mini|hochkant=1.8|1911: Teilansicht der Gebäude und Flächen der Freien Schulgemeinde Wickersdorf – rechts vorn zwei Dorfteiche, die später für einen Schwimmteich verbunden wurden Diese Liste enthält bekannte Personen des ehemaligen reformpädagogischen Landerziehungsheims Freie Schulgemeinde Wickersdorf (1906–1991) bei Saalfeld im Thüringer Wald. Sie erlaubt auf Basis der ganz unterschiedlich handelnden Charaktere und ihrer Lebenswege eine differenziertere historische Ein- und Zuordnung dieses schulischen Pilotprojekts, das sich in den ersten Jahrzehnten durch seinen musischen Schwerpunkt, ganz besonders jedoch durch das maßgeblich von Martin Luserke initiierte „Darstellende Spiel“ von den meisten anderen Schulprojekten unterschied. Für viele künstlerisch und pädagogisch interessierte Zeitgenossen in Deutschland, Österreich und weiteren Ländern wurde die FSG Wickersdorf ein diskussionswürdiges „freies“ privates Internatsschulprojekt – parteienübergreifend.
Für eine über die ersten Jahrzehnte anhaltende extreme Polarisierung, eine starke Fluktuation innerhalb der Schülerschaft und des Lehrerkollegiums sowie heftige Auseinandersetzungen mit der Schulbehörde, mit Eltern und Gerichten sowie mediale Aufmerksamkeit sorgte insbesondere Gustav Wyneken, dessen Vorstellungen eines „pädagogischen Eros“ auch andere Lehrkräfte zu sexuellen Kontakten mit jugendlichen Zöglingen ermutigten.
Während der Zeit des Nationalsozialismus war es mit einer „freien“ Internatsschule sehr schnell vorbei; sie durfte sich ab 27. März 1933 nur noch Schulgemeinde Wickersdorf nennen, ein Kompromiss, der aus gegensätzlichen Gründen weder den Akteuren an der Schule noch den NS-Behörden gefiel. Ab 7. Februar 1943 wurde die Schulgemeinde von den Nationalsozialisten in Deutsche Heimschule Wickersdorf umfirmiert.
In der Sowjetischen Besatzungszone und später der DDR wurde der Schule, die sich vorübergehend wieder Freie Schulgemeinde Wickersdorf nennen durfte, sukzessive die bis dahin zumeist sehr gut situierte Klientel gegen eine im Sinne der sozialistischen Staatsdoktrin proletarisierte Schülerschaft „getauscht“. Ab 1964 wurde sie eine spezialisierte Oberschule (Erweiterte Oberschule), die auf das Studium vorbereiten sollte, um Russischlehrer heranzubilden. Von den früheren reformpädagogischen Ansätzen fanden sich bis in die 1980er Jahre lediglich Fragmente.
Schulleiter mini|1911: Blick aus einem Fenster im Obergeschoss des Schulhauses der Freien Schulgemeinde, in dem auch die älteren Schüler wohnten
1906 bis 1908: Paul Geheeb, wurde von Gustav Wyneken verdrängt 1906 bis 1910: Gustav Wyneken 1910 bis 1914: Martin Luserke August 1914 bis Oktober 1916: Bernhard Hell (in Vertretung für Luserke)Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 11–12. November 1916 bis 1917: Bernhard Uffrecht (in Vertretung für Luserke) 1917 bis 1919: Martin Luserke 1919 bis 1920: Gustav Wyneken 1920 bis 1925: Martin Luserke (im Schuljahr 1924/25 beurlaubt) 1924 bis 1925: Otto Garthe (1890–1948), nach dessen Erkrankung August Halm (beide in Vertretung für Luserke)Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 300. 1925 bis 1927: August Halm 1927 bis 1929: Peter Suhrkamp (in Vertretung für den beurlaubten Halm) 1929 bis 1930: Fernand Petitpierre (kommissarisch) 1930 bis 1933: Jaap Kool April bis Oktober 1933: Georg Neumann 1933 bis 1941: Paul Döring (1903–1998) 1941 bis 1945: Werner Meyer 1945 bis 1946: Walburga Köhler 1946: Johannes Fiebach 1946 bis 1947: Franz Brumberg 1947 bis 1948: Wilhelm Schmidt 1948 bis 1950: Erwin Irgang 1950 bis 1954: Helmut Kormann 1954: Kurt Rennert 1954 bis 1958: Max Holley 1958 bis Otto Gebhardt 1964 bis 1968: Reimar Schiedung 1968 bis 1990: Dieter Barth 1990 bis 1991: Dieter SaalmannFreie Schulgemeinde Wickersdorf. Geschichte des Bestandsbildners. In: AdJb-Bestand A 224, Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen, Hessen, auf: hessen.de
Bekannte Lehrer mini|100px|Rudolf Aeschlimann, 1910er Jahre
Rudolf Aeschlimann wirkte von 1906 bis 1925 in der FSG Wickersdorf als Lehrer für Französisch, Erdkunde und Geschichte.Werner Kraft, Wilhelm Lehmann: Briefwechsel 1931–1968. Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0235-8 (s. Personenregister). Er zählte 1906 gemeinsam mit Paul Geheeb, August Halm, Martin Luserke und Gustav Wyneken zu den Männern und Lehrkräften der ersten Stunde bei der Gründung der Freien Schulgemeinde. Ab 1918 war er mit der Lehrerin Helene Pahl (1893–1987) verheiratet, die dort seit 1915 Englisch unterrichtete, ab 1925 auch an der Schule am Meer. Ab Oktober 1924 gehörte Aeschlimann zu den Kuratoriumsmitgliedern der Stiftung Schule am Meer. 1925 gehörte das Lehrer-Ehepaar zusammen mit Fritz Hafner, Martin Luserke und Paul Reiner zu der Gruppe von Sezessionisten, welche die FSG Wickersdorf verließen, um im Loog auf der ostfriesischen Nordseeinsel Juist die Schule am Meer zu gründen. Von 1917 bis 1924 Geschäftsführer der Freien Schulgemeinde, war Aeschlimann auch der Verwalter und „Landwirt“ der Schule am Meer. Er soll sich dort besonders glücklich gefühlt und sich mit Vorliebe speziell um die als schwieriger geltenden Schüler bemüht haben.Walter Frey-Mauerhofer: Rudolf Aeschlimann (PDF-Datei; 46,4 MB). In: Burgdorfer Jahrbuch 1963. S. 193f. Auf: unibe.ch Hans Alfken wuchs mit der Jugendbewegung (Bündische Jugend) auf und engagierte sich dabei als Gruppenleiter. Durch den Ersten Weltkrieg, an dem er ab 1917 teilnahm, und die Novemberrevolution wurde er politisiert, aber auch durch Begegnungen wie mit Heinrich Vogeler oder der Kommune Barkenhoff im Künstlerdorf Worpswede. Retrospektiv resümierte er: „Die Romantiker wurden politisch“. 1920 trat er als Vertreter der Freideutschen Jugend bei der Reichsschulkonferenz auf und forderte das Recht der Jugend auf Mitverantwortung und Mitgestaltung des künftigen Bildungswesens ein.Wilhelm Pieper: Niedersächsische Schulreformen im Luftflottenkommando. Von der Niedersächsischen Erziehungsstätte zur IGS Franzsches Feld. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1683-0, S. 64–68.„… wir wollten mithelfen, dass eine neue Gesellschaft entstand“. b:e-Gespräch mit Hans Alfken. In: betrifft: erziehung. Jg. 17, Heft 1, 1984, S. 72–77. Nach seinem Studium der Anglistik, Germanistik und Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, an der Universität Greifswald und an der Philipps-Universität in Marburg lehrte er von 1924 bis 1925 als Hilfslehrer für Deutsch, Englisch und Philosophie in der Freien Schulgemeinde und wurde dort von Martin Luserkes Konzept einer unmittelbar erfahrungsorientierten Didaktik beeinflusst.Gerd Radde (Hrsg.): Schulreform – Kontinuitäten und Brüche. Das Versuchsfeld Berlin-Neukölln. Band II: 1945 bis 1972. Springer-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-322-97283-5, S. 176. Willi AppelbaumWilli Apel. In: Universität Hamburg, Institut für Historische Musikwissenschaft, LexM, auf: uni-hamburg.de hatte ab 1912 bis 1913 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn zunächst Jura und dann 1913 bis 1914 an der Ludwig-Maximilians-Universität München Mathematik studiert. Nach seinem Kriegsdienst von 1914 bis 1918 setzte er sein Mathematikstudium von 1919 bis 1921 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin fort.Werner Röder, Herbert A. Strauss, Institut für Zeitgeschichte, Research Foundation for Jewish Immigration (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933–1945. Walter de Gruyter, Berlin 2016, ISBN 978-3-11-096854-5, S. 28–29. Von Oktober 1921 bis Ende September 1927 unterrichtete er in der Freien Schulgemeinde die Fächer Physik, Mathematik und Klavier.Lehrerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen, Hessen. Ab etwa 1925 hatte er sich autodidaktisch Kenntnisse in Musikgeschichte erarbeitet. Nach seiner Tätigkeit in der FSG unterrichtete er von 1928 bis 1936 als Musiklehrer am Luisenstädtischen Gymnasium und weiteren Berliner Gymnasien und studierte parallel dazu an der dortigen Friedrich-Wilhelms-Universität Musikwissenschaft. Nebenbei nahm er privaten Klavierunterricht bei Bruno Eisner (ca. 1884–1978),Eisner, Bruno. In: Deutsche Biographie, auf: deutsche-biographie.de Edwin Fischer, Leonid Kreutzer, Moritz Mayer-Mahr und Carl Adolf Martienssen. Von 1930 bis 1933 war er zudem Mitglied des Aufsichtsrates der Freien Schulgemeinde und zeitweise auch dessen Vorsitzender. 1935 wurde er aus „rassischen“ Gründen aus der Reichsmusikkammer (RMK) ausgeschlossen. Joachim Georg Boeckh (1899–1968) war Leiter eines evangelischen Bibelkreises in Cannstatt. Nach seinem Fronteinsatz als Soldat während des Ersten Weltkriegs studierte er ab 1919 an der Eberhard Karls Universität Tübingen Medizin, Philosophie und Theologie. Ab 1919 war er Mitglied des Bibelkreis-Treuebundes und 1920 Mitbegründer des jugendbewegten Bundes der Köngener. 1923 war er im Vikariat. Ab Ostern 1926 bis 1928 unterrichtete er im Deutschen Landerziehungsheim Haubinda (D.L.E.H.) und unter Alfred Andreesen auf Schloss Ettersburg. Von Ostern 1928 bis Oktober 1931 war Boeckh Lehrer der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf. Anschließend wurde er bis 1933 als Dozent für deutsche Sprache in der Sowjetunion tätig.Peter Dudek: „Alles braver Durchschnitt“? Impressionen zur Schülerschaft der FSG Wickersdorf 1906–1945. In: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 2017, Band 23. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2018, ISBN 978-3-7815-2237-4, S. 234–279 (Zitatstelle: S. 246–247). mini|100px|Julius Frankenberger, 1931 Julius Frankenberger unterrichtete von 1912 bis 1913 Deutsch, Englisch und Französisch in der Freien Schulgemeinde. Er galt als ein „Jünger“ Herman Nohls,Walter Thys (Hrsg.): Ein Landsturmmann im Himmel. Flandern und der Erste Weltkrieg in den Briefen von Herman Nohl an seine Frau, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2005, ISBN 978-3-86583-070-8, S. 237. hatte 1910 in Weimar promoviert und gehörte dem jugendbewegten Serakreis Jena an. mini|100px|Hans Freyer, um 1925 Hans Freyer war von 1911 bis 1912 als Hilfslehrer für Geschichte in der Freien Schulgemeinde tätig. Er zählte zum jugendbewegten Serakreis Jena um den Verleger Eugen Diederichs und den Pädagogen und Philosophen Herman Nohl. Hedda Gagliardi-Korsch unterrichtete von 1916 bis 1921 in der Freien Schulgemeinde Deutsch und Englisch. Sie pausierte zwischen Oktober 1919 und Oktober 1920,Peter Dudek: „Vorweggelebtes Leben“. Die Erinnerungen des Reichstagsabgeordneten Ernst Putz an seine Wickersdorfer Schulzeit. In: Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried (Hrsg.): Sammeln – erschließen – vernetzen: Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 169. trat während dieser Zeit in die USPD ein und wechselte zur Freien Schul- und Werkgemeinschaft Sinntalhof von Max Bondy und dem ehemaligen FSG-Stipendiaten Ernst Putz, an der sie von Mai 1922 bis März 1923 als Lehrerin für Englisch und Französisch tätig war. Putz, der FSG-Lehrer Paul Reiner und der FSG-Schüler Horst Horster (1903–1981) wurden von ihr und ihrem Mann Karl Korsch politisiert.Ernst Putz: Aufzeichnungen (Gefängnis-Tagebuch, Erinnerungen und Abschiedsbrief) in der Untersuchungshaft in Berlin-Moabit, Sommer 1933. Maschinenschriftliche Transkription seiner Schwester Charlotte Putz (1903–1960) ohne Seitenangaben. In: Bundesarchiv, BArch NY 4156, StA 3. mini|100px|Paul Geheeb, 1909