Die Namensstatistik (auch: Namenstatistik) befasst sich mit der Häufigkeit einzelner Namen oder Namengruppen sowie mit der Entwicklung dieser Häufigkeiten. Dabei ist zwischen Vornamen und Familiennamen und gegebenenfalls anderen NamentypenSiehe „Flurnamenstatistik“ bei Gerhard Bauer: Namenkunde des Deutschen. Peter Lang, Bern, Frankfurt am Main, New York 1985, ISBN 3-261-03205-7, S. 107 f. zu unterscheiden. Angaben zu Häufigkeiten von Namen befriedigen zunächst einmal das Interesse breiter Bevölkerungsschichten, können aber auch praktischen Bedürfnissen entgegenkommen, etwa bei der Wahl von Vornamen für Neugeborene, wenn der Name nicht zu häufig oder auch nicht zu selten sein soll. Bei häufigen Familiennamen stellt sich gelegentlich das Bedürfnis ein, differenzierende Namenszusätze einzuführen, so etwa bei dem Politiker Hermann Schmitt-Vockenhausen, der als Hermann Schmitt in Eppstein-Vockenhausen geboren wurde und sich später offiziell nach seinem Geburtsort nannte.
Öffentliche Resonanz Das große Interesse an der Häufigkeit von Namen spiegelt sich in der regelmäßigen Berichterstattung in den Medien über die jeweils bevorzugten Vornamen, die regional unterschiedlich ausfallen können und sich mit der Zeit auch ändern, am deutlichsten erkennbar am Phänomen der Modenamen. So stellt Koß in einer Graphik dar, wie die Namen Peter und Andreas von den 1940er bis in die 1970er Jahre den typischen Häufigkeitsverlauf von Modenamen aufweisen.Gerhard Koß: Namenforschung. Eine Einführung in die Onomastik. Niemeyer, Tübingen 1990, ISBN 3-484-25134-4, S. 88. Besonders ausführlich sind die jährlichen Berichte über die Vornamenwahl in der Zeitschrift Der Sprachdienst der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), etwa in dem Beitrag von Rüdebusch 2017.Frauke Rüdebusch: Die beliebtesten Vornamen 2016. In: Der Sprachdienst 3, 2017, S. 125–144. Tabellen zu den 10 häufigsten Vornamen für Jungen und Mädchen in 22 Ländern in den Jahren 2004/05 findet man, allerdings ohne Daten, im Vornamenlexikon des Dudenverlags.Rosa und Volker Kohlheim (Bearbeiter): Duden. Das große Vornamenlexikon. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Zürich 2007, Nachdruck 2012, ISBN 978-3-411-06083-2, Tabellenverzeichnis S. 517.
Zu den Anfängen der Namensstatistik Zumindest für Namen im deutschen Sprachraum lässt sich feststellen, dass es bereits im 19. Jahrhundert einschlägige Erhebungen gab. So hat Förstemann (1953) Daten dazu erhoben, wie sich im Verbrüderungsbuch von St. Peter zu Salzburg ein phonetischer Wandel für die Zeit zwischen 800 und 1200 vollzog.Ernst Förstemann: Die diphthonge im verbruederungsbuch von St. Peter zu Salzburg. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen (= Kuhns Zeitschrift) 2, 1853, S. 337–350, Bezug S. 338 f. Eine andere Erhebung (Förstemann 1852) betrifft den unterschiedlichen Aufbau altdeutscher Namen aus Wortstamm/Wortstämmen und Endung.Ernst Förstemann: Die zusammensetzung altdeutscher personennamen. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, Griechischen und Lateinischen (= Kuhns Zeitschrift) 1, 1852, S. 97–116, Bezug Seite 102, 103. Bei Bacmeister (1870) findet man Zusammenstellungen zur Häufigkeit von Familiennamen in Reutlingen und Eningen.Adolf Bacmeister: Alte Familiennamen. In: Adolf Bacmeister: Germanistische Kleinigkeiten. Kröner, Stuttgart 1870, S. 1–52.Karl-Heinz Best: Adolf Lucas Bacmeister (1827-1873). In: Glottometrics. 13, 2006, S. 79–84. (PDF Volltext). Auch in: Karl-Heinz Best: Studien zur Geschichte der Quantitativen Linguistik. Band 1. RAM-Verlag, Lüdenscheid 2015, ISBN 978-3-942303-30-9, S. 7–13.
Namensstatistik als Untersuchungsgegenstand der Quantitativen Linguistik Ein anderer Aspekt, sich mit Namensforschung zu befassen, besteht darin, zu untersuchen, ob die Häufigkeiten von Namen Gesetzmäßigkeiten aufweisen, wie sie die Quantitative Linguistik generell vorschlägt. Solche Fragestellungen stecken anscheinend noch weitgehend in den Anfängen. Deshalb können hier nur einige Hinweise gegeben werden.
Historischer Aspekt Wie bereits angedeutet, hat Förstemann einen phonetischen (orthographischen?) Prozess (den Übergang von <ai> zu <ei>) über die Zeit von 800 bis 1200 erhoben, für den nachgewiesen werden kann, dass er dem Piotrowski-Gesetz entsprechend verläuft.Karl-Heinz Best: Ernst Wilhelm Förstemann (1822–1906). In: Glottometrics. 12, 2006, S. 77–86. (PDF Volltext). Auch in: Karl-Heinz Best: Studien zur Geschichte der Quantitativen Linguistik. Band 1. RAM-Verlag, Lüdenscheid 2015, S. 51–61, Bezug S. 55 f. ISBN 978-3-942303-30-9.
Auch Modenamen können als historische Prozesse aufgefasst werden, die dem Piotrowski-Gesetz entsprechen sollten. Die bereits erwähnte Graphik von Koß hierzu bestätigt das dem Augenschein nach für alle vier dargestellten Namen; mangels Daten ist aber ein Test dieser Annahme nicht möglich.
Strukturelle Aspekte Am besten belegbar ist derzeit wohl das Phänomen, dass sowohl Familien- als auch Vornamen, nach ihrer Häufigkeit in eine Rangordnung gebracht, Rangordnungsgesetzen unterliegen.Karl-Heinz Best: Rangordnungen deutscher Eigennamen. In: Gabriel Altmann, Iryna Zadorozhna, Yuliya Matskulyak (Hrsg.): Problemy zagal’noho, hermans’koho ta slov’janskoho movoznavstva do 70-riccja professora V.V. Levic’koho / Problems of General, Germanic and Slavic Languages. Papers for 70-th Anniversary of Professor V. Levickij. Chernivtsi: Books – XXI 2008, S. 454–460.
Ein weiteres, mehrfach erprobtes Feld ist das Diversifikationsgesetz. Ein typischer Fall dafür sind Familiennamen, denen wie bei Lange, Langer. Lang und Langen der gleiche Wortstamm zugrunde liegt und deren Häufigkeitsrelationen sich als gesetzmäßig erweisen.Karl-Heinz Best: Quantitative Linguistik. Eine Annäherung. 3., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Peust & Gutschmidt Verlag, Göttingen 2006, ISBN 3-933043-17-4, S. 84 f. Mit gleichem Ergebnis wurden mehrere weitere Fälle von Diversifikation bei Familien- ebenso wie bei Vornamen getestet.Karl-Heinz Best: Diversifikation bei Eigennamen. In: Peter Grzybek & Reinhard Köhler (Hrsg.): Exact Methods in the Study of Language and Text. Dedicated to Gabriel Altmann on the Occasion of his 75th Birthday. Berlin / New York: Mouton de Gruyter 2007, ISBN 978-3-11-019354-1, S. 21–31.
Als Beispiel diene die Diversifikation des Namens Schmidt mit seinen Varianten, so wie BluhmeHermann Bluhme: Bemerkungen zu den Formen des Namens "Schmidt". In: Peter Grzybek & Reinhard Köhler (Hrsg.): Exact Methods in the Study of Language and Text. Dedicated to Gabriel Altmann on the Occasion of his 75th Birthday. Berlin / New York: Mouton de Gruyter 2007, ISBN 978-3-11-019354-1, S. 33–38, Tabelle S. 36. sie anhand der Telefonanschlüsse der Städte Bozen und Meran erhoben hat, geordnet nach abnehmender Häufigkeit:
Rang Schreibung Anzahl 1 Schmied 65 2 Schmid 41 3 Schmitt 36 4 Schmidt 26
Die Diversifikation beruht in diesem Fall auf nur vier unterschiedlichen Formen; es gibt Namen mit weniger, aber auch solche mit wesentlich größerer Diversifikation.Beispiele für wesentlich größere Diversifikation bei Namen im Beitrag von Best (2007), im gleichen Band wie der von Bluhme.
Anzufügen ist noch eine einzelne Beobachtung zum Textblockgesetz, die sich als erfolgreich erwies.Karl-Heinz Best: Quantitative Linguistik. Eine Annäherung. 3., stark überarbeitete und ergänzte Auflage. Peust & Gutschmidt Verlag, Göttingen 2006, ISBN 3-933043-17-4, S. 102.
Literatur Rosa und Volker Kohlheim (Bearbeiter): Duden. Das große Vornamenlexikon. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Zürich 2007, Nachdruck 2012, ISBN 978-3-411-06083-2, Tabellenverzeichnis S. 517. Rosa und Volker Kohlheim (Bearbeiter): Duden. Familiennamen, Herkunft und Bedeutung. Dudenverlag, Berlin 2005. S. 51 f. Konrad Kunze: dtv-Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet. 5., durchgesehene und korrigierte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998. ISBN 3-423-03266-9. Gerhard Müller: Die beliebtesten Vornamen in Deutschland seit 1960. In: Jürgen Eichhoff, Wilfried Seibicke, Michael Wolffsohn (Herausgeber): Name und Gesellschaft. Soziale und historische Aspekte der Namengebung und Namenentwicklung. Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2001, ISBN 3-411-70581-7, S. 52–69. Frauke Rüdebusch: Die beliebtesten Vornamen 2017. In: Der Sprachdienst 3, 2018, S. 91–110.
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