Die in der Antike häufig angewendete Kunstrichtung der Mosaiken erlangte seit dem 3. Jahrhundert in der frühchristlichen Kunst besondere Bedeutung. zentriert|mini|hochkant=3.6|Mosaik am Triumphbogen von Santa Maria Maggiore

Frühchristliche Mosaiken Mosaike waren eine beliebte Kunstform der römischen Antike. Der Begriff ist abgeleitet von lat. opus musivum („Musenwerk“), weil in der Spätantike Grotten und Nymphäen als Musenorte mit Mosaiken ausgeschmückt waren. Die Technik der Mosaikkunst in Rom hat Walter Oakeshott ausführlich beschrieben.Walter Oakeshott: Die Mosaiken von Rom vom dritten bis zum vierzehnten Jahrhundert, Wien und München 1967, S. 15–40.

Bereits in frühchristlicher Zeit wurden in den Sakralbauten Mosaiken angebracht, vor allem in der Apsis und am Triumphbogen, in großen Basiliken auch an den Langhauswänden und in Seitenkapellen. Der Altarraum in der Apsis ist als liturgisch wichtigster Ort einer Kirche durch architektonische Mittel besonders hervorgehoben und damit auch für die Höhepunkte des Bildprogramms geeignet, z. B. mit der Darstellung des Christus als Pantokrator. Durch das Apsismosaik wurde gleichsam das heidnische Kultbild ersetzt. Bis heute erhaltene Mosaiken im Langhaus konnten für das 4. Jahrhundert nicht verlässlich nachgewiesen werden; umso wertvoller sind die 432 entstandenen Langhausmosaiken in Santa Maria Maggiore. Da theologische Aussagen nur schwer in Bildern zu fassen waren, wurden bestimmte Sinnbilder und Symbole verwendet. Die Mosaikkünstler standen vor der Aufgabe, das Unsichtbare durch Sichtbares wenigstens vorstellbar zu machen und dem gläubigen Betrachter einen Einblick zu verschaffen in den überirdischen Kosmos und in eine himmlische Welt.Gérard-Henry Baudry: Handbuch der frühchristlichen Ikonographie – 1. bis 7. Jahrhundert, Freiburg 2010, S. 29ff. 81ff. 117ff. 153ff. 193ff. 217ff.

Die Motive der Mosaiken, die dargestellten Personen und Sinnbilder, aber auch die Farben, Größenordnungen und Zahlenverhältnisse konnten einem im Laufe der Zeit entwickelten Bilderkanon entnommen werden, der modischen Einflüssen und dem Zeitgeist weitgehend verschlossen war. Dieser Kanon kann heute ohne Kommentar kaum mehr verstanden werden und bereitet selbst ausgewiesenen Fachwissenschaftlern Probleme. „Kein Medium schien besser geeignet zur Materialisierung des Immateriellen als das Mosaik, das in besonderem Maße den Vorstellungen einer Ästhetik entgegenkam, die im Licht die höchste Manifestation der Schönheit und die Verkörperung des Göttlichen sah. (…) Schauplatz der Gotteserscheinung ist in den Apsisbildern kein diesseitiger, sondern ein jenseitiger Ort, der dem Betrachter oftmals durch einen grünen Wiesengrund, blühende Blumen, Palmen und die vier Paradiesflüsse als irdisches Paradies vor Augen geführt wird.“ (Joachim Poeschke)Joachim Poeschke: Mosaiken in Italien: 300–1300, München 2009, S. 9, 13.

Von den zahlreichen Mosaikdarstellungen in christlichen Sakralbauten sollen hier die frühchristlichen Mosaiken in der Stadt Rom (ohne die Bodenmosaiken) beschrieben und gedeutet werden. Sie bilden seit Mitte des 4. Jahrhunderts die prachtvollsten und vornehmsten Schmuckelemente für das Kircheninnere. Um die Beurteilung dieser Mosaiken zu erleichtern, werden sie in verschiedene Zeitabschnitte eingeordnet.

Drittes Jahrhundert: Die Anfänge mini|320px|Christus als unbesiegter Sonnengott, Grabbau der Julier, Ende 3. Jh. Das erste christliche Mosaik stammt vom Ende des 3. Jahrhunderts und befindet sich im Deckengewölbe des Grabhauses der Julier in der Vatikanischen Nekropole unter der konstantinischen Basilika S. Pietro in Vaticano. Auf Goldgrund und von Weinranken umrahmt ist Christus als unbesiegter Sonnengott (sol invictus) mit Nimbus und Strahlenkranz dargestellt, wie er stehend eine Quadriga mit galoppierenden Schimmeln lenkt. In seiner Linken hält er die Weltenkugel; sein flatternder Mantel deutet die Geschwindigkeit an, mit der das Gespann von Osten nach Westen gen Himmel rast. Dass es sich dabei um Christus und nicht um den Sonnengott Sol (griech. Ἥλιος) handelt, ergibt sich aus den zugehörigen Darstellungen an den Wänden, bei denen nach Abfallen der Mosaikteilchen (Tesserae) nur noch die Vorzeichnungen zu sehen sind: Guter Hirte und Fischer sowie Prophet Jona, der von einem Wal verschlungen wird (Jona 1, 15).Paolo Liverani, Giandomenico Spinola: Die Nekropolen im Vatikan. Belser, Stuttgart 2010, S. 113ff. mit Abbildungen. Diese frühchristlichen Motive sollten zusammen mit den Weinranken die Hoffnung auf Auferstehung symbolisieren. Das große Loch neben der Hauptszene stammt von den Ausgräbern, die den Grabbau der Julier bei den Erkundungen von oben durch Zufall wiederentdeckt hatten.

300 bis 550: Klassische Periode Constantina-Mausoleum In dem Mausoleum Santa Costanza an der Via Nomentana, das Constantina, die Tochter von Konstantin dem Großen, sich nach 337 errichten ließ, haben sich die ältesten Mosaiken der christlichen Monumentalarchitektur erhalten, und zwar im Tonnengewölbe des Umgangs (um 350) und in den beiden seitlichen Apsiden (um 370).

a) Im Umgang sind elf trapezförmige Gewölbeflächen in der Weise mit Mosaiken verziert, dass sich die christlichen und neutralen Szenen auf jeder Seite in ähnlicher Weise wiederholen (ca. 70 % ergänzt oder erneuert). Es beginnt am Eingang mit geometrischen Ornamenten und Kreisschlingenmustern sowie Streukompositionen mit Zweigen, Blumen, Früchten, Vasen, Vögeln usw. In der Querachse kommen beiderseits Motive der Weinlese vor: Weinranken mit Putten und Vögeln umgeben eine bisher nicht eindeutig zugeordnete Büste, an den beiden Rändern Szenen der Weinlese mit Ochsenkarren voller Trauben und mit dem Keltern der Trauben im Kelterhaus. Die Bildmotive setzen sich zusammen aus antiken, profanen und biblischen Vorbildern.Joseph Wilpert / Walter N. Schumacher: Die Römischen Mosaiken der kirchlichen Bauten vom IV. – XIII. Jahrhundert, Freiburg 1976, S. 48ff.und 299ff.

b) Linke Apsis mit der traditio legis. Im Gegensatz zu den Mosaiken im Umgangsgewölbe handelt es sich bei den Mosaiken in den beiden Seitenapsiden eindeutig um christliche Bildmotive. In der südöstlichen Apsis ist die Übergabe des Gesetzes (traditio legis) durch Christus an Petrus dargestellt: Christus – mit blauem Nimbus und goldfarbenem Gewand – schwebt über dem von Wolken umgebenen Paradiesberg, aus dem die vier Paradiesflüsse (als Symbol für die vier Evangelien) entspringen (nur noch drei Flüsse erhalten). Die rechte Hand ist hoch erhoben; mit der Linken überreicht er eine offene Schriftrolle (rotulus) an Petrus, der von rechts herangetreten ist und sie in ehrfürchtiger Haltung im Bausch seines Gewandes entgegennimmt. Petrus scheint in der linken Hand den Rest eines Hirtenstabes zu halten, dessen obere Hälfte der Restaurierung zum Opfer gefallen ist; auch die Köpfe von Christus und Petrus sowie der Paradiesberg sind 1843 erneuert und ergänzt worden (ursprünglich muss Christus, ebenso wie Petrus, langes Haar und Bart getragen haben wie auf dem gegenüberliegenden Mosaik). Die Schrift auf der Gesetzesrolle DOMINUS PACEM DAT („Der Herr gibt Frieden“) lautete ursprünglich wahrscheinlich DOMINUS LEGEM DAT („Der Herr gibt das Gesetz“). Das Christogramm ist der Schriftrolle wie ein Siegelabdruck hinzugefügt. Von Links nähert sich Paulus mit akklamierender Geste. Die Palmen am Bildrand sollen „Bäume des Lebens“ im Paradiesgarten darstellen; die davor stehenden Bauwerke symbolisieren die Städte Jerusalem und Bethlehem. Die von beiden Seiten zur Mitte laufenden Lämmer repräsentieren wohl die Apostel. Christus ist in göttlichem Glanz und mit herrscherlicher Geste dargestellt nach dem Vorbild der spätantiken kaiserlichen Triumphalkunst.Joachim Poeschke: Mosaiken in Italien: 300–1300, München 2009, S. 54ff. Er schreitet als Weltenherrscher über einen Wolkenteppich zu den beiden Aposteln herab (Theophanie), die aus seiner Hand das neue Gesetz erhalten. Die farbig angelegten Wolken bilden die Trennungslinie zwischen himmlischer und irdischer Sphäre. Für die dargestellte Übergabe des Gesetzes durch Christus an Petrus gibt es keine Schriftstelle in der Bibel; mit diesem Motiv wird hier erstmals in der frühchristlichen Kunst kein biblischer Vorgang, sondern ein auf theologische Überlegungen zurückgehendes Bild Christi wiedergegeben. Der Prototyp einer tradito legis war vielleicht das untergegangene konstantinische Apsismosaik von Alt-St. Peter.Hans Georg Wehrens: Rom – Die christlichen Sakralbauten vom 4. bis zum 9. Jahrhundert – Ein Vademecum. 2. Auflage, Freiburg, 2017, S. 92ff.

c) Rechte Apsis mit der traditio clavis. In der nordwestlichen Apsis ist Christus als Weltenherrscher (Pantokrator) dargestellt, der auf der Kugel des Kosmos (Sphaira) thront. Seine linke Hand stützt er auf die geschlossene Gesetzesrolle; mit der Rechten übergibt er einen schmalen dreieckigen Gegenstand an Petrus, der sich von links mit verhüllten Händen genähert hat. Bei dem überreichten Gegenstand muss es sich nach dem Evangelisten Matthäus um die beiden Himmelsschlüssel handeln (Mt 16, 19). Vor der Restaurierung soll Petrus graues Haar und einen Bart gehabt haben. Bei der Gesetzesübergabe ist Christus stehend dargestellt, während er bei der Schlüsselübergabe auf der Weltkugel thront. Beide Darstellungsarten folgen damit den Vorbildern des kaiserlichen Hofzeremoniells: Bei der Repräsentation steht der Kaiser (Adlocutio), während er bei der Verteilung von Gaben sitzt (Largitio). Beide Mosaiken in den Apsiden sind mit einem teilweise restaurierten Fruchtkranz umgeben.Joseph Wilpert / Walter N. Schumacher: Die Römischen Mosaiken der kirchlichen Bauten vom IV. – XIII. Jahrhundert, Freiburg 1976, S. 50f.und 300.

d) Kuppel des Zentralraums. Der im Jahr 1620 zerstörte Mosaikschmuck in der Kuppel des Mausoleums wurde von Besuchern als der kunstvollste und schönste von ganz Rom beschrieben. Er war durch ein Rankensystem innerhalb eines unteren und oberen Registers in zwölf Sektoren aufgeteilt, wie aus einer im Escorial verwahrten kolorierten Kopie von Francisco de Hollanda (1538) ersichtlich ist. Außer heidnischen Motiven mit einem Seeuferidyll sind in beiden Registern Szenen aus dem Alten und Neuen Testament dargestellt.Joseph Wilpert / Walter N. Schumacher: Die Römischen Mosaiken der kirchlichen Bauten vom IV. – XIII. Jahrhundert, Freiburg 1976, S. 52f.und 301f. mit Abbildungen.

San Pietro in Vaticano (Petersdom) Zwischen 315 und 322 entstand auf dem rechten Tiberufer die von Kaiser Konstantin gestiftete Memorialbasilika San Pietro in Vaticano, die dann 1592 durch den Neubau des Petersdoms abgebrochen wurde. In dem konstantinischen Bau gab es nach überlieferten Augenzeugenberichten und Nachzeichnungen bereits Mosaiken in der Apsis und am Apsisbogen, die wahrscheinlich von Konstantin I. initiiert und unter seinem Sohn Constans vor 350 ausgeführt wurden. Das Langhaus der Basilika besaß keinen Mosaikschmuck, sondern war mit Fresken ausgemalt.

mini|320px|Ehemaliges Apsismosaik, Zeichnung von Giacomo Grimaldi, Rom 1605

a) Apsismosaik. Das durch eine farbige Nachzeichnung von Giacomo Grimaldi (Rom 1605)Giacomo Grimaldi: Descrizione della basilica antica di S. Pietro in Vaticano: Codice Barberini latino 2733, fol. 158v–159r, Biblioteca Apostolica Vaticana überlieferte Thema des Mosaiks in der Apsiskonche gibt zwar die Originalfassung um 350 wieder, enthält aber einige bei der Restaurierung unter Papst Innozenz III. (um 1200) vorgenommenen Einfügungen: Die Figur des Papstes im vollen Ornat sowie die Personifikation der Ecclesia Romana mit der Kirchenfahne (mit zwei Schlüsseln) neben dem Gotteslamm im unteren Register. Nach Maßgabe der aquarellierten Zeichnung vom Ende des 16. Jahrhunderts enthielt das Apsismosaik folgende Darstellungen: