Georg Emil Bell (* 21. Juli 1898 in Laufamholz bei Nürnberg; † 3. April 1933 in Durchholzen) war ein deutscher Ingenieur und Spion. Er wurde vor allem bekannt als ein enger Mitarbeiter des langjährigen Stabschefs der SA Ernst Röhm.
Leben und Wirken
Früher Werdegang Bell entstammte einer Familie des wohlhabenden Wirtschaftsbürgertums. Er wurde 1898 als Sohn der Kaufmanns Emil G. Bell († 1931/1932) und seiner Ehefrau Babette Bell, geb. Seiferth geboren. Der Vater war Direktor einer Uhrenfabrik in Laufamholz bei Nürnberg. Über den Vater besaß Bell schottische Wurzeln, dennoch gilt die – u. a. von Bell selbst verbreitete – Behauptung, dass die nachnamensgleiche britische Archäologin Gertrude Bell, die während des Ersten Weltkrieges als britische Agentin im Orient berühmt wurde, eine Tante von ihm gewesen sei, heute als widerlegt. Die englische Society of Genealogists hält allenfalls eine entfernte Verwandtschaft für möglich.Dornheim: Bell. S. 16.
In seiner Jugend besuchte Bell die Oberrealschule in Nürnberg. Am 29. April 1916 trat Bell, zu dieser Zeit „Ingnieurpraktikant“, während des Ersten Weltkriegs als Freiwilliger bei der Funker-Ersatzabteilung (Rekrutendepot) in München in die Bayerische Armee ein. Am 28. August 1916 wurde er zur Ersatzkompanie versetzt.
Bell selbst erklärte später, er sei während des Ersten Weltkriegs als „Kriegsberichterstatter in der Türkei“ zum Einsatz gekommen. Bells Biograph Andreas Dornheim hielt eine Verwendung als Kriegsberichterstatter – unter anderem wegen seines Alters – in seiner Studie von 1998 für sehr fraglich, erachtete es demgegenüber aber als relativ sicher, dass Bell tatsächlich in der Türkei zum Einsatz kam.Dornheim: Bell. S. 19 f.
Durch inzwischen aufgefundene Stammrollen Bells ist tatsächlich erwiesen, dass Bell am 29. November 1916 mit der Ersatzfunker-Abteilung 105 „ins Feld“ zog, wobei die Rubrik „mitgemachte Gefechte“ verzeichnet, dass er von November 1916 bis Februar 1917 Kämpfe am Suez-Kanal mitmachte. Am 26. Februar 1917 wurde er zur Funker-Ersatzabteilung 1 und dann nacheinander zur 1. Funker-Ersatzkompanie (4. März 1917) und zur 2. Funker-Ersatzkompanie (29. Mai 1917) versetzt, bevor er zum 1. Juni 1917 zur „[unleserlich]“ 3 versetzt wurde. Während seiner Zeit bei dieser Einheit machte er vom 15. Juni 1917 bis 11. September 1917 Stellungskämpfe zwischen Maas und Mosel mit. Am 26. November 1917 folgte die Versetzung zur 3. Funkerersatzkompanie und am 6. Dezember 1917 zur Nachschub 2. Funkerersatzkompanie. Am 6. Mai 1918 kam Bell mit der Gruppenersatzfunkerstation 558 erneut an die Front. Vom 8. Juni 1918 bis 31. Juli 1918 machte er Stellungskämpfe im Artois mit. Nach Kriegsende wurde er am 7. Dezember 1918 zum Bezirkskommando Nürnberg entlassen.
Im Studienjahr 1919/1920 nahm Bell ein viersemestrigres Studium der Elektrotechnik an der Höheren Technischen Staatslehranstalt Nürnberg auf, das er am 31. Juli 1921 mit der Note „gut“ abschloss. Als Student gehörte er der schlagenden Verbindung „Bayern“ an. Zudem betätigte Bell sich während seines Studiums in rechtsgerichteten, paramilitärischen Kreisen und Wehrverbänden. So wurde er 1919 oder 1920 Mitglied des Verbandes Reichsflagge, bei dem er u. a. den späteren Stabschef der SA Ernst Röhm sowie den späteren Chef des Nachrichtendienstes der SA Karl Leon Du Moulin-Eckart kennenlernte.Dornheim: Bell. S. 19–21.
Nach seinem Studium arbeitete Bell bei verschiedenen Unternehmen in Nürnberg als Elektroingenieur, unter anderem für die Zweigniederlassung Nürnberg der Siemens-Schuckert-Werke, für die Sachsenwerke und als Oberingenieur bei der Elektromaschinen AG. Um 1925 zog er nach München, wo er als Ingenieur bei der Münchener Abteilung der Berliner Maffei-Schwartzkopff-Werke tätig war. Diese Stellung gab er zum 1. Mai 1927 auf.Dornheim: Bell. S. 19 f. und 24.
Tscherwonzen-Affäre (1927 bis 1930) Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Bell erstmals als einer der Angeklagten im sogenannten „Tscherwonzen-Prozess“ (1928) bekannt: Hintergrund war die Tscherwonzenaffäre, ein Versuch von antisowjetisch gesinnten Exilanten und mit diesen zusammenarbeitenden Vertretern der deutschen politischen Rechten, die junge Sowjetunion im Jahr 1927 mit gefälschten Tscherwonzen (10-Rubel-Scheinen) zu überschwemmen, um so eine extreme Inflation der sowjetischen Währung und damit eine wirtschaftliche und politische Destabilisierung des Sowjet-Staates auszulösen. Zudem sollte die Tätigkeit georgischer Untergrundorganisationen in der Georgischen Sowjetrepublik, die die Wiederherstellung der Unabhängigkeit ihrer Heimat von Russland anstrebten, durch die Versorgung mit dem Falschgeld unterstützt werden. Diese Bestrebungen wurden publik, nachdem die Berliner Polizei im August 1927 die Mitteilung erhielt, dass in Berlin falsche russische Tscherwonzen in Umlauf gebracht worden seien und sie den Verbreiter derselben, den Ingenieur Leonhard Becker, einen früheren Vorgesetzten Bells, festsetzen konnte.
Die folgenden Ermittlungen führten die Behörden zu den Exilgeorgiern Schalwa Alexander Karumidze und Basilius Sadathieraschwili in München. In einer dortigen Druckerei wurden 20.000 Bogen Wasserzeichenpapier sichergestellt, aus denen 120.000 Noten Falschgeld (= 1,2 Millionen Rubel) hätten hergestellt werden sollen. Insgesamt waren 400.000 Bogen Wasserzeichenpapier bestellt worden, aus denen 800.000 bis 1.200.000 Geldscheine hätten hergestellt werden können. In den Verkehr in Russland waren zu diesem Zeitpunkt etwa 12.000 bis 13.000 gut gelungene Tscherwonzen-Noten gelangt. Die Sowjetunion versuchte anschließend, eine Verbindung zwischen diesen Aktivitäten und dem damals in Leningrad laufenden Prozess gegen den Rittmeister Schiller – der wegen konterrevolutionärer Bestrebungen vor Gericht stand – zu konstruieren, indem sie die Behauptung lancierte, Schiller habe im Auftrag der Tscherwonzenfälscher falsche Tscherwonzennoten in Russland in Umlauf gebracht. Das Auswärtige Amt in Berlin hielt das jedoch für unglaubwürdig und stufte dies als ein reines Propagandamanöver ein, durch das die Sowjets die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung der in Berlin angeklagten antisowjetischen Aktivisten zu erhöhen versuchen würden. Die Presse berichtete ab November 1927 über die Vorgänge, wobei zahlreiche Spekulationen und Gerüchte die Vorgänge weiter dramatisierten und so das Interesse der Öffentlichkeit für die Angelegenheit steigerten. So machte die – wohl von Bells Verteidigern ausgestreute – Behauptung die Runde, Wolfgang Stresemann, der Sohn des Außenministers, sei in die Affäre verwickelt.Dornheim: Bell. S. 25–27. Liberale und linke Zeitungen mutmaßten, dass mächtige Hintermänner hinter dem ganzen Vorgang stehen würden, wobei insbesondere der Generaldirektor der Royal Dutch Shell, Henri Deterding, und der ehemalige General Max Hoffmann als Strippenzieher „identifiziert“ wurden.Dornheim: Bell. S. 35.
Bell war durch den Kunstmaler Otto von Kursell mit dem Kreis der Tscherwonzenfälscher in Kontakt gekommen: Im April 1926 hatte er Karumdize in Kursells Münchner Atelier kennengelernt und sich bei dieser Gelegenheit mit ihm gesprächsweise über Möglichkeiten, von Deutschland aus an einer Befreiung der Kaukasusvölker vom Joch der Unterdrückung durch das Sowjetsystem mitzuwirken, ausgetauscht. Im Frühjahr 1927 traf er im Münchner Hotel Excelsior Karumidze, Sadathieraschwili und einen Druckereibesitzer. Es folgten weitere Treffen, bis Karumidze Bell anbot, ihn als politischen Agenten für das Kaukasische Komitee in Trapezunt in der Türkei unterzubringen, da die türkische Regierung auf Druck der sowjetischen Regierung den bisherigen Agenten ausgewiesen habe. Bell habe sich bereit erklärt, diesen Posten zu übernehmen. Im Mai 1927 habe er daraufhin versucht, Geldmittel für die Exil-Georgier zu beschaffen. Zusammen mit Becker konnte er schließlich den Münchener Ingenieur Max-Otto Wurmbach dafür gewinnen, ein Darlehen von 15.000 RM zur Verfügung zu stellen, musste aber als Bedingung 1000 gefälschte Tscherwonzennoten bei Wurmbach einreichen, die dieser beim Bankhaus Seuss & Strobel hinterlegte. Als Vertrauensmann fungierte hierbei der Oberleutnant Hanns Günther von Obernitz. Wurmbach gab ihm hieraufhin 3000 RM in bar und 12.000 als Kreditbrief in englischen Pfund. Bell reiste anschließend nach Sofia und dann nach Konstantinopel und Trapezunt und zurück nach Sofia. Dort soll er sich nach späteren Aussagen Karumdizes bei zahlreichen Gelegenheiten in unvorsichtiger Weise über die Fälschungsangelegenheit vor Außenstehenden geäußert haben. Insbesondere wurde ihm jedoch später Betrug und Selbstbereicherung vorgeworfen, da er entgegen seinem Versprechen an Wurmbacher, immer nur in kleinen Mengen soviel Geld von dem eingerichteten Konto abzuheben, wie er jedes Mal unbedingt brauchte, auf einen Schlag die gesamten zur Verfügung gestellten Mittel abgehoben und auf seine Reise auf den Balkan und in die Türkei mitgenommen hatte. Becker gab ebenfalls an, finanziell von Bell betrogen worden zu sein, so dass er mittellos dagestanden habe, so dass Sadathieraschwili ihm etwa 500 Tscherwonzenscheine ausgehändigt habe, um seine laufenden Kosten zu decken. Durch die Verwendung dieser Scheine durch Becker kam die Berliner Polizei vorzeitig – also bevor die Herstellung des Großteils der gefälschten Tscherwonzen überhaupt angelaufen war und erst recht bevor man diese in Verbreitung hatte bringen können – auf die Spur der Fälscher. Ebenfalls 1927 erschwindelte Bell sich einen größeren Geldbetrag, indem er dem Kaufmann Theodor Rieger vortäuschte, dass er ihm, Rieger, durch seine guten Beziehungen zu maßgeblichen bulgarischen Kreisen eine prestigeträchtige Stellung als bulgarischer Konsul verschafft habe, wofür er ein beträchtliches Honorar einstrich, mit dem er durchbrannte, bevor Rieger begriff, dass Bell ihn zum Narren gehalten hatte.Dornheim: Bell. S. 28–30.