Lisel Mueller (geboren als Elisabeth Annedore Neumann am 8. Februar 1924 in Hamburg; gestorben am 21. Februar 2020 in Chicago) war eine deutschamerikanische Dichterin und Übersetzerin. Als erste und bisher einzige in Deutschland geborene Dichterin erhielt Lisel Mueller 1997 den Pulitzer-Preis für Dichtung.Benno Schirrmeister: Aus Nazi-Deutschland geflohene Lyrikerin: Die Dichterin der zweiten Sprache. In: Die Tageszeitung vom 2. Januar 2019, S. 15–16.

Leben Kindheit und Jugend Lisel Muellers Eltern waren der Reformpädagoge Fritz C. NeumannFritz C. Neumann, in: Catherine Epstein: A past renewed : a catalog of German-speaking refugee historians in the United States after 1933. Cambridge: Cambridge University Press, 1993, S. 230–232 (Google-Books) (1897–1976) und die Lehrerin Ilse Burmester (1899–1953). Fritz C. Neumann war von 1923 bis 1930 Lehrer an der Lichtwarkschule und danach an einem Hamburger Realgymnasium.Karl-Heinz Fuessl: Fritz C. Neumann (1897–1976) – ein radikaler deutscher Pädagoge als Emigrant in Europa und den USA (1999). In: Jahrbuch für historische Bildungsforschung, Heft 5, 1999 S. 225–246PDF-Datei, S. 227–248Fritz C. Neumann typescript – Memoirs of a contemporary, bei Hoover Institution Archives Zugleich engagierte er sich beim Aufbau der klandestinen Marxistischen Abendschule. Er wurde nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 als eines der ersten politischen Opfer des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im Mai aus dem Schuldienst entlassen. Nach vergeblichen Versuchen, in Frankreich und England angestellt zu werden, und einer kurzzeitigen Beschäftigung in einem Hamburger Steuerberaterbüro wurde Neumann 1935 von der Gestapo verhaftet. Nach wenigen Tagen Haft im KZ Fuhlsbüttel freigelassen, ging er nach Italien, um dort als Lehrer an Exilschulen für jüdische Kinder zu arbeiten.

Elisabeth durfte ihn im ersten Sommer dorthin begleiten und erlebte 1935 in der Arena von Verona ihre erste Opernaufführung, Cavalleria Rusticana, ein Erlebnis, das sie in einem 54 Jahre später im Band Waving From Shore veröffentlichten Gedicht gleichen Titels verarbeiten sollte. Nachdem im September 1937 Fritz C. Neumann dank Affidavit und einer auf ein Jahr befristeten Anstellung die Einreise in die USA gelungen war, gelang es der allein mit den Töchtern in Hamburg zurückgebliebenen Mutter Ilse, als Aushilfslehrerin an einer Volksschule die künftige Dichterin und ihre vier Jahre jüngere Schwester Ingeborg durchzubringen. Der Familiennachzug wurde möglich, nachdem Neumann 1938 eine Festanstellung am Evansville College in Evansville (Indiana) erhalten hatte. „Im Juni 1939, drei Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, folgten wir ihm in die Vereinigten Staaten“,Lisel Mueller: Return. In dies.: Learning To Play By Ear. Juniper Press, Lacrosse 1990, S. 38. hielt Mueller 1983 in dem autobiografischen Essay Return fest. Auf der Passagierliste der Hansa, die am 1. Juni 1939 in Hamburg ablegte, firmierte Mueller noch als Elisabeth;List or Manifest of Alien Passengers for the United States, SS Hansa, June 1st 1939, Spalte 3, Zeile 4. in späteren Dokumenten wird sie stets als Lisel bezeichnet. Mehrfach schilderte Mueller später in ihrer Prosa und in ihren Gedichten ihre Hamburger Schulzeit als geprägt durch ständig lauernde Gefahr, quälende Fahnenappelle und die Angst, in der Schule den Verbleib des Vaters zu verraten. Zugleich bekannte sie in ihren Texten auch ihre Faszination für eine komplett dem Hitlerismus verfallene Lehrerin, die sie als „sexless divinity“ erlebt habe.Lina Falivena/Benno Schirrmeister: So far, so good. Die vergessene Pulitzer-Preisträgerin Lisel Mueller. Ausstellungstext .

Anfänge in den USA Zu Beginn des akademischen Jahrs 1942/43 wurde Lisel Neumann am College von Evansville immatrikuliert, wo sie im Frühjahr 1944 ihren B.A. in Soziologie ablegte. Zugleich lernte sie dort Paul E. Mueller (1923–2001) kennen. Die beiden heirateten am 15. Juni 1943. Als Wehrpflichtiger musste ihr Mann unmittelbar danach an die Front. Eingesetzt wurde er auf Adak, einer Aleuten-Insel,Lisel Mueller: Paul Edward Mueller 1923–2001. (2001) S. 3, zitiert in: Lina Falivena/Benno Schirrmeister: So far, so good. Die vergessene Pulitzer-Preisträgerin Lisel Mueller. Ausstellungstext eröffnet am 9. August 2019. wie es in einer unveröffentlichten biografischen Skizze Lisel Muellers heißt. Nach dem Krieg legte Paul E. Mueller zunächst einen B.A. in Musikwissenschaft am neuen Roosevelt-College in Chicago ab. Ab 1948 studierte das Ehepaar in Bloomington, Indiana: Er wirkte als Assistent bei Paul Nettl an dessen Forgotten Musicians mitPaul Nettl: Forgotten Musicians, New York 1951, S. VI () und erlangte mit einer Arbeit über den Einfluss englischer Musiker auf die kontinentale Musik des 16. und frühen 17. Jahrhunderts 1954 seinen PhD-Abschluss.Paul Edward Mueller: The influence and activities of English musicians on the continent during the late sixteenth and early seventeenth centuries. 2. Bde. Hss. Indiana University, Ann Arbor Microfilm 1954. Lisel, die halbtags in der städtischen Bücherei arbeitete, war in Vergleichender Literaturwissenschaft eingeschrieben. Sie belegte dort insbesondere Kurse bei Märchenforscher Stith Thompson.

Nach dem Tod von Ilse Neumann Anfang Juni 1953 zog das Paar zu Lisels verwitwetem Vater nach Evanston (Illinois); Paul E. Mueller fand eine Anstellung als Lektor im Jura-Fachverlag Commerce Clearing House in Chicago, bei dem er bis zur Pensionierung angestellt blieb. In Reaktion auf den Tod der Mutter begann Lisel Mueller zu dichten. , heißt es im Gedicht Curiculum Vitae (1992). Dafür eignete sie sich im Selbststudium Kenntnisse der amerikanischen Lyrik und technische Mittel an.Jan-Paul Koopmann: "Die Mutter stirbt. Die Sonne lacht" Interview mit Benno Schirrmeister zur Lisel Mueller-Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus. Bremerhaven, taz.die tageszeitung, Nord, 6. August 2019, S. 23. Zugleich arbeitete sie in unterschiedlichen Anstellungen, unter anderem als Sprechstundenhilfe in einer Hals-Nasen-Ohrenarztpraxis, wie sie im Essay Learning to Play By EarLisel Mueller: Learning To Play By Ear. Juniper Press, Lacrosse 1990, S. 37. festhielt. 1958 bauten sich die Muellers ein Haus in Lake Forest, Illinois und zogen dorthin um. Im nördlichen Umland von Chicago knüpften sie Kontakte zu anderen musisch Interessierten. Laut dem Essay Learning to Play by Ear entstand dort „eine Gruppe von Dichtern, die sich regelmäßig trifft“ und so erheblich zu ihrem Werdegang beitrug. Zu diesem Freundeskreis soll von Anfang an auch der Schriftsteller Felix Pollak gehört haben.Reinhold Grimm, Felix Pollak: Das Übersetzen deutscher Gedichte. In: Gießener Universitätsblätter. 2/1987, S. 54. Ihr erstes Gedicht veröffentlichte Lisel Mueller 1957 in der Quarterly Review of Literature,Princeton University: Quarterly Review of Literature (QRL) Archives 1943–2000 im Jahr darauf folgten Veröffentlichungen in PoetryPoetry, April 1958, S. 21–24 und im The New YorkerThe New Yorker, May 24, 1958, S. 38. Im Abstand von etwas über drei Jahren brachte Mueller ihre zwei Töchter zur Welt:Lina Falivena/Benno Schirrmeister: So far, so good. Die vergessene Pulitzer-Preisträgerin Lisel Mueller. Ausstellungstext eröffnet am 9. August 2019. im Dezember 1958 Lucy, die heute als freischaffende Fotografin in Chicago arbeitet,www.Lucymuellerphotography.com und im Februar 1962 Jenny, die Dichterin ist und an der McKendree University, Lebanon (Illinois), Englisch lehrt.McKendree University,www.mckendree.edu

Karriere und Alltag 1965 veröffentlichte Mueller ihren ersten Gedichtband, Dependencies, der mit dem Robert M. Ferguson Memorial Award ausgezeichnet wurde.Heinz Dietrich Fischer und Erika J. Fischer: Complete Biographical Encyclopedia of Pulitzer Prize Winners, 1917–2000: Journalists, Writers and Composers on Their Ways to the Coveted Awards. Saur, München 2002, S. 173a. Auch übernahm sie als freelancer die Arbeit einer Lyrik-Rezensentin für die Tageszeitung Chicago Daily News, die sie bis zu deren Einstellung 1978 wahrnahm. Ihre in einem sogenannten Chapbook einzelveröffentlichte apikulturelle Fantasie The Life of A Queen wurde 1990 von Donald Grantham für Sopran, Harfe und Orchester in Musik gesetzt und in New York uraufgeführt.James R. Oestreich: Florilegium's Zoological Analogies. In: New York Times. 17. Juni 1990, S. 52. Sie zog die Töchter groß und nahm 1971 den nach einem missglückten Versuch der Rückkehr nach Hamburg und einem kleinen Schlaganfall mehr und mehr der Pflege bedürftigen VaterFritz C. Neumann: Memoirs of a Contemporary. Typoskript, Anmerkung auf dem zweiten Deckblatt von L.M., Hoover Institution Archives bis zu dessen Tod am 14. April 1976 bei sich auf. Spuren dieser Jahre finden sich in Gedichten wie Another Version, das zuerst 1977 im Chap-Book Voices from Forest erschien:

As in a Russian play, an old man lives in our house, he is my father; he lets go of life in such slow motion, year after year, that the grief is stuck inside me, a poisoned apple that won't go up or down …

Gleichzeitig gestaltete Mueller das literarische Leben Chicagos mit: Sie gründete mit Paul Carroll und Mark Perlberg 1973 das Chicago Poetry Center, das im Herbst 1973 mit einer gemeinsamen Lesung von Allen Ginsberg und William Burroughs eröffnet wurde.Chicago Poetry Center: Brief History Ihre Essays und Gedichte wurden in einer wachsenden Zahl Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, so im Chicago Review, in Ploughshares, im New England Review, in Poetry oder auch in Poetry Northwest, von der sie 1974 und 1977 den Helen Bullis PrizeEuropa Publications (Hrsg.): International Who’s Who of Authors and Writers, Taylor & Francis Group, London, New York 2004, S. 399b., elf Jahre später den Theodore Roethke Prize verliehen bekam.Poetry Northwest: Theodore Roethke Prize & Richard Hugo Prize – Past Recipients Ihr längstes Gedicht, Triumph of Life: Mary Shelley, im Sommer 1976 in der Virginia Quarterly Review veröffentlicht,Lisel Mueller: The Triumph of Life: Mary Shelley in: The Virginia Quarterly Review, 52(3), S. 400–406, abgerufen am 11. August 2019 (). erhielt deren Emily Clark Balch Award. Bereits vor seinem Erscheinen wurde Muellers Gedichtband The Private Life 1975 mit dem Lamont Poetry Prize der Academy of American Poets ausgezeichnet, mit dem jeweils das zweite Buch einer Dichterin oder eines Dichters geehrt wird.Academy of american poets: Website poets.org Der Preis war damals zwar noch nicht dotiert, verschaffte Mueller aber erstmals Wahrnehmung in der Literaturszene der gesamten USA. Lesereisen führten sie durchs ganze Land. Zudem begann Mueller eine rege Lehrtätigkeit: Als Gastprofessorin unterrichtete sie am Goddard College in Plainfield (Vermont), an der University of Chicago und am Warren Wilson College, Swannanoa (North Carolina). Zur Poet in Residence ernannten sie die Universitäten Washington, Wichita State Missouri-Kansas City sowie das Elmhurst-College.William Sylvester: Mueller, Lisel. In: Encyclopedia.com. 11 Aug. 2019 https://www.encyclopedia.com/.

Ruhm und Alter