Das italienische Judentum während des Faschismus (1922–1945) war im Gegensatz zur Lage im nationalsozialistischen Deutschland nicht von Anfang an diskriminierenden Maßnahmen des Staates unterworfen. Die antijüdischen Gesetze in Italien wurden erst 1938 eingeführt. Von 1922 bis 1938 waren die Juden in Italien den übrigen Italienern gleichgestellt.
Die liberalen Bewegungen und die Nationalstaatsbildung im 19. Jahrhundert in Italien förderten das jüdische Streben nach gesellschaftlicher Gleichstellung und beendeten die jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung der Juden. Italienische Juden, die ca. 0,1 % der Gesamtbevölkerung Italiens ausmachten, leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Einigung Italiens und waren von Anfang an in jedem Bereich der italienischen Gesellschaft präsent und vollumfänglich integriert. Über 800 jüdische Soldaten und Offiziere wurden im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet. Auch der Übergang zum Faschismus nach dem Marsch auf Rom hatte keine negativen Einflüsse auf die gesellschaftliche Stellung der Juden. Patriotismus, Treue und Loyalität prägten mehrheitlich das Verhältnis der italienischen Juden zum faschistischen Regime, eine Kontinuität, die erst durch die Einführung der antijüdischen Gesetze im Jahre 1938 unterbrochen wurde. Die Rassengesetze blieben auch nach dem Sturz Mussolinis in Kraft. Infolge der deutschen Besetzung Italiens am 8. September 1943 wurden bis Ende des Krieges insgesamt ca. 8000 italienische und ausländische Juden aus Italien in die Vernichtungslager deportiert.
Italienische Nationalbewegung, Beteiligung der Juden an den Unabhängigkeitskriegen, Emanzipation Im Laufe der Jahrhunderte schwankte die Stellung der Juden in Italien zwischen Duldung, Intoleranz, Verfolgung und Protektion. Tendenziell fand Verfolgung eher vonseiten der päpstlichen Macht statt, Protektion erfolgte eher durch aufgeklärte Fürsten, so etwa ab 1848 im Königreich Sardinien.Rudolf Lill: Geschichte Italiens vom 16. Jahrhundert bis zu den Anfängen des Faschismus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980, ISBN 3-534-06746-0, S. 131. Die jüdische Gemeinde Italiens umfasste gegen Mitte des 19. Jahrhunderts ca. 40.000 Personen. Der Risorgimento mit seiner liberalen, laizistischen und antiklerikalen Prägung stellte eine optimale Grundlage für die Verwirklichung des jüdischen Strebens nach gesellschaftlicher Gleichstellung und dem Ende der Diskriminierung dar.Giovanni Cecini, I soldati ebrei di Mussolini. I militari israeliti nel periodo fascista , Mursia, Mailand 2008, S. 13.
Viele Juden unterstützten von Anfang an aktiv die italienische Nationalbewegung und leisteten einen entscheidenden Beitrag zur Einigung Italiens. Zum Beispiel sollen ca. 400 Juden im Gefolge von Garibaldi gewesen sein und einige Hunderte jüdischer Soldaten und Offiziere nahmen an mehreren Kampfhandlungen teil.Giovanni Cecini, I soldati ebrei di Mussolini. I militari israeliti nel periodo fascista , Mursia, Mailand 2008, S. 15–16. Hatte der Risorgimento den Juden die Emanzipation und die vollen Bürgerrechte gebracht, so ging es nach 1870, als mit der Eroberung Roms auch das Ghetto der römischen Juden aufgelöst wurde, darum, am Aufbau des Einheitsstaates mitzuwirken. Die jüdischen Gemeinden waren vor allem städtisch und gehörten mehrheitlich dem Bürgertum an; sie hatten einen für italienische Verhältnisse hohen Bildungsstand. Mit der Einigung Italiens im Königreich Savoyen-Piemont erfolgte die Integration der Juden rasch und kapillar in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, in Wirtschaft, Verwaltung, Politik und im Heer.Giovanni Cecini, I soldati ebrei di Mussolini. I militari israeliti nel periodo fascista , Mailand 2008, S. 14. Bereits 1895 zählte das Heer 700 jüdische Offiziere.Giovanni Cecini, I soldati ebrei di Mussolini. I militari israeliti nel periodo fascista , Mursia, Mailand 2008, S. 21. In den Jahrzehnten vor dem Faschismus gab es jüdische Regierungschefs, Außenminister, Kriegsminister, Bürgermeister und Politiker.Giovanni Cecini, I soldati ebrei di Mussolini. I militari israeliti nel periodo fascista , Milano 2008 (Mursia), S. 18. Ferner waren sie im Rechts-, Versicherungs- und Bildungswesen und auch in der Kunst tätig.Susan Zuccotti, L'Olocausto in Italia, TEA, Mailand 1995, S. 42–43. Am Ersten Weltkrieg nahmen 5500 Juden teil, 450 davon mit Auszeichnung (5 Gold-, 207 Silber- und 238 Bronzemedaillen).Giovanni Cecini, I soldati ebrei di Mussolini. I militari israeliti nel periodo fascista, Mursia, Mailand 2008, S. 25. Im Jahre 1920, am Vorabend des Faschismus, standen über 3200 Juden im Staatsdienst, davon 267 beim Heer und 117 bei der Marine.Giovanni Cecini, I soldati ebrei di Mussolini. I militari israeliti nel periodo fascista , Mursia, Mailand 2008, S. 25.
Die jüdische Bevölkerung Italiens seit der nationalen Einheit war sehr klein und betrug ca. 0,1 % der Gesamtbevölkerung. Italien zählte im Jahre 1911 weniger als 26.000 Juden, weniger als 43.000 im Jahre 1936 und 46.656 Personen jüdischen Glaubens im Jahre 1938; davon waren 9541 Ausländer.Michele Sarfatti, Gli ebrei nell'Italia fascista. 'Vicende, identità, persecuzione, Einaudi, Turin 2000, S. 28–29.Giovanni Cecini, I soldati ebrei di Mussolini. I militari israeliti nel periodo fascista, Mursia, Mailand 2008.
Juden Italiens von 1922 bis zu Beginn der 1930er Jahre Frühe Zustimmung zum Faschismus Die Juden Italiens lebten vor allem in großen und mittelgroßen Städten. Im Jahre 1931 befanden sich die größten Gemeinden in Rom, Mailand, Triest, Turin, Florenz, Venedig und Genua.Michele Sarfatti, Gli ebrei nell'Italia fascista. Vicende, identità, persecuzione, Torino 2000 (Einaudi), S. 41. Beruflich waren sie unter anderem im Handel und im Versicherungs- und Bildungswesen, in der Armee und in den freien Berufen vertreten.Michele Sarfatti, Gli ebrei nell'Italia fascista. Vicende, identità, persecuzione, Torino 2000 (Einaudi), S. 47. Der Integrationsgrad der jüdischen Minderheit zeigt sich auch in einer überdurchschnittlich hohen Anzahl gemischter Ehen.Stanley Payne, A History of Fascism 1914–1945, Madison 1995 (The University of Wisconsin Press), S. 239.
Der erfolgreiche Integrationsprozess in der italienischen Gesellschaft und der hohe Identifikationsgrad der Juden mit dem italienischen Staat wurde durch den Faschismus nicht unterbrochen, zumal die religiöse Zugehörigkeit sehr lange kein Thema war.Giovanni Cecini, I soldati ebrei di Mussolini. I militari israeliti nel periodo fascista, Milano 2008 (Mursia), S. 28. Die Haltung des italienischen Judentums gegenüber dem Faschismus entsprach weitgehend der Haltung der übrigen Italiener und entsprang der vollkommenen Gleichstellung der jüdischen Minderheit.Maurizio Molinari, Ebrei in Italia: un problema di identità (1870–1938), Firenze 1991 (La Giuntina), S. 102.
Von Anfang an wandten sich patriotisch gesinnte Juden dem aufkommenden Faschismus zu. Zahlreiche Italiener jüdischen Glaubens unterstützten schon 1919 die faschistische Bewegung auch finanziell.Renzo De Felice, Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo, Torino 1961 (Einaudi), S. 67. An der Gründung der fasci di combattimento im März 1919 nahmen fünf Juden teil.Einer davon, Cesare Goldmann, besorgte den Saal; drei jüdische Italiener, die bei den Kämpfen gegen Sozialisten umgekommen waren, wurden postum als „Märtyrer der faschistischen Revolution“ ausgezeichnet. Vgl. Renzo De Felice, Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo, Torino 1961 (Einaudi), S. 73. 230 von ihnen nahmen im Oktober 1922 an Mussolinis Marsch auf Rom teil.Renzo De Felice, Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo, Torino 1961 (Einaudi), S. 74. Man sah im Faschismus keine Bedrohung des Judentums.Molinari fasst das Verhältnis der Juden zum Faschismus wie folgt zusammen: „Die Haltung der italienischen Juden spiegelte sich in der Haltung der gesamten italienischen Bevölkerung wider: Die Passivität der Mehrheit, die aktive Partizipation einer beträchtlichen Minderheit, die grundsätzliche Gegnerschaft einiger weniger.“ Vgl. Maurizio Molinari, Ebrei in Italia: un problema di identità (1870–1938), Firenze 1991 (La Giuntina), S. 101–102. Eine weitere Begründung für die breite Zustimmung zum Faschismus liegt darin, dass die Juden in der Regel – mit Ausnahme der Juden Roms – der Mittelschicht angehörten.Renzo De Felice, Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo, Torino 1961 (Einaudi), S. 74. Die Gegnerschaft zum Sozialismus und die Unterdrückung gewerkschaftlicher Bestrebungen der Arbeiterschaft waren Zielsetzungen, die der Bourgeoisie am Herzen lagen, egal welcher Konfession. Deren Vertreter hatten im Weltkrieg gekämpft und an den Folgen der durch den Krieg ausgelösten Inflation gelitten; sie fühlten sich durch die Forderungen des Industrieproletariats und der Landarbeiter bedroht, die dahin zielten, eine Verbesserung ihrer Lage zu erreichen.Susan Zuccotti, L'Olocausto in Italia, Milano 1995 (TEA), S. 48.
Allerdings zählte die Faschistische Partei von Anfang an auch antisemitische Mitglieder in ihren Reihen. Zudem gab es schon in den ersten Jahren des Faschismus gelegentliche antisemitische Ausfälle in der Presse.Deutschlandfunk, 3. September 2015, Mehrheitlich für den Duce, von Thomas Migge
Jüdische Präsenz in Führungsämtern des Faschismus Mussolinis Regierung gehörten auch jüdische Politiker an, und er berief mehrere Juden in hohe Ämter. Aldo Finzi war sowohl Unterstaatssekretär im Innenministerium als auch Mitglied des „Gran Consiglio“, des höchsten faschistischen Staatsgremiums. Das Parteimitglied Dante Almansi war bis 1938 Vizechef der Polizei.Susan Zuccotti, L'Olocausto in Italia, TEA, Mailand 1995, S. 88. Guido Jung war von 1932 bis 1935 Finanzminister.Michele Sarfatti, Gli ebrei nell'Italia fascista. Vicende, identità, persecuzione, Einaudi, Turin 2000, S. 22. Der General der faschistischen Miliz Maurizio Rava war Vize-Gouverneur von Libyen und auch Gouverneur von Somalia. Der Rechtsanwalt Renzo Ravenna, ein Freund von Italo Balbo und ehemaliger squadrista, war 15 Jahre lang podestà von Ferrara. Giorgio Del Vecchio, Professor für internationales Recht und Philosophie, wurde 1925 zum ersten faschistischen Rektor der Universität Rom ernannt.Susan Zuccotti, L'Olocausto in Italia, TEA, Mailand 1995, S. 49–50. Alberto Liuzzi machte Karriere in der faschistischen Miliz. Ein prominenter Journalist war Gino Arias, der Cheftheoretiker des Korporativstaates, der Beiträge für die Tageszeitung Il Popolo d’Italia und das politische Magazin „Gerarchia“ verfasste.Meir Michaelis, Mussolini and the Jews. German-Italian relations and the Jewish Question in Italy 1922–1945, Oxford 1978 (Clarendon Press), S. 52. Noch im Dezember 1938 saßen im Abgeordnetenhaus vier Parlamentarier und neun Senatoren jüdischen Glaubens.Michele Sarfatti, Gli ebrei nell'Italia fascista. Vicende, identità, persecuzione, Torino 2000 (Einaudi), S. 169. Der Oberrabbiner Roms erteilte dem Duce seinen Segen.Susan Zuccotti, L'Olocausto in Italia, TEA, Mailand 1995.
Juden in der Faschistischen Partei Aus einer statistischen Erhebung im Jahr 1938 geht hervor, dass von 1922 bis 1938 Italiener jüdischen Glaubens kontinuierlich der faschistischen Partei beitraten. Vor dem „Marsch auf Rom“ gehörten 746 Juden der „Faschistischen Partei“ und der „Nationalistischen Partei“ an, die kurz darauf in diese einging. Zwischen Oktober 1922 und 1938 traten nach und nach von allen Italienern jüdischen Glaubens ab einem Alter von 21 Jahren insgesamt 10.370 der Faschistischen Partei bei, während 22.754 der PNF nicht beitraten.Renzo De Felice, Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo, Turin 1961 (Einaudi), S. 75.