mini|Wilhelm Ohnesorge, 1916 mini|Wilhelm Ohnesorge bei einer Exkursion Wilhelm Eduard Heinrich Ohnesorge (* 31. Juli 1855 in Görlitz; † 20. April 1943 in Lübeck) (ertrunken)St. Aegidien Toten, Lübeck, Bestattung am 24. April 1943. war ein deutscher Historiker, Lehrer und baute den lübeckischen Heimatschutz mit auf.

Leben Herkunft mini|hochkant Ohnesorge wurde mit vier jüngeren Geschwistern in Görlitz in eine wohlhabende Familie geboren. Im Zuge der Großen Depression verlor Ohnesorges Vater, Joachim Carl Henning Wilhelm (* 28. Dezember 1818 in Cottbus; † 21. September 1902 in Lübeck), sein Vermögen.

Dessen Grabstein, wenn auch nicht sein Grab, ist im Vergleich zu dem seines Sohnes bis heute auf dem Burgtorfriedhof erhalten geblieben.

Laufbahn Ohnesorge besuchte das Görlitzer Gymnasium. Auf die Boomjahre nach der Reichsgründung kam es 1873 zur sogenannten Gründerkrise. Als sein Vater ihm erklärte, ihn nicht studieren lassen zu können, verließ er das Gymnasium ein halbes Jahr vor dem Abitur und wurde Kaufmann. Ab Herbst 1874 lebte er in Berlin und unternahm Reisen durch Südfrankreich, Belgien und Norddeutschland bis Memel. Mit seinen in fünf Jahren angesammelten Ersparnissen besuchte er ab Michaelis 1879 das Gymnasium in Fürstenwalde und holte nach drei Semestern sein Abitur nach.

An der Universität in Leipzig studierte Ohnesorge bei Anton Springer Kunstgeschichte, bei Friedrich Zarncke, Karl von Bahder, Anton Edzardi und Rudolf Hildebrand Geschichte und bei Otto Delitsch und Friedrich Hahn Geographie. Bei Carl Schirren an der Universität in Kiel machte er im März 1886 ein Examen ersten Grades und erhielt im Lateinischen und Griechischen die Lehrbefähigung für Mittelklassen sowie für Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Religion die volle Lehrbefähigung.

1885 promovierte er mit seiner Dissertation „Anonymus Valesii de Constantino“. Sein Probandenjahr (entspricht dem heutigen Referendariat) verbrachte er an einem Gymnasium in Köln. Es folgten das Gymnasium am Ostring in Bochum und das Realgymnasium in Duisburg. Während er danach auf dem Gymnasium in Elberfeld lehrte, wurde ihm und einem weiteren Kollegen die Organisation des mehrtägigen 300-jährigen Jubiläums des Gymnasiums übertragen.

Nach seinen 1898 im Beisein des damaligen Bürgermeister Wilhelm Brehmer gehaltenen Probelektionen wurde Ohnesorge am 4. Februar 1899 vom Senat zu Ostern des Jahres als Oberlehrer der Geschichtsunterricht am Katharineum zu Lübeck übertragen.Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter. 41. Jahrgang, Nr. 7, Ausgabe vom 12. Februar 1899, S. 83.Aus der Chronik des Katharineums. In: Lübeckische Blätter. 41. Jahrgang, Nr. 14, Ausgabe vom 2. April 1899, S. 153–154. Brehmer legte, da er die Reihe von Ferdinand Heinrich Grautoff, Ernst Deecke über Wilhelm Mantels und Max Hoffmann bei der Erforschung der lübeckischen Geschichte fortsetzen sollte, einen besonderen Wert auf die Nachfolge. Ohnesorge kam als Philologe aus der Wissenschaft und konnte, da die Pflichtstundenzahl und die Schülerzahl in den Klassen beschränkt waren, weiter wissenschaftlich arbeiten.

Seit dem 1. April 1899 war Ohnesorge lübeckischer Staatsbürger und wohnte in der Peterstraße 4 bei Familie Freitag in dem zum Fürstentum Lübeck zählenden Schwartau. Nach der Geburt seiner ersten beiden Töchter zog er zum 27. September 1900 in die Lessingstraße 11 in der lübeckischen Vorstadt St. Jürgen. Als Mitglied des „Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs in Lübeck“ unternahm er als Fremdenführer Führungen durch die Stadt. Von den auf diesem Gebiet erworbenen Kenntnissen sollte er später im Heimatschutz profitieren. 1900 wählte man ihn in den Vereinsvorstand.Jahresbericht des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs in Lübeck. In: Lübeckische Blätter. 43. Jahrgang, Nr. 7, Ausgabe vom 17. Februar 1901, S. 85–88.

Fortan wandte Ohnesorge der Mitarbeit an den Jahresberichten der Geschichtswissenschaft zu Lübeck zu. Ursprünglich war ihm hier die Arbeit über den Hamburgischen Staat übertragen worden, auf das dringende Ersuchen die Bearbeitung der gesamten Lübecker Jahresliteratur für dieses Werk zu übernehmen, übernahm er sie 1904. Mit dem Ersten Weltkrieg fanden die Jahresberichte ihr Ende.

Der Senat verlieh den Oberlehrern Schneermann und Ohnesorge vom Katharineum zum 1. April 1904 den Titel eines Professoren.Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter. 46. Jahrgang, Nr. 14, Ausgabe vom 3. April 1904, S. 218.

mini|Cronsforder Allee 33 mini|Alterswohnsitz Nach der Geburt seines Sohnes im Jahre 1904 zog die Familie 1905 in die Cronsforder Allee 33.Zu jener Zeit wurde die Kronsforder Allee noch mit „C“ geschrieben. Dort wurde seine vierte Tochter geboren.

Im Saal der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit erörterte Ohnesorge am 20. März 1917 in seinem Vortrag Die politische Frage.Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit. In: Lübeckische Blätter. 59. Jg., Nr. 12, Ausgabe vom 25. März 1917, S. 182.

Nach dem Weltkrieg wurde der Familienwohnsitz 1919 in die Sophienstraße 26 verlegt. Infolge des sogenannten „Abbau-Gesetzes“ wurde Ohnesorge vom Senat zum 1. April 1924 vom Oberlehrer zum Oberstudienrat befördert und außer Dienst gestellt.

Auch bei Organisation der Feierlichkeiten zum Anlass der 700-jährige Reichsfreiheit 1929 in Lübeck war er beteiligt. Im Bezug auf die dreitägige Jubiläumsfeier lobte er, dass eine der ältesten Republiken der Welt hierfür nicht die Mittel des Staates in Anspruch genommen hätte, sondern seine Bevölkerung die nicht unerheblichen Kosten trug. Die Festrede hielt Thomas Mann. Allerdings bezeichnete er die Höhe von Manns Honorarforderung, als unverschämt.Prof. Dr. Ohnesorge 75 Jahre. In: Lübeckische Blätter. 72. Jahrgang, Nr. 30, Ausgabe vom 27. Juli 1930, S. 455–492, S. 489.

In der letzten Wochenausgabe der Lübeckischen Blätter wurde das Jubiläum des 150-jährigen Bestehens der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit begangen. In Ohnesorges Glückwunsch auf den Seiten 653–654 ging er auf den Umfang und die Änderungen des Blattes nach dem Ersten Weltkrieg ein.150 Jahre Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit. In: Lübeckische Blätter. 81. Jahrgang, Nr. 46, Ausgabe vom 10. November 1939, S. 649–658.

Bei dem Luftangriff auf Lübeck ist der Dom schwer beschädigt worden und die Ohnesorges wurden dem Kirchspiel von St. Aegidien angegliedert. Nachdem Ohnesorge am 20. April 1943 im nahe seinem Alterswohnsitz vorbeiführenden Kanal ertrank, wurde seine Leiche, wie aus den Unterlagen hervorgeht, am 24. d. M. im örtlichen Krematorium verbrannt.

Vereine

Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumsforschung Nach seiner Ankunft in Lübeck trat Ohnesorge dem Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumsforschung bei und wurde am 28. März 1900 in den Vorstand gewählt.Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde. In: Lübeckische Blätter. 42. Jahrgang, Nr. 14, Ausgabe vom 1. April 1900, S. 178–179. In seiner Freizeit widmete er sich der Vereinstätigkeit und füllte die Bände 10, 12 und 13 von dessen Zeitschrift ganz oder größtenteils mit seinen Arbeiten. Im November 1900 veröffentlichte er den zweiten Band der neuen Folge „Hansischer Geschichtsquellen“.Der zweite Band aus der neuen Folge „Hansischer Geschichtsquellen“. In: Lübeckische Blätter. 42. Jahrgang, Nr. 47, Ausgabe vom 18. November 1900, S. 615–619.Der zweite Band aus der neuen Folge „Hansischer Geschichtsquellen“ (Schluß). In: Lübeckische Blätter. 42. Jahrgang, Nr. 48, Ausgabe vom 25. November 1900, S. 629–632. Nach Ohnesorges Ansicht bestand das Hauptproblem der lübischen Geschichte in der Aufhellung von deren Ursprung. Weder die von Karl Klug 1858 veröffentlichten Forschungsergebnisse über Alt-Lübeck noch Arndts Bericht von 1882 über die dortigen Ausgrabungen verhinderten, dass ein so guter Kenner der lübischen Geschichte wie Bürgermeister Brehmer sie im Riesebusch suchten. Brehmer bewirkte, dass die damals in Lübeck lebenden Historiker wie Hoffmann, Bruns und Hartwig, sofern sie sich über die Lage Alt-Lübecks äußerten, Brehmers Ansicht übernahmen, ebenso wie Wilhelm Wattenbach und die Herausgeber der Monumenta Germaniae Historica.

Ohnesorge wies nach, dass neben dem Riesebusch und der Mündung der Schwartau auch sieben weitere Stellen hierfür in Frage kamen. Im Bezug auf das von ihm untersuchte Quellenmaterial stellte er neun weitere Orte als die Lage Alt-Lübecks in seinem Werk endgültig fest. Gleichfalls überprüfte er hierin die älteste Geschichte Lübecks anhand von dänischen und nordischen Quellen. Bezüglich des Hügels Bucu nahm er die gleiche Arbeit vor und berücksichtigte hierfür auch polnische Geschichtsquellen, die in ein weiteres Werk einflossen. Das seinerzeit herrschende Durcheinander zwischen dem Ursprung der alten Namen Alt-Lübecks (Liubice) und dem seinerzeitigen Lübeck wurde von ihm geordnet. Da im September 1908 der Gesamtverein der Deutschen Geschichts- und Altertumsvereine in Lübeck tagte und die „Einleitung in die lübische Geschichte“ dort als Festgabe überreicht werden sollte, musste dieses Projekt jedoch abgebrochen werden.

mini|Grundriss der Kirchenanlage von Alt-Lübeck Am 20. August 1905 hielt Ohnesorge einen Vortrag über die Ausgrabungen bei Haltern am See.Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit. In: Lübeckische Blätter. 47. Jg., Nr. 34, Ausgabe vom 20. August 1905, S. 465. Nach der Schifffahrt wanderte man zwei Wochen später zu den freigelegten Grundmauern der alten Kirche, wo Ohnesorge einen Vortrag über die Ausgrabungen vor Ort hielt.Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit. In: Lübeckische Blätter. 47. Jg., Nr. 37, Ausgabe vom 10. September 1905, S. 509–510. Am 25. November 1908 dokumentierten 36 Lichtbilder den Verlauf der Ausgrabungen von 1906 bis 1908.Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde. In: Lübeckische Blätter. 50. Jg., Nr. 48, Ausgabe vom 29. November 1908, S. 747.

Martin Wehrmann besprach für die Historiker die Abhandlung über die Ortsnamen Lübecks. In den Monatsblättern der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde wies er im Oktober 1909 auf den in Deutschland herrschenden in Dilettantismus bei der Erklärung von Ortsnamen hin, bevor er im Verhältnis hierzu die angewandte wissenschaftliche Arbeitsweise des Werkes lobte. Für die zahllosen unerforschten slawischen Ortsnamen wünschte er sich eine ähnliche Spezialuntersuchung. In den Jahresberichten der deutschen Geschichtswissenschaft des Jahrganges 1909 äußerte sich Georg Schrötter ähnlich.

Conrad Borchling, führender Gelehrter auf dem Gebiet der niederdeutschen Sprachforschung, besprach am Allgemeinen Vorlesungswesen (Vorgänger der Universität Hamburg) wiederholt Ohnesorges ersten beiden Arbeiten. Im Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung hob er hervor, dass, wie aus Ohnesorges gründlicher Studie klar hervorginge, der Name Lübeck nicht deutschen, sondern slawischen Ursprunges sei. Eingehender behandelte er die beiden Werke in den Historischen Monatsheften der Provinz Posen und kam zu dem Schluss, dass das wissenschaftliche Ergebnis des Ganzen unumstößlich wäre.

Wie vor ihm schon Hans Witte im Bezug auf Mecklenburg wandte sich Ohnesorge entschieden hinsichtlich Lübeck und Wagriens gegen die Theorie der Ausrottung von Slawen, indem er zunächst unter Berücksichtigung aller Arten von Quellen deren einstige Ausbreitung in den Provinzen Hannover und Schleswig-Holstein nachzuweisen suchte. Danach stellte er die Eroberungskriege der Deutschen von 1138 bis 1164 und die einsetzende Behandlung der Slawen durch die Deutschen dar und Reste der Slawen in dem Gebiet zwischen der Eider und der Stepenitz, wie in und bei Lübeck bis 1508 und 1600, dar. Da das Werk für die Zeitschrift des Geschichtsvereins bestimmt war und in jedem Jahr ein Band herauskommen sollte, endete das Werk vorzeitig nach der Stepenitz, obwohl es sich ursprünglich bis zur Oder ausdehnen sollte.