mini|Der Glockturm. Seit Mai 2020 Sitz der Stiftung in Düsseldorf Die Hans-Böckler-Stiftung (HBS) ist das Mitbestimmungs-, Forschungs- und Begabtenförderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Sie ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Düsseldorf. Benannt nach dem ersten Vorsitzenden des DGB, Hans Böckler, ist sie allen ihren Aufgabenfeldern der Mitbestimmung als Gestaltungsprinzip verpflichtet und wirbt für diese Idee. Sie unterstützt Mandatsträger in Mitbestimmungsfunktionen und tritt für erweiterte Mitbestimmungsrechte ein. Darüber hinaus will sie dazu beitragen, Arbeitsbedingungen zu verbessern und soziale Gerechtigkeit zu fördern. Die Stiftung zählt zu den 13 Begabtenförderungswerken in der Bundesrepublik Deutschland, welche Studierende sowie Promovierende mit herausragenden Leistungen finanziell und ideell in ihrer akademischen Ausbildung unterstützen. Sie fördert zudem wissenschaftliche Forschungsprojekte finanziell und forscht in wissenschaftlichen Instituten, die Teil der Stiftung sind.
Geschichte Ursprung Nach der Einführung der Montan-Mitbestimmung im Jahr 1951 gab es verschiedene Anläufe der Gewerkschaften, durch Institutionen das personalpolitische Feld grundsätzlich weiterzuentwickeln; auch außerhalb der Bergbau-, Eisen- und Stahlindustrie. Im November 1952 wurde beispielsweise die Gesellschaft für soziale Betriebspraxis (GsB) und der Verein für soziale Betriebspraxis gegründet. Die GsB beschränkte sich auf wissenschaftliche und publizistische Aufgaben. Der Verein sollte unter anderem den Erfahrungs- und Meinungsaustausch unter den Mitgliedern fördern. Sowohl die GsB als auch der Verein konnten jedoch nie etabliert werden und verloren nach einer Reorganisation im Jahr 1954 an Bedeutung.
Nach Beratungen zwischen dem DGB, der IG Metall, der IGBE und dem 1946 gegründeten WWI wurde am 23. April 1954 die Hans-Böckler-Gesellschaft zur Förderung der Mitbestimmung in Theorie und Praxis gegründet, um den Erfahrungsaustausch der Arbeitnehmervertreter zu verbessern. Im selben Jahr gründete der DGB die Stiftung Mitbestimmung zur Ausbildungs- und Bildungsförderung von Arbeitnehmern. Finanziert wurden beide Institutionen über Spenden.
Die Hans-Böckler-Gesellschaft gab 1955 erstmals die Zeitschrift Das Mitbestimmungsgespräch (heute Mitbestimmung) heraus. Ebenso organisierte sie regelmäßig Informationsgespräche für die Arbeitnehmervertreter in deutschen Großstädten.
Auch durch eine stärkere Verbindlichkeit zur Abgabe von Vergütungen aus Arbeitnehmertätigkeiten auf Basis von DGB-Beschlüssen stiegen insbesondere die finanziellen Möglichkeiten der Stiftung Mitbestimmung an. Im Jahr 1964 betrug das Jahresbudget für die Studienförderungen 2,2 Millionen Deutsche Mark. Das Budget der Hans-Böckler-Gesellschaft betrug im selben Jahr 200.000 D-Mark. Beide Institutionen kooperierten miteinander. So traten sie auf Gewerkschaftstagen beispielsweise mit gemeinsamen Ständen auf. In den 70er Jahren und durch eine neue Debatte zum Thema Mitbestimmung, die 1976 in das Mitbestimmungsgesetz mündete, näherten sich die Hans-Böckler-Gesellschaft und die Stiftung Mitbestimmung einander an. Durch die Ausweitung der Mitbestimmung aufgrund des neuen Gesetzes und die daraus hervorgegangenen Ressourcen entschieden sich die Gewerkschaften, diese Ressourcen in einer Institution zu bündeln.Erika Martens: Kein Geschäft zu machen. In: Die Zeit vom 10. März 1978. Abgerufen am 14. August 2019.
Gründung 1977 Am 1. Juli 1977 wurde durch den Zusammenschluss der Hans-Böckler-Gesellschaft und der Stiftung Mitbestimmung die Hans-Böckler-Stiftung gegründet.Die Hans-Böckler-Stiftung. In: Spiegel Online vom 21. Juni 2001. Abgerufen am 14. August 2019. Im ersten Jahresbericht (1977) bezeichnete sie sich als Instrument des DGB, „das zur Verbesserung der Lage der Arbeitnehmer im Bildungs- und Beschäftigtensystem genutzt werden muß“. Weder das Bildungssystem noch das Wirtschaftssystem dürfe den „inhumanen Gesetzmäßigkeiten des Marktes“ überlassen werden.Jahresbericht 1977. Hans-Böckler-Stiftung, S. 11. Der DGB verpflichtete die Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten, ihre Aufsichtsratseinkommen an die gemeinnützige Hans-Böckler-Stiftung abzuführen. Ziel war es, eine persönliche Bereicherung der Arbeitnehmervertreter durch die Aufsichtsratsposten zu verhindern.
1982 wurde die erstmals 1955 veröffentlichte Zeitschrift Das Mitbestimmungsgespräch in Die Mitbestimmung umbenannt. Gleichzeitig stellte man auf eine Magazingestaltung mit großen Fotos und einem gestalteten Cover um.Jahresbericht 1981. Hans-Böckler-Stiftung, S. 40. Seit 1995 heißt die Zeitschrift Mitbestimmung.
1990–2000 1995 wurde mit dem 1946 als Wirtschaftswissenschaftliches Institut gegründeten Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Institut (WSI) eine erste Forschungseinrichtung in die Hans-Böckler-Stiftung integriert. Gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung richtete die Hans-Böckler-Stiftung 1996 eine Mitbestimmungskommission („Mitbestimmung und neue Unternehmenskulturen – Bilanz und Perspektiven“) ein, deren Abschlussbericht 1998 vorgelegt wurde. Die Kommission sollte „den Einfluss der Mitbestimmung auf unternehmerische Entscheidungen und ökonomische Effizienz, soziale Sicherheit und gesellschaftliche Solidarität“ untersuchen und eine Bestandsaufnahme der Mitbestimmungspraxis in Deutschland leisten. Eine Empfehlung der Kommission war laut dem wissenschaftlichen Leiter Wolfgang Streeck die „Etablierung eines kontinuierlichen, vertrauensvollen Dialogs auf Spitzenebene der Sozialpartner, um über die gemeinsame Beobachtung der Unternehmenspraxis zu mehr Konsens auch in Kernfragen der Sozial- und Tarifpolitik zu gelangen.“
Seit 2000 2005 gründete die Stiftung das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), mit dem Ziel, ein Gegengewicht zu von der Wirtschaft finanzierten Studien zu schaffen.Götz Hamann: Lautsprecher des Kapitals. In: Die Zeit vom 4. Mai 2005. Abgerufen am 14. August 2019. Das IMK gilt als eine der einflussreichsten wirtschaftspolitischen Denkfabriken der Welt.
In den Jahren 2005 und 2006 arbeiteten mehrere Experten der Hans-Böckler-Stiftung in der Kommission zur Modernisierung der deutschen Unternehmensmitbestimmung („zweite Biedenkopf-Kommission“) mit, die 2005 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder berufen wurde.
Am 1. September 2015 startete die Hans-Böckler-Stiftung mit dem Mitbestimmungsportal einen Informationsservice für Praktiker der Mitbestimmung.
Aus der Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung ging zum 1. Januar 2018 das Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) hervor. Gleichzeitig verstärkte sich die Stiftung um ein weiteres wissenschaftliches Institut: Das 2010 in Frankfurt am Main als Teil der Otto-Brenner-Stiftung gegründete Hugo-Sinzheimer-Institut für Arbeitsrecht (HSI) wurde Teil der Stiftung.
Zur Förderung der Wissenschaft vergibt die Hans-Böckler-Stiftung seit 2018 jährlich den Maria-Weber-Grant, der vier Wissenschaftler finanziell unterstützt. Die Grants dienen dazu, für ein bis zwei Semester eine Teilvertretung für die Lehrverpflichtungen der Geförderten zu finanzieren. Benannt ist der Preis nach Maria Weber, der ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des DGB. Weber war 1977 auch Mitglied des ersten Kuratoriums der Stiftung.Jahresbericht 1977. Hans-Böckler-Stiftung, abgerufen am 15. Juli 2019.
Organisation und Finanzierung Personal und Standorte Die Hans-Böckler-Stiftung hatte Ende 2021 etwa 220 Beschäftigte, die meisten am Standort Düsseldorf, dem Hauptsitz der Stiftung. Ferner hat die Stiftung Büros in Frankfurt (HSI) und Berlin (unter anderem die Forschungsstelle Arbeit der Zukunft).
Haushalt Der Haushalt des Geschäftsjahres 2017/18 hatte laut Jahresbericht 2018 ein Gesamtvolumen von 73,6 Millionen Euro. 61 Prozent der Stiftungseinnahmen speisten sich aus Zuwendungen von Förderern. So führten vor allem Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten, Arbeitsdirektoren sowie Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer gewerkschaftlicher Unternehmen – gemäß Beschluss des DGB-Bundesausschusses – Teile ihrer Vergütungen oder Einkünfte an die Hans-Böckler-Stiftung ab. Zudem erhält die Stiftung für die Vergabe von Stipendien zweckgebundene Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Dies waren im Geschäftsjahr 2017/18 rund 28,6 Millionen Euro bzw. 36,8 Prozent des Haushalts der Stiftung.
Leitung Die Stiftung wird von einem Vorstand geleitet. Die Vorsitzende des Vorstands ist die amtierende DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi (Stand 2022). Der Vorstand wird für die Dauer von drei Jahren gewählt. Zur Vorbereitung und Durchführung der Beschlüsse der Organe der Stiftung sowie zur Erledigung der laufenden Geschäfte bestellt der Vorstand ein hauptamtliches Leitungsgremium, das Direktorium. Zur Geschäftsführerin wurde im September 2021 Claudia Bogedan bestellt, die Norbert Kluge ablöste.
Der Vorstand wird von den Mitgliedern des Kuratoriums der Stiftung gewählt. Vorsitzende des Kuratoriums ist mit Stand von 2022 Elke Hannack (Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes). Die Mitglieder des Kuratoriums werden für vier Jahre vom DGB berufen.
Institute und Abteilungen Zur Hans-Böckler-Stiftung gehören vier wissenschaftliche Institute und zwei Förderabteilungen: die Forschungsförderung und die Begabtenförderung.
Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Institut (WSI)
Das WSI forscht zu Arbeit und Lebenswelt, Transformation der Arbeit, sozialer Ungleichheit und sozialen Risiken sowie dem Europäischen Sozialmodell. Das Institut stellt im WSI-Tarifarchiv eine umfangreiche Dokumentation und Auswertungen zu Aspekten der Tarifpolitik zur Verfügung.
Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)
Das IMK erforscht konjunkturelle Phänomene auf der Basis gesamtwirtschaftlicher Modellzusammenhänge. Dabei steht die empirische Forschung im Vordergrund. Sie stützt sich auf keynesianisch geprägte Ansätze der Wirtschaftstheorie. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Arbeit liegen im Bereich Konjunkturforschung, deutscher wie europäischer Finanz- und Steuerpolitik, Geldpolitik und gesamtwirtschaftlicher Arbeitsmarktforschung.
Hugo Sinzheimer Institut für Arbeitsrecht (HSI)
Das HSI mit Sitz in Frankfurt widmet sich in der Tradition des Namensgebers Hugo Sinzheimer, der nationalen und internationalen Forschung zum Arbeits- und Sozialrecht. Zu seinen Themen gehören unter anderem Fragen des IT-Arbeitsrechts, des Tarif- und Arbeitskampfrechts sowie der Mitbestimmung und des europäischen Arbeitsrechts in Form der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs.Homepage des HSI, abgerufen am 16. Dezember 2022
Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.)
Das I.M.U. berät Arbeitnehmervertreter in Aufsichtsräten zu Fragen der Aufsichtsratsarbeit, Wirtschaft und Recht, Personal und Sozialwesen sowie zu Aus- und Weiterbildung. Zudem forscht das Institut, etwa zum Zusammenhang zwischen nachhaltiger Unternehmensführung und Mitbestimmung. Mit Praxiswissen Betriebsvereinbarungen bietet das I.M.U eine große Datenbank mit Auszügen zu vielfältigen Themen in Betriebsvereinbarungen an.
Forschungsförderung Die Hans-Böckler-Stiftung fördert rund 100 Forschungsprojekte pro Jahr zu aktuellen Fragen und Problemen. Die Forschungsförderung initiiert und fördert wissenschaftliche Vorhaben an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu den Themenschwerpunkten Strukturwandel und Innovation, Mitbestimmung, Erwerbsarbeit, Wohlfahrtsstaat, Bildung in der Arbeitswelt und Geschichte der Gewerkschaften. Abgeschlossene Studien werden durch die Hans-Böckler-Stiftung veröffentlicht.
Begabtenförderung
Aufnahme in die Hans-Böckler-Stiftung