mini|Die Berufsbezeichnung „Meisterin der Hauswirtschaft“ aus Königsberg 1926
Der Verein Königsberger Hausfrauenbund (KHB) bestand von 1914 bis 1935. Er vereinte zahlreiche kleinere regionale ostpreußische Hausfrauenvereine in die "Vereinigung Ostdeutscher Hausfrauenbünde (VOH)". Das Organ war die „Ostdeutsche Hausfrauenzeitung“. Der KHB war Mitglied ab 1919 bis 1935 im „Reichsverband deutscher Hausfrauenvereine (RDH)“. Die beiden Vorsitzenden im KHB waren von 1914 bis 1934 Olga Friedemann und Helene Neumann und im letzten Jahr bis 1935 Dora Schlochnow von der NSDAP, die zum 31. Dezember 1935 die Übernahme des Vereins in das nationalsozialistische „Deutsche Frauenwerk“ vornahm.
Vorgeschichte der Frauenbewegung in Preußen Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen sich in Berlin der „Verband Fortschrittlicher Frauenvereine Berlin“ (VFFB), der Berliner Verein „Frauenwohl“ und der „gemäßigt-bürgerliche“ „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ (ADF) gegenüber.Else Lüders: Der linke Flügel. Ein Blatt aus der Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Berlin 1904. In: Helene-Lange-Archiv im Landesarchiv Berlin, A Rep. 060-53, Mikrofiche. Letzterer gilt als einer der ältesten Berliner Frauenvereine, gegründet 1865, wie aus den Unterlagen des ADF-Bestandes von 1892 – 1930 des Helene-Lange-Archivs hervorgeht. Helene Lange (1848–1930) war sein prominentestes Vorstandsmitglied.Allgemeiner Deutscher Frauenverein (ADF/HLA). In: Helene-Lange-Archiv im Landesarchiv Berlin, B Rep. 235-02-01, Mikrofiche. Das Wirken des ADF zielte insbesondere auf mehr Rechte für die Hausfrauenvereine ab. Frauen sollten gleiche Bildungs- und Berufschancen eingeräumt werden sowie mehr Einfluss in Politik und Wirtschaft erlangen, um „die Fehlentwicklung der von Männern geprägten Welt“ zu korrigieren.Marie Stritt: Zum 70. Geburtstag von Helene Lange am 9. 4. 1928 In: Die Frauenfrage. Zentralblatt des Bundes Deutscher Frauenvereine, Ausg. E, Jg. 20 (1918), Nr. 4, S. 25–27, hier S. 26 Jene Frauen, die sich mehr den „radikalen“ Gruppierungen zugehörig fühlten, allen voran Clara Zetkin (1857–1933), verweigerten zunehmend die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Gruppen der Frauenbewegung, wie sie Helene Lange und Gertrud Bäumer repräsentierten.
Die Polarisierung in Berlin zwischen radikalen und gemäßigten Strömungen innerhalb der Frauenbewegung wurde nicht auf die ferne Provinz Ostpreußen übertragen. Hier überwog das soziale Engagement von „höheren Töchtern“ und Ehefrauen von Politikern, Wissenschaftlern und Handwerkern. Allen gemein war die möglichst tarifmäßige Anerkennung der Frauenarbeit in ihrer Angestelltentätigkeit in Haus- und Landwirtschaft bzw. in der eigenständigen Heimarbeit.
Erste Frauenvereinigungen in Königsberg mini|Langjährige Vorstandsvorsitzende des Königsberger Hausfrauenbundes Vorgänger des Königsberger Hausfrauenbundes waren der „Frauen-Verein für Armen- und Krankenpflege“ (1843/44)Pauline Bohn: Zur Frauenbewegung in Ostpreußen. In: Grenzland Welt (Untertitel: Blätter eines Jahrbuches der deutschen Arbeit des Ostens), Grenzland-Verlag Allenstein Jg. 2 (1921), S. 33–35, der „Vaterländische Frauenverein“ (1867/68)Vgl. Bohn 1921, S. 33 und in besonderem Maße der „Königsberger Verein Frauenwohl“ (KVF) von Pauline Bohn (1834–1926), der von 1890 bis 1920 bestand.Pauline Bohn: Ein Viertel Jahrhundert Frauenarbeit in Königsberg. In: Königsberger Hartung’sche Zeitung Nr. 207 (1915), Beilage Frauenrundschau Nr. 18, S. 1. Neben Pauline Bohn traten noch zwei weitere Frauen ins Rampenlicht der ostpreußischen Frauenbewegung, Elisabet Boehm (1859–1943) und Helene Neumann (1874–1942). Böhm hatte den „Landwirtschaftlichen Hausfrauenverein“ und Helene Neumann den „Gewerkverein der Heimarbeiterinnen“ (1904–1914) geleitet.Eberhard Neumann-Redlin von Meding: Von den Anfängen ostpreußischer Hausfrauenbünde bis zur Berufsbezeichnung „Meisterin der Hauswirtschaft“. Pauline Bohn, Elisabet Boehm, Helene Neumann, Olga Friedemann. In: Preußenland Nr. 7 (2016), S. 121–146. Über diesen „Gewerkverein der Heimarbeiterinnen“ wurde Olga Friedemann (1857–1935) auf die notleidenden Hausfrauen- und Heimarbeiterinnen aufmerksam. Mit Helene Neumann gelang es ihr, alle bestehenden ostpreußischen Hausfrauenvereine im „Königsberger Hausfrauenbund“ (KHB) zu vereinen. Die Satzung des KHB konnte vom Königsberger Verein Frauenwohl überarbeitet und spezifiziert übernommen werden.Eberhard Neumann-Redlin von Meding: Von den Anfängen ostpreußischer „Hausfrauenbünde“ bis zur Berufsbezeichnung der „Meisterin der Hauswirtschaft“. Teil 1 Königsberger Bürgerbrief Nr. 86 (2015), S. 35–41.
Aufgaben Aufwertung der Hausfrauenarbeit. Gründung einer eigenen Stellenvermittlung für Hauspersonal, Aufhebung der preußischen Gesindeordnung, Einführung eines Hausgehilfengesetzes, gesetzliche Regelung des Lehrlingswesens in der Hauswirtschaft, Fernziel: Anerkennung der Berufsbezeichnung „Meisterin der Hauswirtschaft“, Einrichtung einer Sterbekasse.Olga Friedemann: Die Vereinigung Ostdeutscher Hausfrauenbünde. Berufsorganisatioen der ostdeutschen Hausfraueen. In: Ostpreußische Zeitung, Gedenkausgabe: 80 Jahre Ostpreußische Zeitung 1849–1929 (31. Dezember 1928), S. 99–100 Hausfrauen, Hausangestellte, aber auch Fachlehrerinnen, müssten e i n e m Berufsstand angehören! Das sei nur zu verwirklichen, wenn alle jungen Mädchen, gleich welchen Standes und welcher Schulausbildung, eine hauswirtschaftliche Ausbildung erhielten.Helene Neumann: Olga Friedemann und ihre Arbeit. In: Ostdeutsche Hausfrauenzeitung, Jg. 10 (1935), Nr. 9, S. 3
Königsberger Hausfrauenbund im Ersten Weltkrieg Mitten in diese neue Aufbruchstimmung platzte der Erste Weltkrieg, so dass die satzungsgemäße Umsetzung der Vereinsaufgaben zurückgestellt werden musste. Die Regie der koordinierten Hilfe übernahm Olga Friedemann mit dem neuen Königsberger Hausfrauenbund:
„Ostpreußen wurde zum Kriegsschauplatz. In den Lazaretten lagen Tausende der Schwerverwundeten von den ostpreußischen und russischen Schlachtfeldern. Scharen obdachloser Flüchtlinge zogen durch die Straßen“.Olga Friedemann: Die Vereinigung Ostdeutscher Hausfrauenbünde. Berufsorganisatioen der ostdeutschen Hausfraueen. In: Ostpreußische Zeitung, Gedenkausgabe: 80 Jahre Ostpreußische Zeitung 1849–1929 (31. Dezember 1928), S. 99 Der KHB organisierte Küchen, Verkaufsstellen, aber auch Ausbildungskurse. „Die Erziehung der Hausfrauen und Hausangestellten zu kriegsmäßigem Kochen, die Kurse zur Erhaltung und Verwertung von Lebensmitteln, die Errichtung einer Lebensmittelvorsorge, durch welche viele Tausend Bedürftige und Kranke mit etwas Fettem und Mühlenpräparaten versorgt werden konnten, die Errichtung von „Mittelstandsküchen“, einer „Einkochküche“, die Jahre hindurch Lazarette, Soldatenrasten, Schulen und Vereine mit Marmelade belieferte, seien hier nur als Einzelbeispiele erwähnt.“ Olga Friedemann und Helene Neumann bauten noch im Krieg ihren „Königsberger Hausfrauenbund“ weiter aus, indem sie 1916 eine „Stellenvermittlung“ einrichteten, die Hausfrauen und Hausangestellte in Anspruch nehmen konnten.
Soziales Umfeld nach dem Ersten Weltkrieg Nach dem Krieg wanderten im Zuge der Industrialisierung immer mehr der in der Landwirtschaft tätigen Frauen sowie Heimarbeiterinnen in die Städte ab. Andererseits wurden günstige Industrieware und Landwirtschaftsprodukte aus dem Westen und aus dem benachbarten Ausland eingeführt. Aus den negativen Folgen der Industrialisierung wurden die landeseigenen landwirtschaftlichen bzw. Produkte nicht mehr abgenommen. Mit der Aufwertung der berufstätigen Hausfrau wollte Olga Friedemann eine Wertsteigerung der eigenen Produktion erreichen und somit ihren Absatz anregen.
Als erste Maßnahme erfolgte eine Reorganisation all der vielen bestehenden ostpreußischen Vereine im Umfeld des Königsberger Verein Frauenwohl. Bis 1920 schlossen sich insgesamt 18 Vereine aus der Provinz zu einer Vereinigung Ostdeutscher Hausfrauenbünde (VOH) zusammen. Nach der Übernahme von Insterburg dehnte sich der Königsberger Hausfrauenbund 1920 nach Tilsit (dortige Vorsitzende Frau Schmidt) aus. Anschließend entstanden neue Hausfrauenvereine in Gumbinnen, Marienburg, Marienwerder Deutsch-Eylau und in Allenstein. Auch die in Danzig und Elbing selbständig entstandene Hausfrauenvereine erklärten sich zum Anschluss an den VOH bereit.Helene Neumann: 15 Jahre Vereinigung Ostdeutscher Hausfrauenbund. In: Ostdeutsche Hausfrauenzeitung, Jg. 10 (1935), Weihnachtssondernummer, S. 4. Für alle Vereine wurden zudem der Konsumverein „Selbsthilfe“ und ein „Sozialer Arbeitsdienst“ gegründetAnonymus: Ein Hausfrauenverein in Rauschen In: Königsberger Allgemeine Zeitung, Nr. 40 (1. Oktober 1919), Beilage S. 1 sowie eine Sterbekasse eingeführt.
Der „Königsberger Hausfrauenbund“ (KHB) trat 1919 mit seinen vielen oben erwähnten ostdeutschen Hausfrauenbünden in den „Reichsverband deutscher Hausfrauenvereine 1915–1935 (RDH)“ ein, in dessen Vorstand Olga Friedemann 14 Jahre ihre Erfahrungen als 3. Vorsitzende (1. Vorsitzende 1924 Frau Gerhardt-Altenburg und 1931 Maria Jecker aus Aachen) einbrachte. 1920 folgte auch die Aufnahme aller Vereinigungen Ostdeutscher Hausfrauenbünde (VOH) in den RDH. Im Gesamtvorstand des RDH und im Ausschuss für Bau- und Wohnungszwecke vertrat Helene Neumann von 1921 bis 1935 den KHB sowie sämtliche VOHs. Beide Frauen, Olga Friedemann und Helene Neumann vom KHB, hatten solch entscheidenden Einfluss im RDH, dass sie nicht nur die hauswirtschaftliche Berufsausbildung in das „Berufsausbildungsgesetz“ integrierten, sondern auch das „Arbeitsnachweisgesetz“ und das „Lebensmittelgesetz“ nach ostdeutschem Vorbild über den RDH für ganz Deutschland auf eine gesetzliche Grundlage stellten.Helene Neumann: 15 Jahre Vereinigung Ostdeutscher Hausfrauenbund. In: Ostdeutsche Hausfrauenzeitung Königsberg, Jg. 10, (1935), Weihnachtssondernummer, S. 3 "Mit diesen Maßnahmen haben sie Bedeutendes für die Entwicklung der Hauswirtschaft in ganz Deutschland bewirkt."Hermine Rust: Meisterinnenausbildung und Lehrlingswesen in der Hauswirtschaft, zwei Gaben Olga Friedemanns an das deutsche Volk. In: Ostdeutsche Hausfrauenzeitung Jg. 10, (1935), Nr. 9, S. 5
Berufsbezeichnung „Meisterin der Hauswirtschaft“ Februar 1926
1926 wurde über den „Königsberger Hausfrauenbund“ im Reichsverband Deutscher Hausfrauenvereine (RDH) die staatlich anerkannte Prüfung zur „Meisterin der Hauswirtschaft“ erstmals für ganz Deutschland abgenommen.Eberhard Neumann-Redlin von Meding: Von den Anfängen ostpreußischer „Hausfrauenbünde“ bis zur Berufsbezeichnung der „Meisterin der Hauswirtschaft“. Teil 1 Königsberger Bürgerbrief Nr. 86 (2015), S. 35–41. Im Februar 1926 legten die ersten zwölf Hausfrauen ihre Meisterprüfung an der Ostpreußischen Mädchengewerbeschule ab.Gertrud Brostowski: Vom Gutshaushalt zur Ostpreußischen Mädchengewerbeschule. In: Leben in Ostpreußen. Erinnerungen aus neuen Jahrzehnten, München: Gräfe und Unzer, 1963 Bereits innerhalb der nächsten 4 Jahre übernahmen weitere 13 Städte in Deutschland, darunter auch der Berliner „Deutsche Hausfrauenbund“, diese aus Königsberg stammende Meisterprüfungsordnung und examinierten ca. 300 Meisterinnen der Hauswirtschaft.Olga Friedemann: Die Meisterin der Hauswirtschaft. In: Ostdeutsche Hausfrauenzeitung Jg. 5, Nr. 11 (1930), S. 1 Auch wurde von Königsberg das „Berufsausbildungsgesetz“, das „Arbeitsnachweisgesetz“ und das „Lebensmittelgesetz“ im RDH übernommen.Anonymus: Aus den Frauenvereinen Ostpreußens. In: Königsberger Allgemeine Zeitung vom 22. 6. 1927, Königsberger Frauenblatt als Mittwochsbeilage, Dritte Beilage Nr. 285. (Auszug des Inhaltes: Der RDH übernahm vom „Königsberger Hausfrauenbund“ die Behandlung von außergerichtlichen Streitigkeiten, die sich aus den Dienstverhältnissen ergaben. Hierfür wurden Arbeits- und Angestelltenkammern eingerichtet. Das Arbeitsschutzgesetz regelte in den §§ 17–22 und 28 die besonderen Schutzbestimmungen für Frauen und Jugendliche)
Hausfrauenheime, Rentenheime, Stiftungen