mini|Hera-Tempel und Poseidon-Tempel im Vordergrund, hinten der Athene-Tempel Paestum () ist eine Ruinenstätte in der Region Kampanien in der Provinz Salerno in Italien. Der Ort gehört zur Gemeinde Capaccio Paestum. Die griechische Tempelanlage wurde 1998 als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt.

Lage und Daten Der Ort liegt in einer Ebene etwa 35 km südlich von Salerno. Er wurde 2 km von der Mittelmeerküste entfernt angelegt. Das zeigt, dass die Griechen hier keinen Hafen als Handelsstützpunkt anlegen wollten, sondern dass sie die Kultivierung des fruchtbaren Bodens im Sinn hatten. Er ist geschützt hinter einer Lagune, an der sich wohl früher der Hafen befand. Zum Osten und Süden hin wird Paestum durch das Cilento-Gebirge abgegrenzt. Im Norden befindet sich mit dem Sele eine natürliche Barriere.Dieter Mertens: Städte und Bauten der Westgriechen, München 2006, S. 54.

Geschichte

Antike Die Stadt wurde unter dem Namen Poseidonia um 600 v. Chr. von Griechen aus Sybaris oder Troizen gegründet. Der Ort ist somit die Pflanzstadt einer Pflanzstadt (Apoikia). Die fruchtbare Landschaft und umfangreicher Handel führten innerhalb weniger Generationen zu Wohlstand, der sich im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. im Bau großer Tempel ausdrückte, deren Ruinen bis heute erhalten sind. Um 400 v. Chr. eroberten vielleicht Lukaner die Stadt und benannten sie in Paistos um. Möglicherweise handelte es sich aber auch einfach um eine graduelle Verschmelzung der von der Heimat weitgehend abgeschnittenen Kolonisten mit einheimischen Kulturformen: Der antike Autor Aristoxenos von Tarent gab an, die griechischen Bewohner von Poseidonia hätten im 4. Jahrhundert v. Chr. von sich aus barbarische Sitten und Sprachen angenommen.Athenaios 14, 632. Bereits vor der Eroberung Paestums durch die Römer wurden Bronzemünzen geprägt, deren Nominalsystem dem der Römischen Republik entsprach.

mini|Jugendlicher Dionysos auf Triens aus Paestum, 269–89 v. Chr.

273 v. Chr. wurde die Stadt im Zuge der Eroberung Kampaniens durch die Römer unter dem Namen Paestum zur latinischen Colonia. Dabei nahmen diese wenig Rücksicht auf alte Sitten und Gebräuche. Allerdings durfte Paestum als einzige griechische Stadt in Unteritalien seine Bronzemünzen bis zur Regierungszeit des Tiberius weiterprägen.Szaivert/Sear, Griechischer Münzkatalog, Band 1, S. 123. Es gab größere Umgestaltungen und möglicherweise einen umfangreichen Austausch der Bevölkerung. In der römischen Kaiserzeit verlor Paestum an Wohlstand und Bedeutung.

Verfall und Wiederentdeckung mini|Karte der Ruinen von Paestum (1732) Nach 500 n. Chr. fing das Gelände an zu versanden und langsam zu versumpfen, und viele Bewohner verließen den Ort. Die Tempelanlage verwandelte sich in eine Art Urwald, der Ort wurde gleichsam vergessen. Nach Zerstörungen im 9. Jahrhundert durch die Sarazenen und im 11. Jahrhundert durch die Normannen wurde Paestum aufgegeben. Der Niedergang wurde durch die Versumpfung des Umlandes und die daraus resultierende Malariagefahr beschleunigt. Die Bewohner siedelten, um der Malaria zu entgehen, auf höher gelegenes Gebiet um und gründeten den Ort Capaccio.

In der Renaissance zitierten verschiedene Schriftsteller und Dichter Paestum, vor allem aus Zitaten von Vergil, Ovid und Properz über die Schönheit und den Duft der Rosen aus Pestane, kannten jedoch nicht seinen genauen Standort und platzierten es in Agropoli oder Policastro. Im 16. Jahrhundert entstand ein kleines Dorf um die Kirche St. Annunziata. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurde eine Straße (die heutige SS18) gebaut, welche den Ort in Nord-Süd-Richtung durchquerend, das Amphitheater in zwei Teile schnitt. Eine frühe Karte zeigt die Ruinen 1732. Die ersten Reliefs, Gravuren und Drucke, die die Tempel und Orte darstellen, wurden ab 1752 hergestellt und veröffentlicht, ungefähr gleichzeitig mit der Wiederentdeckung von Pompeji und Herculaneum. Die Entdeckungen erregten seinerzeit großes Aufsehen. Eine Expedition in die verwunschene Sumpflandschaft gehörte schon bald zum Programm des kunstbeflissenen Bildungsreisenden auf der sogenannten Grand Tour.

Sehenswürdigkeiten mini|Blick auf das Heraion (im Vordergrund) und den „Poseidontempel“ in Paestum; hier ist der Unterschied zwischen Archaik und Klassik gut zu erkennen. Tempel Paestum kann bedeutende Baudenkmäler aus griechischer und römischer Zeit vorweisen. Besondere Bedeutung kommt den drei großen dorischen Tempeln zu, die jeweils exemplarisch für eine Bauepoche des dorischen Baustils stehen.

Der archaische Hera-Tempel (um 540 v. Chr.) – Basilika genannt – war einer der größten bis dahin errichteten griechischen Steintempel überhaupt.

Der Tempel der Athena (um 510 v. Chr.),N. Nabers, The Athena Temple at Paestum and Pythagorean Theory. In: Greek, Roman and Byzantine Studies 21, 1980, S. 207. früher auch der Ceres zugeschrieben, ist erheblich kleiner. An ihm ist besonders auffällig, dass dieser eigentlich dorische Tempel einige Stilelemente besitzt, die nicht in den Kanon der dorischen Architektur gehören. So besitzt er Schmuckelemente am oberen Abschluss des Architravs und auch im Geison, die eher in ionische Gebälke gehören.

Der sogenannte Poseidontempel schließlich (um 450 v. Chr.) – auch dieser war eigentlich der Hera geweiht – weist die ausgereiften Bauformen des kurz zuvor errichteten Zeustempels von Olympia auf.

Nördlich des Heratempels lagen zudem sechs kleinere Tempelbauten aus hellenistischer Zeit, die in der Forschung als Tempietti (Singular Tempietto) bezeichnet werden und, soweit erkennbar, der dorischen Bauordnung folgen.Markus Wolf: Hellenistische Heiligtümer in Kampanien. Sakralarchitektur im Grenzgebiet zwischen Großgriechenland und Rom (= Deutsches Archäologisches Institut, Abteilung Rom: Sonderschriften. Band 26). Harrassowitz, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-447-11940-5, S. 35–46, Tafeln 63–95 und Beilage 3.

Sonstige Bauten Aus der lukanischen Phase der Stadt sind nur wenige Bauten bekannt. Zu diesen zählen die beiden Tortürme an der Porta Marina, ein Tempelbau (Amphiprostylos) im südlichen Heiligtumsareal sowie ein ausgedehnter Hofbau südlich des Forums. Der zuletzt erwähnte Bau wurde von den Ausgräbern als Heiligtum des Asklepios angesprochen, doch dürfte es sich aufgrund der architektonischen Ausgestaltung mit einem großen Gelagesaal eher um ein Bankettgebäude gehandelt haben.

Erhalten haben sich auch öffentliche Bauwerke der Römerzeit, so ein kleines römisches Amphitheater und der Versammlungsort der Bürger, das Comitium, sowie die 4,75 km lange Stadtmauer, an der lukanische und römische Bauphasen zu erkennen sind. Die vier großen Stadttore sind römisch.

Museum mini|Grab des Turmspringers mini|Abbildung eines Symposiums im Grab des Turmspringers Das Archäologische Nationalmuseum Paestum zeigt eine bedeutende Sammlung griechischer Altertümer aus Unteritalien. Ausgestellt werden Fundstücke aus der Umgebung von Paestum, in der Hauptsache Grabfunde aus griechischen und lukanischen Nekropolen. Darunter sind viele Vasen, Waffen und bemalte Steinplatten, die als Sargdeckel oder -seitenwände dienten. Hervorzuheben sind die Darstellungen aus dem Grab des Turmspringers (Grab des Tauchers), die den Übergang vom Leben in das Totenreich als Sprung des Springers in das Wasser deuten. Das Museum besitzt unter anderem bemalte Grabplatten aus dem Grab des bunten Hahnes, dem Grab des weißen Hahnes, dem Grab der Schecken, dem Grab der Granatäpfel, dem Grab der Leichenspiele, dem Grab des schwarzen Ritters, dem Grab von Mutter und Kind, dem Grab der Klagefrauen, dem Grab der Hirschjagd, dem Grab des heimkehrenden Ritters, dem Grab der kämpfenden Tiere, dem Grab der Nereide und dem Grab des Maultierkarrens. Die gewichtigen Exponate sind im Erdgeschoss des Museums ausgestellt.

Direktor des Museums war von 2015 bis 2021 der deutsche Klassische Archäologe Gabriel Zuchtriegel.

Paestum in der Literatur mini|Poseidontempel und Heraion in Paestum, Aquarell von Y. Gianni 1898 Johann Wolfgang Goethe besuchte Paestum während seiner italienischen Reise am 23. März 1787 von Salerno aus in Begleitung des Zeichners Christoph Heinrich Kniep sowie erneut im Mai 1787, also 35 Jahre nach seiner Wiederentdeckung. Über seinen ersten Besuch schreibt er:

Auch Johann Gottfried Seume besuchte auf seiner Italienreise im Jahr 1802 die Stadt. Er berichtet darüber in seinem Werk Spaziergang nach Syrakus. Unter anderem wollte er dort die von Vergil 50 v. Chr. beschriebenen Rosen finden, was ihm jedoch versagt blieb:

Literatur Carl Lamb, Ludwig Curtius (Geleitwort): Die Tempel von Paestum, Leipzig, Insel-Verlag 1944 (Insel-Bücherei 170/3).

Eva-Maria Lackner: Republikanische Fora. Biering und Brinkmann, München 2008, ISBN 978-3-930609-55-0. Christoph Höcker: Golf von Neapel und Kampanien. DuMont-Kunstreiseführer, DuMont Buchverlag, Köln 1999. Erweiterte und aktualisierte Auflagen: 2000; 2004; 2006; 2008 (völlig überarbeitete Neuauflage); 2011. Tonio Hölscher: Der Taucher von Paestum. Jugend, Eros und das Meer im antiken Griechenland. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-608-96480-6.

Weblinks

Offizielle Internetpräsenz des Archäologischen Nationalmuseums Paestum (italienisch) PaestumGate – eine virtuelle Rekonstruktion von Paestum (englisch)

Ausstellung der Gräber im Bucerius-Centrum Hamburg

Einzelnachweise

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