mini|Epitaph für Balthasar Pötschner und seine Gemahlin 1505, Rotmarmor
Das gotische Epitaph für Balthasar Pötschner und seine Gemahlin aus Rotmarmor mit der Jahreszahl 1505 befindet sich in St. Peter, der ältesten Pfarrkirche Münchens. Eingelassen in die Wand unter der Orgelempore neben dem Eingang zur südlichen Turmkapelle erscheint es nahezu unbeschädigt, obwohl im Zweiten Weltkrieg die Luftangriffe auf München 1944/45 die Kirche fast völlig in Schutt und Asche legten. Es erinnert an Balthasar PötschnerIn der Inschrift findet sich die Schreibweise „Bötschner“, in archivalischen Quellen „Pötschner“ „Pöttsczkner“, Potschner…. . Für den vorliegenden Artikel wurde die P-Variante des Namens gewählt. und seine Gemahlin. Sie erscheinen beide im Bildrelief und werden in der Inschrift genannt, die Ehefrau nicht namentlich. Ihren vollen Namen und ihre Herkunft, Anna Fröschl aus Wasserburg, verdanken wir archivalischen Quellen.E. Geiss 1868, S. 245. M. P. von Freyberg: Sammlung historischer Schriften und Urkunden: geschöpft aus Handschriften, Stuttgart, 1830, S. 320, https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10373568_00005.html, Otto Titan von Hefner, 1849, S. 44 Folgt man den Sterbedaten 1507 für Balthasar Pötschner und 1506 für seine Ehefrau bei Geiss,E. Geiss, 1868, S. 246, R. M. Kloos 1958, Nr. 117, A. Alckens 1973/74, S. 43 ist das Epitaph noch zu Lebzeiten der Verstorbenen im Jahr 1505 angefertigt worden.
Künstler Das Werk wird der Werkstatt des Erasmus Grasser zugeschrieben. Hans Ramisch sieht in ihm die Handschrift des sogenannten zweiten Mitarbeiters des Erasmus Grasser, des Meisters Jörg Schnitzer.Früher galt es als Werk des Erasmus Grasser bzw. seines Umfelds, auch Marx (Markus) Haldner wurde es zugeordnet. Vgl. L. Altmann 2008, S. 36, V. Liedke: Die Haldner und das Kaisergrabmal in der Frauenkirche zu München. In: Ars Bavarica 2, 1974, S. 1–187, München 1974, Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg. Zur heutigen Zuordnung vgl. Hans Ramisch: Patronats- und Klientelverhältnisse am Beispiel Ulrich Aresingers, S. 126, 260 in Bewegte Zeiten, Der Bildhauer Erasmus Grasser (um 1450 – 1518), Ausstellungskatalog 2018, hrsg. von Renate Eikelmann und Christoph Kürzeder, München 2018
Beschreibung Das mehrteilig gestaltete Werk (255 × 136 cm) besteht aus einer knappen Inschrift und einem darüber gesetzten zweiteiligen Bildfeld in einer Dreipass-Ädikula mit der Darstellung des Balthasar Pötschner und seiner Gemahlin sowie einer weiteren ungefähr gleich großen sakralen Bildszene darüber. Die untere Bildszene zeigt das Ehepaar in Relief einander zugewandt in Dreiviertelansicht, in frommer Andacht kniend mit gefalteten Händen. Balthasar Pötschner ist in Ritterrüstung, gegürtet mit Schwert, den Kopf mit einer verzierten Haube bedeckt, mit einem Umhang, seine Ehefrau in einen bodenlangen Kirchgangsmantel gehüllt, dessen Falten ihre kniende Haltung unterstreichen, in den Händen eine Gebetsschnur, das Haar unter einer Kopfbedeckung verborgen. Prunkvoll präsentiert sich umrankt von Akanthusblättern zwischen den beiden ihr Allianzwappen. Das knorrige Astwerk im Hintergrund ist verbindende Stütze für die sogenannte Gregorsmesse, die darüber vielfigurig ins Bild gesetzt ist. Kniend sind sie um den Kelch am Altar versammelt, ein Diakon mit Buch und Papstkreuz, ein Kleriker, dessen Hut ihn als Kardinal ausweist, mit Papstkrone in den Händen rechts, dahinter ein Bischof mit Mitra und Hirtenstab, in der Mitte der Zelebrant mit Tonsur ohne Insignien Papst Gregor. Im Augenblick der Wandlung von Brot und Wein in Christi Leib und Blut hat er, so erzählt es die Legenda aurea des Jacobus de Voragine, eine Vision, die hier ins Bild umgesetzt ist. Über dem Altarkelch erscheint Christus körperlich mit sichtbaren Wundmalen auf Brust und erhobenen Händen, flankiert von den Leidenswerkzeugen, den Arma Christi, im Hintergrund und auf den von zwei Engeln getragenen Wappenschilden in den Ecken außerhalb des Kleeblattbogens. Reflektiert ist entsprechend der textuellen Vorgabe der Legende das Thema der Präsenz Gottes in der Eucharistiefeier, visualisiert das Nicht-Darstellbare der Wandlung, um die Erfahrung der Nähe Gottes in der Eucharistiefeier sinnlich greifbar zu machen. Papst Gregor der Große (540–604 n. Chr.), gilt in der Kirchengeschichte als der Papst, der die Messzeremonien reformiert und den Messkanon eingeführt hat.
Inschrift mini|Epitaph für Balthasar Pötschner und seine Gemahlin - Inschrift
Auf einer Rollwerkkartusche als Inschriftenfeld findet sich eine dreizeilige lateinische hexametrische Inschrift. Als Schrift ist fast durchgehend die erhabene gotische Minuskel gewählt, eine Ausnahme bilden die Zeilenanfänge.
Clarus in hoc miles que(m) sculptu(m) marmore cernis Balthasar hic bötschner de Riedershaim simul ortus Consul eratq(ue) ducum jacet hic cum coniuge chara
Der angesehene Ritter, den du hier in diesen Marmor gemeißelt siehst, war Balthasar Boetschner, zugleich Herr von RiedershaimRiedersheim heute Ortsteil von Bockhorn bei Erding. Bei E. Geiss 1868, S. 245, Hofmark der Pfarrei Bockhorn Landgericht Erding und Rat der Herzöge, er liegt hier begraben zusammen mit seiner lieben Gemahlin.
Wappen mini|Epitaph für Balthasar Pötschner und Anna Fröschl - Allianzwappen
Die Wappen der beiden Eheleute sind sprechende Wappen. In Anspielung an die Familiennamen haben die Pötschner als Wappensymbol eine „Bütschen“, ein (Salz-)Gefäß, ein (Salz-)Fass, eine (Salz-)Kufe,Johann Andreas Schmeller, Georg Karl Frommann; Bayerisches Wörterbuch, München 1872, I, 312 „Die Butschen, die Bütschen, kleines mit …einem Deckel versehenes Gefäß… Ehemals nannte man Bütschen auch eine Art Gefäß, in welchem, von den Salzstätten aus, das Salz verführt wurde…“ die Fröschl einen Frosch. Beider Wappen sind quadriert. Balthasar Pötschners Wappen hat zusätzlich zum Salzfässchen auf einem Dreiberg in Feld 1 und 4 ein schrägrechtsgeteiltes Feld 2 und Feld 3, das am unteren Platz geweckt und am oberen Platz mit einem halben rechtsaufspringenden Einhorn belegt ist.Helmut Stahleder 2016, S. 39–117, S. 75. Otto Titan von Hefner, 1849, S. 43f. Im Wappen der Ehefrau wechselt das Wappensymbol ihrer Familie mit dem ihres Ehemanns. Verbunden sind die schräggestellten Wappenschilde durch einen gemeinsamen Bügelhelm mit Krone, aus dem als prächtige Helmzier zwei Arme ragen mit einem mit Federn (2 × 5) bestückten Salzfässchen in den Händen. Da die Salzkufe bereits im 14. Jahrhundert im Stammwappen der Pötschner auftaucht,Helmuth Stahleder 2016, S. 116f. liegt nahe, dass sie ihr Vermögen in nicht geringem Maß im Salzhandel erwirtschafteten. Ungeklärt ist allerdings, wann das Einhorn mit dem geweckten Teil in ihrem Wappen dazugekommen ist. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit Balthasar Pötschners Bau der Papiermühle Neudeck in der Au am Standort der vormaligen Mühle (1322) im Besitz der Perkhofer, deren Wappensymbol ein rechtsaufspringendes halbes Einhorn war.W. Ebnet: Sie haben in München gelebt, Biographien aus 8 Jahrhunderten, München 2016, S. 447 und Otto Titan von Hefner Wappentafel im Anhang sowie . Als Wasserzeichen hatte das Pötschnersche Papier das Salzfässchen aus dem Stammwappen.
Familie mini|Pötschneraltärchen 1477 in München, St. Peter, Ausschnitte mit den Familienangehörigen
Die Aussage von Epitaph und Inschrift Balthasar Pötschners konzentriert sich auf das am Endes seines Lebens von ihm Erreichte und Wesentliche, seinen Status als Herr von Riedersheim und seine Tätigkeit für das Wohl des Landes in Diensten der Wittelsbacher in ehrfurchtsvoller Haltung vor Gott. Dank akribischer Archivstudien durch Helmuth Stahleder lässt sich dieses knappe Wissen über das Leben des Verstorbenen ergänzen. Balthasar Pötschner entstammte der vermögenden Oberschicht in München, die im Stadtrat seit Generationen die kommunale Verantwortung übernahm. Mit zwei Schwestern wuchs er im Wohnviertel des Münchner Patriziats am Rindermarkt 8 am Pötschenbach in einem großen Stadthaus mit Turm auf,Michael Schattenhofer 1975, S. 881 das seiner Familie bereits seit den Zeiten seines Urgroßvaters Ulrich Pötschner (1351–1392) gehörte.H. Stahleder 2016, S. 116f. (Stammbaum) Da er mit dem in den Universitätsmatrikeln von Leipzig genannten „Waltharius Pöttsczkner de Monaco“ identisch sein könnte, schließt Stahleder auf ein Geburtsjahr Pötschners um 1430.H. Stahleder, 2016, S. 91 1457 heiratete er Anna Fröschl aus der benachbarten Handelsstadt Wasserburg, die an der Salzstraße von Salzburg nach München und Augsburg liegt. Ihre Mitgift soll 25.000 Gulden umfasst haben.M. P. von Freyberg: Sammlung historischer Schriften und Urkunden : geschöpft aus Handschriften, Stuttgart, 1830, S. 320 Das Ehepaar hatte die stattliche Anzahl von 15 Nachkommen, wenn man der Darstellung der Stifterfamilie auf dem Seitenflügel des sogenannten Pötschneraltärchens von 1477 folgt.Heute in St. Peter an der Westwand der ersten Kapelle des nördlichen Seitenschiffs zu sehen.
Urkundlich belegt finden wir 14 der Söhne und Töchter in dem von Stahleder erstellten Pötschner-Stammbaum. Drei der sieben Töchter und vier der acht Söhne sterben vor den Eltern. Jahrelang ist er wie seine Vorfahren, die zu den etablierten Ratsfamilien gehören, im Stadtrat tätig, bevor er etwa 50-jährig in herzogliche Dienste tritt und mit ungefähr 60 Jahren in das Unternehmen Papiermühle in Neudeck in der Au einsteigt.
Balthasar Pötschners Rolle in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Unter den größten Steuerzahlern in der Stadt München Die Pötschner gehörten seit Anfang des 14. Jahrhunderts zu den reichsten und steuerkräftigsten Bürgern in der Stadt München. Man geht davon aus, dass diese vermögende Oberschicht teils verbürgerlichtem Landadel, Ministerialen- und Rittergeschlechtern, teils der Schicht der Handelsherren entstammte oder aus einfacheren Verhältnissen kam.Michael Schattenhofer 1975, S. 879 Ein Viertel der Steuern (in der um 1500 ca. 13.000 Bürger umfassenden StadtF. Ebner, Hrsg.: Bayern in Geschichte und Gegenwart, München 1956, S. 73) ist von den Mitgliedern des Stadtrats im Inneren und Äußeren Rat gezahlt worden. Erfolgreich in Tuch- und Salzhandel verstanden es die Pötschner, ihr Kapital in Darlehensgeschäften zu mehren und in Grundbesitz und Leibrenten professionell anzulegen. Neben dem großen Anwesen am Rindermarkt 8 besaß Balthasar Pötschner noch mehrere Stadthäuser. 1472 kaufte er Sitz und Hofmark Riedersheim im Landgericht Erding.H. Stahleder 2016, S. 92 1490 gründete er ein neues Unternehmen am Neudeck in der Au, nachdem ihm Herzog Albrecht IV. die Genehmigung erteilt hatte, dort eine Papiermühle zu errichten und für die Produktion von Papier Lumpen und Hadern zu sammeln.H. Stahleder 2016, S. 92
Vom „Consul civitatis Monacensis“ zum „Consul ducum“ – Vom Stadtrat der Bürger zum Rat der Herzöge mini|Epitaph für Balthasar Pötschner - Porträt 1505