Als Exerzitien auf der Straße oder Straßenexerzitien werden geistliche Übungen in der Tradition der ignatianischen Exerzitien bezeichnet, die nicht in einem Tagungshaus, in einem Kloster oder Exerzitienhaus stattfinden. Die Übenden gehen vielmehr dazu in den öffentlichen Raum, oft in soziale Brennpunkte, um „am anderen, ungewöhnlichen und ungewohnten Ort Gott zu suchen“.Maria Jans-Wenstrup, Klaus Kleffner: Exerzitien am anderen Ort: Straßenexerzitien als geistliche Erfahrung durch fremde Orte. In: Lebendige Seelsorge 68 (2013), September Heft 3, S. 215–220. Auf diese Weise soll und kann die Begegnung mit jedem Nächsten als dem Ebenbild Gottes gefördert werden. Die Straßenexerzitien-Bewegung geht auf den Jesuiten Christian Herwartz (1943–2022) zurück, der Ende der 1990er-Jahre erstmals Exerzitien auf der Straße durchführte. Die Bewegung ist als Netzwerk organisiert und nicht institutionalisiert oder kirchlich bezuschusst. Die Exerzitien dauern in der Regel 10 Tage. Es gibt Angebote für spezielle Gruppen sowie interreligiöse Angebote mit Buddhisten und Muslimen.
Geschichte Basis für die Entstehung der Straßenexerzitien war eine offene Wohngemeinschaft in der ehemaligen Jesuiten-Statio in Berlin-Kreuzberg, die Menschen mit sozialen und religiösen Fragen Hilfestellung anbot. Christian Herwartz, der zur Gruppe der Arbeitergeschwister gehört und von 1975 bis 2000 als Industriearbeiter tätig war, lebte als letzter Jesuit bis 2016Ein Tisch … als Zeichen der Gemeinschaft auf der Webseite naunyn. Leben in einer interkulturellen und interreligiösen Jesuiten-Kommunität in Kreuzberg (abgerufen am 27. November 2019). in dieser Wohngemeinschaft, die gegenwärtig (April 2023) noch immer existiert. Diese Statio war von der Norddeutschen Provinz der Jesuiten als ein spirituelles Experiment für die Begegnung mit der Unterschicht der Gesellschaft in direkter Nähe der damaligen Berliner Mauer gegründet worden und erschien damit für diese speziellere Form ignatianischer Spiritualität prädestiniert.Christian Herwartz (Hrsg.): Gastfreundschaft. 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße, im Selbstverlag, Berlin-Kreuzberg 2004.
mini|Francisco Zurbaran (1598–1664): Ignatius von Loyola (* 1491 auf Schloss Loyola bei Azpeitia, Königreich Kastilien; † 31. Juli 1556 in Rom). Mitte der 1990er Jahre klopften einige interessierte Menschen in dieser Wohngemeinschaft an, um dort ihre jährlichen Geistlichen Übungen nach Ignatius von Loyola durchzuführen. Trotz der Bedenken wegen des fehlenden Stilleraumes und der häufigen Turbulenzen in der Wohngemeinschaft ging Christian Herwartz aus seinem Prinzip der Offenen Tür und der Gastfreundschaft auf diese Anfragen ein. Er konnte sich aber nicht vorstellen, dass unter den Bedingungen dieser experimentellen Jesuiten-Statio jemand Aufmerksamkeit üben und innerlich hörend werden konnte. Aber die abendlichen Gespräche zeigten ihm, dass es möglich war, Exerzitien auch in der Naunynstraße zu praktizieren. Wie jemand dort in eine innere Stille kommen konnte, blieb ihm unerklärlich. Diese Erfahrung wurde allerdings sein wesentlicher Impuls und Eckstein der weiteren Entwicklung zu den Exerzitien an sozialen Brennpunkten, den späteren Exerzitien auf der Straße.Christian Herwartz: Das Geschenk der Straßenexerzitien auspacken. In: Geschwister erleben. (Zweites Textbuch der Wohngemeinschaft Naunynstraße).
mini|Thomaskirche in Kreuzberg, eine der größten Kirchen Berlins: Die kleine Tür am rechten Rand führt zu den Räumen der caritativen Arbeit. Im Herbst 1997 kam der externe Exerzitienbegleiter Alex Lefrank SJ zu Christian Herwartz mit dem Anliegen, Exerzitien in der Kommunität Naunynstraße zu machen. Alex Lefrank (Jahrgang 1932) hatte bereits viele Exerzitienbegleiter ausgebildet und seit 1972 zahlreiche Fachartikel zu dem Thema Exerzitien geschrieben. Allerdings war er mit seinen Bemühungen der Verbesserung der Verzahnung von Glauben und Gerechtigkeit im Jesuitenorden unzufrieden und fühlte sich gescheitert. Daraufhin willigte Christian Herwartz ein.
Als ein drittes Anliegen wollte Alex Lefrank einen Exerzitienkurs auf den Straßen des Berliner Stadtteils Kreuzberg anzubieten. Christian Herwartz hatte nach wie vor Bedenken, ob die Wohngemeinschaft der richtige Ort sein könnte. Die im Sommer nicht benötigte Wärmestube für Obdachlose der evangelischen St. Thomasgemeinde bot sich als Unterkunft an. Daraufhin schrieben beide einen Kurs aus:
Geistliche Übungen in Berlin-Kreuzberg - 10.7. abends bis 19.7.1998 morgens.Christian Herwartz: Der Anstoß durch einen älteren Bruder. In: Auf nackten Sohlen. Exerzitien auf der Straße. (= Ignatianische Impulse Band 18), Echter Verlag, Würzburg 2006, ISBN 3-429-02839-6, S. 47.
Auf dieses Experiment der Urexerzitien auf der Straße ließen sich neben den beiden Begleitern drei weitere Jesuiten ein.Christian Herwartz: Das Geschenk der Straßenexerzitien auspacken. In: Geschwister erleben. (Zweites Textbuch der Wohngemeinschaft Naunynstraße).
mini|‚Heilige Höhle‘ (Santa Cova). mini|Pont Vell über den Fluss Cardener in Manresa und die Cova de Sant Ignasi. Der Impuls zu diesem Experiment stammte vom Ordensgründer Ignatius von Loyola selbst. Auch dieser hatte seine ersten Exerzitien auf den Straßen entdeckt. Vom 25. März 1522 bis Anfang/Mitte Februar 1523 wohnte er in größter Armut in einer vom Fluss ausgespülten Höhle am Cardener bei Manresa in Katalonien und begegnete den Menschen dieser Stadt nur auf der Straße. Während dieser Zeit erspürte er in sich diese Entwicklung, welcher wir in seinem Exerzitienbuch nachgehen und diese damit auch noch heute nachvollziehen können, sogar am Ursprung dieses Geistlichen Impulses: Über der ‚Heiligen Höhle‘ (Santa Cova) ist der umfangreiche Gebäudekomplex der Cova de Sant Ignasi mit einer barocken Kirche und einem großen klassizistischen Kloster mit einem Exerzitienhaus entstanden.
Einen weitaus größeren Rahmen erhielt dieser ignatianische Impuls bei der Jahresversammlung der Exerzitienwerke der katholischen Bistümer im Sommer 2000. Dort wurde die Beziehung von spirituellen und sozialen Fragen erörtert. Als Bezug zur Praxis halfen die etwa fünfzig Teilnehmer in kleinen Gruppen einen Tag lang in den sozialen Einrichtungen von Hamburg. Eine der kleinen Gruppen ging einzeln durch die Stadt und suchte soziale Brennpunkte auf. In der (gespielten) Rolle des/der Obdachlosen konnten auch die diskriminierenden Erfahrungen von gesellschaftlicher Ausgrenzung, Abgrenzung und Ablehnung bis hin zur Ignoranz gemacht werden. Aus den Zeugnissen der Betroffenheit bei der abendlichen Austauschrunde entwickelte sich der Impuls für die Exerzitien auf der Straße weiter. So entstand aus dem einen Tag in Hamburg kurz darauf ein zehntägiger Kurs in Berlin.
Weitere Kurse folgten, 2000 mit einer Gruppe von Ordensschwestern zum ersten Mal als ein offen ausgeschriebenes Angebot; in diesem Kurs wurde der Begriff „Exerzitien auf der Straße“ formuliert, während Herwartz noch von „Exerzitien an städtischen Brennpunkten“ sprach.Christian Herwartz: Exerzitien in städtischen Brennpunkten. In: Geist und Leben 74 (2001), S. 269–302, hier S. 300, zitiert bei Michael Johannes Schindler: Gott auf der Straße. Berlin 2016, S. 40. Im selben Jahr wurde Christian Herwartz arbeitslos und widmete sich dann als Rentner verstärkt der Tätigkeit als Exerzitienbegleiter. 2009 wurden neun Kurse durchgeführt. Ehemalige Teilnehmer aus verschiedenen christlichen Konfessionen bieten inzwischen selbst Exerzitien auf der Straße an. Kurse fanden seitdem in Deutschland, Belgien, Frankreich, Schweiz, Österreich, Kosovo, den Niederlanden, Texas, Kanada und Taiwan statt.
Spezielle Angebote richten sich an Zielgruppen wie Studierende, Paare, an Jugendliche oder Strafgefangene. Auch Kurse nur für Frauen oder nur für Männer wurden durchgeführt. Ab 2019 fanden auch Kurse interreligiös, zusammen mit Buddhisten und Moslems, als Retreats auf den Straßen statt.strassenexerzitien.de: Ankündigung von interreligiösen Exerzitien auf den Straßen, Mai 2019, abgerufen am 28. November 2019.
Die „Straßenexerzitienbewegung“ ist wie ein Netzwerk organisiert und hat keinen festen institutionellen Rahmen, sie verfügt nicht über feste kirchliche Zuschüsse oder über hauptamtliche Kräfte. Die Begleiter treffen sich seit 2008 jährlich, um die Kursgestaltung systematisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Das Ziel besteht nach der Beobachtung der taz darin, „sich für diese geistigen Übungen nicht ein paar Tage lang in ein ruhiges Kloster mit Vollpension in einer idyllischen Landschaft zurückzuziehen. Sondern genau das Gegenteil zu versuchen: eine Meditation, eine Reflexion, vielleicht sogar das Erlebnis einer Gottesnähe im Lärm, im Dreck und im Elend der Großstadt zu suchen“.taz.de: Das Heilige auf der Straße. Praktizierte Nächstenliebe in Berlin, 16. April 2016.
Ablauf Die zehntägigen Exerzitien beginnen gewöhnlich am Freitagabend und enden am Sonntagnachmittag. Die Tage haben einen festen Rhythmus: Gemeinsames Morgengebet oder Morgenimpuls, gestaltet von den Teilnehmern. Nach dem Frühstück gehen die Teilnehmer einzeln und aufmerksam auf selbst gewählten Wegen durch die Stadt. Die Exerzitienleiter geben dazu als Anregung eine Liste von konkreten Orten, wo Armut, Not oder Fremdheit zu spüren seien und die sonst oft gemieden würden. Ausgehend von dem Bibelwort von der Aussendung der Jünger durch Jesus begeben sich die Teilnehmer ohne ihnen gewohnte Sicherheiten quasi als Pilger auf die „Straße“ hinaus, beispielsweise in gesellschaftliche Brennpunkte, unter Drogenabhängige, ins Arbeitsamt oder in eine Moschee. Sie setzen sich den Orten und den Menschen aus, denen sie im öffentlichen Raum begegnen, etwa an einem Denkmal, einer Gedenkstätte, an einem Flussufer oder anderswo. Der zeitweise Rückzug in einen geschützten Ort, etwa eine Kirche, ist möglich. Die Gruppe kommt erst am Abend wieder zusammen zu Eucharistiefeier oder Gottesdienst, gestaltet von den Begleitern, dann findet ein Abendessen statt. Danach findet ein verpflichtendes Gespräch in der Kleingruppe mit der Exerzitienbegleiterin und dem Exerzitienbegleiter statt. Die Teilnehmer tauschen sich über das aus, was sie von der Straße mitgebracht haben, die Begleiter achten auf eine gegenseitig unterstützende, nicht wertende Resonanz. Über das Gesagte wird Stillschweigen vereinbart.Als konkrete „Sehhilfen“ geben die Begleiter einen geistlichen Rahmen aus den Begriffen Einsatz, Sensibilität für Gerechtigkeit, interreligiöser Dialog, Leben aus der heiligen Schrift und christlicher Auferstehungsglaube. Diese geistliche Ebene unterscheidet die Gruppe von einer Selbsterfahrungsgruppe. Die Übenden gehen den Erfahrungen nach, bei denen sie sich persönlich angesprochen fühlten , bedenken sie im Laufe der Nacht und suchen solche Orte nochmals auf. Am Freitagabend beginnt der Ausstieg aus den Exerzitien in einem besonderen Gottesdienst mit dem Ritus der Fußwaschung ( und ), bei dem die Teilnehmer sich nach dem Vorbild Jesu und der Maria Magdalena schweigend gegenseitig die Füße waschen und salben. Die Teilnehmer werden „am Ende eines langen Tages, an dem sie mit ihren Füßen die Stadt wahrnahmen, […] konfrontiert mit dieser intensiven Erfahrung von Nähe und auch Scham.“
Rahmenbedingungen 8 bis 10 Teilnehmer werden von zwei Männern und zwei Frauen begleitet. Die Teilnehmer wohnen gemeinsam unter einfachen Bedingungen an einem einfachen Ort, den sie als „Pilger-Herberge“ bezeichnen, anfallende Arbeiten werden gemeinsam erledigt. Einzig das tägliche Gespräch am Abend ist für die Teilnehmer verpflichtend. Ansonsten ist die Beteiligung freiwillig, der Rückzug Einzelner wird akzeptiert und von der Gruppe mitgetragen. Die Kurse werden unentgeltlich angeboten; alle Beteiligten engagieren sich ehrenamtlich, anfallende Kosten für Lebensmittel werden geteilt. Die Begleiter – die bewusst nicht als „Exerzitienleiter“ oder gar „Exerzitienmeister“ auftreten – bekommen kein Honorar, allenfalls Fahrtkosten ersetzt.