Das Dārāb-nāma () ist ein Werk der persischen Volksliteratur aus dem 12. Jahrhundert des Geschichtenerzählers Abū Tāhir Tarsūsī. Etwa ein Drittel des Schriftwerks handelt von den Abenteuern des legendären iranischen Königs Dārāb, der größere Teil befasst sich mit dessen Sohn Iskandar, der in der persischen Tradition mit Alexander dem Großen identifiziert wird. Viele der im Dārāb-nāma geschilderten Abenteuer, insbesondere die Alexandergeschichte, wurden jahrhundertelang von professionellen Geschichtenerzählern vorgetragen, die der Erzählung ihre je eigene Gestalt und Prägung gaben. Tarsūsīs Text stellt eine von vielen verschiedenen Fassungen dar, die im iranischen Raum kursierten. Hanaway, Dārāb-nāma, EIr; Rubanovich, Orality in medieval Persian literature, 2012, S. 660f. Der Autor greift dazu auf altbekannte Quellen wie den Pseudo-Kallisthenes und das Schāhnāme von Firdausi zurück, schöpft aber auch aus altiranischen Traditionen, die nicht zum Schāhnāme gehören Rubanovich, Tracking the Shahnama tradition, 2011, S. 31f.. Diverse geographische und historiographische persische und arabische Werke, teils Übersetzungen aus dem Griechischen, lassen sich ebenfalls nachweisen. Piemontese, Anciens monuments, 2000, S. 137–43; Piemontese, Alexandre le circumnavigateur, 2000, S. 97–112. Das Werk besteht aus 36 Kapiteln, die auf zwei Bücher (Kap. 1–19 und Kap. 20–36) aufgeteilt sind. mini|Dārāb-nāma, BL Or. 4615, Fol. 3v: Bahmans Tod.

Inhalt des Dārāb-nāma Abū Tāhir knüpft an die vor allem aus dem Schāh-nāma bekannte Erzählung von Bahman an, dessen Vater, der Kayanidenprinz Isfandiyār, im Kampf gegen den mythischen iranischen Helden Rustam sein Leben verloren hatte. Nach dem Tod des Vaters besteigt Bahman, auch Ardaschir genannt, Dārāb-nāma, Ed. Safa 1996, Bd. 1, S. 6 den Thron Irans. Im ersten Kapitel des Dārāb-nāma wird erzählt, dass Bahman die Prinzessin Humāy heiratet, die Tochter eines ägyptischen Königs, vor der Geburt des gemeinsamen Kindes aber von einem Drachen getötet wird. Humāy ist nun Herrscherin des Perserreiches. Im Widerspruch dazu beginnt das zweite Kapitel mit dem Hinweis, dass Humāy die Tochter Ardaschirs sei, dessen Kind sie erwartet. Diese Darstellung entspricht der Version des Schāh-nāma, der Abū Tāhir auch insofern folgt, als er von der späteren Aussetzung des Kindes, eines Knaben, auf dem Euphrat und dem Auffinden durch einen Wäscher berichtet. Weil dieser ihn „im Wasser“ (persisch dar āb) gefunden hat, nennt er ihn Dārāb.Ferdowsi: Shahnameh, 2007, S. 440–450 Im weiteren Verlauf der Geschichte unterscheiden sich das Dārāb-nāma und das Schāh-nāma aber beträchtlich.

Dārābs Jugendzeit Abū Tāhir erzählt, dass sich Dārāb von seinem zehnten Lebensjahr an weigert, weiter als Wäscher zu arbeiten. Da er von Geburt an mit dem Glanz des Königtums (persisch farr) umgeben ist, gelingt es ihm leicht, sich in der Kriegskunst zu schulen und seine überragenden Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Dadurch erhält er Zugang zum Hof Humāys in Bagdad, die ihn als ihren Sohn erkennt und zum König erheben will. Er lehnt die Annahme des Königtums jedoch ab, weil er in einem Traum erfahren hat, dass er dafür noch nicht bereit ist. Er verlässt die Hauptstadt und gelobt, zu angemessener Zeit zurückzukehren (Kap. 3).

Dārābs Reise Dārāb, inzwischen etwa 18 Jahre alt, zieht nun los, um zunächst den Wäscher und dessen Frau zu suchen, die ihn aufgezogen haben. Das führt ihn auf eine lange Reise zu Wasser und zu Lande. In der Gegend von Oman trifft er auf Königin Tamrūsīya, deren Gemahl im Kampf gegen ihn ums Leben gekommen ist. Sie verliebt sich in Dārāb und folgt ihm auf seiner Reise, wird aber nach allerhand Abenteuern von ihm getrennt, wobei ihre Erlebnisse und später auch die ihres Bruders Mihrāsb ebenfalls weiter ausgestaltet werden. Die Helden treffen auf Kannibalen, Zyklopen, Ungeheuer, Wassermenschen, Sonnenanbeter oder werden von Sklavenhändlern verschleppt. Letztlich gelingt es den Hauptgestalten der Geschichte immer wieder, sich aus ihren misslichen Lagen zu befreien. Wenn die Situation allzu aussichtslos ist, wird Dārāb durch göttliche Intervention gerettet. mini|links| Darab-nama, BM Or. 4615, Fol. 100v: Dārāb reißt einen Baum aus. Da man Dārāb fälschlich vom Tod Tamrūsīyas berichtet hat, nimmt er Prinzessin Zankalīsā zur Frau, die Tochter des Königs der Sonnenanbeter (Kap. 5). Ohne von dieser Verbindung zu wissen, heiratet Mihrāsb einige Zeit später Zankalīsās Schwester auf der Insel der Einäugigen (Kap. 7). Auf verschlungenen Wegen erfahren die beiden Frauen Dārābs voneinander, und nach einer Wiedervereinigung Tamrūsīyas mit ihrem Liebsten wird diese von Zankalīsā bei einer Bootsreise ermordet uns ins Wasser geworfen. Den unmittelbar zuvor geborenen Sohn kann der herbeigeeilte Dārāb retten. Zankalīsā und ihr Vater sterben wenig später durch Schlangenbisse (Kap. 9). Dārāb macht sich nun auf den abenteuerlichen Rückweg nach Iran, trifft unterwegs den zu Reichtum gekommenen Wäscher, der ihn einst im Wasser gefunden hat, und besteigt am Ende der Reise den Thron. (Kap. 12)

Dārāb als König von Rūm und die Geburt Iskandars Als König Irans wehrt Dārāb zunächst die Angriffe von Arabern und Byzantinern ab. Den besiegten Herrscher von Rūm (Byzanz), Faylaqūs, fordert er auf, ihm dessen Tochter Nāhīd zu Gemahlin zu geben. Wegen ihres üblen Mundgeruchs schickt er sie jedoch nach der Hochzeitsnacht zurück. Nāhīd bringt im Verborgenen das gemeinsame Kind zur Welt, das den Namen Iskandar erhält. Um diesen kümmert sich zunächst eine alte Frau, die ihn mit vier Jahren zu Aristoteles bringt. Dieser unterweist ihn in verschiedenen Wissenschaften wie der Philosophie, Medizin und Geometrie, vor allem aber in der Astrologie und Traumdeutung. Mit zehn Jahren kommt Iskandar an den Königshof von Rūm und wird dort einige Jahre später von Faylaqūs, seinem Großvater, zu dessen Nachfolger erklärt. Nach allerhand Kämpfen um den Thron wird Iskandar schließlich König, während sein Halbbruder Dārāb II., der Sohn von Dārāb I. und Tamrūsīya, zum Herrscher über Iran wird. (Kap. 15)

Iskandar besteigt den Thron und verliert sein Wissen Zwar hat Iskandar von Aristoteles die beste Ausbildung erhalten, kann aber für seine Herrschaft keineswegs darauf zurückgreifen: In einem Streit mit seinem Lehrer gerät Iskandar in Wut, lässt Aristoteles in Ketten legen und einsperren. Aus Verdruss über den undankbaren Schüler betet Aristoteles zu Gott, er möge Iskandar alles Wissen entziehen, das er ihn gelehrt hat. „Iskandar begann, seine Tat zu bereuen, und der Schweiß floss von ihm herab, so dass seine ganze Kleidung nass wurde [...] Und man sagt, dass so, wie der Schweiß von ihm herabfloss, jenes gesamte Wissen, das er besaß, aus ihm heraus lief, und dass Iskandar danach keinen Buchstaben mehr vom Blatt ablesen und keinen einzigen Traum mehr deuten konnte, weil er wie die unwissenden Menschen geworden war.“ Dārāb-nāma, Ed. Safa 1996, Bd. 1, Kap. 16, S. 447 Auch wenn er seinen Lehrer wieder befreit und dieser ihm verzeiht, lässt sich der Verlust des Wissens doch nicht wieder rückgängig machen.

Iskandars Feldzug in den Iran Iskandar begibt sich zunächst auf einen Feldzug in den Iran, um dort sein Erbe als Sohn Dārābs I. in Besitz zu nehmen, das Dārāb II. ihm nicht freiwillig geben will. Nach einem ersten Tag des Kampfes bekommt Iskandar das Angebot von zwei Offizieren des gegnerischen Heeres, den Perserkönig zu töten. Iskandar geht darauf ein, doch als die beiden am nächsten Tag tatsächlich das Attentat ausführen und danach zu ihm flüchten, wird dieser von Reue gepackt und lässt beide gefangen nehmen. Er eilt zum sterbenden Dārāb, dem er verspricht, ihm drei letzte Wünsche zu erfüllen, nämlich dessen Mörder hinzurichten, dessen Tochter Būrān-Docht zu heiraten, und zu den Geschöpfen Gottes gütig zu sein. Bald nach Dārābs Tod wird Iskandar zum König Irans gekrönt. (Kap. 16)

Iskandar und Būrān-Docht Būrān-Docht, die laut Abū Tāhir nach einer anderen Überlieferung den Namen Rauschanak trägt, liegt eine Heirat mit Iskandar jedoch völlig fern. Sie ist 18 Jahre alt und wird zwar als schön beschrieben, sieht aber durch ihren „leichten Flaum auf der Oberlippe“ sehr männlich aus. Von ihrem Vater ist sie wie ein Prinz erzogen worden, so dass sie im Umgang mit Waffen geschult ist und versteht, eine Armee zu befehlen. Außerdem besitzt sie den Glanz des Königtums (farr), der seinen Träger zur Herrschaft befähigt. (Kap. 17) Būrān-Docht weiß um Iskandars Beteiligung an der Ermordung ihres Vaters und schwört ihm Rache. Sie hebt eine Armee aus und kämpft in mehreren Schlachten gegen ihn, gibt ihren Widerstand aber schließlich auf, nachdem er sie bei einem Bad im Fluss überrascht hat. Da er sie unbekleidet gesehen habe, wolle sie nicht mehr mit ihm kämpfen. Sie willigt in eine Heirat ein und beide herrschen nun über den Iran. (Kap. 22).

Iskandars Eroberungszüge für die Verbreitung des Islams Nach Monaten des Feierns beschließt Iskandar, sich die Wunder der Welt anzusehen. Er überlässt Būrān-Docht den Thron Irans und Rūms und macht sich mit einem Heer von 100.000 Soldaten auf den Weg nach Osten. Tatsächlich handelt es sich eher um einen Eroberungszug, wobei es ihm, wie er Kaydāwar, dem König von Indien, schreibt, nicht um die Anhäufung von Schätzen geht, sondern um die Verbreitung des Islams. Dārāb-nāma, Ed. Safa 1996, Bd. 2, Kap. 23, S. 100 Unterwegs muss Iskandar die Gattin mehrfach um Verstärkung bitten, die schließlich persönlich mit einem Heer herbeieilt, um ihn zu retten. Sie begleitet ihn für den größten Teil der nachfolgenden Reise, bei der sie wunderhafte Bäume, tierköpfige Menschen, Zauberer, Kannibalen, Dämonen und den mythischen Vogel Simurgh sehen. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte ist Iskandar mehrfach auf Būrān-Dochts Hilfe angewiesen. Sie besuchen Indien und Sarandib (Sri Lanka), Sansibar, den Jemen und Mekka. Außerdem gelangen sie zu einer Stadt der Frauen, einer Insel der Hermaphroditen und zu allerhand verwunschenen Orten. Am mythischen Berg Qāf begegnet Iskandar dem geheimnisvollen Heiligen Chidr und dem Propheten Ilyās. Nach neunjähriger Reise schickt Iskandar Būrān-Docht von Baghdad aus mit einem Großteil der Armee zurück (Kap. 33) in den Iran, während er selbst in Begleitung von Chidr, Ilyās und dem Weisen Luqman nach Ägypten zieht. Dort unterwirft er den König und bekehrt ihn zum Islam, so wie die meisten anderen Herrscher und Völker, denen er begegnet ist. Danach geht die Reise weiter zum Grünen Meer, in dem Iskandar in einer großen gläsernen Truhe Dārāb-nāma, Ed. Safa 1996, Bd. 2, Kap. 35, S. 579f. einen mehrtägigen Tauchgang in die Unterwasserwelt unternimmt. Tarsūsī erwähnt auch Iskandars Bau einer Mauer aus Eisen, Kupfer und Zink, um den Einfall der wilden Völker Yā'dschūdsch und Mā'dschūdsch zu verhindern. Der Eroberer wird dabei ausdrücklich mit dem koranischen Dhū l-Qarnain identifiziert, dem „Zweigehörnten“, der in Sure 18 erwähnt wird (Kap. 35).Vgl. auch Dārāb-nāma, Ed. Safa 1996, Bd. 2, Kap. 28, S. 299.

Iskandar und die Quelle des Lebens