mini|Orson Welles (März 1937)rahmenlos|hochkant|klasse=skin-invert-image George Orson Welles (* 6. Mai 1915 in Kenosha, Wisconsin; † 10. Oktober 1985 in Los Angeles, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Hörspiel-, Film- und Theaterregisseur, Schauspieler und Autor.

Obwohl viele seiner Projekte nie verwirklicht wurden oder unvollendet blieben, gilt Welles als einer der künstlerisch einflussreichsten Regisseure des Kinos. Sein erster Kinofilm, Citizen Kane, wird oft als das bedeutendste Werk der Filmgeschichte bezeichnet und bis heute häufig zitiert. Das britische Filmmagazin Sight & Sound wählte Welles zum besten Regisseur aller Zeiten. In: Sight & Sound, 2. August 2011. Mit seiner berühmten Hörspiel-Version von Der Krieg der Welten sowie seinen wegweisenden Broadway-Inszenierungen war er auch für Radio und Theater ein bedeutender Innovator.

Leben und Karriere Jugend mini|Geburtshaus von Orson Welles in Kenosha (2013) Orson Welles war der zweite Sohn von Richard Head Welles, einem wohlhabenden Geschäftsmann, und Beatrice Ives, einer Konzertpianistin und Suffragette. Bereits als Kind soll Orson Welles von Maurice Bernstein, einem Arzt aus Chicago, als Wunderkind bezeichnet worden sein. Seine Mutter machte ihn früh mit Werken von William Shakespeare sowie dem Klavier- und Violinspiel im Vaudeville bekannt. Als er sechs Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Die Mutter zog mit den Kindern nach Chicago. Dort kam der Junge zum ersten Mal mit der Opern- und Theaterszene in Kontakt. Beatrice Welles verstarb bereits früh an einer Gelbsuchterkrankung. Dudley Crafts Watson, ein Arbeitskollege seiner Mutter am Art Institute of Chicago, nahm ihn daraufhin in seiner Familie auf. Als der Vater starb – Welles war zu diesem Zeitpunkt fünfzehn Jahre alt – wurde Maurice Bernstein sein Vormund.

Schaffen Seine Karriere begann Orson Welles Anfang der 1930er Jahre als Schauspieler beim Theater. In Hörspielen konnte er als Sprecher in beliebten Serien wie Cavalcade of America und The March of Time erste Erfolge erzielen. In den 1930er Jahren, während der Wirtschaftskrise, wurden Theaterprojekte von der Regierung unterstützt. Sein Freund John Houseman holte Welles zum Federal Theatre Project, einem Projekt der US-Regierung, wo er kreativen Freiraum erhielt und schon bald Shakespeare-Produktionen am Broadway leitete. mini|links|Welles (links) bei Vorbereitungen für eine Inszenierung des Federal Theatre Project von Doctor Faustus (um 1936) Seine Inszenierung von Julius Caesar modernisierte das Drama, indem es zahlreiche Bezüge zu damals aktuellen Ereignissen herstellte und das Publikum in die Aufführung mit einbezog. Die Aufführung gilt bis heute als richtungsweisende Shakespeare-Interpretation auf US-amerikanischem Boden. Als ebenso legendär gilt sein „Voodoo-Macbeth“. Zu dieser Zeit erarbeitete sich Welles, gerade knapp über 20 Jahre alt, den Ruf als vielversprechendes Genie. Welles und sein Partner John Houseman trennten sich 1937 vom Federal Theatre Project und gründeten ihre eigene Theatergruppe, das Mercury Theatre.

Weit über die Grenzen von New York hinaus wurde er durch seine Arbeit fürs Radio bekannt. Er sprach die Titelfigur in der Hörspielreihe The Shadow und produzierte mit seiner Theatertruppe Adaptionen von Literaturklassikern; den Auftakt des Mercury Theatre on the Air bildete am 11. Juli 1938 Dracula. Es ranken sich zahlreiche Anekdoten um sein Problem, gleichzeitig für das Theater und das Radio zu arbeiten. Landesweite Bekanntheit erlangte er durch das Hörspiel War of the Worlds nach der gleichnamigen Vorlage des Science-Fiction-Romans Der Krieg der Welten von H. G. Wells (als Buch 1898 veröffentlicht), das 1938 am Vorabend von Halloween gesendet wurde. Diese fiktive Reportage soll bei ihrer Erstsendung am 30. Oktober 1938 an der Ostküste der USA eine Massenpanik ausgelöst haben – ob dies tatsächlich der Fall war, ist zweifelhaft. Einiges spricht dafür, dass diese bis heute oft kolportierte Darstellung eine Erfindung der Boulevardpresse war.Jefferson Pooley und Michael Socolow: The Myth of the War of the Worlds Panic. In: Slate, 28. Oktober 2013.

Das „Wunderkind“ wurde von der Produktionsfirma RKO Pictures nach Hollywood gelockt, was das gleichzeitige Arbeiten für Film- und Radioproduktionen verkomplizierte. Als bisher einziger Autor/Regisseur erhielt Welles von seinem Filmstudio eine „Carte blanche“. Dadurch war er in der Lage, einen Film seiner Wahl vollständig nach seinen Vorstellungen zu drehen. Seine Idee, Joseph Conrads Herz der Finsternis zu verfilmen, erwies sich jedoch als nicht realisierbar. Schließlich diente ihm das Leben des Medienzaren William Randolph Hearst als Vorlage für die Biografie des „Amerikaners“ (wie der Film ursprünglich heißen sollte). Welles war an allen kreativen Arbeitsvorgängen des Films maßgeblich beteiligt. Er schrieb am Drehbuch mit, führte Regie, spielte die Hauptrolle und leitete die Produktion, wodurch er zu einem Vorbild für viele Filmemacher wurde.

Obwohl von Kritikern bis heute als einer der bedeutendsten Filme aller Zeiten gelobt, blieb Citizen Kane damals der Erfolg verwehrt, was zum Teil auf Hearsts Kampagne gegen den Film zurückgeführt wird. Citizen Kane besticht noch heute durch seine multiperspektivische Erzählweise, seine theatrale Optik und die Finessen des Soundtracks – Welles kombinierte hier alle Medienformen in übergreifender und innovativer Weise. Vom kommerziellen Misserfolg des Werkes erholte sich Welles’ Karriere nie mehr. Auch seine späteren Filme ging Welles stets mit großen Ambitionen an, wobei er aber häufig in Produktionswirren verstrickt wurde und regelmäßig scheiterte. Der Glanz des Hauses Amberson, gleich im Anschluss an Citizen Kane gedreht, ist nicht mehr in der vollständigen Fassung erhalten. Es werden zahlreiche Erklärungen angeführt für die Veränderungen durch das Studio und Welles’ Abwesenheit während der Nachproduktion. mini|Welles in den Niederlanden (1948) Im Jahr 1947 verließ er Hollywood in Richtung Europa, wo er 1949 noch einmal großen Erfolg hatte in der Rolle des Harry Lime in dem Film Der dritte Mann nach einer Erzählung von Graham Greene, der mit Carol Reed zusammen das Drehbuch schrieb. Auch eine darauf basierende Hörspielserie war kommerziell erfolgreich. Die anschließenden Jahrzehnte waren geprägt von finanziellen Misserfolgen und Rückschlägen. Filme wie Herr Satan persönlich und Im Zeichen des Bösen wurden zwar von manchem Kritiker gelobt, fanden aber kaum Zuspruch beim Publikum. Oft wurden sie von den Produzenten ohne Welles’ Zustimmung in veränderten und verschnittenen Versionen herausgebracht und büßten so seine originäre Handschrift ein.

Enttäuscht versuchte Welles nun, seine Projekte aus eigener Hand zu finanzieren und zu realisieren. Um sich das nötige Geld zu beschaffen, nahm er seine Rollen wahllos an und wirkte als Schauspieler unter der Regie von Kollegen in über hundert Filmen mit, darunter auch in Werbespots und der Synchronisation von Zeichentrickserien, was seinem öffentlichen Ansehen als Künstler nicht zuträglich war.

Bei der Verwirklichung seiner eigenen, künstlerisch potentiell viel wertvolleren Projekte war er häufig vom Pech verfolgt: Der Film The Deep (1967–1970) war fast fertig, als Welles das Geld ausging und die Dreharbeiten verschoben werden mussten. Kurz darauf starb der Hauptdarsteller Laurence Harvey (1928–1973), sodass die fehlenden Szenen nicht mehr nachgedreht werden konnten und der Film unvollendet blieb. Eine Verfilmung von Shakespeares Der Kaufmann von Venedig (1969) war bereits fertiggestellt, aber mehrere Filmrollen verschwanden dauerhaft. The Other Side of the Wind (gedreht 1970–1976) ist ein teilweise autobiografischer Film um einen alternden Regisseur (mit John Huston in der Hauptrolle). Der Film war nach 1976 lange Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen mit dem Schwager des iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi, der sich an der Finanzierung des Films beteiligt hatte. Welles hatte zwar den gesamten Film abgedreht, kam allerdings bis zu seinem Tod nicht mit dem Schnitt und der Postproduktion des Films voran. Nach Orson Welles’ Tod machte seine Tochter Ansprüche geltend. Oja Kodar zufolge befindet sich das Negativ in Paris und eine Positivkopie in Los Angeles. Über Jahrzehnte gab es rechtliche und finanzielle Schwierigkeiten, The Other Side of the Wind fertigzustellen. Auch der mit Welles befreundete Regisseur Peter Bogdanovich setzte sich sehr für das Projekt ein. Im Frühjahr 2015 wurden über eine Kampagne auf der Crowdfunding-Seite Indiegogo über 400.000 US-Dollar für die Fertigstellung des Films eingeworben, die bis Januar 2016 hätte erfolgen sollen.Indiegogo-Kampagne: Finish Orson Welles’ Last Film, 2015. Im März 2017 erwarb der Streaming-Dienst Netflix die weltweiten Rechte an The Other Side of the Wind mit dem Ziel, das unvollendete Werk fertigzustellen.max/AP: „The Other Side of the Wind“. Netflix will Orson Welles’ letzten Film fertigstellen. In: Spiegel online, 15. März 2017. Der Film feierte schließlich am 31. August 2018 im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig seine Weltpremiere.Bert Rebhandl: Orson Welles’ letzter Film. Das ist der späte Triumph des großen Außenseiters. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. November 2018, S. 13, online nur Artikelanfang; zur Ausstrahlung des Films und einer Dokumentation dazu bei Netflix. Bei der durch ein hohes Maß an Improvisation gekennzeichneten Verfilmung von Don Quichote (ab 1955) musste nach den Probeaufnahmen der Hauptdarsteller Mischa Auer nach seinem Tod (5. März 1967) durch Francisco Reiguera ersetzt werden. Seine Shakespeare-Verfilmungen Macbeth, Othello und Chimes at Midnight (ein Destillat aus fünf Stücken) gelangten nach größeren Produktionsproblemen ins Kino, konnten jedoch kein Massenpublikum anziehen (Macbeth musste komplett neu synchronisiert werden, die Arbeiten an Othello zogen sich über drei Jahre hin, Chimes war in der Bühnenfassung ein Misserfolg).

Als einer der ersten Kinoregisseure begeisterte sich Welles für das Medium Fernsehen und suchte auch dort nach kreativen Betätigungsmöglichkeiten. Daneben schrieb er unter Pseudonym einige Trivialromane und Drehbücher, meist aus finanziellen Motiven. Nach seiner Rückkehr in die USA konnte er, auch durch Auftritte in Talkshows, seinen Mythos am Leben halten. Für größere Aufmerksamkeit sorgte Welles noch einmal 1975 mit dem verschachtelten Film-Essay F wie Fälschung, in dem der umstrittene Kunstfälscher Elmyr de Hory sowie der nicht minder umstrittene Schriftsteller Clifford Irving, der sowohl eine gefälschte Biografie über den Milliardär Howard Hughes als auch eine vermeintlich echte, zumindest autorisierte Biografie über de Hory geschrieben hatte, porträtiert wurden. Der Film nimmt es mit der Wahrheit selbst nicht so genau, was wesentlich in seiner Konzeption begründet ist und ganz in Welles’ Absicht lag.

Im Jahr 1983 wurde er als auswärtiges Mitglied in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen.

Einen letzten Filmauftritt hatte Welles 1983 an der Seite von Tony Curtis in Where Is Parzifal? Die letzte Produktion, an der sich Welles beteiligte, war der Zeichentrickfilm Transformers – Der Kampf um Cybertron, in dem er die Rolle des Unicron sprach. Die Veröffentlichung des Films im Jahr 1986 erlebte er nicht mehr.

Privatleben