mini|Burgkirche vom Malakoffturm aus mini|Mit Ortsbefestigung von Osten Die Burgkirche in Ingelheim im Landkreis Mainz-Bingen, Rheinland-Pfalz, ehemals St. Wigbert genannt, ist eine spätgotische Wehrkirche, die in verschiedenen Abschnitten bis zur ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erbaut wurde und einen romanischen, einschiffigen Vorgängerbau aus dem 12. Jahrhundert ersetzte. Sie ist von einer mittelalterlichen Wehranlage umgeben und gilt als eine der am besten erhaltenen befestigten Kirchenbauten im süd- und westdeutschen Raum.

Die Burgkirche wurde im Mittelalter von der Ober-Ingelheimer Bevölkerung als Rückzugsmöglichkeit bei feindlichen Angriffen genutzt, ein Fall, der allerdings nie eintrat. Den Adeligen von Ingelheim diente sie lange Zeit als Grabstätte. Viele ihrer Epitaphe sind bis heute erhalten. Der Ingelheimer Oberhof benutzte das Erdgeschoss des Kirchturms in historischer Zeit als Archiv. In den Jahren 1998 bis 2006 wurde die Burgkirche außen und innen, das wertvolle mittelalterliche Marienfenster im Chor eingeschlossen, umfassend restauriert. Sie steht heute unter Denkmalschutz.

Lage und Umgebung Das Bauwerk befindet sich am östlichen Ortsrand, an einem Hang, der zum Mainzer Berg ansteigt und der höchste Punkt von Ober-Ingelheim ist. Umgeben ist es von einer mit einem Zwinger verstärkten und mit Zinnen versehenen Wehrmauer, die Teil der ehemaligen Ortsbefestigung ist.

mini|Burgkirche Ingelheim und Blick über die Altstadt von den Feldern aus

Die Mauern sind stellenweise bis zu zwei Meter dick und bis zu acht Meter hoch. Auf dem Kirchhof westlich der Kirche befindet sich ein Kriegerdenkmal mit den Namen der Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs; ein weiteres Denkmal steht im südwestlich gelegenen Rosengärtchen und erinnert an den Deutsch-Französischen Krieg 1870–1871, es stand bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch am Ober-Ingelheimer Marktplatz. Der Zwinger umspannt nur noch die südliche Kirchenseite. Ursprünglich war die Kirche aus dem Ortskern nur durch den westlichen Torbogen zu erreichen. Für den östlichen Torbogen, der von der Kirche zum heutigen Rotweinfestplatz und in die Weinberge führt, wurde die Wehrmauer erst später durchbrochen. Zu erreichen ist die Kirche vom Marktplatz in Ober-Ingelheim über die Straße An der Burgkirche.

Geschichte Vorgeschichte mini|Gesamtansicht von Westen mit Kriegerdenkmal

Im 7. Jahrhundert wurde an der Stelle der heutigen Kirche eine Kapelle, die zu einem fränkischen Friedhof gehörte, errichtet. Diese Kapelle, vermutlich eine Filiale der Kirche St. Remigius in Nieder-Ingelheim, übergab Karl der Große dem Kloster in Bad Hersfeld,Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kreis Mainz-Bingen. S. 396. das auch den Fronhof und Zehntrechte erhielt.

Kirchenbau und spätgotischer Ausbau Im 12. Jahrhundert folgte ein einschiffiger romanischer Neubau mit flacher Decke, von dem heute nur noch der Turm zu sehen ist. Mitte des 12. Jahrhunderts wurde die Burgkirchenbefestigung gebaut. Seit dem Jahr 1051 war sie dem Heiligen Wigbert geweiht, dem Schutzpatron des Klosters Bad Hersfeld. Um 1296 wurde das Patronat an das Mainzer Domkapitel veräußert. Der erste Pfarrer wurde 1326 eingesetzt. Ab 1400 zogen Bürger aus Frei-Weinheim zu Ostern in einer Prozession zur Burgkirche, um mit einer Kerzenspende für guten Fischfang und um Segen für ihre Schiffe und Boote zu beten.Heinrich Herbert: Ingelheimer Lesebuch. S. 85.

Anfang des 15. Jahrhunderts wurde mit dem spätgotischen Ausbau der Kirche begonnen. 1404 wurde östlich des Turmes der neue Chor fertiggestellt. Der romanische Vorgängerbau wurde dabei größtenteils überbaut, er ist nur noch teilweise unter dem heutigen Mauerwerk vorhanden. Auf einer Urkunde über den Ausbau der Kirche aus dem Jahr 1406 werden der damalige Pfarrer Craff von Eteuil und die Baumeister Dilman Dinckel und Michel Berdir genannt, Werkmeister war Johann von (Ober) Diebach.Philipp Krämer: Die Burgkirche zu Ingelheim. S. 10. Anschließend wurde mit dem Ausbau des östlichen Langhauses begonnen, das gegen 1431 vollendet wurde. Die noch vorhandenen Rundbogenfenster an der Südseite des Mittelschiffs verweisen auf die ursprüngliche Planung einer Basilika, die allerdings gegen 1434 zugunsten einer Staffelhalle verworfen wurde.Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kreis Mainz-Bingen. S. 400.

Unter der Leitung von Peter Arnold aus Bingen wurde von 1450 bis 1462 der Bau des westlichen Langhauses fertiggestellt. Ein Zimmermann namens Nikolaus Holzhauser brachte ein Satteldach an, das alle drei Schiffe umspannt. 1476 wurde die Kirche innen ausgemalt. Hen Scherer verglaste 1485 die Fenster, womit der Ausbau beendet war.Philipp Krämer: Die Burgkirche zu Ingelheim. S. 16. Im Jahre 1576 wurde der Turm renoviert.

Reformationszeit Auch in der Reformationszeit besaß das Mainzer Domkapitel weiterhin die Patronatsrechte und vereidigte auch die evangelischen Pfarrer. An einem Sonntag im Juli 1577 wohnte Kurfürst Ludwig von der Pfalz einem Gottesdienst in der Kirche bei.Philipp Krämer: Die Burgkirche zu Ingelheim. S. 18. Anschließend war er am 16. Juli 1577 mit 180 Pferden und Reitern zur Entgegennahme einer Huldigung in der Kirche. Die Kirche war in der folgenden Zeit Huldigungsort für den jeweiligen neuen Landesherrn.Heinrich Herbert: Ingelheimer Lesebuch. S. 84.

Im Jahre 1674 schlug ein Blitz in den Glockenturm ein, der daraufhin völlig ausbrannte.Heinrich Herbert: Ingelheimer Lesebuch. S. 87. Nur eine Glocke aus dem Jahre 1384 blieb verschont. Ab 1690 wurde die Kirche von Katholiken und Protestanten simultan benutzt, bis am 29. März 1707 bekanntgegeben wurde, dass die Kirche bis zum 31. Mai 1707 von den Katholiken zu räumen war,Philipp Krämer: Die Burgkirche zu Ingelheim. S. 19. somit wurde sie endgültig den Reformierten zugesprochen. Dabei wurde auch ein Großteil der katholischen Einrichtung entfernt. Von da an wurde sie Evangelische Kirche genannt.

Nach der Übergabe an die Reformierten wurde die Kirche 1726 erstmals renoviert. Das Erdgeschoss des Turmes diente in der Zeit als Archiv für die Ingelheimer Gerichte im Ingelheimer Grund. Dort wurden Akten, Urkunden, Gerichtsprotokolle und HaderbücherErläuterung zu den Ingelheimer Haderbüchern. Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e. V. (Prozessführungsakten) gelagert. Auch fanden dort die Urkunden über die Privilegien der Ober-Ingelheimer Bevölkerung Platz.

Neuzeit mini|Ober-Ingelheim, in der Mitte die Burgkirche, auf einem Stich von Merian anno 1645

Im Dreißigjährigen Krieg benutzten spanische, französische und kaiserliche Truppen die Kirche als Quartier. Die meisten Grabmäler der Adeligen von Ingelheim wurden dabei geschändet, Figuren geraubt und die Wappen abgeschlagen, da sie als Sinnbild der feudalen Macht galten, ebenso ging dabei auch das Gestühl verloren. Goethe beschrieb den Zustand der Kirche nach den Napoleonischen Kriegen, die auch vor der Ingelheimer Kirche nicht haltgemacht hatten:

1830 fand in der Kirche die letzte Huldigung statt, als am 27. April und 28. April in einem Staatsakt ein Huldigungskommissar den Huldigungseid aller Beamten des damaligen Kantons an den Großherzog von Hessen, Ludwig II., entgegennahm.Philipp Krämer: Die Burgkirche zu Ingelheim. S. 21. Bei einem Beerdigungsläuten zersprang die Glocke aus dem Jahre 1384, die bis dahin die älteste Glocke Rheinhessens war.Heinrich Hebert: Ingelheimer Lesebuch. S. 86.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit mini|Zustand Mitte des 20. Jahrhunderts, vor der ersten umfangreichen Renovierung der Nachkriegszeit

Der Name Burgkirche wird seit 1939, als Ingelheim Stadt wurde, verwendet, um sie von den anderen evangelischen Kirchen im Stadtgebiet zu unterscheiden. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Kirche mit geringen Schäden. Da das Marienfenster sicherheitshalber ausgebaut worden war, entging es der Zerstörung. Die drei anderen Chorfenster gingen bei Bombeneinschlägen in der unmittelbaren Nachbarschaft verloren.

Zu verdanken ist der heutige gute Zustand der Kirche den Renovierungen in den Jahren 1950 bis 1960, bei denen die drei zerstörten Chorfenster ersetzt wurden und das Marienfenster wieder eingesetzt wurde. 1998 bis 2006 wurden die aus dem 15. Jahrhundert stammenden Malereien im Chorgewölbe und die Pflanzornamente im Kirchenschiff restauriert. Daneben erhielt die Kirche innen und außen wieder ihre ursprünglichen Farben aus dem 15. Jahrhundert.

Architektur mini|Grundriss der Burgkirche mini|hochkant|Burgkirche – Eingang

Die dreischiffige Kirche ist ein nicht einheitlicher, spätgotischer Sakralbau in exponierter Lage. Es handelt sich um eine Staffelhalle ohne Querhaus mit 5/8-Chor und einem ins Seitenschiff eingestellten Turm, dessen Länge außen 42,44, innen zirka 40 Meter und die Breite 17,75 Meter beträgt. Dass schon von Weitem die verschiedenen Erweiterungen zu erkennen sind, liegt hauptsächlich an den unterschiedlichen Dachhöhen. Das höchste Dach trägt der Chor, das östliche Langhaus ein wieder kleineres, ein weiteres schmiegt sich an den Turm als Pultdach. Das westliche Langhaus hat wieder ein etwas größeres Dach. Die Kirche ist größtenteils mit weißem Kalkputz versehen, auch Sandsteinelemente sind vertreten. Die Lisenen und der Rundbogenfries sowie Teile des Zinnenkranzes des Turmes sind in gelblichem Ocker gehalten. Die Dächer der Kirche sind mit Schiefer gedeckt.

Der dreistöckige romanische Turm stammt aus dem 12. Jahrhundert. Er war ursprünglich Schiffsflankenturm des romanischen Vorgängerbaus und war neben diesem angebaut. Er besteht aus fünf Geschossen, ist 4 × 6,35 Meter breit und mit einem Rundbogenfries, Ecklisenen und Schallarkaden verziert. Das zweite und das dritte Obergeschoss besitzen romanische Zwillingsfenster, während im Glockengeschoss romanische Drillingsfenster ausgeführt sind. Der Turm wird von einem wehrhaften Zinnenkranz und einem Erkertürmchen gekrönt, die im 15. Jahrhundert aufgesetzt wurden. Die Turmdächer sind im gotischen Stil ausgeführt. Die Höhe bis zum Zinnenkranz beträgt 28, die Höhe des großen Turmhelms 14 Meter. Abgeschlossen wird der Turmhelm durch ein Kreuz mit einem goldenen Wetterhahn.Philipp Krämer: Die Burgkirche zu Ingelheim. S. 32.

Im Mittelalter war der Turm nur mit einer Leiter zu besteigen; heute ist eine Treppe vorhanden. Im Inneren ist an einer Turmarkade ein romanischer Türsturz (1950 eingemauert) mit Kerbschnitten erhalten geblieben;Dehio S. 328 Abschnitt: Inneres darunter befindet sich ein eisenbeschlagenes Türblatt.Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland Kreis Mainz-Bingen S. 398. Das tonnengewölbte Turmerdgeschoss war ursprünglich im Süden, zum Kirchenschiff hin, mit einem Rundbogen geöffnet, bis es im 15. Jahrhundert als Archiv umgebaut wurde. Seitdem ist der Turm von der nördlichen Kapelle aus zu erreichen.

mini|hochkant|Westfassade mit Spitztürmen

Das östliche Langhaus hatte ursprünglich Obergadenfenster, die beim Bau des Daches durch ein über alle drei Schiffe reichendes Satteldach verdeckt wurden. Das Mittelschiff ist dabei basilikal überhöht. Das 10,55 Meter hohe westliche Langhaus und seine Westfassade mit steilem Schildgiebel, zwei charakteristischen Spitztürmen, von denen der südliche eine vorspringende Wendeltreppe besitzt, und großem Maßwerkfenster mit Fischblasenmotiven wurde 1462 fertiggestellt. Ein Giebelkreuz schließt die Westfassade ab. Am nördlichen Seitenschiff befindet sich ein spätgotisches Hauptportal mit Fischblasenornamenten, das Südportal ist eher schlicht ausgeführt, ein Westportal fehlt. An der Nordwand ist kurz vor dem Übergang zum Turm eine gotische Totenleuchte angebracht. Die Maßwerkfenster an den Seitenschiffen sind ebenfalls mit Fischblasenornamenten ausgestattet.