mini|hochkant|Petra Pau (2022) Petra Angelika Pau (* 9. August 1963 in Ost-Berlin) ist eine ehemalige deutsche Politikerin (Die Linke, davor PDS). Sie war von 1998 bis 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2006 bis 2025 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.
Leben und Beruf Pau wurde 1963 in Ost-Berlin als Tochter eines Maurers geboren.Petra Pau lüftet ihre unfrisierten Geheimnisse. In: Berliner Kurier. Nach dem Besuch einer allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule, der heutigen Mildred-Harnack-Schule in Berlin-Lichtenberg, begann sie 1979 ein Fachschulstudium am Zentralinstitut der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ (ZIPO) in Droyßig, das sie 1983 als Freundschaftspionierleiterin und als Unterstufenlehrerin für Deutsch und Kunsterziehung abschloss. Sie arbeitete bis 1985 als Lehrerin und begann dann ein Studium an der Parteihochschule Karl Marx (PHS) in Berlin, das sie 1988 als Diplom-Gesellschaftswissenschaftlerin abschloss. Sie war bis 1990 Mitarbeiterin beim Zentralrat der FDJ und war dort nach der friedlichen Revolution in der DDR zuständig für die Auflösung der Pionierorganisation Ernst Thälmann. Bis 1991 war sie arbeitslos.Biografie. In: petrapau.de
Pau wurde evangelisch getauft und konfirmiert. Sie trat in der zehnten Klasse aus der evangelischen Kirche ausLinken-Politikerin Pau: "Wir sind keine atheistische Partei" und ist seither konfessionslos.Andreas Schäfer, Elke Schäfer: Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, 3. April 2014 (PDF; 320 kB). Seit 1994 ist sie mit dem Diplom-Mathematiker Michael Wolff verheiratet.Berlin intern. In: bild.de
Parteimitgliedschaften 1983 wurde Pau Mitglied der SED. Von Januar bis Oktober 1991 war sie Vorsitzende des PDS-Bezirksverbands Berlin-Hellersdorf und anschließend stellvertretende Landesvorsitzende der PDS Berlin. Als André Brie wegen seiner verschwiegenen Stasi-Vergangenheit zurücktreten musste, wurde Pau im Oktober 1992 zur Landesvorsitzenden der PDS Berlin gewählt. Dieses Amt bekleidete sie bis Dezember 2001; von 2000 bis 2002 war sie außerdem stellvertretende PDS-Bundesvorsitzende. Innerhalb ihrer Partei gehört Pau zu den Reformlinken. Sie war lange Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Bürgerrechte und Demokratie.
Abgeordnete mini|hochkant|Petra Pau, 2013
Pau gehörte von 1990 bis 1995 der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Hellersdorf und von 1995 bis 1998 dem Abgeordnetenhaus von Berlin an. Bei der Bundestagswahl 1998 gewann sie das Direktmandat für den Deutschen Bundestag im Wahlkreis Berlin-Mitte – Prenzlauer Berg gegen Wolfgang Thierse, den Kandidaten der SPD, und Marianne Birthler, die Kandidatin von Bündnis 90/Die Grünen. Bei den Bundestagswahl 2002 gewann sie mit 37,7 Prozent das Mandat im Bundestagswahlkreis Berlin-Marzahn – Hellersdorf und gehörte wie ihre Parteikollegin Gesine Lötzsch als direkt gewählte, aber fraktionslose Abgeordnete weiterhin dem Bundestag an, nachdem die PDS an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war. Bei der Bundestagswahl 2005 verteidigte sie den Wahlkreis mit 42,6 Prozent, ebenso 2009 mit 47,8 Prozent, bei der Bundestagswahl 2013 mit 38,9 Prozent und bei der Bundestagswahl 2017 mit 34,2 Prozent der Erststimmen. 2021 verlor sie das Direktmandat an Mario Czaja (CDU), zog aber über die Landesliste der Linken in den 20. Deutschen Bundestag ein.
Von Oktober 2000 bis Oktober 2002 war Pau zudem stellvertretende Vorsitzende der PDS-Bundestagsfraktion. Von Oktober 2005 bis zu deren Auflösung im Dezember 2023 gehörte sie dem Vorstand der Linksfraktion im Bundestag an; von 2005 bis 2008 war sie auch stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Während ihrer Amtszeit als stellvertretende Fraktionsvorsitzende leitete sie den Fraktionsarbeitskreis BürgerInnenrechte und Demokratie. mini|Petra Pau als Bundestagsvizepräsidentin (2019) Am 7. April 2006 wurde Pau zu einer der Vizepräsidentinnen des Deutschen Bundestages gewählt, nachdem der ursprüngliche Kandidat der Linksfraktion, Lothar Bisky, in vier Wahlgängen nicht die notwendige Stimmenzahl erreicht hatte. Pau wurde am 27. Oktober 2009 im 17. Deutschen Bundestag, am 22. Oktober 2013 im 18. Deutschen Bundestag, am 24. Oktober 2017 im 19. Deutschen Bundestag und am 26. Oktober 2021 im 20. Deutschen Bundestag in dieser Position bestätigt.dserver.bundestag.de, Plenarprotokoll vom 26. Oktober 2021, abgerufen am 23. Februar 2024 Nach der Auflösung der Linksfraktion zum 6. Dezember 2023 beantragte die AfD-Bundestagsfraktion, Pau zum Rücktritt vom Amt der Vizepräsidentin aufzufordern. Eine deutliche Mehrheit der Abgeordneten lehnte den Antrag ab. Pau ist seit 2024 das historisch am längsten ohne Unterbrechung amtierende Mitglied des Bundestagspräsidiums (vor Annemarie Renger; Carlo Schmid und Richard Jaeger waren längere Zeit Vizepräsidenten als Pau, aber jeweils mit Unterbrechung aufgrund eines Ministeramtes).
2010 bis 2015 litt Pau an Spasmodischer Dysphonie, einer Erkrankung der Stimme.Miriam Hollstein: Linken-Politikerin: Als Petra Pau plötzlich ihre Stimme verlor. In: Die Welt, 10. Dezember 2012; Louis Lewitan: Petra Pau: „Ich war stumm und verzweifelt“. In: Die Zeit, Interview, 29. Mai 2017.
Pau war Obfrau der Linken in den zwischen 2012 und 2017 eingesetzten NSU-Untersuchungsausschüssen des Bundestages. Zudem war Pau ordentliches Mitglied im Ausschuss für Inneres und Heimat, den sie als dienstältestes Mitglied übergangsweise leitete, sowie im Gemeinsamen Ausschuss. Sie war stellvertretendes Mitglied im Ausschuss Digitale Agenda. Als Bundestagsvizepräsidentin besuchte sie die jährlichen Feierlichkeiten zur Befreiung des KZ Mauthausen.Petra Pau: »Ich kann jetzt fröhlich loslassen«, nd-aktuell, 20. März 2025
Ab Januar 2022 war Petra Pau religionspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken.https://www.katholisch.de/artikel/33989-linken-politikerin-pau-wir-sind-keine-atheistische-partei
Außerdem ist sie Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.https://www.stiftung-denkmal.de/stiftung/gesetz-und-gremien/
Im Oktober 2024 kündigte Pau an, nicht erneut für den Bundestag zu kandidieren.tagesschau.de Entsprechend schied sie mit der konstituierenden Sitzung des 21. Deutschen Bundestages am 25. März 2025 aus dem Parlament aus.
Politische Positionen und Kontroversen In der Öffentlichkeit breit kritisiert wurde, dass Pau im November 2006 ohne Angabe ihrer Funktion eine Traueranzeige für den früheren Chef der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR-Staatssicherheit, Markus Wolf, veröffentlichte.Holger Schmale: Konflikt um Traueranzeige für Markus Wolf. In: Berliner Zeitung, 16. Dezember 2006.
Im Januar 2012 wurde bekannt, dass im Rahmen der Beobachtung der Partei Die Linke durch den Verfassungsschutz auch Petra Pau als eine von 27 Bundestagsabgeordneten der Linken unter Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz stand, was von Politikern aller Fraktionen kritisiert wurde.
Im Dezember 2014 erhielt Pau wegen ihres Engagements für Flüchtlinge und gegen die von Neonazis maßgeblich beeinflussten Proteste gegen ein Flüchtlingsheim im Bezirk Marzahn-Hellersdorf über 40 Morddrohungen. Ihre Privatadresse wurde in dem Kontext veröffentlicht.Matthias Meisner: Wegen Engagement für Flüchtlingsheim: Linke-Politikerin Petra Pau von Neonazis mit dem Tod bedroht. In: Der Tagesspiegel, 12. Dezember 2014. Anfang März 2015 wurde sie aus einer Demonstration der selbst ernannten „Bürgerbewegung Marzahn“ heraus direkt vor ihrer Wohnung bedroht.Petra Pau: Hass-Demo mit Erlaubnis der Polizei. In: Frankfurter Rundschau, 15. März 2015 Die Polizei hatte eine entsprechende Routenänderung der Demonstranten genehmigt, da keine Anhaltspunkte für „Unfriedlichkeiten“ vorgelegen hätten und aufgrund des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit daher ein Anspruch auf Genehmigung der Routenänderung bestanden hätte.
Im Juli 2023 brachte Pau als eine von über 100 Abgeordneten einen Gesetzentwurf im Bundestag ein, der geschäftsmäßige, also auf Wiederholung angelegte, Suizidhilfe unter Strafe gestellt hätte. Der Gesetzentwurf wurde von der Bundesrechtsanwaltskammer als verfassungswidrig kritisiert, da er zu restriktiv sei und nicht wie in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 26. Februar 2020 gefordert berücksichtige, dass die Einschränkung der freiverantwortlichen Selbsttötung einem hohen verfassungsrechtlichen Rechtfertigungsbedarf unterliege. Der Entwurf wurde mit 362 Gegenstimmen bei 302 Ja-Stimmen und 23 Enthaltungen abgelehnt.
Auszeichnungen Am 24. März 2025 wurde ihr das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland stellvertretend durch die damalige Bundestagspräsidentin Bärbel Bas für ihre jahrzehntelange Arbeit als Bundestagsvizepräsidentin überreicht.
Publikationen (Auswahl) Gottlose Type. Meine unfrisierten Erinnerungen. Eulenspiegel, Berlin 2015, ISBN 978-3-359-02476-7.
Gott hab sie selig. Neue Anekdoten von anomal bis digital. Quintus-Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-96982-006-3. Für ein wirklich neues Deutschland. Petra Pau erklärt die Mühen der Ebenen für eine linke Bundestagsvizepräsidentin. In: nd – Die Woche vom 22./23. Mai 2021, S. 35.
Trivia Wegen ihrer roten Haare und der Sommersprossen trägt Petra Pau den Spitznamen „Sams“, nach dem freundlichen Märchenwesen aus den Kinderbüchern von Paul Maar.Pressespiegel zur Wahl von Petra Pau zur Bundestagsvizepräsidentin. Portraits, Reportagen und Kommentare, Stand: 10.4.06; S. 11.
Literatur Brigitte Fehrle: Bundestagspräsidentin Petra Pau. In: Michael F. Feldkamp (Hrsg.): Der Bundestagspräsident. Amt – Funktion – Person. 17. Auflage, 16. Wahlperiode. Olzog, München 2007, ISBN 978-3-7892-8201-0, S. 202–208.
Weblinks
Website von Petra Pau
Biographie bei der Fraktion Die Linke.
Deutschlandfunk Zeitzeugen im Gespräch vom 28. August 2025: Christiane Florin im Gespräch mit Petra Pau, frühere Vize-Präsidentin des Bundestags und Linken-Politikerin. „Ich gehörte nicht zu den friedlichen Revolutionären“
Einzelnachweise
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