Der Klaegersche Viehmarkt (vereinzelt auch Neuer Viehmarkt oder Viehmarkt am Landsberger Thor genannt) hielt von 1826 bis 1871 praktisch das Monopol darauf, in Berlin den Viehhandel auszurichten und befand sich auf der Landsberger Straße 86, vor dem Landsberger Tor innerhalb der Berliner Zoll- und Akzisemauer (heute Platz der Vereinten Nationen). Die zentrale Stellung ließ sich auf den Stelzenkrug am Ochsenplatz (heute Alexanderplatz) bis auf 1681 zurückführen. 1871 wurde das Monopol anlässlich kommerzieller Bemühungen von Dritten, eines Vorfalls der Rinderpest und vor allem wegen der Bemühungen des Magistrats von Berlin zur Verstaatlichung des Viehhandels und der -schlachterei beendet.
Geschichte Mastverbot 1681 in Berlin Seit 1591 gab es bereits eine kurfürstliche Fleischer-Ordnung in Berlin und Cölln an der Spree,Mylius: Repertorium Corporis Constitutionum Marchicarum, 1755, S. 339. die z. B. Schlachtungen nur in städtischen Schlachthäusern erlaubte. Ansonsten sind Schweine, Rinder und andere Tiere auch innerhalb der Stadtmauern Berlins gehalten worden. 1593 wurden Schlachtung und Handel wieder freigegeben, da zu wenig Lebensmittel in die Residenzstadt kamen.Dr. C. E. Geppert: Chronik von Berlin von Entstehung der Stadt an bis heute. Berlin 1839, S. 234. Kurfürst Friedrich Wilhelm der Große hatte um 1660 gerade die Straßen pflastern lassen, als er eine Gassenordnung erließ, die den Bürgern das Wegräumen z. B. der Misthaufen auferlegte.Mila: Berlin oder Geschichte des Ursprungs…, 1829, S. 209. Dem wurde nicht ausreichend gefolgt, so dass der Kurfürst 1680 einen Gassenmeister anordnete, der täglich mit zwei Karren vor die Häuser fuhr, bei denen etwas wegzuräumen war, und der gegen ein paar Groschen u. a. den Mist auflud und abfuhr. Wer vor seinem Hause nicht gekehrt hatte, dem warf der Gassenmeister den Kot ins Haus. Da immer noch Klagen entstanden, dass die Schweine selbst in den Hauptstraßen noch gemächlich herumliefen, und alle Verordnungen nicht fruchteten, ließ der Kurfürst im Jahr 1681 das Mästen der Schweine in der Stadt ganz und gar verbieten.Nicolai: Beschreibung der Königlichen Residenzstädte…, 1786, S. XLVI. Infolgedessen musste das Vieh vor den Toren der Stadt gehalten und bezogen werden.Nicolai: Beschreibung der Königlichen Residenzstädte…, 1786, S. IV. Der Platz am Georgentor, direkt vor der Stadtmauer zwischen Bastion 9 und 10, etablierte sich dazu. Seitdem hieß dieser Platz im Volksmund Ochsenplatz. Das Privileg, den Viehmarkt veranstalten zu dürfen wurde der Schenke zugesprochen. Schweine und anderes Vieh durften nur noch auf dem Weg zum Schlachthaus das Stadttor passieren, was der Thorschreiber zu beobachten hatte.Mylius: Repertorium Corporis Constitutionum Marchicarum, 1755, S. 63.Nicolai: Beschreibung der Königlichen Residenzstädte…, 1786, S. 31.
Der Stelzenkrug ab 1705 Wesentliche Teile der Georgenvorstadt, auch einige der fünf Schäfereien und 17 Meiereien sowie die Schenke, waren als Vorwerk im Besitz der Königin Sophie Charlotte.Alexanderplatz – Von den Anfängen Bekannte Vorgeschichte zum Ochsenplatz. Abgerufen am 4. August 2018. Als sie 1705 starb, schenkte Friedrich I. das Gasthaus mitsamt dem Privileg den Viehmarkt abzuhalten und Viehhändler zu beherbergen, an die nahegelegene Anstalt für militärische Invaliden. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Schänke oft auch Königin-Gasthof genannt. Die offizielle Bezeichnung in Amtsgeschäften war ab 1705 Invalidenkassen-Gasthof. Diesen Namen hat niemand verwendet. Der Volksmund vergab gängige Bezeichnung. Der Amtsrat Wilkins erklärt 1744 anlässlich einer weiteren Umbenennung in , dass einer der frühen Pächter auf Stelzen lief (Holzbein oder Krücken), und der Gasthof daher kurzerhand Stelzenkrug genannt wurde.GStA PK, II. HA Generaldirektorium, Abt. 2 Invaliden- und Invalidenkassensachen, Tit. 123 Nr. 9 Bd. 2, Bl. 126 Den Viehmarkt hält die Gaststätte ein paar mal im Monat ab.
Wegen der Vergrößerung Berlins lag 1734 der Ochsenplatz zwischenzeitlich im städtischen Gebiet. Daher wurde die sechzig Jahre zuvor errichtete Festungsmauer wieder abgerissen. 1739, als der Abriss am Georgentor (zur Krönung Friedrichs I. 1701 in Königsthor umbenannt) fertig war, wurde im Bereich der Mauern eine Straße am Ochsenplatz angelegt und erhielt den Namen Contre Escarpe (französisch für äußerer Grabenrand bei Befestigungen, auch in der Schreibweise Contrescarpe bekannt). Der Stelzenkrug lag an der Ecke Bernauer Straße und hatte die Hausnummer Contre Escarpe 46.
Der Betrieb des Gasthofs wurde durch die Invalidenkasse durchgängig einem Pächter überlassen. Die Zeitpacht wurde zu den entsprechenden Terminen öffentlich ausgeschrieben. Als erster Pächter begann Georg Winckler (ca. 1705–1708). Es folgten der Viehhändler Georg Spannagel (1708–1725), der Handelsmann Johann Georg Hansche (1725–1737), der Handelsmann Johann George Bölcke (1737–1743), Hansche noch einmal (1743–1744), der Fleischer Christoph Hermann (1744–1746), der Soldat Johann Calvary (1746–1756) und der Gastwirt Johann Gottfried Klaeger(1756–1765). Die jährliche Pacht steigerte sich von anfangs 200 Reichstaler auf 430 Taler zum Ende dieser Zeit. Bis zum Pächter Hermann ließen die Pächter das Haus in der Regel verfallen und es musste auf Kosten der Invalidenkasse zu jedem neuen Pachtbeginn neu renoviert werden. Erst ab dem Pächter Calvary mühten sich die Pächter um einen guten Zustand des Gasthofes.GStA PK, II. HA Generaldirektorium, Abt. 2 Invaliden- und Invalidenkassensachen, Tit. 123 Nr. 3 Bd. 1–4
Erwerb des Stelzenkrug und der Privilegien
Am 30. Juli 1765 hat J. G. Klaeger den Stelzenkrug dann mit all auf ihm liegenden Privilegien für die stolze Summe von 12.600 Reichstalern vom Invalidenhaus als Höchstbietender in öffentlicher Auktion erworben. Wie stolz diese Summe war, zeigt sich im Vergleich mit dem Grundstück auf der anderen Straßenseite des Stelzenkruges. Dort, wo später das Haus mit den 99 Schafsköpfen errichtet wurde, befand sich seit 1743 der Gasthof zum Goldenen Hirschen. 1743 bezahlte der Gastwirt Bölke für dieses Grundstück 6650 Taler. Als er es 1760 an den Kaufmann Christian Homeyer verkaufte, erhielt er 6710 Taler. Es steht zu vermuten, dass der kräftige Aufpreis beim Stelzenkrug durch die Privilegien zustande gekommen ist.
Königin Sophie Charlotte hatte zu Lebzeiten die Grundstücke links neben dem Stelzenkrug sowie fünf in der Schützenstraße dahinterliegende zum Bebauen verschenkt. Die Eigentümer mussten jedoch einen jährlichen Grundzins an sie abführen. Die Grundstücke erhielten später den Namen Invalidenfreiheit. Zu den 1705 durch Friedrich I. an die Invalidenanstalt vergebenen, und nachher an J.G. Klaeger verkauften Rechten, gehörte neben dem Recht den Viehhandel dort abzuhalten laut Kaufbrief die Freiheit von allen bürgerlichen Lasten die Freiheit, Weine, auch fremde und einheimische Biere, ohne Erlegung der Magistrats-Einlage, zu verzapfen Reisende und besonders die Viehhändler mit allerhand Vieh aufzunehmen das Recht von den dazu gehörigen Fleischscharren den Erbkanon und von den auf der Invalidenfreiheit stehenden Häusern den Grundzins jährlich zu erheben.
Dies mag den hohen Kaufpreis erklären. J.G. Klaeger benannte den Stelzenkrug beim Erwerb in Gasthof „Zur Goldenen Krone“ um.Nicolai: Beschreibung der Königlichen Residenzstädte…, 1779, S. 730. Im Volksmund wurde er weiter als Stelzenkrug bezeichnet. Nicht zuletzt, weil der Teil der Contre Escarpe vor der Gaststätte, zwischenzeitlich offiziell den Namen „Contre Escarpe am Stelzenkrug“ trug. J. G. Klaeger starb 1773. Sein ältester Sohn Johann Christian Friedrich Klaeger erbte den Gasthof und die Privilegien.
1776 wurde eine Polizeiverordnung erlassen, in der es hieß:
1784 gelingt es Johann Christian Friedrich, das General Direktorium des Königs davon zu überzeugen, ihm und dem Gastwirt des Goldenen Hirschen eine Urkunde auszustellen, die ihnen das alleinige Recht zur Durchführung des Viehmarktes erteilt.GStA PK, I. HA Geh. Zivilkabinett, Rep. 89 jüngere Periode, Nr. 28126, 3. Februar 1825
Als der russische Kaiser Alexander I. 1805 Berlin besuchte, zog er über den Ochsenplatz zum Stadtschloss. Friedrich Wilhelm III. benannte den Platz aus diesem Anlass am 2. November 1805 in Alexanderplatz um, wie er auch heute noch heißt. Mit Einzug der Gewerbefreiheit in Preußen, wurde 1810 die Pflicht zur Schlachtung in städtischen Schlachtereien aufgehoben und zahlreiche private Schlachtereien entstanden. 1819 wurde die Contre Escarpe ebenfalls zu Ehren des Zaren in Alexanderstraße umbenannt. 1820 verstarb Johann Christian Friedrich Klaeger der Ältere und vererbte seinem ältesten Sohn, der ebenfalls Johann Christian Friedrich Klaeger hieß, den Gasthof und die Privilegien.
Entstehung des Klaegerschen Viehmarktes Die Stadt Berlin hatte sich in der Betriebszeit des Stelzenkrugs verändert. 1765 hatte sie noch 125.139 Einwohner und 1820 schon 201.900. Der Bedarf an Fleisch hatte sich nahezu verdoppelt. Lag der Stelzenkrug zu seiner Errichtung noch vor der Stadtmauer, hatte sich die Stadt nun deutlich vergrößert und der Alexanderplatz war ein zentraler Platz in der Mitte Berlins. Der Trieb des Viehs zum Handelsplatz verursachte Unrat und Gestank. Die Schlachtabfälle der inzwischen oft privaten Schlachtereien wurden schon immer einfach in der Spree entsorgt.Hausburg: Der Vieh- und Fleischhandel von Berlin., 1879, S. 8. Der umzäunte Bereich auf dem Alexanderplatz reicht nicht mehr aus, um die Menge an Vieh zu handeln, die in der Stadt benötigt wird. Ein Amtsrat beklagt in einem Aktenvermerk das Schreien der Viehhändler und das Gebell der Hunde, welches in den Wintermonaten ab fünf Uhr morgens einsetzt und im Sommer schon ab zwei. Anlässlich der Eröffnung des Königstädtischen Theaters 1824 am Alexanderplatz, soll sich der König missfällig über die Gatter und Barrieren vor dem Stelzenkrug geäußert haben.GStA PK, I. HA Geh. Zivilkabinett, Rep. 89 jüngere Periode, Nr. 26196, 11. November 1832 Dem Besitzer des Goldenen Hirschen kauft Klaeger 1825 das bis dahin zweigeteilte Recht zur Durchführung des Berliner Viehmarktes für 16.000 Taler ab. Im Magistrat der Stadt gab es aber bereits Bemühungen, den Viehmarkt und die Schlachterei wieder in staatliche Hand zu bringen. In anderen europäischen Großstädten war dies bereits so umgesetzt.Hausburg: Der Vieh- und Fleischhandel von Berlin., 1879, S. 3. Es scheiterte jedoch daran, dass der Magistrat mehrfach die damit verbundenen hohen Kosten nicht übernehmen wollte.Hausburg: Der Vieh- und Fleischhandel von Berlin., 1879, S. 9, 12. Angeblich um dem König zu gefallen, und zur Verschönerung der Stadt beizutragen, schlägt Johann Christian Friedrich Klaeger dem König vor, den Viehmarkt auf ein von ihm bereits vorher für 20.000 Taler (die Stelle liegt heute am Platz der Vereinten Nationen 3–7) erworbenes Grundstück am Landsberger Tor vor der Zoll- und Akzisemauer zu verlegen. Es ist wahrscheinlich, dass Friedrich befürchtet hat, dass sein in Privatbesitz befindlicher Viehmarkt entweder einem anderen Bewerber zugeschlagen wird, oder sogar in Staatshand übergeht. Täglich werden angeblich zu diesem Zeitpunkt 7000 Stück Hammel, 600 Ochsen und 700 Schweine verkauft. Der König stimmte zu, und so gelang es, dass J.C.F. Klaeger auch seine ererbten Rechte ausspielte und am 4. November 1825 „eine Concession zur Anlage des bekannten Viehmarkts am Landsberger Thor, unter der Bedingung, daß bei Eintreten polizeilicher Nothwendigkeit die Verlegung des Marktplatzes und die Anlegung eines anderen Platzes angeordnet werden dürfe“,Hausburg: Der Vieh- und Fleischhandel von Berlin., 1879, S. 9.Entwurf in GStA PK, I. HA Geh. Zivilkabinett, Rep. 89 jüngere Periode, Nr. 28126 erteilt wurde.