mini|hochkant=1.5|„Die Quadratur des Pelzes“ (Cora Fisch, 2018)
Pelzkunst, der Pelz als Material der Kunst, trat außerhalb des Handwerks wesentlich erstmals im Jahr 1936 mit der als Déjeuner en fourrure („Frühstück im Pelz“) betitelten Pelztasse der Meret Oppenheim in der Bildenden Kunst in Erscheinung. Zuvor gab es vor allem Pelzmosaiken, künstlerisch gestaltete Bilder aus Fell aus Kreisen des Kürschnerhandwerks. Neben Kunstwerken mit dominierendem Fell findet sich der Pelz gelegentlich als kleine Beigabe zu Werken anderen Materials. Ein Beispiel ist die im Düsseldorfer K 20 ausgestellte „Venus mit Schubladen“ (1936/1946) von Salvador Dalí, ein Bronzeguss in gipsartiger Fassung mit Pompon-Griffen aus Nerzschweif-Fell.Vénus de Milo aux tirois, 1936/1946. Objektbeschreibung Kunstsammlung-Nordrhein-Westfalen.Simon Fujiwara: White Day. Anlässlich einer Ausstellung über Kunst mit Pelz 1971 in New New York schrieb deren Direktor: „Heute tragen viele junge Menschen Federn und Pelze/Felle, und viele Künstler und Handwerker arbeiten mit diesen Materialien“.Paul J. Smith. In: Furs & Feathers. Museum of Contemporary Crafts of The American Crafts Council, New York City. Katalog zur Ausstellung vom 23. Januar bis 28. März 1971 (englisch).
Der englische Künstler Simon Fujiwara zeigte 2016 in Tokyo eine Serie aus Teilen zertrennter Pelzkleidung, bei der auf der Lederseite das bei der Pelzherstellung entstandene Patchworkmuster sichtbar wurde.Artmap: Simon Fujiwara - White Day. Tokyo Opera City Art Gallery, Ausstellung vom 16. Januar bis 27. März 2016. Zuletzt abgerufen am 5. November 2018.
Die Haas Brothers (Zwillinge, Nikolai und Simon Haas, * 1984) sind amerikanische Künstler, die für ihre die Grenze zwischen Kunst und Design verwischenden skulpturalen Arbeiten bekannt sind. Sie arbeiten, Stand 2014, in Los Angeles, Kalifornien. Zu ihren figürlichen Werken gehört eine größere Anzahl als „Beasts“, Biester bezeichnete Fabelwesen, deren Körper aus Pelz bestehen. Durch die Kombination mit hochwertigen Materialien wirken ihre Kreationen entsprechend wertig, trotz ihrer humorvollen Anmutung. In ähnlicher Art gestalteten sie Sitzgelegenheiten, vom pelzbezogenen Hocker bis hin zum Sofa. Die verwendeten Fellarten sind mannigfaltig. Ein als „Unique Tannery Pearson (Mini Beast)“ angebotenes Objekt aus dem Jahr 2014 mit ziegenartigen Ebenholzhörnern und barocken verschnörkelten und vergoldeten Bronzebeinen hat beispielsweise einen Rumpf aus zobelähnlichem Ziegenfell.www.artnet.com: The Haas Brothers American Unique Tannery Pearson (Mini Beast), 2014. Zuletzt abgerufen am 25. Oktober 2019.
Nicole Wermers (* 1971), eine deutsche Installationskünstlerin, zeigte 2015 in der Londoner Herald Street Gallery ein Werk, bestehend aus 9 Stahlrohrstühlen, über deren Rückenlehnen jeweils eine Fuchsjacke gehängt war. Die Stühle waren Repliken der für Thonet entworfenen Sitzmöbelklassiker des Designers Marcel Breuer, die Jacken verschiedener Fuchsarten hatte sie im Internet erstanden. Jonathan Faiers schrieb dazu in seiner Geschichte des Pelzes: „Die Jacken stehen nicht nur für Glamour und Reichtum, sondern sind auch an der Produktion und Beanspruchung von Raum beteiligt, der durch die alltägliche Handlung, einen Sitzplatz zu reservieren, indem man den Mantel über den Stuhlrücken hängt, greifbar wird“.Jonathan Faiers: Fur - A Sensitive History. Yale University Press, New Haven und London, 2020, ISBN 978-0-300-22720-8, S. 118–119 (⇒ Buchdeckel und Inhaltsverzeichnis).
Ein Überblick vom April 2019 über Künstler und deren Anwendung der Tierpräparation stellte fest, dass in der Kunst die „tierischen Wiedergänger“ immer wieder auftauchen. Insbesondere in Los Angeles und New York hat sich eine lebhafte Szene für Taxidermie-Kunst entwickelt, die vor allem aus jungen Frauen besteht.
Allgemein Pelz ist ein vergängliches Material, Pelzkunst ohne besondere Konservierungsmaßnahmen somit kein dauerhaftes Werk. Fell unterliegt, wie zum Beispiel auch die verwandten Werke aus Federn, als Naturprodukt der normalen natürlichen Alterung. Dies, verbunden mit dem Verbleichen durch das Licht, macht sie bald unansehnlicher und zerstört sie bei normaler Präsentation in wenigen Jahrzehnten. Die ersten Pelzmosaiken, um 1900 erstanden, sind inzwischen sämtlich in der Farbe verschossen, im Haar spröde geworden, oder, noch wahrscheinlicher, nach dem morsch werden des Leders zerfallen und damit unwiederbringlich verschwunden.P. Pellifex (Pseudonym für Paul Larisch): Die Annalen der Kürschnerei No. 1: Die Pelzmosaik. Verlag M. Melzer, Frankenstein, Schlesien, undatiert (ca. 1905), Einführung.Cornelia Hofmann, Birgit Tradler: Der Krönungsmantel von August dem Starken – Restaurierung und Ausstellung. S. 387–391. Erst die Fotografie macht es möglich, wenigstens ein Abbild solcher Werke zu erhalten. Im Museum, gekühlt und unter Minimierung des Lichts, erhält sich Pelz bedeutend länger, wie lange bleibt abzuwarten. Nur wenigen, besonders herausragenden Pelzkunstwerken wird jedoch eine solche Behandlung zuteil.
Künstler mit bedeutenden Arbeiten aus Pelz Pelz als Material hat eine besondere, über das Gestaltende hinausgehende Bedeutung in der Kunst. Bei Merit Oppenheims Déjeuner en fourrure ist es vor allem das eigenartige Gefühl, das sich bei dem Gedanken einstellt, aus ihrer behaarten Tasse zu trinken. Eine eher mythische Mensch-Tier-Beziehung findet sich in den Werken von Ursula Schultze-Bluhm und Joseph Beuys. Beuys erklärte den Luchsmantel, den er selbst getragen hatte, zum Teil eines Kunstwerks. Günter Weseler schuf aus Fell geheimnisvolle Tierwesen, die er atmen ließ und so zu einem scheinbar neuem Leben erweckte. Inzwischen wird das Material Pelz nicht mehr unbefangen gebraucht, zunehmend beschäftigen sich die Künstler in diesem Zusammenhang mit der Frage, ist der Mensch berechtigt, Tiere zu essen und deren Produkte, wie das Fell, zu nutzen. Nina Stähli verwendete Pelz aus getragener Kleidung, Cora Fisch weist auf die Vergänglichkeit hin, indem sie Teile abgelegter Kleidung durch Vergraben bewusst dem Verfall übergibt.
Denise Hawrysio (* 1957 in Toronto) schuf nacheinander einige Buchobjekte unter dem Titel „Killing“, die keinen Text, aber Seiten aus Fell enthielten, in der ersten Version (1988) sogar Leopardenfell, wohl als Protest gegen das Töten der Tiere zu Pelzzwecken gedacht. In ihrem dritten Band verwendete sie Kaninfell (1989). Auf ihrer Homepage heißt es hierzu: „Bei der Begegnung mit ‚Killing III‘ ist jedoch ein durchdringender Sinn für Ironie im Spiel, da jeder Gedanke an Protest gekonnt mit der unwiderlegbaren Verführungskraft und dem Reiz der äußerst greifbaren und zutiefst sinnlichen Pelzseiten vermischt wird.“Homepage Denise Hawrysio (englisch). Abgerufen am 19. Juni 2023.
Meret Oppenheim Abbildung der PelztasseExterner Weblink https://www.moma.org/learn/moma_learning/meret-oppenheim-object-paris-1936/ Die Deutsch-Schweizerin Meret Oppenheim (1913–1985) blieb vor allem durch ihre im Jahr 1936 geschaffene, legendäre Pelztasse bekannt, obwohl sie viele ungewöhnliche und herausragende Werke schuf. Das Service, bestehend aus Tasse, Untertasse und Kaffeelöffel wurde bereits zu ihren Lebzeiten als Déjeuner en fourrure gewissermaßen zu ihrem Markenzeichen. Dieses wohl bekannteste Beispiel des surrealistischen Objets trouvé, ein Alltagsgegenstand, der wie ein Kunstwerk behandelt wird, machte sie „sozusagen über Nacht zu einer Ikone des Surrealismus“.
Die im Englischen als Pelz-Teetasse („fur teacup“) bezeichnete Arbeit besteht aus einer gewöhnlichen Kaufhaus-Porzellantasse mit Löffel, beklebt mit Fell einer chinesischen Gazelle. Oppenheim selbst nannte ihr Werk ursprünglich einfach nur „Tasse, soucoupeet cuillière revêtus de fourrure - Tasse, Untertasse und Löffel mit Pelz überzogen“. Der an das ehemalige Skandalbild „Das Frühstück im Grünen“ von Édouard Manet und an Leopold von Sacher-Masochs Novelle „Venus im Pelz“ anknüpfende Name für die Pelztasse stammt von André Breton, veröffentlicht erstmals im Almanach der Surrealisten 1938. Meret Oppenheim hat der Umbenennung nie widersprochen. Daniel Spoerri fand diese nachträgliche Namensgebung später als durchaus gelungen und beschrieb das Gefühl, das ihn beim Anblick der Pelztasse überkommt: „[…] ich finde das Objekt so toll, weil man den Pelz auf der Zunge spürt, und man findet's leicht ekelhaft, phphph, diese Haare im Mund, das ist das, was das Objekt so toll macht, weil man das sofort empfindet, auf der Zunge spürt man diesen Pelz, es hat ja jeder mal einen Pelzmantel im Mund gehabt. Da ist der Titel eben typisch surrealistisch, und das Objekt ist viel sinnlicher“.Elke Heinemann: Meret Oppenheim. Eine Portrait-Collage. CulturBooks, 2. November 2015. Zuletzt abgerufen am 15. Juli 2018. Auch Spoerri selbst hat mit Pelz gearbeitet. In seiner Serie „Karneval der Tiere“ drapierte er 1995, in der Art von Beuys Luchsmantel, einen kompletten Coyotenmantel, seine Arbeit trägt den Titel „Menschliches Antlitz verglichen mit dem des Wolfes“. Anstelle des menschlichen Kopfes aus Gusseisen bei Beuys dekorierte Spoerri, neben anderem, die Plastik eines Wolfskopfes zum Mantel.Daniel Spoerri: Anekdotomania - Daniel Spoerri über Daniel Spoerri. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit, 2001, S. 236 („Figure humaine comparée avec celle du loup, Carnaval des Animaux“). ISBN 3-7757-1024-8.
Meret Oppenheim war erst 23 Jahre alt, als ihre Pelztasse in einer Gruppenausstellung der Surrealisten in Paris und anschließend in allen wichtigen Surrealisten-Ausstellungen des Jahres zu sehen war. Danach wurde sie von Alfred Barry für das Museum of Modern Art in New York erworben. Im selben Jahr schlug sie der Modeschöpferin Elsa Schiaparelli ein der Pelztasse im Kontrast ähnliches Produkt vor, ein mit Pelz besetztes Bracelet aus Metall, welches diese dann für die Winterkollektion in die Produktion gab.Jürg Zbinden: Eine Schocktherapie für die Haute Couture - Modeschöpferin Elsa Schiaparelli brachte in den 1930ern den Surrealismus in die Haute Couture. Inmitten von Corona treibt nun das Luxuslabel neue Blüten. In: Neue Zürcher Zeitung. 29. November 2021, S. 11. Ein Jahr darauf in der Ausstellung „Fantastic Art, Dada, Surrealism“, regte es die „Fantasie zehntausender Amerikaner“ an wie kein zweites Objekt der Ausstellung, wo es „Wut, Ekel, Gelächter und Entzücken gleichermaßen provozierte – und zum Symbol des Surrealismus und einem Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts wurde“. Verbreitet wurde das Déjeuner en fourrure vor allem in der Abbildung des Fotografen Man Ray.
Vorläufer der Beschäftigung mit Pelz von Oppenheim waren das Modell eines mit Fell bezogenen Armreifs und eines Ringes, die sie mit anderem an die exzentrische Modeschöpferin Elsa Schiaparelli und an das Modehaus Rochas verkaufen konnte. Die Pelztasse soll als Reaktion darauf entstanden sein, dass Pablo Picasso ihren Armreif bespöttelt und bemerkt hatte, „man könne alles mit Pelz bedecken“.Katrin Schirner: Meret Oppenheim im Martin Gropius-Bau. 2013. Abgerufen am 13. Juli 2018.Jonathan Faiers: Fur - A Sensitive History. Yale University Press, New Haven und London, 2020, S. 182 (englisch), ISBN 978-0-300-22720-8.
Um 1936 entstand außerdem ein Entwurf für ein schlichtes, pelzverbrämtes Damencape.Meret Oppenheim: Warum ich meine Schuhe liebe. Insel-Bücherei 1374, ISBN 978-3-458-19374-6, S. 9. Zuletzt abgerufen am 15. Juli 2018.
Weitere Arbeiten waren ein Schuh mit Pelz und beigefarbene Pelz-Halbfingerhandschuhe, aufgezogen auf je eine Hand mit rot lackierten Fingernägeln (1936).Anita Wünschmann: Küss die Pelzkrallen, Mosieur. Herbst 2013. Zuletzt abgerufen am 15. Juli 2018.
Im Jahr 1969 entstand das „Eichhörnchen“, ein gläserner Bierkrug mit Schaum aus Kunststoff, mit einem Eichhörnchenschwanz als Henkel.wien.orf.at: Pelziges von Meret Oppenheim in Kunstform. 19. März 2013. Zuletzt abgerufen am 16. Juli 2018.