Als Synchronisation, Synchronisierung oder Dubbing bezeichnet man in der Filmproduktion das Herstellen eines zeitlichen Gleichlaufs zwischen Bild und Ton. Wird in der Postproduktion die sprachliche Ebene des Soundtracks nachbearbeitet, also eine nachträgliche Aufnahme von Dialogfragmenten oder aller Dialoge angefertigt und anschließend der Text mit dem Bild wieder in Übereinstimmung gebracht, so bezeichnet man diesen Prozess als Automatic Dialogue Recording (ADR) oder Sprachsynchron.Jörg Udo Lensing: Sound-Design, Sound-Montage, Soundtrack-Komposition: über die Gestaltung von Filmton. 2. Auflage. Schiele & Schön, Berlin 2009, ISBN 978-3-7949-0793-9, S. 142.
Die häufigste Bedeutung von Filmsynchronisation im alltäglichen Sprachgebrauch ist das nachträgliche Ersetzen aller Sprechteile durch Dialoge in einer anderen Sprache, die auf die Mundbewegungen und Gestik der Originalschauspieler abgestimmt sind. Es entsteht eine Synchronfassung, die den Film dem Publikum eines anderen Sprachraums zugänglich macht. In Deutschland werden nahezu alle fremdsprachigen Filme synchronisiert. In vielen anderen Ländern werden dagegen – überwiegend aus Kostengründen – Untertitel oder Voice-over bevorzugt, wie es auch z. B. in deutschen Nachrichtensendungen üblich ist.
Geschichte Ursprünge 1929 kam es zur ersten Synchronisation der Filmgeschichte: Der Film Erpressung von Alfred Hitchcock wurde zunächst als Stummfilm begonnen. Im Laufe der Produktion entschied man sich jedoch dafür, aus ihm den ersten englischen Tonfilm zu machen. Da das Englisch der tschechischen Schauspielerin Anny Ondra nicht gut genug war, aber Hitchcock nicht auf sie als Darstellerin verzichten wollte, ließ er ihren Part von der britischen Schauspielerin Joan Barry synchronisieren. Somit avancierte Joan Barry zur ersten Synchronsprecherin und Anny Ondra zur ersten fremdsprachig synchronisierten Schauspielerin der Filmgeschichte, wobei die Synchronisation noch direkt beim Dreh erfolgte: Ondra bewegte die Lippen, Barry sprach außerhalb des Bildes den Text.
Die nachträgliche Synchronisation fremdsprachiger Filme war in den ersten Jahren des Tonfilms aus technischen Gründen noch nicht möglich. Sollten Tonfilme im fremdsprachigen Ausland verbreitet werden, mussten Filmabschnitte oder der ganze Film zusätzlich in der jeweiligen Sprache gedreht werden. Manche Filme wurden doppelt gedreht, wie beispielsweise der österreichische Film aus dem Jahr 1933, Leise flehen meine Lieder, der ein Jahr später in englischer Fassung und unter dem Titel Unfinished Symphony mit leicht veränderter Besetzung neu produziert wurde. Andere Filme wurden gleich bei ihrer Produktion mit verschiedenen Darstellern gedreht, die die Szenen in einem Setting nacheinander spielten, wie beispielsweise der deutsche Hans-Albers-Film F.P.1 antwortet nicht (1932), der von Regisseur Karl Hartl mit unterschiedlichen Hauptdarstellern in deutscher, englischer und französischer Sprache gedreht wurde.
Nicht selbstverständlich war, dass die Zuschauer die relativ junge Technik der Synchronisation annehmen würden. Der Film- und Fernsehwissenschaftler Joseph Grancarz fasste dies im DLF Kultur zusammen, als „kulturelle(n) Lernprozess, bei dem das Publikum in gewissem Sinne vergessen können muss, dass derjenige, der spricht, eben nicht identisch ist mit demjenigen, den sie auf der Leinwand sehen“.
Bis ca. 1933 wurden Filme noch in Hollywood selbst synchronisiert, hierzu wurden Schauspieler engagiert, die ursprünglich zum Filmen von den oben genannten Mehrsprachenversionen nach Amerika kamen. Die Paramount synchronisierte ihre Filme erst in der französischen Stadt Joinville, bevor die ersten Studios in Deutschland gegründet wurden. Zu dieser ersten Welle der Synchronfirmen gehörten unter anderem die Tobis-Melofilm und Lüdtke & Rohnstein.
Nach 1945 In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete sich der deutschsprachige Filmmarkt zunehmend internationalen Filmwerken. Um ein möglichst großes Publikum im deutschsprachigen Raum anzusprechen, wurden die Filme häufig nicht nur übersetzt, sondern auch „inhaltlich angepasst“ (d. h. zensiert). Grund der Zensur waren in der Regel keine behördlichen Auflagen, sondern der Wunsch der beteiligten Unternehmen nach Profitmaximierung durch Anpassung an den vermeintlichen Publikumsgeschmack.Peter Mühlbauer: Zensynchronisation. Telepolis, 16. Juli 2009.
Technische Grundlagen und Entwicklung Lichtton mini|Filmbild mit Lichttonspur
Zu Beginn der Tonfilmära löste das neu entwickelte Lichttonverfahren den Nadelton (Ton von Schallplatten) ab. Bei der nachträglichen Tonnachbearbeitung wurde eine sogenannte Tonspur zwischen den Einzelbildern und den Perforationslöchern unmittelbar auf dem Filmstreifen fotografisch aufgebracht und ermöglichte somit eine synchrone Bild-/Tonpräsentation. Die direkte Bearbeitung des Filmmaterials bedeutete allerdings auch die Nicht-Trennbarkeit von Bestandteilen gemischter Tonspuren, weil der Ton nur als „Mix“ aufgenommen werden konnte. Daher mussten ganze Einstellungen im Studio neu nachvertont werden.
Bereits Mitte der 1920er Jahre entwickelte der deutsche Erfinder Carl Robert Blum Apparaturen, die zuerst Bild und Musik (sogenannte „Musik-Chronometer“) und später Bild und Ton (sogenannte „Rhythmographie“) synchron zusammensetzen sollten. Im Auftrag der Deutschen Universal wurden die Filme Kapitän der Garde und Im Westen nichts Neues mithilfe Blums neuen Patents synchronisiert, dabei wurden die Dialoge von Laufbändern vorgelesen, die die Sprechgeschwindigkeit vorgaben. Allerdings dauerte es noch knappe zwei Jahre, bis die Technik der Tonmisch- und Schnittverfahren genügend ausgereift war, um sich als Produktionsmethode zu etablieren. In Deutschland wandte man für die Nachsynchronisation vorwiegend die Rhythmographie an und setzte diese sogar teilweise noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein.
Magnetband mini|Drahtaufzeichnungsgerät
Die wichtigste Erfindung für die Nachvertonung war das Magnetband, das Mitte der 1930er Jahre von der deutschen Firma BASF weiterentwickelt wurde. Dieses bestand zu Anfang aus magnetisierbaren Drähten (von den damit arbeitenden Technikern scherzhaft „Schnürsenkel“ genannt), und nach der Entwicklung von flexiblerem Trägermaterial entwickelten sich die Drähte dann zu den so genannten Tonbändern.
In den 1940er Jahren hatte sich diese Technik gegen den rauschanfälligen Lichtton durchgesetzt.Peter Hoffmann: , deutsche-synchronsprecher.de, abgerufen am 10. April 2024. Anfänglich waren auch auf diesen Tonbändern die Dialoge, die Geräusche und die Musik zusammengemischt, für die Synchronisation musste der gesamte Filmton für einen fremdsprachigen Film neu aufgenommen werden. Die „Stereo“-Aufnahme bedeutete keine Zerlegung der einzelnen Tonquellen, der Ton befand sich dabei nur auf einem zweikanaligen Band und diente so der Klangoptimierung, die zu einer besseren Raumauflösung („Ortbarkeit“) führte. Bekannte Beispiele dafür sind die Filme Westwärts zieht der Wind (Paint Your Wagon, 1969) und Toll trieben es die alten Römer (A Funny Thing Happened on the Way to the Forum, 1966), deren deutsche Synchronfassung auch auf der DVD-Veröffentlichung nur im Mono-Ton verfügbar ist – im Gegensatz zum Stereo-Ton des englischen Originals. Bei Prestigefilmen hingegen achtete man meistens schon bei der Abmischung von Musik und Geräuschen in Stereo auf eine separate Dialogspur, damit diese im Ausland auch separat ersetzt werden konnte, wie beispielsweise bei Ben Hur aus dem Jahre 1959.
Nach der Entwicklung von Mehrspurrekordern wurden Dialoge, Geräusche und Musik getrennt auf einzelnen Spuren aufgezeichnet und zum fertigen Filmton abgemischt. In der internationalen Distribution von Filmen wird dann auf den zur Verfügung gestellten Bändern nur die originale Dialogspur ersetzt durch den im Studio aufgezeichneten landessprachlichen Dialog. Andere Spuren werden mitgeliefert und zur Herstellung des „Mix“ übernommen, das man bis heute als Internationale Tonspur oder „IT-Band“ () bezeichnet.
Seit den 1980er Jahren hat sich der technische Begriff Automatic Dialogue Recording (ADR) für das Nachsynchronisieren eines Films verbreitet, egal ob es sich um den Ersatz schlechter Originaltonaufnahmen oder um das Übersetzen in eine andere Sprache handelt. Für die Aufnahmen wurden die Dialogszenen des Films in mehrere Sekunden lange Sequenzen, sogenannte Takes, unterteilt und zur Endlosschleife zusammengeklebt. Die Synchronsprecher konnten ihren Text so oft zu den Loops einsprechen, bis der Dialog synchron zum Bild war.
Digitale Technik mini|250px|Digitales Mischpult
Auch nach Einzug der elektronisch gesteuerten Videotechnik Mitte der 1990er Jahre, die Tonbandaufnahmen allmählich durch digitale Medienspeicher ersetzte, behielt man die Schleifentechnik bei. Das digitale Tonaufnahmeverfahren hat den Arbeitsprozess vereinfacht und beschleunigt, so dass mittlerweile fast doppelt so viele „Takes“ pro Tag bearbeitet werden (früher 120 bis 170, heutzutage zwischen 200 und 250).
Mitunter müssen keine Geräusche eingespielt werden, da auf den vollcomputerisierten Mischpulten große Archive mit unterschiedlichsten Geräuschen und entsprechenden Klangeffekten abgespeichert sein können.Thomas Bräutigam: Stars und ihre Stimmen – Lexikon der Synchronsprecher (2009) S. 38–39.
Arbeitsschritte bei der Herstellung einer Synchronfassung Vorarbeit Neben der Originalfassung wird vom Filmtoningenieur zusätzlich eine internationale Tonfassung (IT, oder englisch M&E für „Music & Effects“) eines Films hergestellt, die alle Tonelemente mit Ausnahme von Sprache enthält. An entsprechenden Stellen müssen daher alle Sprache enthaltenden Tonspuren stummgeregelt werden; davon sind ggf. auch Geräuschanteile betroffen, die Bestandteil des beim Filmdreh aufgenommenen Originaltons sind; diese müssen anschließend mit Atmo und Geräuschen aufgefüllt werden. Bei hochbudgetierten Filmproduktionen sowie bei Kinderfilm|en werden manchmal auch einzelne originalsprachliche Bildanteile (Hinweisschilder, abgefilmte fiktive Texte etc.) im Bild in die Zielsprache übersetzt.
Bei Spielfilmen wird mittlerweile zumeist auch ein sogenannter Optional-Track mit beigelegt, der Teile der Original-Sprachvertonung beinhaltet, die dramaturgisch opportun erscheinen. So besteht bei der Synchronisation die Möglichkeit, bestimmte Dialoganteile wahlweise zu synchronisieren oder aber im Original zu belassen. Dies bietet sich besonders an, wenn Drittsprachen ins Spiel kommen, beispielsweise wenn Teile der Handlung in einem fremden Land stattfinden und die Protagonisten selbst die dortige Sprache nicht verstehen. Ein weiterer Fall sind einzelnen Szenen, in denen gesungen wird und dies evtl. nicht in die Synchronsprache übertragen werden kann oder soll. Bei Szenen, in denen die Originalschauspieler selbst eine Dritt- oder Fantasiesprache sprechen (zumeist mit Untertiteln), kann dank des Optional-Tracks der Originalton beibehalten werden; zwecks stimmlicher Kontinuität können aber die Synchronsprecher diese Szenen auch aufnehmen und dabei diese Drittsprache nutzen bzw. imitieren, oder in dramaturgischer Abweichung zur Originalfassung die Synchronsprache verwenden.
Auftraggeber wie Filmverleiher oder Fernsehsender kaufen einen Film mit der dazugehörigen IT-Fassung vom Filmproduzenten und holen üblicherweise Angebote von verschiedenen Synchronfirmen mittels einer Ausschreibung ein. Oft sind dabei nicht nur die Kosten ausschlaggebend, sondern auch die angebotene Besetzung; insbesondere bei namhaften Schauspielern wird heutzutage mehr Wert auf Kontinuität gelegt, so dass sogenannte Stammsprecher eingesetzt werden.
Übersetzung in die Zielsprache