Carl „Charly“ Kaufmann (* 25. März 1936 in BrooklynMichael Dittrich & Daniel Merkel: Bel ami der Aschenbahn: das Leben des Carl Kaufmann. Göttingen 2010, S. 19.; † 1. September 2008 in Karlsruhe) war ein deutscher Leichtathlet, der für die Bundesrepublik Deutschland startete.
In seiner Disziplin, dem 400-Meter-Lauf, wurde er in Folge von 1958 bis 1960 dreimal Westdeutscher Meister und gewann bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom in spektakulärer Weise in Weltrekordzeit die SilbermedailleVolker Kluge: Olympische Sommerspiele. Die Chronik II. S. 499/500, sowie ebenfalls Silber mit der 4-mal-400-Meter-StaffelVolker Kluge: Olympische Sommerspiele. Die Chronik II. S. 505/506.
Der ausgebildete TenorDittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 126, der „Bel Ami der Aschenbahn“, hatte mit Und Amor läuft mit auch relativen Erfolg als Schlagersänger. Nach seiner Sportlerlaufbahn arbeitete er zuletzt als Fachlehrer für Sport, Religion, Natur und Technik in seiner Heimatstadt an einer RealschuleDittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 150 und leitete in der Waldstadt bis zuletzt auch das von ihm im Oktober 1967Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 135 gegründete Kellertheater Die Käuze. Seit April 2015 erinnert das Carl-Kaufmann-Stadion hinter der Europahalle an den Leichtathleten.Bernhard Wagner: Mit dem Hechtsprung zum Weltrekord, Badische Neueste Nachrichten, 3. August 2020
Leben Eltern, Schule, Musik, Theater, Anfänge im Sport Carl Kaufmann wurde als Sohn von Wilhelm (1895–1990) und Margarete Kaufmann, geb. Brünner, im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren. Der Vater Carl Kaufmanns, geboren in Buchen im OdenwaldDittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 21, ein gelernter Tapeziermeister und Polsterer, arbeitete dort als Außenhandelskaufmann. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges weilte die Familie zu Besuch in Deutschland und als eine Rückkehr nach Amerika unmöglich wurde, ließ sie sich in Karlsruhe nieder.
Kaufmanns Mutter Margarete wurde 1910 im badischen Gernsbach geboren. Ihr Vater Joseph Brünner war Oberregierungsrat und Chef des Vermessungsamtes in Karlsruhe. Der Großonkel von Carl Kaufmann, Egon Eiermann, zählte zu den bedeutendsten Architekten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, der unter anderem den Wiederaufbau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche geplant und den deutschen Pavillon bei der Weltausstellung in Brüssel 1958 entworfen hatte.
Ab 1947 besuchte Carl Kaufmann in Karlsruhe das Bismarck-GymnasiumDittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 27. Carl liebte Fußball und spielte in der Mannschaft des Bismarck-Gymnasiums. Er war ein schneller Linksaußen und konnte sich gut bewegen, war zudem geschickt mit dem Ball und erlief mühelos weite Vorlagen. Als er 14 Jahre alt war, hat der VfB Mühlburg versucht, ihn zu einem Wechsel in seine Jugendabteilung zu überreden. Carl wollte aber weiterhin seine sportlichen Aktivitäten frei gestalten und machte so weiter wie bisher. Bis zum 13. September 1953. Der Karlsruher Turnverein (KTV) veranstaltete ein Sportfest, wo auch Klassenkameraden von Carl teilnahmen und ihn zu einem Besuch animierten. Als der 100-Meter-Lauf ausgetragen wurde, überredeten sie den schnellen Fußballkameraden dazu, mitzumachen. Carl läuft und gewinnt in 11,9 s. Ab dem Moment war er der Faszination des wettkampfmäßigen Laufens verfallen.Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 31/32 Er schließt sich dem KTV an und wird von seinem Sportlehrer am Bismarck-Gymnasium, Emil Welschinger, trainiert. Der gemeinsame Wunsch, im Lauf zu triumphieren, fesselt den jungen talentierten Läufer und den alten erfahrenen Trainer aneinander.Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 33 Welschinger baut in den nächsten sechs Jahren das Talent gezielt auf und bemerkt über seinen langschrittigen Schützling, dass er ein „wunderbar rhythmisches Laufgefühl hätte, wie er es noch bei keinem Läufer gesehen habe.“Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 33 Mitte Juni 1954 gewinnt Carl im Hochschulstadion die Karlsruher Kreismeisterschaften über die 100 Meter in 10,9 s.
Nach dem verletzungsbedingten Scheitern an der Olympiateilnahme 1956 in Melbourne fuhr Kaufmann stets zweigleisig – sowohl sportlich als auch künstlerisch: „Ich habe sehr hart trainiert, aber nie lange. Die Melbourne-Geschichte hat mich gelehrt, dass ich mich nicht nur auf Sport verlassen kann. Von 1956 an war ich in Karlsruhe sowohl am Sport-Institut der Technischen Universität als auch am badischen Konservatorium für die künstlerische Ausbildung eingetragen.“Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 55 Dazwischen trainierte er, ohne sein eigentliches Berufsziel aus den Augen zu verlieren.
Bei der Abstimmung der deutschen Sportpresse kam Kaufmann 1959 hinter Martin Lauer und Rudi Altig bei der Wahl des „Sportler des Jahres“ auf den dritten Rang. Bei der Fernsehübertragung wurde er nicht nur für seine sportlichen Erfolge gefeiert, sondern auch für sein brillant hingelegtes Auftrittslied des Barinkay aus dem „Zigeunerbaron.“ Charly brachte quasi seinem Kameraden Martin Lauer ein Ständchen, für das der Karlsruher Musikstudent stürmischen Beifall erhielt.Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 55 Er wollte unbedingt Sänger werden und hatte 1959 seine ersten öffentlichen Schubert- und Schumann-Konzerte gegeben und war auch im Fernsehen bei Otto Höpfner im „Blauen Bock“ aufgetreten. Am Schauspielhaus in Karlsruhe sang er mit seiner über zwei Oktaven reichenden Stimme den Tamino in der „Zauberflöte“, den Grafen Mantua in „Rigoletto“, studierte Opernpartien von Verdi und Puccini und bekam Angebote von verschiedenen Theatern.Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 55 Zu Beginn des Olympiajahres 1960 erlangte er die Bühnenreife am Theater.
Neben seinem Studium am Klavier und Gesang an der Badischen Hochschule für Musik trat er auch als Schlagersänger auf. Seine Lieder Und Amor läuft mit und Eine Nacht in Taormina erreichten einen gewissen Bekanntheitsgrad. 1962 wurde er vom Intendanten der „Koblenzer Sommerspiele“ als Tenor verpflichtet, um in der Paul-Abraham-Operette Die Blume von Hawaii die Partie des Prinzen Lilo-Taro zu singen.Der Spiegel, 5/1962, S. 73. 1967 gründete er das Amateurtheater Die Käuze in Karlsruhe, das er bis zu seinem Tod leitete.
Die Karriere als Leichtathlet Der 100- und 200-Meter-Läufer Nach nicht einmal einem Jahr als Nachwuchssprinter des KTV wurde er bereits im August 1954 mit beachtlichen 11,0 s in Ludwigsburg Deutscher Jugendmeister über 100 Meter. Im Folgejahr, Kaufmann startete ab Ende 1954 für den Karlsruher SC,Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 36 trainierte aber weiterhin mit Trainer Welschinger zusammen, gewann er mit 200 Meter im Einzel und der 4-mal-100-Meter-Staffel seine ersten deutschen Meisterschaften der Erwachsenen. Das 200-Meter-Finale gewann er zeitgleich gegen und die Staffel gemeinsam mit Heinz Fütterer. Noch blieben die 200 Meter die Distanz des jungen Läufers. Beim folgenden Länderkampf am 28. August 1955 in Stockholm gegen Schweden, liegen er und Fütterer ein Zehntel auseinander. Carl gewinnt in 21,3 s vor Fütterer mit 21,4 s.Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 38 Fütterer weist immer wieder darauf hin, dass die 200-Meter-Niederlage bei der deutschen Meisterschaft 1955 in Frankfurt gegen den 19-jährigen „Charly“ Kaufmann seine schlimmste Niederlage gewesen sei. Ausgerechnet ein Vereinskamerad beendet Fütterers jahrelange Siegesserie.Dittrich, Merkel: Der „Weiße Blitz“. Das Leben des Heinz Fütterer. Verlag Die Werkstatt. Göttingen 2006. ISBN 3-89533-547-9. S. 149 Am 17. September 1955 beim Länderkampf in Hannover gegen Frankreich gewinnen die drei KSC-Sprinter Lothar Knörzer, Kaufmann, Fütterer mit dem Kölner Manfred Germar die 100-Meter-Staffel in 41,0 s. Am selben Tag gewinnt Fütterer die 100 Meter in 10,4 s, Carl am 18. September die 200 Meter in 21,3 s.Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 38 Zweimal lief die Länderstaffel in dieser Besetzung mit 40,7 s in Helsinki am 23. August und am 2. Oktober in Bukarest noch bessere Zeiten.Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 40 In die „Spuren meiner Spikes“ betont Manfred Germar seine besondere Freude über die Staffelzeit beim Länderkampf in Helsinki vor 80.000 Zuschauern gegen Finnland in 40,7 s, welche Nachkriegsbestzeit einer deutschen Staffel gewesen sei, obwohl die Staffel im Ziel mehr als 15 Meter Vorsprung gehabt habe.Manfred Germar: Die Spuren meiner Spikes. Wilhelm Limpert-Verlag. Frankfurt am Main 1961. Verlagsnummer 6159. S. 44
Mit berechtigten Aussichten vom DLV für die Olympischen Spiele 1956 in Melbourne nominiert zu werden, ging Kaufmann in das Jahr 1956. Der erste Rückschlag traf ihn während eines Olympialehrganges im Frühjahr 1956; er zog sich einen Muskelriss zu. Ernsthafte Sorgen kamen aber nicht auf, er hatte ja noch ein halbes Jahr bis zur Olympiade Zeit. Vier Wochen vor den deutschen Meisterschaften vom 17. bis 19. August in Berlin erlitt er wieder einen Muskelriss. Nun fuhr er zur Behandlung an die Uni-Klinik nach Freiburg. Nach dem Erhalt einer „Wunderspritze“ konnte er schon wieder nach drei Tagen schmerzfrei trainieren. Nach kurzem Training belegte er bei den deutschen Meisterschaften im 200-Meter-Lauf den dritten Platz. Die Schnelligkeit war schon wieder da, es fehlte nur auf den letzten Metern die Kondition. Acht Tage später spürte er im Training aber wieder die alte Verletzung. Er fuhr erneut nach Freiburg, bekam wieder eine Spritze und zunächst schien alles gut zu sein.
Im September wurde ein Juniorenländerkampf in Krakau gegen Polen zu seinem entscheidenden Nominierungskriterium. Er gewann die 100 Meter in 10,6 s und führte als Schlussläufer die 4-mal-100-Meter-Staffel zum Sieg. Nach dem Staffellauf spürte er aber sofort seine alte Verletzung wieder. Die Mannschaftsführung drängte ihn aber gegen seine persönliche Überzeugung noch zum Start zum 200-Meter-Lauf. Kurz vor dem Ziel erlitt er erneut einen Muskelriss und kam nur noch humpelnd über die Ziellinie.Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 41 Für den 20-jährigen Carl Kaufmann war damit der Traum von Olympia vorbei. Es war ein sportlicher Tiefschlag und bittere Lebenserfahrung.
Die Lehren, die Carl Kaufmann aus den Verletzungsfolgen zog, die Erkenntnisse, die er daraus ableitete waren, dass der Sport nicht alles ist und der Ruhm sehr vergänglich wäre. Er begriff, dass er auf den Sport alleine nicht bauen konnte.Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 42 Seine Säulen, die ihm Halt geben, auf die er baut neben dem Sport, sind die Schule, Theater und Musik. Er machte das Abitur und studierte in Karlsruhe Gesang bei Kammersängerin Elisabeth Friedrich.
Sportlich wird 1957 ein Jahr des Stillstandes, des Verharrens auf gutem nationalen Niveau. Füße und Beine funktionieren einwandfrei, aber eine Leistungsverbesserung gelingt über 100 und 200 Meter nicht. Er ist über 100 Meter in der Lage 10,5 und 10,6 Sekunden zu sprinten, pendelt sich über die 200 Meter in mehreren Läufen zwischen 21,2 und 21,6 Sekunden ein. Bei den deutschen Meisterschaften belegt er über die 200 Meter wie auch mit der 4-mal-100-Meter-Vereinsstaffel des KSC jeweils den 2. Platz.
Trainer Welschinger hat bereits in dieser Phase konkrete Pläne, Carl auf die 400 Meter vorzubereiten. „Mir war schon immer klar, dass Carl ein 400-Meter-Läufer wird. Bei diesem Schritt und dieser Organkraft. Aber wir wollten es erst im nächsten Jahr versuchen, um für die Olympischen Spiele 1960 aufzutrumpfen.“Dittrich, Merkel: Bel ami der Aschenbahn. S. 43 „Charly“ Kaufmann selbst, denkt damals aber noch nicht an die 400 Meter; dazu bedarf es noch etlicher Überzeugungsarbeit durch den Trainer.
Der 400-Meter-Läufer mini|Carl Kaufmann, 1960