Jan Ullrich (* 2. Dezember 1973 in Rostock) ist ein ehemaliger deutscher Radrennfahrer.

Als erster und bisher einziger Deutscher gewann Ullrich 1997 die Tour de France, die er zudem fünfmal als Zweiter beendete. Er gewann bei den Olympischen Spielen 2000 die Goldmedaille im Straßenrennen und die Silbermedaille im Einzelzeitfahren. Er war Sieger der Vuelta a España 1999 und wurde zweimal Weltmeister im Einzelzeitfahren.

Aufgrund seiner Verwicklung in den spanischen Dopingskandal „Fuentes“ wurde er von der Tour de France 2006 ausgeschlossen und sein Vertrag fristlos gekündigt. Im Jahr darauf beendete Ullrich seine Sportkarriere. Nach jahrelangen Verfahren sprach der Internationale Sportgerichtshof (CAS) Ullrich 2012 in letzter Instanz des Dopings schuldig und annullierte seine Erfolge seit dem 1. Mai 2005. Im November 2023 räumte Ullrich erstmals öffentlich ein, von 1996 bis 2006 gedopt zu haben.

Leben und sportliche Laufbahn Jugend und Amateurzeit Jan Ullrich wurde als zweites Kind des Betonarbeiters Werner Ullrich und seiner Frau Marianne, geb. Kaatz, in Rostock geboren. Er wuchs mit zwei Brüdern (Stefan und Thomas Ullrich) und einem Halbbruder (Felix Kaatz) in Biestow und Papendorf auf.Jan Ullrich: Ganz oder gar nicht. Meine Geschichte. Berlin 2004, S. 21–25. Ullrichs Vater arbeitete zunächst in einem Rostocker Plattenwerk und war seit 1973 als Soldat der Nationalen Volksarmee bei den Landtruppen in Rostock stationiert. Marianne Ullrich studierte Landwirtschaftswissenschaften an der Universität Rostock, hatte ihr Studium mit einer Diplomarbeit über die Wirkung von Getreideblattläusen abgeschlossen und arbeitete als Kellnerin in einem Biestower Gasthof. Ullrichs Eltern trennten sich 1979. Sein Vater gründete noch in Rostock eine neue Familie und zog nach der Wende nach Bad Schwartau, der Kontakt zu seinem Sohn riss ab. Ullrich kam bereits in seiner frühen Kindheit mit dem Radsport in Berührung. Als Neunjähriger gewann er sein erstes Schulrennen und 1983 sein erstes Rennen für die SG Dynamo Rostock, wo Peter Sager sein Trainer war, auf einem geliehenen Rad in Turnschuhen. 1985 siegte er in einem Radrennen in Warnemünde und bei einem Querfeldeinrennen durch den Wald am „Sonnenberg“ in Parchim. Ullrich wurde durch das DDR-Leistungssportsystem gefördert und kam nach Spartakiade-Siegen 1986 mit 13 Jahren (nachdem er kurz zuvor seinen späteren Trainer Peter Becker kennen gelernt hatte) auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) des SC Dynamo Berlin. Dazu trugen auch einige seiner physiologischen Voraussetzungen bei: er hatte einen Ruhepuls von 36 Schlägen und ein Lungenvolumen von annähernd sechs Litern. Rudy Pevenage sagte später über Ullrichs besondere körperliche Eignung für den Radsport: „Das ist einer, den man eigentlich nur am Computer kreieren kann.“ 1987 wurde Ullrich DDR-Schülermeister im Bahnvierer und 1988 DDR-Jugendmeister im Straßenradfahren in der Klasse Jugend B, 1990 DDR-Jugendmeister im Punktefahren.

Nach der Wende nahm ihn sein Trainer Peter Becker, der als „väterlicher Freund“ Ullrichs beschrieben wurde, 1992 wie auch André Korff mit nach Hamburg zur Radsport-Gemeinschaft (RG) Hamburg. Im Oktober 1992 stieg Ulrich mit der RG Hamburg in die Radsport-Bundesliga auf. Zeitweise trug die Mannschaft den Namen des Unternehmens Panasonic. Geleitet wurde sie von Wolfgang Strohband, der später Ullrichs Berater und Manager war. Ullrich, der bis 1994 bei der RG Hamburg blieb, lebte während dieser Zeit im Susebekweg im Stadtteil Hummelsbüttel in einer Wohngemeinschaft mit Korff und Ralf Grabsch. 1992 siegte Ullrich unter anderem bei den Norddeutschen Straßen-Meisterschaften der Amateure. Später wurde Ullrich Ehrenmitglied der RG Hamburg. Eine Ausbildung zum Industriemechaniker brachte er nicht zum Abschluss.

Im Jahr darauf gewann der 19-jährige Ullrich die Straßen-Weltmeisterschaft der Amateure in Oslo. Trotz des WM-Erfolgs blieb das Interesse von Unternehmen an Ullrich zunächst gering, seine RG Hamburg musste nach dem Ausstieg von Hauptgeldgeber Panasonic deutliche finanzielle Einbußen hinnehmen. Ullrich wurde zum deutschen Radsportler des Jahres 1993 gewählt, gewann in diesem Jahr den Gesamt-Weltcup der Amateure und die Rad-Bundesliga. Rundfahrtsiege erzielte Ullrich 1993 bei der tschechischen Tour de Bohemia und in der Commonwealth Bank Classic (Australien).

Ullrich belegte den dritten Platz bei der erstmals ausgetragenen, sowohl für Amateure wie Profis offenen Zeitfahrweltmeisterschaft 1994 und gewann erneut die Rad-Bundesliga. Er siegte u. a. bei Etappen der Rapport Toer, wo er auch die Sprintwertung gewann, der Niedersachsen-Rundfahrt, der Pacific Power Commonwealth Bank Cycle Classic (Australien) und der Tour o’Hawaii. 1994 gewann er die Brügelmann-Champion-Wertung, eine Jahreswertung für Amateure des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR).

Nach diesen Erfolgen wurde er vom Team Telekom unter Vertrag genommen und zog 1996 zu seiner Freundin nach Merdingen in Südbaden, wo er bis 2002 lebte. Dort wurde eine Straße nach ihm benannt.Jan-Ullrich-Straße bei onlinestreet.deDer Fall Jan Ullrich bei spiegel.de, abgerufen am 3. Mai 2026

Aufstieg 1996–1999 mini|Ullrich bei der Tour de France 1997 auf einer Briefmarke aus Uruguay, Ausgabetag 19. November 1997 Bei seiner ersten Tour de France im Jahr 1996 war Ullrich Edelhelfer seines Mannschaftskollegen Bjarne Riis, der die Gesamtwertung gewann. Auf der 17. Etappe rückte Ullrich auf den zweiten Platz im Gesamtstand vor, den er bis zum Ende der Rundfahrt verteidigte. Durch seine Helferdienste trug er zu Riis’ Gesamtsieg bei und gewann das letzte Einzelzeitfahren der Rundfahrt deutlich, als er Vorjahressieger Miguel Indurain um 56 Sekunden auf den zweiten Platz verwies. Seinem dänischen Mannschaftskollegen Riis nahm Ullrich in dem Zeitfahren 2 Minuten und 18 Sekunden ab, der Däne blieb aber in der Gesamtwertung vorn. Außerdem gewann Ullrich die Nachwuchswertung. Sein Berater Wolfgang Strohband handelte für Ullrich noch während der Tour de France eine Vertragsverlängerung mit dem Team Telekom aus. Riis gab im Mai 2007 bekannt, die Tour de France 1996 mit unerlaubten Mitteln gewonnen zu haben. Ullrich wurde ebenso vorgeworfen, zu dieser Zeit gedopt zu haben, was er allerdings bestritt. Kritiker werfen Ullrich aber aufgrund der inzwischen belegten Lügen im Zusammenhang mit dem Fuentes-Skandal Unglaubwürdigkeit vor. Im Jahr 2023 erklärte Ulrich, dass er im Jahr 1996 mit dem Doping begonnen hatte.

mini|Udo Bölts führt Ullrich bei der Tour de France 1997 über die Vogesen. mini|Ullrichs Rennrad von 1997 Die Tour de France 1997 begann Ullrich ebenfalls als Helfer seines Kapitäns Riis. Er wurde beim Prolog Zweiter, auf der neunten Etappe lag Ullrich 27 Sekunden vor seinem Kapitän. Der Däne ging als Vierter, der Deutsche als Zweiter der Gesamtwertung in die zehnte Etappe nach Arcalis (Andorra). Ullrich blieb der ihm zugedachten Aufgabe als Edelhelfer des Titelverteidigers weiter treu. Während des Schlussanstiegs kam es zum Rollentausch: Ullrich und Riis waren beide in der Spitzengruppe vertreten, wobei der Deutsche einer der Fahrer war, die die Geschwindigkeit der Gruppe bestimmten. Er zeigte sich in besserer Verfassung als Riis. Als ihm der Däne zu verstehen gab, angreifen zu dürfen, griff Ullrich an, gewann die Etappe und übernahm das Gelbe Trikot. In Deutschland löste er eine Art „Tourfieber“ aus. Die französische Sportzeitung L’Équipe reihte ihn mit der Schlagzeile „Voilà le Patron“ in die Größen der Radsportwelt ein, während die italienische Gazzetta dello Sport am nächsten Tag „Ullrich il Kaiser“ auf dem Titelblatt schrieb und ihm damit seinen in Italien gebräuchlichen Spitznamen gab. Ullrich gewann auch noch ungefährdet das Einzelzeitfahren, bei dem er den drei Minuten vor ihm ins Rennen gegangenen Gesamtzweiten Richard Virenque überholte und schließlich, als erster Deutscher und mit 23 Jahren als einer der jüngsten Fahrer, die Gesamtwertung und damit auch zum zweiten Mal die Nachwuchswertung. An insgesamt 18 Tagen trug er das Gelbe Trikot des Spitzenreiters.

Das Hamburger Abendblatt ordnete Ullrichs Tour-de-France-Sieg mit den Worten ein: „Damit steht er jetzt in einer Reihe mit deutschen Sportgrößen wie Max Schmeling, Franz Beckenbauer, Boris Becker oder Michael Schumacher“. Sein Sieg machte Ullrich in Deutschland innerhalb kürzester Zeit zum beliebtesten aktiven Sportler; er wurde 1997 zum Sportler des Jahres gewählt. Ullrich wurde zugeschrieben, durch den Sieg den Radsport in Deutschland verändert zu haben. Manfred Böhmer, damaliger Vorsitzender des Bundes Deutscher Radfahrer sagte, er erwarte im Radsport „einen ähnlichen Boom wie 1985 im Tennis, als Boris Becker erstmals Wimbledon gewann“. Allerdings konnte der neue Radstar die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit in den nächsten Jahren nicht erfüllen. 1998 siegte er im ältestesten deutschen Straßenrennen Rund um Berlin.

Ab 1998 erlebte Ullrich regelmäßig ein schwaches Frühjahr, geprägt von schlechter körperlicher Verfassung, Übergewicht, Krankheiten und Verletzungen. Bei der Tour de France 1998 erlitt er auf der Königsetappe, der 14. Etappe von Grenoble nach Les Deux Alpes, einen Einbruch und verlor bei Regen und Kälte fast neun Minuten auf den Tagessieger Marco Pantani, der die Gesamtführung von Ullrich übernahm. Am Folgetag griff Ullrich Pantani an, gewann die Etappe vor dem zeitgleich ins Ziel kommenden Pantani. Beim Einzelzeitfahren am vorletzten Renntag nahm er Pantani 2 Minuten und 35 Sekunden ab und schloss die Tour auf dem zweiten Rang hinter dem Italiener ab. Am 24. Juli 2013 gab der französische Senat bekannt, dass Pantani, Ullrich und 16 weitere Fahrer bei der Tour de France 1998 mit EPO gedopt waren., sportschau.de.

Ullrich zog sich bei einem Sturz während der Deutschland Tour 1999 eine Knieverletzung zu, die in diesem Jahr seinen Start bei der Tour de France verhinderte. Im September 1999 gewann er die Vuelta a España, die er zwecks Formaufbau für die Weltmeisterschaft angetreten hatte. Sein Sieg auf der ersten Bergetappe der Spanienrundfahrt bedeutete seinen ersten Sieg seiner Profilaufbahn im Sprint. Ullrich errang wenige Wochen nach seinem Vuelta-Sieg bei der Weltmeisterschaft in Verona Gold im Zeitfahren.

Ullrich und die Ära Armstrong 2000–2005 Bei der Tour de France 2000 traf Ullrich erstmals auf Lance Armstrong und wurde von ihm auf den zweiten Platz verwiesen. Wenige Wochen später gewann Ullrich das Straßenrennen der Olympischen Sommerspiele in Sydney und zudem Silber im Zeitfahren – vor Armstrong. Nach diesen Erfolgen übernahm Ullrich als erster Deutscher die Führung der UCI-Radsport-Weltrangliste.

Die Tour de France 2001 beendete er erneut auf dem zweiten Platz hinter Armstrong. Im Herbst desselben Jahres gewann Ullrich zum zweiten Mal die Zeitfahrweltmeisterschaft.

Im Frühjahr 2002 verursachte Ullrich in Freiburg unter Alkoholeinfluss einen nächtlichen Autounfall. Nur wenige Wochen später wurde er während eines Aufenthalts in einer Rehabilitationsklinik positiv auf Amphetamine getestet. Ullrich erklärte, von Unbekannten „Pillen“ in einer Diskothek angenommen zu haben. Er wurde für sechs Monate gesperrt.Ullrich gesteht Einnahme von Amphetamin, berlinonline.de vom 8. Juli 2002, abgerufen am 8. August 2008. Nach späteren NADA/WADA-Codes wäre dies nicht der Fall gewesen, da Amphetamine als soziale Drogen nur noch im Wettkampf verboten sind.NADA (Hrsg.): The 2014 Prohibited List International Standard. PDF

Im selben Jahr wechselte Ullrich gemeinsam mit seinem Mentor Rudy Pevenage vom Team Telekom zum Team Coast. Das von einem mittelständischen Textilunternehmer gesponserte Team geriet im Frühjahr 2003 allerdings in Finanzschwierigkeiten und wurde vom Radsportweltverband UCI zweimal suspendiert. Schließlich konnte Teammanager Pevenage den bisherigen Co-Sponsor Bianchi überzeugen, das Radsportteam zu übernehmen.

Ab dem Jahr 2003 begann Ulrich eigenen Angaben zufolge mit Eigenblutdoping.