mini|Dolch der SA mit der Gravur „Alles für Deutschland“ „Alles für Deutschland“ ist eine Losung, deren Wortlaut seit 1848 dokumentiert ist. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie auch von der Sturmabteilung (SA) verwendet, der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP. Heute ist es nach dem deutschen Recht insbesondere strafbar, die Losung in der Öffentlichkeit zu verwenden, da sie als Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gilt.
Verwendung Bis zur NS-Herrschaft In seiner Königlichen Proklamation vom 6. März 1848 schloss König Ludwig I. von Bayern mit den Worten: „Alles für Mein Volk! Alles für Teutschland!“Proklamation König Ludwigs I. von Bayern vom 6. März 1848.
Zu Beginn der 1930er Jahre finden sich Beispiele der Verwendung dieser Formulierung von Vertretern der SPD, der DNVPBochumer Anzeiger und General-Anzeiger, 3. November 1932. und der katholisch geprägten Zentrumspartei. Karl Höltermann, Sozialdemokrat und geschäftsführender Bundesvorsitzender des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, formulierte in einem Aufruf von 1932 unter anderem: „Wir wollen nichts für uns – alles für Deutschland!“Karl Höltermann: Wir wollen nichts für uns – alles für Deutschland! In: Eiserne Front. Vier Aufrufe. Berlin: Dietz, 1932 Er bezog sich dabei auf einen Brief des ersten Bundesvorsitzenden des Reichsbanners, Otto Hörsing, der von Höltermann am 26. Dezember 1931 in der Zeitung Das Reichsbanner unter der Überschrift „Nichts für uns – alles für Deutschland!“ veröffentlicht worden war und in dem Hörsing unter anderem schrieb: „Es bleibt bei unsrer alten Parole: Nichts für uns – alles für Deutschland!“ sowie „Wir wollen nichts für uns – alles für Deutschland!“
In der NS-Zeit Die Nationalsozialisten machten sich den Wahlspruch zu eigen;Urteil gegen AfD-Politiker: Nur Geldstrafe für Höcke. taz, 14. Mai 2024, abgerufen am 19. August 2024. er wurde zur Losung der SA und in die Klingen der 1933 eingeführten SA-DienstdolcheJean-Denis Lepage: Hitler’s Stormtroopers. The SA, The Nazis' Brownshirts, 1922–1945. Frontline Books 2016, ISBN 9781848324275, S. 155. eingraviert.Annika Leister: Höcke vor Gericht. „Er hat es gewusst.“. In: t-online, 18. April 2024, abgerufen am 19. August 2024.
Die Losung sei laut dem Historiker und Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, während der gesamten Zeit des Nationalsozialismus von der SA überall sichtbar als Leitspruch verwendet worden und habe „zum Standardrepertoire der NS-Propaganda“ gehört.
Die Verwendung, beispielsweise in Reden und bei Veranstaltungen,Wann „Alles für Deutschland“ oder „Jedem das Seine“ strafbar sind. Welt Online, 14. Mai 2024Kai Döring: Höcke-Zitat „Alles für Deutschland“: Warum die Parole verboten ist. Vorwärts, 16. Mai 2024 ist nachgewiesen unter anderem für Nazigrößen wie Adolf Hitler, Wilhelm Keitel,Dieter Lent: Bemerkungen zu Hitlerinterpretationen von Braunschweigern (Deutung und Wahrnehmung von Hitlers Herrschaft und Person). Seite 152 Rudolf Heß, Wilhelm Gustloff, SA-Führer Ernst Röhm, und nachgeordnete NS-Funktionäre wie Reichstatthalter Alfred Meyer, Johannes von Reibnitz, NSDAP-Abgeordneter im Preußischen Landtag, oder Philipp Baetzner, Reichstagsabgeordneter der NSDAP.
Die Hitlerjugend verwendete den Spruch in einer leicht abgewandelten Form.Vgl.
Dokumentiert ist die Verwendung in dieser Zeit auch in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft außerhalb von Staatsapparat und Partei, beispielsweise bei der Feuerwehr, in Schulbüchern, der evangelischen Kirche Aalen, und in Zigarettenalben.Orientalische Cigaretten Compagnie Yosma GmbH (Hg.): Alles für Deutschland. 2000 Jahre deutsche Geschichte und deutsches Heldentum. (Textbearbeitung von M. Gutewort und Oberstleutnant Hänichen). Bremen, 1934
Nachkriegszeit SED und BdD In der Sowjetischen Besatzungszone wurde die Parole von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands benutzt. Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl schrieben am 24. April 1946 in einem Geleitwort für die neugegründete Zeitung ihrer Partei Neues Deutschland: „Alles für Deutschland, alles für das neue Deutschland ist die Leitfahne unseres neuen Zentralorgans“.Dieter Felbick: Schlagwörter der Nachkriegszeit 1945–1949. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-017643-2, S. 417; Hervorhebung wie im Original.
Der Bund der Deutschen, Partei für Einheit, Frieden und Freiheit (BdD) verwendete auf einem Plakat für die Bundestagswahl 1957 den Text „Nichts für Atomrüstung und NATO – Alles für Deutschland durch den Frieden – Bund der Deutschen – Partei für Einheit Frieden Freiheit“.Wahlplakat des BdD
Deutsche Reichspartei Die rechtsextreme Deutsche Reichspartei nutzte die Losung seit ihrer Gründung 1950, oft mit Zusatz: „Jedem das Seine – Alles für Deutschland!“
NPD und Neonazis Laut dem Soziologen Andreas Kemper wurde der „fanatische Totalitarismus des ‚Nichts für uns – alles für Deutschland!‘“ von Neonazis und NPD-Funktionären weiterverwendet, so unter anderem von Michael Kühnen, dem Mitbegründer der Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten, dem amerikanischen Neonazi Gary Lauck und von Jürgen Gansel (NPD), Chefredakteur der Deutschen Stimme und Bundesgeschäftsführer des Nationaldemokratischen Hochschulbundes.Andreas Kemper: Gansel, Heise, Höcke: „Alles für Deutschland“. In: campact blog, 25. April 2024, abgerufen am 22. August 2024. Auch von einem Mitglied der Berliner Alternative Süd-Ost, Aktivisten der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei,Hans Sigrist et al.: Verbotene Vereinigungen und ihre Auswirkungen auf das Versammlungswesen. Heft 51, S. 63. 2006. (PDF, 600 kB). Skinheads und Rechtsrockern wurde die Parole verwendet.Ingo Heiko Steimel: Musik und die rechtsextreme Subkultur. Dissertation, RWTH Aachen, 2008 (PDF, 40,5 MB), abgerufen am 22. August 2024.Joshua Zettelmeier: 24 Stunden radikal., 11. Mai 2019, Hg: Exit Deutschland, zuerst erschienen in der FAZ am 1. April 2019 (Original).Musik – Mode – Markenzeichen. Rechtsextremismus bei Jugendlichen. Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen, Seite 80 Die seit 2005 verbotenen Gruppe Kameradschaft Tor Berlin nutzte die Parole in Kombination mit der Abbildung einer Maschinenpistole auf ihrer Homepage.Hans Sigrist et al.: Verbotene Vereinigungen und ihre Auswirkungen auf das Versammlungswesen. Heft 51, 2006 (PDF, 600 kB). Das Oberlandesgericht Hamm verurteilte den Neonazi Sascha Krolzig 2006 wegen Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, da allgemein bekannt sei, dass es sich „um die Losung der SA […] handelt“.OLG Hamm, Urteil vom 1. Februar 2006 – 1 Ss 432/05 = NStZ 2007, 45.
AfD Im Bundestagswahlkampf 2017 ließ Ulrich Oehme, Kandidat und späterer Bundestagsabgeordneter der Alternative für Deutschland (AfD), Plakate mit der Losung aufhängen. Das Strafverfahren gegen ihn wurde eingestellt, weil ihm nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Halle kein Vorsatz nachzuweisen gewesen sei, „zumal es sich um keine allgemein bekannte Parole nationalsozialistischer Organisationen handelt und sich auch aus dem Wortlaut kein Bezug zum NS-Regime ergibt“.
Kay-Uwe Ziegler, stellvertretender Landesvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt, beendete eine Rede 2020 mit der Parole. Er gab später an, er „habe den historischen Hintergrund des Zitats nicht gekannt“.Alexander Schierholz: Rede am 9. November: Nazi-Zitat bringt AfD-Landesvize Kay-Uwe Ziegler aus Bitterfeld-Wolfen in Bedrängnis. Mitteldeutsche Zeitung, 23. November 2020, abgerufen am 21. August 2024.Timo Lehmann: Anzeige gegen Landesvize. AfD-Politiker provoziert mit Nazi-Spruch. 21. November 2020, abgerufen am 21. August 2024.
Der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke wählte bei einem Wahlkampfauftritt am 29. Mai 2021 in Merseburg für seine Rede den Schlusssatz: „Alles für unsere Heimat, alles für Sachsen-Anhalt, alles für Deutschland!“ Daraufhin erstattete der Grünen-Landtagsabgeordnete Sebastian Striegel Anzeige.AfD-Landeschef in Bedrängnis: Thüringer Landtag macht Weg für Anklage gegen Höcke frei. In: Der Tagesspiegel, 21. April 2024, abgerufen am 21. August 2024. Gegen die Verurteilung durch das Landgericht Halle im Jahr 2024 (Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen, § 86a StGB)Christian Rath: Tabuisierung der Symbole. In: Legal Tribune Online, 15. Mai 2024, abgerufen am 21. August 2024. legte Höcke Revision ein.Verurteilung wegen Verwendung einer SA-Parole Höcke legt Revision ein. LTO, 16. Mai 2024 Noch während das Verfahren lief, sprach Höcke auf einer Veranstaltung am 12. Dezember 2023 in Gera als Redner „Alles für …“ selbst aus und forderte das Publikum durch Armbewegungen auf, „… Deutschland“ zu rufen.Höcke erneut für Nutzung einer SA-Parole verurteilt. In: Der Spiegel, 1. Juli 2024, abgerufen am 21. August 2024. Das Landgericht Halle verurteilte Höcke deswegen erneut zu einer Geldstrafe. Auch gegen dieses Urteil legte Höcke Revision ein. Im Juli 2024 skandierten AfD-Mitglieder bei einer Kundgebung im sächsischen Freiberg „Alles für Deutschland“.Waltraud Schwab: Die Antiqueerte. taz, 20. Juli 2024, abgerufen am 21. August 2024. Auf dem AfD-Parteitag in Riesa am 12. Januar 2025 riefen die Delegierten nach der Wahl von Alice Weidel zur Kanzlerkandidatin das ähnlich klingende „Alice für Deutschland“. Der Bundesgerichtshof bestätigte beide Urteile gegen Höcke durch zwei Beschlüsse vom 20. August 2025.Bundesgerichtshof hat entschieden. Urteile gegen AfD-Politiker Höcke wegen NS-Parole rechtskräftig. Focus, 9. September 2025Verurteilungen des thüringischen AfD-Fraktionsvorsitzenden wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen rechtskräftig. Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs Nr. 168/2925 vom 11. September 2025. Die Expertin für Rechtsextremismus Kira Ayyadi sieht Höckes Vorgehen eingebettet in das „perfide Kommunikationsprinzip“ der „kalkulierten Mehrdeutigkeit“ in großen Teilen der AfD, um „die Grenzen des Sagbaren auszuloten und auszuweiten.“ Diese Hundepfeifen-Politik, auch „Dog Whistling“ genannt, sei für Gruppen eine nützliche Strategie, die extreme Ideologien vertreten, sich aber als harmlos präsentieren wollten.Kira Ayyadi: Immunität von Björn Höcke wegen Nazi-Spruch aufgehoben. In: Belltower News, 25. November 2021, abgerufen am 21. August 2024.
Strafbarkeit
Nach dem deutschen Strafrecht ist es nach dem Tatbestand Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen ( StGB) grundsätzlich verboten, Kennzeichen von bestimmten Organisationen zu verbreiten sowie öffentlich, in einer Versammlung oder in einem vom Täter verbreiteten Inhalt zu verwenden; zudem sind auch bestimmte Vorbereitungshandlungen mit Strafe bedroht. Schwerpunkt der Anwendung des § 86a StGB sind Kennzeichen ehemaliger nationalsozialistischer Organisationen (§ 86a StGB in Verbindung mit Abs. 1 Nr. 4 StGB). Kennzeichen sind dabei nach dem Gesetzeswortlaut insbesondere auch Parolen.