New Age (engl. für „Neues Zeitalter“) war eine im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts gebräuchliche Bezeichnung für diverse Strömungen in der Esoterik. Ursprünglich etwa synonym mit dem astrologisch begründeten Begriff „Wassermannzeitalter“, wurde „New Age“ bald unabhängig davon in sehr freier Weise verwendet. Oft war auch von einer New-Age-Bewegung die Rede, was aus soziologischer Sicht jedoch problematisch ist. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts kam die Bezeichnung „New Age“ aus der Mode.
Begriffsgeschichte
Das Schlagwort „New Age“ wurde, soweit bis heute bekannt, erstmals 1804 von William Blake im Vorwort zu seiner Dichtung Milton verwendet. 1864 veröffentlichte der Amerikaner Warren Felt Evans eine Schrift mit dem Titel The New Age and Its Message, wobei mit der Botschaft (message) die Lehren Emanuel Swedenborgs gemeint waren. Ab 1894 erschien in England eine modernistische Zeitschrift namens The New Age mit wechselnder, teils politischer (sozialistischer), teils literarischer Ausrichtung, die ab 1907 unter der Federführung von Alfred Richard Orage u. a. auch spirituellen Themen gewidmet war. Eine gewisse Verbreitung fand der Begriff new age jedoch erst durch die theosophischen Schriften von Alice Bailey, und allgemein bekannt wurde er schließlich um 1970 im Umfeld der kalifornischen Protestbewegung. In diesem Zusammenhang war er zunächst etwa synonym mit „Wassermannzeitalter“; die damit verbundenen astrologischen Vorstellungen traten jedoch sehr schnell in den Hintergrund.Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik?, 2004, S. 228; Paul Heelas: The New Age Movement – The Celebration of the Self and the Sacralization of Modernity, Oxford 1996, S. 17. Siehe auch Wallace Martin: „The New Age“ Under Orage: Chapters in English Cultural History, Manchester 1967; Robert Scholes: General Introduction to The New Age 1907–1922; The New Age 1907–1922 online
„New Age“ ist ein sehr unscharfer Sammelbegriff. Es etablierte sich nie eine klare Definition, und die Bezeichnung wurde in sehr freier Weise verschiedensten Strömungen und Gruppierungen zugeordnet. Laut Kocku von Stuckrads Einführung Was ist Esoterik? (2004) konnten zwar ideengeschichtlich gewisse Kontinuitäten in den beteiligten religiösen Traditionen aufgezeigt werden, die empirisch-soziologische Analyse ergebe jedoch, „dass von einer einheitlichen Bewegung mit übereinstimmenden Ansichten keine Rede sein kann“.Wouter J. Hanegraaff: New Age Religion and Western Culture – Esotericism in the Mirror of Secular Thought, Leiden 1996, S. 1; Stuckrad, S. 227 Beispiele für Versuche einer engeren Begriffsbestimmung reichen von der These des Soziologen Hans Sebald, die New-Age-Bewegung sei eine „romantische Bewegung“,Hans Sebald: New Age Romanticism: The Quest for an Alternative Lifestyle as a Force of Social Change, Humboldt Journal of Social Relations 11/2 (1984), S. 106–127; referiert und diskutiert bei Hanegraaff 1996, S. 369–371 über den Entwurf einer Weltanschauung des New Age durch den Philosophen und Soziologen Christof SchorschChristof Schorsch: Die New Age Bewegung: Utopie und Mythos der Neuen Zeit – Eine kritische Auseinandersetzung, Gütersloh 1988; referiert und diskutiert bei Hanegraaff 1996, S. 371–373 bis zu der (primär auf Deutschland bezogenen) Ansicht des Religionswissenschaftlers Christoph Bochinger, es handele sich weder um eine Bewegung noch um eine Weltanschauung, sondern um einen hauptsächlich durch einige Buchverlage geprägten „Sammelbegriff für Religion im Abendland unter den Bedingungen der Moderne, die sich aus dem kirchlichen Rahmen gelöst hat“.Christoph Bochinger: „New Age“ und moderne Religion – Religionswissenschaftliche Untersuchungen, Gütersloh 1994, referiert und diskutiert bei Hanegraaff 1996, S. 377–380; Zitat nach Bochinger: Reinkarnationsidee und «New Age», in Perry Schmidt-Leukel (Hrsg.): Die Idee der Reinkarnation in Ost und West, München 1996, S. 115–130, hier S. 118
Im Rückblick wird „New Age“ vielfach mit der Protestbewegung der 1960er Jahre in Zusammenhang gebracht, obwohl die Bezeichnung damals noch kaum gebräuchlich war. In dieser Perspektive bezeichnet „New Age“ die gesamte alternative Bewegung seit den 1960er Jahren. Demgegenüber weist der Kulturhistoriker und Religionswissenschaftler Wouter J. Hanegraaff in seiner Monographie New Age Religion and Western Culture (1996) auf bedeutende Unterschiede zwischen der Bewegung der 1960er und jener der 1980er Jahre hin: In den 1960ern handelte es sich vorwiegend um Jugendliche, die politisch links orientiert waren und zu radikalen politischen Aktionen neigten; auch war der Gebrauch psychedelischer Drogen sehr verbreitet. In den 1980ern hingegen beschränkte sich die Bewegung nicht mehr auf eine bestimmte Generation, Karl Marx und Che Guevara spielten keine Rolle mehr, politische Aktionen gehörten nicht mehr zum typischen Handlungsrepertoire, und anstelle von Drogen bevorzugte man Meditationen und andere spirituelle Techniken der „Bewusstseinserweiterung“.Hanegraaff 1996, S. 10–12
Im deutschen Sprachraum kam die Bezeichnung „New Age“ erst gegen Ende der 1970er Jahre in Gebrauch, und den Höhepunkt ihrer Verbreitung hatte sie hier etwa von 1985 bis 1988.Bochinger 1996, S. 116 Durch die zunehmende kommerzielle Verwendung erhielt sie ab den 1980er Jahren – zunächst im englischen Sprachraum – für bisherige Anhänger einen negativen Beigeschmack, und auch prominente Vertreter wie Fritjof Capra distanzierten sich davon. Heute wird „New Age“ nur noch selten als Selbstbezeichnung verwendet und häufig sogar als Schimpfwort betrachtet.Stuckrad, S. 227–229; siehe auch Hanegraaff 1996, Anm. 49, S. 17, und Bochinger 1996, S. 116
Geschichte
Die Ursprünge der Bewegung oder des kultischen Milieus (Hanegraaff), das mit dem Begriff „New Age“ verbunden ist, lassen sich mindestens bis zum Okkultismus des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen.So bei J. Gordon Melton: The New Age Movement, in Encyclopedic Handbook of Cults in America, New York u. London 1986, S. 163–180; ders.: A History of the New Age Movement, in Robert Basil (Ed.): Not Necessarily the New Age – Critical Essays, Buffalo/New York 1988, S. 35–53. Hanegraaff 1996, S. 384–513, stellt den historischen Kontext seit der Renaissance dar In einem engeren Sinn bezeichnet Hanegraaff die UFO-Kulte der 1950er Jahre als „Proto-New-Age-Bewegung“. Dabei handelt es sich um ein Milieu, in welchem vermeintliche Sichtungen von UFOs mit einer herannahenden Apokalypse in Verbindung gebracht wurden. Diese UFO-Kulte waren teilweise von der theosophischen Lehre von Alice Bailey beeinflusst, die auch die Bezeichnung „New Age“ einbrachte. In den 60er Jahren kamen „alternative“ Lebensgemeinschaften wie die im schottischen Findhorn hinzu, in denen anfangs auch eine apokalyptische Erwartungshaltung herrschte. Da die Apokalypse jedoch ausblieb, etablierte sich stattdessen (anscheinend ausgehend von Findhorn) der Glaube, dass das neue Zeitalter bereits begonnen habe, aber nicht, wie erwartet, als Katastrophe über die Menschheit hereingebrochen sei, sondern lediglich die Möglichkeit eröffne, durch eine veränderte Lebensweise und innere Haltung der Menschen verwirklicht zu werden. Diese frühe New-Age-Bewegung (Hanegraaff nennt sie new age sensu stricto) ging von Großbritannien aus, war stark theosophisch und anthroposophisch geprägt, und das zentrale Thema war das neue Wassermannzeitalter.Hanegraaff 1996, S. 94–97
In den 1970er Jahren wurde die Bezeichnung „New Age“ im englischen Sprachraum in weiteren Kreisen gebräuchlich und mit einer Vielzahl „alternativer“ Ideen und Zielsetzungen verbunden. Parallel dazu entwickelte sich das Bewusstsein, einer Bewegung anzugehören. Der Schwerpunkt verlagerte sich nach Nordamerika, wo vor allem die kalifornische „Gegenkultur“ (counterculture) und die Tradition der Neugeist-Bewegung (new thought movement) bedeutende Einflüsse ausübten. Theosophische und anthroposophische Elemente wie das Konzept des Wassermannzeitalters traten in der Vielfalt der Themen in den Hintergrund. In den 80ern fasste diese breitere Bewegung (new age sensu lato bei Hanegraaff) dann auch im deutschsprachigen Raum Fuß, und der Soziologe Christof Schorsch schrieb 1988, in Deutschland sei „eine soziale Bewegung entstanden, die längst eine auch soziologisch relevante Größenordnung erreicht“ habe. Demgegenüber vertrat der Religionswissenschaftler Christoph Bochinger in seiner 1994 publizierten Dissertation „New Age“ und moderne Religion die Auffassung, dass hierzulande von einer konsistenten Bewegung oder gar von einer Weltanschauung nicht die Rede sein könne, sondern in erster Linie von einer Marketing-Inszenierung einiger Buchverlage. Vor allem in den USA war in den 1980er und 1990er Jahren ein starker Trend zu beobachten, New-Age-Spiritualität mit dem Streben nach materiellem Erfolg zu verbinden, und das war nach Heelas das auffallendste Kennzeichen des späten New Age und in den 1990er Jahren der am schnellsten wachsende Sektor.Hanegraaff 1996, S. 97f und 377–380; Heelas, S. 61–68; Schorsch, S. 9
Mitte der 1990er Jahre trat insbesondere im deutschsprachigen New-Age-Milieu ein starkes Interesse an Verschwörungstheorien auf, wie sie etwa Jan van Helsing verbreitet. In diesem Zusammenhang öffnete sich das bislang eher links-liberale und großenteils unpolitische Milieu rechtsextremem Gedankengut. Als Gründe für dieses plötzliche Umschwenken in einen pessimistischen Diskurs sieht Nicholas Goodrick-Clarke die politische Situation nach Margaret Thatcher und Ronald Reagan und das Ausbleiben der erhofften spirituellen Wandlung, das durch Verschwörungsfantasien plausibel werden konnte. Eine bedeutende Rolle spielte auch die verstärkte Hinwendung zu keltisch und germanisch orientierten Richtungen des Neuheidentums.Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne – Arische Kulte, esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung, Wiesbaden 2009, S. 552–565; siehe auch Eduard Gugenberger, Frank Petri, Roman Schweidlenka: Weltverschwörungstheorien: die neue Gefahr von rechts, Wien 1998
Da der Terminus „New Age“ seit den 1980er Jahren in Misskredit geriet und heute nur noch selten als Selbstbezeichnung verwendet wird, betrachtet von Stuckrad die New-Age-Bewegung als eine bereits abgeschlossene Episode der Religionsgeschichte, die nur noch durch externe Zuschreibungen (von Kritikern und mit der Sache befassten Wissenschaftlern) künstlich am Leben gehalten werde. Das Milieu, das zeitweilig als New-Age-Szene bestand, sei allerdings – ebenso wie die hauptsächlichen Themen – weiterhin vorhanden und könne zu großen Teilen einfach als moderne Esoterik bezeichnet werden.Stuckrad, S. 227–229
Bedeutende Vertreter
Wesentlich zur Verbreitung des Begriffs New Age beigetragen hat das Buch Revelation: The Birth of a New Age (1971) von David Spangler, der sich einige Jahre in der Findhorn-Gemeinschaft in Schottland aufhielt und dort seine Visionen eines neuen Zeitalters niederschrieb. Als Quelle gab er erchannelte Botschaften an; seine beigefügten Kommentare lassen einen starken Einfluss der Theosophie Alice Baileys erkennen. Dieses Buch avancierte in den USA schnell zu einem der grundlegenden Texte der sich formierenden New-Age-Subkultur.Hanegraaff 1996, S. 38f
Ebenfalls ein typischer Vertreter des frühen, in Großbritannien heimischen New Age (New Age sensu stricto) war George Trevelyan mit A Vision of the Aquarian Age (1977). Trevelyan entwarf eine sehr idealistisch-spirituelle Weltsicht, die stark anthroposophisch und theosophisch geprägt war und besonders an den britischen Idealismus der Romantik anknüpfte.Hanegraaff 1996, S. 105f; A Vision of the Aquarian Age online
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