch eine stärker gedrängte Komposition aus.Elke A. Werner: David und Bathseba. Um 1540. In: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg & Evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Martin (Hrsg.): Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern. Kirche, Hof und Stadtkultur. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2009, S. 203. Im großen Katechismus Luthers von 1529 verwendete Lucas Cranach der Ältere eine ähnliche Darstellung zur Illustration des 6. Gebotes (Du sollst nicht ehebrechen.).

Das Urteil des Paris

Die 209,5 × 107,2 Zentimeter große Tafel zeigt das Urteil des Paris, eine der berühmtesten Episoden der griechischen Mythologie. Der trojanische Königssohn Paris soll unter den Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite die Schönste wählen. Alle drei versprechen ihm eine Gegenleistung für seine Wahl: Hera Macht, Athene Weisheit und Aphrodite die Liebe der schönsten Frau. Paris entscheidet sich für Letztere; Helena, die schönste Sterbliche, ist jedoch die Frau des spartanischen Königs Menelaos, weshalb es zum Trojanischen Krieg kommt. Im linken Bildvordergrund sitzt Paris in voller Rüstung träumend auf Steinen. Die Entscheidung scheint schon gefallen zu sein, da eine der drei nackt dargestellten Göttinnen vor ihm steht und ihre linke Hand auf seinen Brustpanzer gelegt hat, während die anderen beiden am rechten Bildrand stehen. Auf einer Stufe im Mittelgrund steht die bärtige, am ganze Körper gefiederte Gestalt des Götterboten Hermes, der seinen Mund zu einem Ruf geöffnet hat und mit seinem Stab auf die Brust des Prinzen stößt, um diesen vor der falschen Entscheidung zu warnen. Im Hintergrund öffnet sich die Landschaft, während im Himmel über der Figurengruppe Amor mit gespanntem Bogen schwebt.Elke A. Werner: Die Exemplum-Tafeln des Kurfürsten Joachims II. In: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg & Evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Martin (Hrsg.): Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern. Kirche, Hof und Stadtkultur. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2009, S. 202.

Um 1500 war das Urteil des Paris ein beliebtes Thema für die deutschen Humanisten, die in dieser Geschichte die Wahl des richtigen Lebensweges thematisiert sahen. Der Adressat sollte nicht Paris’ schlechtem Beispiel folgen, sondern sich stattdessen für die Weisheit entscheiden. Die Darstellung der Berliner Tafel unterscheidet sich von anderen Gemälden dieses Sujets sowohl von Lucas Cranach dem Älteren als auch anderen Künstler dadurch, dass die drei Göttinnen nicht individualisiert und damit nicht zu unterscheiden sind.

David kämpft mit Goliath

Im 1. Buch Samuel wird geschildert, wie der Hirtenjunge David den Feldherrn der Philister, Goliath, mit einer Steinschleuder besiegt. Dies sicherte Israel den militärischen Erfolg. Den Vordergrund der 209,5 × 106,6 Zentimeter großen Tafel nimmt in ganzer Länge der in seiner Rüstung am Boden liegende Goliath ein. Über ihm steht David, den rechten Fuß auf dessen Schambereich gesetzt. Mit beiden Händen führt er das Schwert, um den gegnerischen Feldherrn endgültig zu töten. Die Schleuder, die für die Geschichte eigentlich zentral ist, liegt auf dem Boden. Der Mittelgrund des Bildes zeigt eine menschenleere Landschaft; links ein Wäldchen, zum rechten Bildrand hin eine öde Fläche. Im Hintergrund befindet sich das Heer der Philister, über dem sich ein Felsbogen wölbt. Der Fokus auf die beiden Kontrahenten mit David in der energischen Pose unterstreicht die Tugend der Tapferkeit und des Mutes.Elke A. Werner: Die Exemplum-Tafeln des Kurfürsten Joachims II. In: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg & Evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Martin (Hrsg.): Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern. Kirche, Hof und Stadtkultur. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2009, S. 202–203.

Der Kampf von David gegen Goliath war eine ungewöhnliche Wahl für die Bilderfolge. Das Motiv war in der Frühen Neuzeit recht selten, im Œuvre Cranachs des Älteren findet es sich kein zweites Mal.

Das Urteil des Kambyses

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot schilderte in seinen Historien die Geschichte des persischen Königs Kambyses II., der den bestechlichen Richter Sisamnes überführte und ihn zur Strafe bei lebendigem Leib häuten ließ. Die Haut wurde dann auf den Richterstuhl gespannt, auf den Kambyses den Sohn des Sisamnes, Otanes, befahl. Die 209,4 × 107,1 Zentimeter große Tafel vereinigt zwei Momente der Geschichte: Am linken Bildrand auf dem Thron des Richters, dessen Baldachin aus der Haut seines Vaters besteht, sitzt Otanes. In der rechten Hand hält er einen Stab, Daumen und Zeigefinger der linken sind ausgestreckt. Mit dem Turban ist Otanes als einzige Figur in dem Gemälde als historisch gekennzeichnet. Vor ihm befindet sich eine vielfigurige Gruppe in zeitgenössischer Kleidung. Einige Gesichter scheinen individuell gestaltet worden zu sein, dennoch ist es wohl eher eine typische Gerichtsszene. Die rückwärtige Wand gibt den Blick auf die Szene der Häutung des Sisamnes frei.Elke A. Werner: Die Exemplum-Tafeln des Kurfürsten Joachims II. In: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg & Evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Martin (Hrsg.): Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern. Kirche, Hof und Stadtkultur. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2009, S. 203.

Das Sujet des Urteils des Kambyses war seit dem späten 15. Jahrhundert beliebt und fand sich insbesondere in deutschen und niederländischen Rathäusern, wo es als Warnung vor Bestechlichkeit diente. Dieser Umstand legt auch nahe, dass es sich bei der Berliner Tafel um eine typische Gerichtsszene handelt, die in abstrakter Weise den gerechten Richter als Vorbild für die herrscherliche Gerechtigkeit zeigt. Die Tafel aus der Cranach-Werkstatt ist typisch: Zentral für die bildliche Darstellung der Geschichte war der Sohn Otanes, während die Bestrafung seines Vaters in den meisten deutschen und niederländischen Darstellungen in den Hintergrund verbannt war. Die Cranachsche Bilderfindung der Berliner Tafel wurde wohl in den Niederlanden rezipiert. Eine Darstellung dieses Sujets, die sich in der Kammer eines Ratsherren in Middelburg befand und durch eine Graphik überliefert ist, weist eine ähnlich hohe Hängung der Haut des Sisamnes über dem Thron sowie eine ähnliche Darstellung der Vollstreckung des Urteils, gesehen durch einen Fensterausblick, auf.Hugo van der Velden: Cambyses for Example: The Origins and Function of an exemplum iustitiae in Netherlandish Art of the Fifteenth, Sixteenth and Seventeenth Centuries. In: Simiolus: Netherlands Quarterly for the History of Art. Band 23, Nr. 1, 1995, S. 5–62, hier S. 29–30.

Hintergrund

Entstehung und Händescheidung