mini|Marie de Guise (um 1537) Marie de Guise (auch Marie von Lothringen-Guise genannt; englisch Mary of Guise; * 22. November 1515Rosalind K. Marshall (ODNB, Bd. 36, S. 71) gibt den 20. November 1515 als Maries Geburtsdatum an. in Bar-le-Duc, Lothringen; † 11. Juni 1560 in Edinburgh Castle) entstammte dem mächtigen französischen Adelsgeschlecht der Guise, einer jüngeren Linie des Hauses Vaudémont, der regierenden Herzöge von Lothringen, und war als zweite Ehefrau des verwitweten Jakob V. von 1538 bis 1542 Königin von Schottland. Ein gutes Jahrzehnt nach dem Tod Jakobs übernahm sie von 1554 bis zu ihrem Tod für ihre noch minderjährige Tochter Maria Stuart die Regentschaft von Schottland, die bis dahin über ein Jahrzehnt lang James Hamilton, 2. Earl of Arran geführt hatte, war aber in ihren letzten beiden Lebensjahren in heftige Kämpfe gegen aufständische protestantische Adlige verstrickt.

Jugend Marie de Guise war das älteste von insgesamt zwölf Kindern von Claude de Lorraine, Graf und seit 1528 Herzog von Guise, und seiner Frau Antoinette de Bourbon. Zu ihren Brüdern zählten u. a. Herzog Franz von Guise, Kardinal Karl von Lothringen und Herzog Claude von Aumale.

Zur Zeit von Maries Jugend hatte die Ära der Renaissance in Frankreich Einzug gehalten, König Franz I. war ein Patron der Künste und Literatur und sein Hof ein kulturelles Zentrum, was die französischen Adligen sehr beeinflusste. Als sich Maries Großmutter väterlicherseits, Philippa von Geldern, im Dezember 1519 in das Klarissen-Kloster von Pont-à-Mousson zurückzog, übersiedelten Maries Eltern in deren vormalige Residenz, das Schloss von Joinville. Die in ihrer frühen Kindheit besonders unter dem Einfluss ihrer Mutter stehende Marie kam dann zur weiteren Erziehung in das Kloster ihrer Großmutter. Im Zeitalter der Renaissance wurde es nämlich in Adelskreisen zunehmend üblich, nicht nur den Söhnen, sondern auch den Töchtern eine fundierte Ausbildung angedeihen zu lassen, wozu auch moralisch-religiöse Erziehung gehörte.

1529 zog Marie für ein Jahr nach Nancy an den Hof ihres Onkels, des Herzogs Antoine von Lothringen, und dessen Gattin Renée de Bourbon-Montpensier. Dort erlernte sie die feineren Regeln der Hofetikette. Im März 1531 wurde die 15-jährige, körperlich großgewachsene Prinzessin, die graue Augen und rotbraune Haare hatte, von ihrem Onkel am französischen Königshof vorgestellt. Sie war Anfang Mai 1531 bei der Krönung der zweiten Gattin Franz’ I., der Habsburgerin Eleonore, anwesend und befand sich im Gefolge der neuen Königin bei deren anschließendem feierlichen Einzug in Paris. Marie wurde nun Eleonores Hofdame und genoss die Gunst des Königs.Elisa A. Litvin, Women in World History, Bd. 10, S. 538f.; Rosalind K. Marshall, ODNB, Bd. 36, S. 71.

Erste Ehe Am 4. August 1534 heiratete die 18-jährige, von ihrem Vater mit einer Mitgift von 80.000 Pfund ausgestattete Marie de Guise ihren ersten Mann, den 24-jährigen Herzog Louis II. d’Orléans-Longueville, in der Kapelle des Louvre-Palastes. Zahlreiche Persönlichkeiten des Hofs wohnten diesem festlichen Ereignis bei. Die darauf folgenden Feierlichkeiten zogen sich mehr als zwei Wochen hin. Aus der sehr glücklich verlaufenden Ehe des Paares gingen zwei Söhne hervor:

François (* 30. Oktober 1535; † 22. September 1551), Herzog von Longueville Louis (4. August 1537; † Dezember 1537)

Marie setzte sich sehr für die Anliegen der Pächter der Ländereien ihres Gemahls ein. Am 1. Januar 1537 war sie bei der Hochzeit ihres späteren zweiten Ehemanns, Jakob V. von Schottland mit Madeleine, einer Tochter des französischen Königs, in Paris zugegen. Bereits am 9. Juni 1537 starb Maries erster Gatte in Rouen. Die junge Witwe hob sich den – heute in der schottischen Nationalbibliothek aufbewahrten – letzten Brief ihres verstorbenen Gemahls, der seine Krankheit erwähnte, lebenslang auf. Etwa acht Wochen nach seinem Ableben, am 4. August, bekam sie ihren zweiten Sohn Louis, der aber noch vor dem Jahresende 1537 starb.Elisa A. Litvin: Women in World History. Bd. 10, S. 539; Rosalind K. Marshall, ODNB, Bd. 36, S. 71.

Heirat mit Jakob V. von Schottland mini|Marie de Guise mit ihrem zweiten Mann Jakob V. Jakob V. von Schottland verlor seine Frau Madeleine schon am 7. Juli 1537 und war an einer neuerlichen französischen Verbindung sehr interessiert, um die gegen England gerichtete Auld Alliance zu stärken. Er soll sich bereits bei seinem früheren Besuch in Frankreich anlässlich seiner Hochzeit mit Madeleine sehr zu Marie de Guise hingezogen gefühlt haben. Diese erfuhr jedenfalls im August 1537 durch den französischen König, dass ihre Vermählung mit Jakob V. im Raum stand. Für die schottische Seite nahm der spätere Kardinal David Beaton führenden Anteil an den Heiratsverhandlungen. Marie reagierte geschockt; sie wünschte Familie und Land nicht zu verlassen und die Longueville-Erbgüter für ihren minderjährigen Sohn François zu verwalten. Zur Verhinderung des geplanten schottisch-französischen Heiratsbündnisses trat der seit Ende Oktober 1537 zum dritten Mal verwitwete König Heinrich VIII. von England ebenfalls als Bewerber um Maries Hand auf, die aber angesichts Heinrichs Verhalten gegenüber seinen früheren Gemahlinnen nichts von einer Eheverbindung mit ihm wissen wollte.

König Franz I. präferierte ohnehin Maries Verheiratung nach Schottland und befahl ihr ausdrücklich, sich dieser nicht länger zu widersetzen. Marie fügte sich, war aber bestürzt, dass der französische König für sie einen Ehevertrag vorbereitet hatte, gemäß dem ein beträchtlicher Teil der für sie festgesetzten Aussteuer in der Höhe von 150.000 Pfund aus der Hinterlassenschaft ihres verstorbenen Gemahls, mithin aus dem Erbe ihres Sohns François aufzubringen wäre. Sie konnte schließlich erreichen, dass laut dem im März 1538 besiegelten Ehevertrag ihr Vater die Zahlung von 80.000 Pfund der Mitgift und der französische König jene der restlichen 70.000 Pfund übernahm. Falls sie ihren zweiten Gatten überleben würde, sollte sie als Leibgedinge zur lebenslangen Nutzung den Falkland Palace, das Stirling Castle, Dingwall Castle und Threave Castle sowie die Einnahmen aus den zugehörigen Graf- und Herrschaften erhalten.

Nach der Erteilung der aufgrund der Blutsverwandtschaft mit ihrem Bräutigam nötigen Dispens durch Papst Paul III. vermählte Marie sich am 9. Mai 1538 in Châteaudun per Prokuration mit Jakob V., der dabei vom schottischen Adligen und Politiker Robert, 4. Lord Maxwell vertreten wurde. Daraufhin musste Marie den zweijährigen François in der Obhut ihrer Mutter zurücklassen, als sie in Begleitung ihres Vaters, ihrer Schwester Louise und eines französischen Gefolges auf einer von Jakob V. gesandten Flotte von Le Havre nach Schottland übersetzte, wo sie am 16. Juni 1538 bei Balcomie in Fife landete. Am übernächsten Morgen fand ihre von David Beaton geleitete persönliche Hochzeit mit Jakob V. in der Kathedrale von St Andrews statt. Zu den folgenden 40-tägigen Festlichkeiten zählten u. a. Turniere, Bogenschützenwettkämpfe und Jagdausflüge. Jakobs Mutter Margaret Tudor schrieb ihrem Bruder Heinrich VIII. im Juli, dass sich ihre Schwiegertochter sehr aufmerksam ihr gegenüber benehme. Maries Verwandte und französischen Diener reisten im August wieder ab, sie selbst hielt am 16. November 1538 ihren feierlichen Einzug in Edinburgh.Rosalind K. Marshall, ODNB, Bd. 36, S. 71f.; James Tait, DNB, Bd. 36, S. 391.

Königin von Schottland In den nächsten Jahren machte Marie de Guise sich mit ihrem neuen Land vertraut. Zwar verspürte sie anfangs Heimweh, suchte aber doch möglichst taktvoll ihrer neuen Rolle als Königin zu entsprechen. Sie bat ihre Mutter um die Entsendung französischer Steinmetze für Arbeiten am Falkland Palace und Stirling Castle sowie lothringischer Bergleute zum Abbau wertvoller Lagerstätten von Crawfordmuir. Zur Verschönerung ihrer Paläste beschäftigte sie auch den französischen Maler Pierre Quesnel.

Die vordringlichste Aufgabe bestand für Marie darin, einen Thronerben auf die Welt zu bringen. Erst als absehbar war, dass sie ihrem Gemahl Nachwuchs gebären würde, fand ihre Krönung zur Königin von Schottland am 22. Februar 1540 in der Holyrood Abbey in Edinburgh statt. Der königliche Goldschmied John Mosman hatte für Jakob V. eine neue Krone hergestellt, die der König bei der Krönung seiner Gattin trug. Diese Zeremonie wurde u. a. von 30 Salutschüssen, die vom Davids Tower des Edinburgh Castle abgefeuert wurden, sowie von Feuerwerken begleitet. Drei Monate nach ihrer Krönung folgte die Geburt von Maries erstem Sohn von Jakob V., woraufhin das Paar noch einen weiteren Sohn und eine Tochter bekam:

James (* 22. Mai 1540; † Ende April 1541), Herzog von Rothesay Robert (* 24. April 1541; † Ende April 1541), Duke of Albany Maria Stuart (* 8. Dezember 1542; † 8. Februar 1587), Königin von Schottland und Frankreich

Anders als im Fall ihres ältesten Sohnes François durfte Marie ihren Sohn James nicht selbst aufziehen. Allerdings lebten ihre beiden Söhne von Jakob V. nur kurz; nachdem zuerst James im Alter von knapp einem Jahr Ende April 1541 verstorben war, erlitt sein jüngerer, erst einige Tage alter Bruder Robert nur wenige Stunden danach das gleiche Schicksal. Beide Kleinkinder fanden ihre letzte Ruhestätte in der Holyrood Abbey. Die königlichen Eltern waren über diese Unglücksfälle tief erschüttert und ihre Beziehung war monatelang gespannt. Jakob V. hielt sich eine im Tantallon Castle residierende Geliebte.

Im nächsten Jahr führte Jakob V. zur Behauptung der schottischen Unabhängigkeit gegen den englischen König Krieg. Am 24. November 1542 verlor jedoch ein schottisches Heer die Schlacht von Solway Moss gegen Heinrich VIII. Der darüber verzweifelte Jakob V. erfuhr noch von der am 8. Dezember 1542 zu Linlithgow erfolgten Geburt seiner Tochter Maria Stuart, starb aber bereits sechs Tage später im Alter von nur 30 Jahren, was das Baby zur Königin von Schottland machte. Jakobs Gattin Marie war nun zum zweiten Mal Witwe geworden und trug fortan lebenslang schwarze Trauergewänder. Es wäre ihr zwar laut dem Ehevertrag freigestanden, in ihre Heimat zurückzukehren, zur Wahrung der Interessen ihrer kleinen Tochter machte sie jedoch von diesem Recht keinen Gebrauch.Rosalind K. Marshall, ODNB, Bd. 36, S. 72f.; James Tait, DNB, Bd. 36, S. 391f.

Krieg mit England (Rough Wooing) Heinrich VIII. versuchte nun, mit Schottland eine anti-französische Allianz zu erreichen; letztlich wollte er sein nördliches Nachbarland aber annektieren. Marie de Guise fand bei den schottischen Baronen nicht genug Unterstützung, um Regentin werden zu können. Stattdessen kam es zwischen James Hamilton, 2. Earl of Arran, dem Nächsten in der Thronfolge nach Maria Stuart, und Kardinal David Beaton zu einem Machtkampf um die Übernahme der Regentschaft, aus dem Ersterer als Sieger hervorging: Arran wurde am 3. Januar 1543 von den Adligen des Landes zum Regenten für die minderjährige Königin ernannt. Kurz danach wurde Beaton verhaftet.