Lukas Rietzschel (* 16. März 1994 in Räckelwitz) ist ein deutscher Schriftsteller und Dramatiker.

Leben Lukas Rietzschel wuchs in Kamenz in der sächsischen Oberlausitz in einer protestantischen Familie auf. In Sachsen erwarb er die Fachhochschulreife.

Ein Studium an einer Universität war für ihn eigenen Angaben zufolge nur in Kassel möglich, weil man dort „auch ohne Abitur mit der Fachhochschulreife studieren“ könne. Dieser Umstand führte zu Rietzschels zeitweiligem Wohnsitzwechsel nach Kassel, wo er neue Erfahrungen mit der Mentalität überwiegend westdeutscher Kommilitonen machte. An der Universität Kassel studierte er Politikwissenschaft und Germanistik. Nach seinem Weggang aus Kassel studierte Rietzschel an der Hochschule Zittau/Görlitz Kulturmanagement. Thema seiner Masterarbeit ist der Entwurf für ein jüdisches Museum in Görlitz,Philipp Ettel Buchtipp: „Mit der Faust in die Welt schlagen“. sputnik.de. 6. September 2018, abgerufen am 16. Februar 2020. wo der Autor auch lange Zeit wohnte.Die aktuelle Fassung von Rietzschels Homepage (abgerufen am 27. April 2026) enthält keine Angabe mehr über seinen aktuellen Wohnort. Lukas Rietzschel baute in Görlitz das Literaturhaus in der Alten Synagoge mit auf, um einen Ort der Begegnung und Diskussion zu schaffen.Die Ullstein Buchverlage präsentierten Höhepunkte aus dem Herbstprogramm. buchmarkt.de. 7. Juni 2018, abgerufen am 14. September 2018.

In einem im April 2026 im Spiegel erschienenen Porträt über den Autor schreibt Felix Bayer, Rietzschel habe mit Sanditz „gerade den großen Gesellschaftsroman über Ostdeutschland geschrieben. Er selbst lebt im Westen“, und zitiert ihn, er vermisse „die Altstadt von Görlitz, die so oft als Kulisse für historische Filme verwendet wird. Dort, am östlichen Rand Sachsens,“ wo er lange gelebt habe.Felix Bayer: Manchmal ist er motzig. In: Der Spiegel. Ausgabe 17a. 21. April 2026, S. 90 f.

2015 nahm Rietzschel erstmals am „Treffen Junger Autoren“ teil. Online gestellt ist ein Auszug aus dem Text Über dem Plastikdach die Sterne, der auf dem damaligen Treffen präsentiert wurde:

„Und ich bekam den Eindruck, dass sie sich abgeschüttelt fühlten, zwar wiedervereint, aber allein gelassen und dass sich niemand für sie interessieren würde, nicht für ihre Meinung, nicht für ihre Geschichte. ‚So habe ich mir das nicht vorgestellt‘, sagte eine Frau, eine Cousine von Andreas und ein paar nickten. Aber dieses Selbstmitleid mündete in nichts, versackte, wie es ausgesprochen war.“Bundesministerium für Bildung und Forschung: . In: Berliner Festspiele. 30. Treffen junger Autoren. 19. bis 23. November 2015, S. 38 f. (36 f.), abgerufen am 15. September 2018.

2021 betrieb Rietzschel mit dem Journalisten Cornelius Pollmer den Podcast Notizen aus der Provinz, in dem die beiden Themen besprechen, die abseits der Großstädte verhandelt werden.

In vielen nicht-fiktionalen Veröffentlichungen Rietzschels vermischen sich seine Rollen als Schriftsteller und politisch aktiver Mann, der auch Politikwissenschaft studiert hat. 2022 war Lukas Rietzschel Mitgründer des PEN Berlin.

Die Organisatoren des Literaturfestivals LUMBRA charakterisierten Lukas Rietzschel, der am 22. November 2024 in Zeitz anlässlich der Ausstellung „Wendekinder“ eine Lesung durchführen sollte, als typischen Angehörigen der Gruppe der „Nachwendekinder“. Dabei handele es sich um eine „Generation, die hin und her gerissen ist zwischen Ost und West auf der Suche nach der eigenen Identität“. Die Generation der nach 1990 Geborenen in Ostdeutschland sei „geprägt von Industriebrachen einerseits und US-amerikanischer Popkultur sowie der globalen Digitalmoderne andererseits, [sie] betrachten […] kritisch, aber auch mit Nachsicht ihre Kindheit und die Zeit seit der Wiedervereinigung.“

Lukas Rietzschel betätigt sich auch als Maler. Bilder von ihm wurden erstmals 2022 in Lübbenau ausgestellt. Das Kulturhistorische Museum Görlitz erwarb 2022 Rietzschels Gemälde „Im Alter von sieben Jahren wurde Andreas gefragt, was er einmal werden wolle. Er konnte darauf keine Antwort geben“ aus dem Jahr 2019.

Literarisches Werk Romane mini|Lukas Rietzschel signiert ein Buch im Frankfurter Kunstverein (2021) 2012 erschien Rietzschels erste Veröffentlichung im ZEIT Magazin. Danach erschienen dort weitere Texte von ihm. Kürzere Texte hat Lukas Rietzschel auch für andere Zeitungen geschrieben sowie in verschiedenen Anthologien veröffentlicht, darunter einen Auszug aus dem Nachfolgeroman zu seinem Erfolgsbuch Mit der Faust in die Welt schlagen.Lukas Rietzschel: Die Ich-AG. faz.net, 30. Oktober 2019, abgerufen am 30. Januar 2020.

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ (2018/2025)

„Raumfahrer“ (2021) mini|Rietzschel nach einer Lesung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse (2021) Am 23. Juli 2021 erschien Rietzschels zweiter Roman Raumfahrer, der die Geschichte des Krankenpflegers Jan Nowak mit der Familiengeschichte rund um den Maler Georg Baselitz verknüpft. Wie schon im Debütroman ist der Handlungsort die Oberlausitz. Der Roman arbeitet mit zahlreichen Auslassungen und Zeitsprüngen und erzählt die Geschichte seiner Protagonisten nicht chronologisch, sondern parallel. So kommt es vor, dass Passagen aus dem Leben der Brüder Günter und Hans-Georg Kern (so der bürgerliche Name von Georg Baselitz), u. a. der Fluchtversuch des jüngeren Bruders oder verschiedene Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit, neben jenen aus dem Leben des 1989 geborenen Jan und dessen Eltern stehen.

Der Titel des Romans bezieht sich nach Rietzschel nicht etwa auf Astronauten, sondern auf Menschen, die „zwischen Gegenwart und Vergangenheit schweben“, die ihren Halt verloren haben, losgelöst leben von Zeit und Raum. Dabei bezieht sich der Autor nicht allein auf die Erfahrungen der Nachwendezeit, sondern stellt die These auf, dass die Entbehrungen und Verletzungen der Nachkriegsjahre mit jenen nach 1989 vergleichbar seien. Exemplarisch beschreibt er dieses Gefühl anhand der Gemäldeserie „Helden“ von Georg Baselitz aus den 1960er Jahren.

Für die Rezensentin Miriam Zeh (Deutschlandfunk Kultur) schreibt aktuell niemand einfühlsamer über Männlichkeit als Lukas Rietzschel. Die Kritikerin trifft auf jede Menge Männer im zweiten Roman des jungen Autors: Zunächst begegnet sie Pfleger Jan aus Kamenz, der von einem alten Mann, Sohn von Georg Baselitz’ Bruder Günther Kern, einen Karton überreicht bekommt, in dem es um Verstrickungen zwischen der Baselitz-Familie und der Trennung von Jans Familie gehen soll. Jan sucht den Kontakt zu seinem Vater, recherchiert über den wenig bekannten Baselitz-Bruder und dessen Observierung durch die Stasi und stößt auf verschollene Baselitz-Bilder. Trotz diverser „Knalleffekte“ konzentriert sich Rietzschel in dieser Mischung aus Generationenroman und fiktionalisierter „Künstlerbruder-Biografie“ auf das Wesentliche, skizziert die Gegend und ihre Bewohner und lässt seine Figuren „schweben“, lobt die Kritikerin.

Rezensent Jörg Magenau (Süddeutsche Zeitung) scheint sich zu wundern, dass die spröde, sparsame Erzählweise von Lukas Rietzschel ihn mehr anzieht als abstößt. Die teilweise auf Tatsachen basierende Geschichte um die Familie Baselitz aus Kamenz, die der Autor mit der Geschichte eines jungen Krankenpflegers aus der Oberlausitz verzahnt, scheint für Magenau vielschichtig und gekonnt komponiert. Das Buch ist für ihn Stasiroman und exemplarisches postsozialistisches Zeitpanorama in einem, geschrieben mit einem ordentlichen Schuss Heimatliebe.

Rezensent Marc Reichwein (Die Welt) zeigt sich überzeugt von Lukas Rietzschels Nachwenderoman. Zwar bietet der Text laut Rezensent eine Menge Stoff auf, ist Stasi-Krimi, Sittenbild und Künstlerroman zugleich, vermag es aber, die verschiedenen Handlungsstränge um die disruptive Erfahrung der Nachwendeära gekonnt zu verbinden. Die Familiengeschichte eines Krankenpflegers und die der Familie des Malers Georg Baselitz aus Kamenz erzählt der Autor laut Reichwein dicht und in dramatischer Bildlichkeit und indem er seinen epischen Stoff in elegante Prosa übersetzt.

Theateraufführungen Rietzschel als Autor „Widerstand“ (2021) Die Auftragsarbeit Widerstand war ursprünglich als „normales“ Theaterstück für die Aufführung auf Bühnen konzipiert. Das Stück sollte im Schauspiel Leipzig von Enrico Lübbe inszeniert und in der Diskothek des Schauspiels uraufgeführt werden. Wegen der COVID-19-Pandemie in Deutschland konnte dieser Plan jedoch nicht verwirklicht werden. Stattdessen entstand ein „Theaterfilm“, mit dessen Hilfe das Stück am Bildschirm gestreamt werden konnte, mit einer „Online-Uraufführung“ am 14. Mai 2021. Der Film wurde von Enrico Lübbe als Filmregisseur gestaltet. Auf einer Bühne war Widerstand erstmals am 3. März 2023 zu sehen. Die Premiere fand auf der großen Bühne des Theaters Bautzen statt.

Lukas Rietzschel schildert in der Textvorlage seines knapp einstündigen Auftragswerks die Tristesse der jüngeren Vergangenheit in Ostdeutschland. Starr sitzen die Spieler am Tisch und reden oft aneinander vorbei. Zum Schluss hin entwickelt sich aus einer Studie über Depression und Verzweiflung ein Politthriller-Kammerspiel.

Für den Text des Stückes erhielt Lukas Rietzschel im Jahr 2022 den Sächsischen Literaturpreis. Mit Auszügen aus Theaterkritiken.

„Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ (2022 / 2024) Im Auftrag des „Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau“ verfasste Lukas Rietzschel ab 2022 den Text zu dem Theaterstück Das beispielhafte Leben des Samuel W. Das Stück wurde am 20. Januar 2024 am Standort Zittau unter der Regie von Schauspieldirektor Ingo Putz uraufgeführt. Weitere Aufführungen gab es in Görlitz und in Zittau bis zum März 2022 und im Mai 2022 in Görlitz. Im Rahmen der Autor:innentheatertage 2024 wurde es im Deutschen Theater Berlin vorgestellt.

Das Theaterstück wurde im Jahr 2025 zu den 50. Mülheimer Theatertagen eingeladen (10.–31. Mai 2025). Hier können alle originär dramatischen, deutschsprachigen Stücke lebender Autoren nominiert werden, die im Zeitraum des vorherigen Jahres uraufgeführt worden sind. Im Jahr 2025 wurden insgesamt 254 Stücke eingereicht. Sieben Stücke wurden ausgewählt und so stand „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ in der Görlitzer Inszenierung mit weiteren sechs Theaterstücken im Wettbewerb. Die Fachjury (Mülheimer Dramatikerpreis) wählte dieses Stück auf den 3. Platz, das Publikum (Publikumspreis) wählte das Stück auf den 2. Platz.

Als Gattungsbezeichnung für sein Werk gab Lukas Rietzschel „Ein Theaterstück aus Interviewsequenzen“ an.

„Der Girschkarten“ Komödie nach Anton Tschechow (2025)

Eine erneute Zusammenarbeit zwischen Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig stellt Rietzschels Stück Der Girschkarten dar. Der Text thematisiert eine Familie, die über Erhalt, Abriss oder Verkauf des Elternhauses berät. Rietzschel entnimmt der tschechowschen Vorlage das Ringen um eine Entscheidungsfindung und verwebt den Text mit der aktuellen Debattenkultur um Fake News und Alternative Fakten.

Die Kritik lobt den Text einhellig beinahe überschwänglich:

„Diese Gegenwart als Stillstandsparabel mit den Motiven Tschechows auszuleuchten, das gelingt der Inszenierung zwischen satirischem Witz und einer fast gespenstischen Atmosphäre“, lobt Dimo Rieß in der Leipziger Volkszeitung.

Auch Jakob Hayner von der Welt ist angetan: „Wie bereits in seinem Vorgängerstück ‚Das beispielhafte Leben des Samuel W.‘, in dem es um einen rechten Politiker in der ostdeutschen Provinz ging, gelingt dem jungen Schriftsteller wieder ein kluger Zugriff auf die deutsche Gegenwart.“

Eine „eindrucksvolle Darbietung“ sah Andreas Platthaus für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Enrico Lübbe gelinge „das Kunststück, auf Hitchcocks ‚Psycho‘ zu verweisen, ohne auf Horrorästhetik zu setzen. Alles in dieser Inszenierung ist nämlich Komödie. Und zwar eine bitterböse“.