Spirou und Fantasio (im en Original: Spirou et Fantasio) sind die beiden Hauptfiguren der gleichnamigen frankobelgischen Comic-Serie. Die Abenteuer von Spirou und Fantasio gehören zu den erfolgreichsten humoristischen Abenteuer-Comics in Europa, vergleichbar mit Tim und Struppi und Asterix.
Spirou und seine Autoren Rob-Vel, Davine, Jijé mini|Aktuelles Logo des Magazins Spirou Der Page Spirou wurde 1938 vom Franzosen Rob-Vel (eigentlich Robert Velter) für das gleichnamige Comicmagazin des Verlags Dupuis kreiert. Velter, der der gleichen Beschäftigung selbst einmal nachgegangen war, führte die Figur als Page im Moustic-Hotel ein, machte aus ihr aber sehr schnell einen Abenteurer.
Das Moustic-Hotel (wörtlich "Hotel Mücke") hat seinen Namen von einem Magazin, das derselbe Verlag verlegte.
1939 stellte er Spirou das Eichhörnchen Pips zur Seite, das fortan dessen treuer Begleiter wurde. Nach der Einberufung des Zeichners in den Zweiten Weltkrieg wurde die Serie 1939/40 für einige Monate von seiner Ehefrau Davine (d. i. Blanche Dumoulin) betreut. 1943 beendete Rob-Vel seine Arbeit an Spirou und überließ die Rechte an der Serie Dupuis. Mit Szenarist Raoul Cauvin (der später abermals mit der Serie zu tun hatte) entstand 1970 noch der Sechsseiter 1938 – Spirou 1.
Kurzzeitig bereits 1940 und dann von 1943 bis 1946 führte der Belgier Jijé (Joseph Gillain) die Serie weiter, die unter seinem Einfluss deutliche zeichnerische Fortschritte machte und mehr denn je den Humor betonte. In dieser Zeit während der deutschen Besetzung Belgiens gab er der Serie vorübergehend auch antisemitische Züge, als er etwa im Band Spirou, vedette de cinéma von 1940 den als Juden erkennbaren Isaak Godsak eine Filmproduktion sabotieren ließ.Didier Pasamonik: Französische Comics. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 7: Literatur, Film, Theater und Kunst. De Gruyter Saur, Berlin 2014, S. 122 ISBN 978-3-11-034088-4 (abgerufen über De Gruyter Online).
Er gab Spirou mehr Dynamik, baute die Figur Pips aus und fügte 1943 Spirous Freund Fantasio hinzu. Der Name dieser Figur existierte bereits seit 1939 – er wurde vom damaligen Spirou-Chefredakteur Jean Doisy als Pseudonym für die verdrehte Rubrik „Voyez–vous les erreurs?“ im Spieleteil des Magazins benutzt. Seit seinem zweiten Auftritt war Jijés Fantasio unverzichtbarer Bestandteil der Serie.
André Franquin 1946 übergab Jijé die Serie seinem Landsmann, dem damaligen Comic-Neuling André Franquin, der sie zunächst im Stil seines Vorgängers fortführte. Ab 1950 jedoch wichen die eher kürzeren, munter drauflos improvisierten Geschichten längeren Abenteuern mit komplexeren Handlungen. Fantasio, der bei Jijé noch ein ebenso exzentrischer wie trotteliger Lebenskünstler gewesen war, mutierte zu einem nervösen Reporter, der bei seinen Reportagen von Spirou begleitet wurde. Zudem führte Franquin eine größere Anzahl wiederkehrender Nebenfiguren ein, unter anderem den Grafen von Rummelsdorf, den schurkischen Zantafio, die Reporterin Steffani, den verrückten Wissenschaftler Zyklotrop sowie diverse Bewohner des Städtchens Rummelsdorf. Die populärste Schöpfung Franquins für die Serie war das Fantasiewesen Marsupilami. Ab den späten 1950er Jahren erhielt der Künstler Hilfe von Greg bei den Szenarios und Jidéhem (d. i. Jean de Mesmaeker) bei den Hintergründen. Bei drei Episoden, die aus Werbezwecken speziell für die Tageszeitung Le Parisien Libéré entstanden, arbeitete er mit dem damaligen Comic-Debütanten Jean Roba zusammen.
André Franquin machte aus Spirou und Fantasio einen der großen Klassiker der frankobelgischen Comicliteratur. Obwohl die Titelhelden nicht von ihm stammen, wird er dennoch als der eigentliche „Vater“ der Serie gesehen, auf dessen Werk die diversen Nachfolger aufbauen konnten.
Fournier Um sich voll seiner eigenen Serie Gaston widmen zu können, übergab Franquin Spirou an den Bretonen Jean-Claude Fournier. Zeichnerisch solide und experimentierfreudig, bewegten sich dessen von 1969 bis 1979 entstandene Spirou-Abenteuer zwischen Poesie und Politik. Mit dem japanischen Zauberer Itoh Kata und der „exotischen“ Reporter-Schönheit Ororea fügte er dem Spirou-Universum zwei weitere erinnernswerte Figuren hinzu. 1979 gab Fournier die Serie aufgrund von Differenzen mit dem Verlag wegen des Veröffentlichungsrhythmus der Geschichten auf. Sein begonnenes zehntes albenlanges Spirou-Abenteuer La maison de la mousse blieb ein fünfseitiges Fragment.
Nic & Cauvin
Ab 1980/1981 wurde die Serie gleichzeitig von Nic Broca & Cauvin sowie Tome & Janry übernommen. Da erstere mit drei wenig inspirierten albenlangen Geschichten auf wenig Gegenliebe bei den Fans stießen, blieb es beim Team Tome & Janry. Zeichner Nic (d. i. Nicolas Broca) kam ursprünglich vom Trickfilm, ein Umstand, auf den sich die mangelnde Detailfreude in seinen Zeichnungen zurückführen lässt. Der sonst sehr erfolgreiche Comicautor Raoul Cauvin betrachtet seinen Anteil an der Serie rückblickend als „dunklen Punkt“ seiner Karriere und entschuldigt sich unter anderem damit, dass Dupuis ihm nicht erlaubt habe, die beliebten Nebenfiguren der Serie einzusetzen.
Tome & Janry
Dort ansetzend, wo Franquin 1968 aufgehört hatte, führten Tome & Janry (Philippe Vandevelde und Jean-Richard Geurts) Spirou in den 1980er und 1990er Jahren wieder zum Erfolg. Dabei setzten sie vor allem auf zeitgemäße Action, mehr Tempo und schwarzen Humor, und kreierten unter anderem den glücklosen Mafia-Boss Don Vito Cortizone. 1998 überraschten sie mit dem kontroversen Spirou-Abenteuer Jagd auf Spirou, in dem die Figuren in einem (vergleichsweise) realistischen Stil gehalten sind. Da Dupuis, wie schon bei Fournier, auch von ihnen eine größere Produktivität verlangte, stiegen Tome & Janry während der Arbeit am nächsten Abenteuer Zorglub à Cuba (erhalten als 8-Seiten-Fragment) aus der Serie aus. Zudem hatte das Duo als Ableger zwischenzeitlich die Abenteuer vom Kleinen Spirou entwickelt, der den großen seit den neunziger Jahren an Erfolg überflügelt.
Yves Chaland
Im Jahre 1982 war außerdem der unvollendete Spirou-Comic Stählerne Herzen von Yves Chaland erschienen. Das nostalgische, ursprünglich schwarz-weiße und im Stil von Zeitungsstrips gehaltene Abenteuer war eine Hommage an den Spirou der vierziger Jahre. Die Geschichte wurde 1990 in Form eines Textes von Yann (d. i. Yann le Pennetier) mit Illustrationen von Chaland abgeschlossen, wobei Spirou und Fantasio aus rechtlichen Gründen unter Leopardenfellen agierten.
Morvan & Munuera
Nach mehrjähriger Pause erschienen ab 2004 neue, vom Team Morvan & Munuera gestaltete Abenteuer im traditionellen Semi-Funny-Stil, der allerdings – angeblich auf Anweisung von Dupuis – deutliche stilistische Anleihen bei den Mangas aufwies. Im Gegensatz zu Tome & Janry würdigten Jean-David Morvan und José-Luis Munuera mit ihren Spirou-Geschichten nicht nur Franquin, sondern auch die anderen Autoren der Serie, indem sie beispielsweise auf die erste Spirou-Episode von Rob-Vel anspielten oder Fourniers Itoh Kata aus der Versenkung holten. Mit Miss Flanner fügten sie der Serie außerdem einen weiteren der raren weiblichen Charaktere hinzu. Das vierte und letzte Album des Duos war das in Frankreich bzw. Belgien insgesamt fünfzigste der Serie und entstand unter Mitarbeit von Yann als Co-Szenarist.
Yoann & Vehlmann Aufgrund stark rückläufiger Verkaufszahlen hatte sich Dupuis bereits Anfang 2007 dazu entschieden, Morvan und Munuera künftig durch ein neues Team zu ersetzen. Nachdem den Fans seit langem klar gewesen war, dass Yoann (d. i. Yoann Chivard) & Fabien Vehlmann die Nachfolger sein würden, erfuhren diese Namen Anfang 2009 ihre unspektakuläre Bestätigung seitens des Verlags. Das Duo hatte zuvor bereits einen Spirou-„One-Shot“ (s. u.) sowie eine Kurzgeschichte, letztere in etwas angepassterem Zeichenstil, realisiert. Der erste albenlange Beitrag von Yoann & Vehlmann zur Stammserie erschien Mitte 2010 in Spirou. Als Neuerung endet nun jedes Abenteuer mit einem kurzen Vorausblick auf das nächste. Die Verkaufszahlen der ersten Alben dieses Teams bestätigten den von Morvan & Munuera eingeleiteten Abwärtstrend. Im Jahr 2014 erhielt der Verlag Dupuis von Marsu Productions die Rechte an Gaston und dem Marsupilami, sodass diese Figuren wieder in die Serie Spirou und Fantasio integriert werden können. Die Rückkehr des Marsupilamis erfolgte im Band Der Zorn des Marsupilamis.
Olivier Schwartz, Sophie Guerrive & Benjamin Abitan
Im Juli 2021 wurde ein Autorentrio angekündigt. Olivier Schwartz übernahm das Zeichnen, und für das Szenario sind seither Sophie Guerrive und Benjamin Abitan verantwortlich. Ihr erster Band, Der Tod von Spirou, erschien 2022 und endete mit einem Cliffhanger. Fortsetzung und Schluss des Abenteuers folgte im Oktober 2024 unter dem Titel Das Gedächtnis der Zukunft.
„One Shots“ Seit 2005 dürfen sich – synchron zu den regulären Alben – im Auftrag von Verleger/Rechteinhaber Dupuis auch diverse andere Zeichner an den beiden Helden versuchen. Stilistisch sind ihnen dabei keinerlei Grenzen gesetzt, einzige Vorgabe ist, ein „authentisches“ Abenteuer von Spirou und Fantasio zu kreieren, und nicht etwa in die Parodie abzudriften. Die Idee dazu entstand, als man sich auf die Suche nach den Nachfolgern von Tome & Janry machte: Viele Künstler zeigten Interesse, ein Spirou-und-Fantasio-Abenteuer zu gestalten, jedoch keinesfalls mehrere, da unter dem Zeitaufwand ihre eigenen Serien zu leiden hätten. Die bisherigen Alben dieser unter dem Titel „Le Spirou de …“ / „Une Aventure de Spirou & Fantasio par …“ (inoffiziell: „One Shots“) laufenden Reihe lieferten Yoann & Vehlmann, Frank Le Gall, Fabrice Tarrin & Yann, Émile Bravo, Olivier Schwartz & Yann, Fabrice Parme & Lewis Trondheim sowie Flix ab. Weitere Alben sind in Vorbereitung, u. a. von Didier Conrad & Arleston (d. i. Christophe Pelinq), Marc Hardy & Zidrou (d. i. Benoit Drousie), Frank Pé & Zidrou und dem Trio Téhem (d. i. Thierry Maunier), Pierre Makyo (d. i. Pierre Fournier) & Toldac (d. i. Michel Fournier) sowie jeweils ein zweites von Émile Bravo und Schwartz & Yann.
Frühe Entwicklung der Serie bis zu ihrer Reife mini|hochkant=1.5|Wandgemälde in Brüssel, Rue Notre-Dame de Grâce / Onze-Lieve-Vrouw van Gratiestraat Spirou wurde von Rob-Vel ursprünglich als Hotelpage geschaffen, der als Mädchen für alles den Alltag im Hotel Moustic auf den Kopf stellt, und gab sein Debüt auf dem Titelblatt der ersten Nummer des Journal de Spirou vom 21. April 1938: Der Besitzer des Hotels, Monsieur Papillon, ist auf der Suche nach einem perfekten Pagen. Rob-Vel selbst tritt als Künstler auf, malt Spirou und besprenkelt ihn mit Lebenswasser. Der Page entsteigt der Leinwand und ist zu Diensten. In seiner Eigenschaft als Hoteldiener erschien Spirou zunächst in Form von 27 Gag-Einseitern auf der Titelseite, wobei es bezeichnend war, dass sich seine Erlebnisse bereits ab der neunten Episode häufiger außerhalb des Hotels abspielten als innerhalb. Die einzige wichtige, wiederkehrende Nebenfigur zu der Zeit war der Chefportier Entresol.