Carrosserie U. Höhener’s Erben, mitunter kurz Höhener, Höhener’s Erben oder U. Höhener’s Erben (selten ohne Apostroph), war ein Schweizer Karosseriebauunternehmen mit Sitz in St. Gallen. Das Ursprungsunternehmen unter dem Gründer Ulrich Höhener bestand von 1896 bis zu dessen Tod 1923; als Hersteller von Kutschen, grossen Schlitten und Fuhrwerken gehörte es zeitweise zu den grossen drei Wagenbauern der Schweiz neben Carrosserie Reinbolt & Christé (vormals Carrosserie Eugène Kauffmann) in Basel und Carrosserie C. & R. Geissberger in Zürich. Ab 1923 führten seine Nachfahren das Unternehmen in St. Gallen weiter; neben einzelgefertigten Sonderkarosserien auf verschiedenen Pkw-Fahrgestellen für Privatkunden entstanden in grösserer Zahl Nutzfahrzeug-Aufbauten unter anderem für die Schweizer Armee und die Schweizerische Post sowie Umbauten zu Krankentransportwagen. Auch zumindest ein Strassenbahnwagen wurde neu karossiert.
Hintergründe und Vorgeschichte Der Familienname Höhener ist in St. Gallen und Umgebung weit verbreitet; Namensträger finden sich über mehrere Jahrhunderte in der Politik, der Wirtschaft und dem Militär. Der Schweizer Ulrich Höhener wurde 1872 oder 1873 geboren, Details zu seinem familiären Hintergrund und sein genauer Geburtsort sind jedoch nicht überliefert. Seine Muttersprache war (zumindest auch) Deutsch, jedenfalls im weiteren Verlauf erlernte er auch fliessend Französisch. Schon in jungen Jahren interessierte er sich für die Konstruktion und den Bau von Kutschen, grossen Schlitten zum Waren- und Personentransport sowie von Fuhrwerken.
Eine gezielte Ausbildung hierfür war gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz nicht möglich. Vielmehr arbeiteten Schlosser für das Fahrwerk zusammen mit Schreinern für den Aufbau, Polsterern für die Innengestaltung, Lackierern für die Aussengestaltung und Wagnern für den Räderbau.Andres Furger: In der Kutsche durch die Schweiz – Fahrkultur und Wagenbau um 1900. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2006. ISBN 978-3-038-2322-2-3, S. 95. Ulrich Höhener ging daher zur Ausbildung nach Paris, einem damaligen Zentrum des Fahrzeugbaus. Dort sammelte er praktische Erfahrungen bei namhaften Herstellern und erwarb zwischen 1894 und 1896 mehrere Diplome und Medaillen, mit denen er später auf den Briefköpfen warb.Andres Furger: Kutschen und Schlitten in der Schweiz – Vom Streitwagen zum Stadtcoupé. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1993. ISBN 978-3-858-2340-2-5, S. 150.
Unternehmensgeschichte Kutschen, Schlitten und Fuhrwerke Mit etwa 23 Jahren kehrte Ulrich Höhener 1896 in die Schweiz zurück und gründete sein eigenes Wagenbauunternehmen. Zur Stellmacherei kamen schnell eine eigene Sattlerei, eine Schlosserei, eine Schmiede und eine Lackiererei hinzu, so dass Höhener keine Gewerke nach aussen vergeben musste. Bis zur Jahrhundertwende stieg er zu einem der grossen drei «Carrosseries» der Schweiz neben Carrosserie Reinbolt & Christé in Basel und Geissberger in Zürich auf. Vorbild waren die Luxuswagen aus Paris, die damals in Europa als führend galten.Stephan Musfeld (Hrsg.) / Niklaus Starck (Autor): Die Schweizer Carrossiers. Katalog zur Sonderausstellung im Pantheon Basel, Forum für Oldtimer vom 27. Oktober 2013 – 6. April 2014. Editions Pantheon Basel, Muttenz, Schweiz 2013. ISBN 978-3-952-3682-8-2, S. 80 und 88 (), Grösse: 28,8 MB.Andres Furger: Kutschen und Schlitten in der Schweiz – Vom Streitwagen zum Stadtcoupé. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1993. ISBN 978-3-858-2340-2-5, S. 139 ff., 149 ff. Aus der Zeit um 1900 ist das Musteralbum der Wagenfabrik Höhener mit zahlreichen Wagentypen erhalten geblieben, darunter Breaks und Viktorias, ferner sind einige Pläne und Handrisse überliefert.Andres Furger: Kutschen und Schlitten in der Schweiz – Vom Streitwagen zum Stadtcoupé. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1993. ISBN 978-3-858-2340-2-5, S. 149 f. Für seine Entwürfe nutzte Ulrich Höhener nachweislich zwei der wichtigsten zeitgenössischen Fachbücher, zum einen den «Guide du Carrossier» aus Frankreich, zum anderen «Deutsche Fahrzeugtechnik» aus Deutschland.Andres Furger: Kutschen und Schlitten in der Schweiz – Vom Streitwagen zum Stadtcoupé. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1993. ISBN 978-3-858-2340-2-5, S. 150. Bekanntheit und Ansehen erlangte Höhener insbesondere durch die Anfertigung von noch seltenen Vollgummireifen, die den Komfort gegenüber metallbeschlagenen Holzrädern deutlich erhöhten.Andres Furger: Kutschen und Schlitten in der Schweiz – Vom Streitwagen zum Stadtcoupé. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1993. ISBN 978-3-858-2340-2-5, S. 149.Andres Furger: In der Kutsche durch die Schweiz – Fahrkultur und Wagenbau um 1900. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2006. ISBN 978-3-038-2322-2-3, S. 257. Anlässlich der «Kantonalen Landwirtschaftlichen Ausstellung St. Gallen 1907» wurde Ulrich Höhener ein «Diplom I. Klasse» zuerkannt. Höheners Musteralbum aus der Zeit um 1900 legte ein Schweizer Museumsbetreiber und Sammler von Kutschen 2010 neu auf.Robert Sallmann: Ulrich Höhener – Wagenbauer in St. Gallen – Zeichnungen und Pläne von Kutschen. 2010.
Den Sprung zum selbstständigen Automobilbauer wagte Ulrich Höhener damals nicht, jedoch begann er mit dem Karosseriebau für Automobile.
Automobilkarosserien unter Ulrich Höhener Wann genau Höhener erste Karosserien für Automobile fertigte, ist unklar. Manche Quellen besagen, dass Automobilkarosserien erst ab 1920 dokumentiert seien.Stephan Musfeld (Hrsg.) / Niklaus Starck (Autor): Die Schweizer Carrossiers. Katalog zur Sonderausstellung im Pantheon Basel, Forum für Oldtimer vom 27. Oktober 2013 – 6. April 2014. Editions Pantheon Basel, Muttenz, Schweiz 2013. ISBN 978-3-952-3682-8-2, S. 80 (), Grösse: 28,8 MB.Das Karosseriebauunternehmen U. Höhener’s Erben auf dem Webportal jacques-leretrait.blogspot.com, abgerufen am 30. September 2018 (französisch). Dem steht ein überliefertes Inserat aus der Schweizer Fachzeitschrift Automobil Revue von 1912 entgegen. Darin wirbt das Unternehmen U. Höhener, Carrosserie, St. Gallen mit den Aussagen: «Ausführung tadelloser Automobil-Carrosserien zu mässigen Preisen – Neueingerichtetes Etablissement mit eigener Sattler- und Lackierer-Werkstätte», ferner: «Feine und solide Arbeit – Leicht im Gewicht» und «Kürzeste Lieferfrist – Weitgehendste Garantie.» Als Zeichnung ist darin eine grosse viertürige Sechsfenster-Limousine abgebildet. Das Unternehmen war zu dieser Zeit an der Gasfabrikstrasse 21–27 in St. Gallen ansässig und verfügte bereits über einen eigenen Telefonanschluss.Ferdinand Hediger: Schweizer Carrossiers – Von den Anfängen bis 1970. Swiss Classics Publishing, Bäch SZ, Schweiz. 1. Auflage 2013. ISBN 978-3-952-4171-0-2, S. 109.Übersicht über das Karosseriebauunternehmen Höhener auf dem Webportal coachbuild.com, abgerufen am 30. September 2018 (englisch/deutsch). Einzelne Quellen datieren den Bau erster Automobilkarosserien durch Ulrich Höhener auf die Zeit kurz nach der Jahrhundertwende.
Weitere Inserate von 1915 beziehungsweise 1916 waren moderner gestaltet, erwähnen zusätzlich eine «Grosse Autogarage und Reparaturwerkstätte» sowie den Vertrieb von «Autozubehör, Benzin, Oel etc.»; als Adresse wurde nun die Ecke Volksbadstrasse und Frohbergstrasse angegeben. Eine Zeichnung zeigte nun ein bereits etwas gerundetes Coupé de Ville mit seitlich offenem Chauffeurplatz, möglicherweise aufgebaut auf einem Chassis des Schweizer Oberklasseherstellers Martini. Ausweislich der Inserate war Höhener auf damals noch seltene ganz oder teilweise geschlossene Karosserien spezialisiert, als offene Aufbauten mit einem Notverdeck wie Tourenwagen, Phaetons und Roadster noch üblich waren.
Im Jahr 1918 war das Unternehmen Höhener eines der Gründungsmitglieder des Verbandes Schweizerischer Carrosserie-Industrie (VSCI). Ein weiteres Gründungsmitglied war das zeitweilig konkurrierende kleinere Karosseriebauunternehmen H. Sanwald, das von 1919 bis 1927 aktiv und ebenfalls in St. Gallen ansässig war.Stephan Musfeld (Hrsg.) / Niklaus Starck (Autor): Die Schweizer Carrossiers. Katalog zur Sonderausstellung im Pantheon Basel, Forum für Oldtimer vom 27. Oktober 2013 – 6. April 2014. Editions Pantheon Basel, Muttenz, Schweiz 2013. ISBN 978-3-952-3682-8-2, S. 109 (), Grösse: 28,8 MB.
Ulrich Höhener, der als rastloser Geschäftsmann beschrieben wird, starb 1923 überraschend im Alter von nur 50 Jahren. Er hinterliess seine Ehefrau und Kinder, die bereits im väterlichen Unternehmen mitgearbeitet hatten.
Automobilkarosserien unter Carrosserie U. Höhener’s Erben Auch nach dem Tod Ulrich Höheners bildeten individuelle geschlossene Pkw-Aufbauten im Oberklasse- und Luxuswagensegment ein wesentliches wirtschaftliches Standbein; das Unternehmen firmierte fortan an gleicher Stätte als Carrosserie U. Höhener’s Erben unter Führung von Höheners Ehefrau und Kindern. Zu einer Spezialität wurden sogenannte «Allwetter-Karosserien», eine spezielle Form von offenen Tourenwagen, bei denen das Segeltuchverdeck enger anlag und einsteckbare Seitenscheiben aus Glas mit dünnen Metallrahmen die Insassen überdurchschnittlich gut vor Wind und Wetter schützten. Eine andere Spezialität waren sogenannte «Balloon»-Aufsätze, nach oben abnehmbare Fahrzeugdächer aus Metall ähnlich modernen Hardtop-Dachaufsätzen; mit Dach boten die Fahrzeuge den Komfort von herkömmlichen Limousinen mit vier oder sechs Seitenfenstern, ohne Dach das Frischluftvergnügen offener Tourenwagen, Phaetons und Torpedos. Viele Pkw-Aufbauten waren im Stil von Weymann-Karosserien gestaltet, hatten also ein Holzgerippe und einen Kunstlederüberzug; sie waren zwar leicht und frei von Verwindungsgeräuschen, dafür jedoch nicht so dauerhaft haltbar wie Ganzstahlkarosserien – mit ein Grund, warum sehr wenige Fahrzeuge dieser Ära erhalten sind.
Als die Schweizer Wirtschaft 1929 in eine Krise geriet und sich Arbeitslosigkeit ausbreitete, erhielt das St. Gallener Unternehmen neben anderen Unterstützung durch den VSCI: Durch eine Inseratkampagne wurden Schweizer Kunden aufgefordert, ihre neuen Fahrzeuge durch einheimische Karosseriebauunternehmen einkleiden zu lassen. Als der Schweizer Hersteller von Luxuswagen, Martini, Mitte 1934 die Fertigung beendete, übernahmen die Mitglieder des VSCI, darunter auch Höhener’s Erben, die restlichen Fahrgestelle und karossierten sie in der Folgezeit. Aus der Zeit nach 1935 sind – abgesehen von dem neu aufgebauten Peugeot für den St. Gallener Industriellen Götti aus den 1950er-Jahren – keine Sonderkarosserien auf Pkw-Chassis mehr bekannt; vor diesem Hintergrund werden vereinzelt das Jahr 1935, aber auch 1955 als derjenige Zeitpunkt genannt, an dem die Fertigung von Sonderkarosserien auf Pkw-Chassis bei Höhener’s Erben endete. Fortan konzentrierte sich Höhener mit seinem Karosseriebau auf Lastwagen, Reisebusse und Krankenwagen. Wie auch bei konkurrierenden Karosseriebauunternehmen verschob sich der Tätigkeitsschwerpunkt bei den Personenwagen auf Reparaturen und Umbauten. Insbesondere war Höhener spätestens ab 1933 Lizenznehmer des Zürcher Unternehmens Arbenz für das Rolldach «Sunsaloon»; dieses wurde nachträglich in Limousinen eingebaut und war längere Zeit sehr beliebt.
Jedenfalls ab 1933 lautete die Anschrift Volksbadstrasse 23. Im weiteren Verlauf, jedenfalls vor April 1945, bezog das Unternehmen grössere Räumlichkeiten; die Adresse lautete fortan Fürstenlandstrasse 21 in St. Gallen.
Als Carrosserie U. Höhener’s Erben bestand das Unternehmen längstens bis Januar 1971; spätestens seitdem firmierte es in der nächsten Familiengeneration als Carrosserie E. Höhener und setzte den Betrieb an alter Stelle mit verstärkter Ausrichtung auf Kraftfahrzeughandel und -reparatur fort.
Die Höhener-Fahrzeuge