Richard Ferdinand Giese (* 11. August 1876 in Prenzlau; † 15. Januar 1978 in Kiel) war ein deutscher Ministerialbeamter in der Finanzverwaltung. Als Oberpräsident des Verwaltungsbezirks Nordmark war er, zur Zeit des Nationalsozialismus, maßgeblich an der Vereinnahmung und Verwaltung von jüdischen Vermögenswerten seiner Region beteiligt.
Herkunft, Studium und frühe Jahre Giese wurde als Sohn des Sanitätsrats Richard Giese und dessen Frau Marie Giese, geborene Gralow, am 11. August 1876 in der Klosterstraße 77 in Prenzlau geboren. Die Eltern gehörten einem preußisch-bürgerlichen Milieu an und waren evangelischer Konfession.Geburtsurkunde Standesamt Prenzlau Nr. 327/1876, Digitalisat auf ancestry.de
Er studierte an der Georg-August-Universität Göttingen Rechtswissenschaft. Am 23. Oktober 1897 trat er als Fuchs, dem Anwärterstatus der Studentenverbindung, dem Corps Bremensia bei.Kösener Corpslisten 1960, 39/995. Am 10. Juli 1898 recipiert und am 10. März 1899 inaktiviert, wechselte er an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Dort bestand er 1901 das Referendarexamen und am 30. Mai 1907 am Kammergericht die Assessorprüfung.Nachruf, Corpszeitung der Bremensia, Nr. 57/1978
Um 1908 heiratete er die Tochter eines Gutsbesitzers; die Ehe wurde in einer späteren Biografie als „standesgemäß“ bezeichnet.
Verwaltungslaufbahn und Wehrdienst Anfangs war Giese an Gerichten in Prenzlau und Wriezen tätig, dann ab 1908 probeweise bei der Oberzolldirektion in Altona. Anschließend war er Oberzollkontrolleur in Nordhorn (1909).Susanne Meinl, Jutta Zwilling: Richard Giese, in: Legalisierter Raub: die Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung in Hessen (2004) Am 6. April 1909 zum Kgl. Regierungsassessor ernannt, war er zunächst Hilfsarbeiter bei der Oberzolldirektion Berlin, dann Oberzollinspektor beim Hauptzollamt in Wesel (1911) und etatmäßiges Mitglied der Oberzolldirektion Altona (1913). Dort wurde er 1915 zum Regierungsrat ernannt.
Ab 1914 diente Richard Giese im Deutschen Heer und nahm am Ersten Weltkrieg teil. 1916 geriet er bei Verdun in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst nach vier Jahren entlassen wurde.
1920 wurde er als Oberregierungsrat in die neu errichtete Reichsfinanzverwaltung übernommen. Kurzzeitig beim Landesfinanzamt Mecklenburg in Schwerin, wurde er 1921 als Ministerialrat in das Reichsfinanzministerium berufen. Hier wirkte er unter 14 Ministern als Personalchef für den Höheren Dienst der gesamten Reichsfinanzverwaltung. Ab 1. Juni 1923 war er in Leipzig zugleich ordentliches Mitglied des Reichsdisziplinarhofs und als solches zunehmend mit politischen Entscheidungen befasst.
Wirken zur Zeit des Nationalsozialismus Am 1. Oktober 1933 wurde Giese Präsident des Landesfinanzamts Hessen in Darmstadt. Bereits 1934 äußerte er in einer Amtsleiterbesprechung antisemitische Hetzparolen, in denen er jüdischen Glauben, wirtschaftliche Missstände und fehlende Steuereinnahmen miteinander vermischte. In den ersten sieben Monaten seiner Amtszeit ersetzte er rund die Hälfte der Führungskräfte in seinem Verantwortungsbereich.
mini|Ehemaliger Sitz des Oberfinanzpräsidenten Nordmark, Adolfstr. 14–28 in Kiel, Seitenansicht. 1936 wurde er Leiter der obersten Finanzbehörde in Kiel und somit Nachfolger des scheidenden Präsidenten Dr. Hillmer, der nach Thüringen wechselte. Das Oberlandesfinanzamt Nordmark war 1934 aus einer Zusammenlegung der Landesfinanzämter Mecklenburg und Schleswig-Holstein hervorgegangen. Die neue Bezeichnung „Nordmark“ war im nationalsozialistischen Sprachgebrauch bewusst aus der völkischen Terminologie gewählt worden.
1937 wurden, durch einen Erlass des Reichsfinanzministers, die deutschen Landesfinanzministerien in die personalisierte Form „Oberfinanzpräsident“ umbenannt. Die Kieler Behörde wurde so aus der schleswig-holsteinischen Landesregierung herausgelöst und der Reichsfinanzverwaltung als Mittelbehörde untergeordnet.
Zur gleichzeitigen eingeführten Position des Oberfinanzpräsidenten als Leitung der Behörde gehörte eine militärische Uniform; ein Foto von Richard Giese in dieser Uniform ist überliefert.
Wirtschaftspolitische Vorgaben Die systematische Entrechtung und wirtschaftliche Ausbeutung definierter Bevölkerungsgruppe im Nationalsozialismus stützte sich auf Gesetze und wirtschaftliche Planungen, die teilweise vor 1933 ihren Ursprung hatten, so eine historische Analyse. Bereits 1931, zur Zeit der Weimarer Republik, war mit der Einführung der Reichsfluchtsteuer eine Rechtsgrundlage geschaffen worden, die in Zeiten der Krise eine Kapitalflucht ins Ausland verhindern sollte. Angesichts des Ziel der Regierung, die jüdische Bevölkerung zu vertreiben, bot die Anwendung der Steuer folglich eine bedeutende Einkommensquelle für den Staatshaushalt. Ein zusätzlicher Baustein der wirtschaftlichen Planungen, der den direkten Zugriff auf jüdischen Besitz ermöglichen sollte, war der im Jahr 1936 zur Finanzierung der militärischen Autarkie Deutschlands initiierte Vierjahresplan. Als Beauftragter für dessen Umsetzung veranlasste Hermann Göring eine Reihe antijüdischer Wirtschaftsgesetze, die in der Folge eine systematische Enteignung durch Behörden wie die des Oberfinanzpräsidenten unter der Leitung Gieses ermöglichten.
Organisation und Aufgaben seiner Behörde mini|Erlass von 1941 zur weiteren Regelung der Verwertung eingezogenen Vermögens von sogenannten „Reichsfeinden“ durch die Finanzbehörden. Nach seinem Amtsantritt in Kiel initiierte Giese Personalwechsel auf allen Ebenen seiner Behörde, ähnlich wie bei seiner Anstellung in Darmstadt zuvor. Wieder war ihm besonders an der Parteimitgliedschaft der Angestellten sowie ihrer ideologischen Linientreue gelegen, so der Historiker Hanno Balz. In einer überlieferten Besprechung aus dem Jahre 1941 rühmte sich Giese, die „Arbeitsfreudigkeit seiner Gefolgschaft“ durch „gute Kameradschaft und nationalsozialistischen Geist“ erreicht zu haben. Steuerhinterzieher seien dagegen als „Schädlinge des Staates“ anzusehen und entsprechend hart zu bestrafen. Die Dienstverordnung für die Oberfinanzprâsidenten vom 20. Mai 1938 führte schließlich auch zu einer Neugliederung der allgemeine Struktur der Behörde.
Mit der Einrichtung einer Devisenstelle war das Oberfinanzamt unter Gieses Leitung maßgeblich an der arbeitsaufwendigen Planung und Durchführung der „Arisierung“ jüdischer Besitztümer in Schleswig-Holstein beteiligt. Ab April 1938 wurde die Konfiszierung jüdischer Vermögen und Besitztümer durch eine Reihe von Reichsverordnungen systematisch geplant und gesetzlich geregelt, deren Umsetzungen zunehmend Behördenpersonal in Anspruch nahm. Den Auftakt bildete die Verordnung zur Anmeldung von Vermögen, ihren Abschluss fand die Maßnahme in der Verordnung zum Einsatz jüdischen Vermögens im Dezember 1938. Diese regelte die Überführung sämtlicher Bankguthaben und Wertpapiere auf staatlich kontrollierte Sperrkonten. mini|Blick vom Rathausturm auf die Kieler Sparkasse (Bildmitte), daneben das Amtsgericht. Die Sparkasse verwaltete unter Aufsicht der Finanzbehörde die staatlich angeordneten Sperrkonten. In Kiel übernahm die Kieler Stadtsparkasse die Führung dieser Konten. Die Enteignung galt als abgeschlossen, wenn die finanziellen Werte in das Vermögen des Staates aufgingen, bei Ausreise, aber auch nach dem Tod oder der Ermordung der Betroffenen. Für die konkrete Umsetzung der Verordnungen war der Oberfinanzpräsident zuständig, ausführendes Organ waren die 28 örtlichen Finanzämter des Bezirks Nordmark.
Verwertung entzogenen Eigentums Auch die Beschlagnahmung des beweglichen Vermögens von Jüdinnen und Juden – darunter Hausrat, Möbel und Schmuck – nach Emigration oder Deportation unterlag Gieses Behörde. Hierfür wurden Gerichtsvollzieher beauftragt, für die Stadt Kiel etwa Richard Knust (* 1894; † 1948), die in den Wohnungen zurückgebliebenen Wertgegenstände zu inventarisieren, zu schätzen und anschließend durch Versteigerungen zu verwerten.
Zusätzlich konnte die Behörde des Oberfinanzpräsidenten auch direkt von Eigentum jüdischer Familien profitieren. So wurden Gegenstände aus jüdischen Haushalten, z. B. des Apothekers Heinrich Haller-Munk, aus Kiel, oder Porzellan des Kieler Bürgers Wilhelm Ludwig Bruck, für die eigene Behörde übernommen. Auch persönlich profitierte Giese während seiner Amtszeit von der Beschlagnahmung jüdischen Hausrats. So konnte er einen Teil des konfiszierten Büchersbestandes des Gründers des Bad Bramstedter Kurhauses, Oskar Alexander, seiner privaten Bibliothek einverleiben, wie es der Historiker Sven Haman rekonstruierte.
Privates und gesellschaftliches Leben Mit seinem Umzug nach Kiel war Giese bewusst nicht dem als elitär angesehenen örtlichen Rotary-Club beitreten, da leitende Beamte nach einem neuen Erlass ihre dortige Mitgliedschaft aufgeben sollten. Offenbar war er damit bereit, seinen großbürgerlichen Lebensstil teilweise den politischen Vorgaben anzupassen.
Allerdings bezog er spâtestens 1938 ein Haus im Niemannsweg 94a, einer Villenstraße im bevorzugten Nobelviertel Düsternbrook. In der Zeit des Nationalsozialismus erhielt die Straße eine besondere Bedeutung, da sich dort mit dem Repräsentationsbedürfnis der Staatspartei zahlreiche militärische und parteiliche Dienststellen niederließen. Gleichzeitig entwickelte sich die Straße zu einer gefragten Wohnadresse für Parteifunktionäre, neben Richard Giese auch für Gauleiter Hinrich Lohse (Hausnummer 52), SA-Führer Meyer Quade (Nr. 153) oder NSDAP-Kreisleiter Otto Ziegenbein (Nr. 4). Auch die NS-Dozentenführer der Universität Kiel, Hermann Mandel und Ernst Philipp bewohnten Häuser in dieser Straße, wie es der Kulturwissenschaftler Kai Detlev Sievers recherchierte. Bei einem der Kieler Luftangriffe während des Zweiten Weltkrieges wurden Teile von Gieses Villa beschädigt. Durch den Schaden verlor Giese seine Bibliothek mit den aus jüdischen Haushalten beschlagnahmten Büchern, so eine Nachkriegsaussage. In einer neueren Studie wird diese Darstellung jedoch bezweifelt.
Pensionierung und Umzug Bis zu seiner Pensionierung im Mai 1943 leitete Giese neben der Abteilung Personal und Verwaltung auch die Finanz- und Zollschule in Mölln und die Zollschule Flensburg. Nachdem er zunächst in eine Dienstwohnung in Berlin-Charlottenburg gezogen war, wurde Giese im Frühjahr 1944 mit seiner Familie nach Zinnowitz auf der Insel Usedom evakuiert. Er verblieb dort bis spätestens August 1945.
Nach 1945 Als die Rote Armee Usedom besetzt hatte, verdiente er seinen Lebensunterhalt vorübergehend als Ernte- und Waldarbeiter. Ab Oktober 1946 arbeitete er als Versicherungsagent der Sach- und Personen-Versicherungsanstalt Mecklenburg für Zinnowitz und Umgebung. Als er erfuhr, dass alle Beamten vom Regierungspräsidenten aufwärts als Kriegsverbrecher 1. Klasse verhaftet werden sollten, floh er Ende Oktober 1947 über die Grenze der sowjetischen Besatzungszone zu seinem Sohn nach Kiel. Nachdem er im August 1948 die Zuzugsgenehmigung für seine Familie erhalten hatte, wurde er familiär von seiner Tochter unterstützt. Ab mindestens 1966 war Giese wieder im Kieler Adressbuch mit einem Eintrag als Oberfinanzpräsident a. D. verzeichnet.
Ein Entnazifizierungsverfahren zu Giese ist laut einer 2026 erschienenen Studie nicht auffindbar. Es wird vermutet, dass er aufgrund seines Alters von 69 Jahren bei Kriegsende der Aufmerksamkeit der Militärbehörden entgangen war.
Ehrungen 1976, anlässlich eines großen Empfang zu Ehren seines 100. Geburtstages gratulierten als „prominente Besucher“ die Politiker Hans-Hellmuth Qualen, Gerd Lausen und Kiels Stadtpräsident Eckhard Sauerbaum.
Zu seinem Tod 1978 widmet ihm die Corpszeitung seiner Studentenverbindung Bremensia Göttingen, einen Nachruf. In den Kieler Nachrichten wurde an seine „großen Verdienste um den Aufbau der frühen Reichsfinanzverwaltung“ erinnert. Die vielfachen Ehrungen dokumentierten sein fortbestehendes gesellschaftliches Ansehen, insbesondere in Kiel.
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