mini|Kongressplakat (Entwurf: Jobst Koch) Der Weltreklamekongress vom 11. bis 15. August 1929 in Berlin war bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg die größte internationale Tagung, die jemals in Deutschland stattgefunden hat.Die Reichsregierung empfängt die Kongressteilnehmer. In: Berliner Börsenzeitung Nr. 376 vom 14. August 1929 Rund fünftausend Werbefachleute, Diplomaten, Politiker und Unternehmer allein aus dem Ausland wurden von den Veranstaltern erwartet, davon über dreitausend aus den Vereinigten Staaten von Amerika.Christian Kupferberg: Was bedeutet der Weltreklamekongress für Deutschland? In: Die Reklame, Zeitschrift des Deutschen Reklame-Verbandes, Berlin, 2. Aprilheft 1929, S. 267 Das Motto des Kongresses drückte das Selbstbewusstsein der noch jungen Werbebranche aus: „Reklame, der Schlüssel zum Wohlstand der Welt“.Horst Kleinert: Als die Werber Charleston tanzten. Der Weltreklamekongress 1929 in Berlin. Thurm-Wissenschaftsverlag, Lüneburg 2018, S. 9–10
Vorgeschichte Die Vorgeschichte des Weltreklamekongresses begann 1904 in den Vereinigten Staaten von Amerika. Anlässlich der Weltausstellung 1904 in St. Louis versammelten sich Vertreter diverser regionaler Werbeklubs zum sogenannten „Ad Men’s Day“, um über Fachfragen zu diskutieren und um eine Dachorganisation aller amerikanischen Advertising Clubs zu gründen. Der Verbandsname sollte „International Advertising Association“ lauten. Eine Satzung wurde noch nicht verabschiedet. Mitglieder der Werbeklubs waren Kaufleute, Verleger, Werbeagenten und andere, die an einem Ideenaustausch über Werbung und Verkauf interessiert waren.Bodo Ronnefeld: International Advertising Association. In: Alfred Knapp, Reklame, Propaganda, Werbung – ihre Weltorganisation, Verlag für Presse, Wirtschaft und Politik, Berlin 1929, S. 17–37 1906 trug das Bemühen um die Gründung eines Klubverbandes mit der Verabschiedung der Satzung der „Associated Advertising Clubs of America“ (AACA) Früchte. Die rund 350 Werbeklubs wählten das Verbandsmotto „Truth in Advertising“. Werbung müsse wahr sein, wenn sie Erfolg haben soll, wurde als wichtigste Forderung verabschiedet. Werbung solle beiden dienen, dem Verkäufer und dem Verbraucher.Bodo Ronnefeld: Zur Vorgeschichte des 25. Weltreklamekongresses. In: Seidels Reklame, Blatt für Werbewesen und Verkaufstechnik, Berlin, Juli 1929, S. 55 1914 fand in Kanada die erste Tagung der AACA außerhalb der USA statt. Der Erste Weltkrieg und dessen wirtschaftliche Folgen hemmten weitere zwischenstaatliche Kooperationen. Erst 1924 wurde die internationale Zusammenarbeit von 1914 mit dem Internationalen Werbekongress der AACA in London wieder aufgenommen. Die Annäherung des amerikanischen Reklameverbands an Europa führte zu der Absicht, 1929 und dann jedes fünfte Jahr einen internationalen Reklamekongress außerhalb des amerikanischen Festlands abzuhalten.Bodo Ronnefeld: International Advertising Association. In: Alfred Knapp, Reklame, Propaganda, Werbung – ihre Weltorganisation, Verlag für Presse, Wirtschaft und Politik, Berlin 1929, S. 18–19
Internationale Zusammenarbeit mini|Vertreter der dänischen Delegation mini|Zwei schottische Delegierte 1926 nahm der Verband nichtamerikanische Werbeorganisationen auf und griff auf den Namen von 1904 – „International Advertising Association“ (IAA) – zurück. Nach wie vor dominierten aber unter den achtzehn sogenannten Distrikten der IAA die Amerikaner: Zwölf Distrikte entfielen auf die amerikanischen Bundesstaaten, jeweils einer auf Großbritannien und Kontinentaleuropa, vier auf sonstige überseeische Gebiete. Der IAA war auch die „Federation of Women’s Advertising Clubs“ angeschlossen. Gemäß der Satzung der IAA musste mindestens ein Mitglied des Verwaltungsrates (Board of Governors) eine Frau sein.
1928 veranstaltete die IAA ihre Jahrestagung in Detroit. An dieser Veranstaltung nahm auch der kurz zuvor in Paris gegründete „Kontinentale Reklame-Verband“ (KRV), die Zusammenfassung der Reklameverbände der Länder Kontinentaleuropas, teil. Deutschland war dort durch die „Sektion Deutschland e. V.“ des KRV vertreten. Als Initiator dieser nationalen Dachorganisation kann der bereits 1908 gegründete „Verein Deutscher Reklamefachleute“ (später DRV – Deutscher Reklame-Verband) angesehen werden. Vorsitzender des KRV Sektion Deutschland und Präsident des Deutschen Reklame-Verbands war Max Riesebrodt, hauptamtlich Direktor der Deutschen Reichs-Postreklame.DRV-Jahresbericht 1928/29. In: Die Reklame, Zeitschrift des Deutschen Reklame-Verbandes, Berlin, 2. Juliheft 1929, S. 470
Entscheidung für Berlin Hauptaufgabe der KRV Sektion Deutschland war die „Förderung des internationalen Gedankenaustauschs über wissenschaftliche, künstlerische und rechtliche Fragen des Werbewesens“. Mit anderen Worten: Der „World Advertising Congress 1929“ der International Advertising Association sollte nach Berlin geholt werden. Die Weichen hierfür wurden im Mai 1928 auf dem Pariser Kongress gestellt. Auf der Jahresversammlung der IAA in Detroit im Juli 1928 sollte die endgültige Entscheidung für den Tagungsort Berlin getroffen werden – so zumindest nach der Vorstellung einer 50-köpfigen Delegation des Deutschen Reklame-Verbandes, die eigens dazu nach Detroit angereist war. In Detroit gelang es den deutschen Vertretern, einen Beschluss der Vollversammlung herbeizuführen, Berlin für 1929 in Erwägung zu ziehen. Drei Monate später wurde dem Deutschen Reklame-Verband mitgeteilt, dass – fünfundzwanzig Jahre nach dem legendären „Ad Men’s Day“ von St. Louis – der „25th World Advertising Congress“ der IAA 1929 nach Berlin einberufen werden soll. Für die Entscheidung pro Deutschland war nicht zuletzt die Unterstützung der Bewerbung durch das Auswärtige Amt unter der Leitung des Außenministers Gustav Stresemann von ausschlaggebender Bedeutung.Kontinentaler Reklame-Verband. In: Alfred Knapp, Reklame, Propaganda, Werbung – ihre Weltorganisation, Verlag für Presse, Wirtschaft und Politik, Berlin 1929, S. 41 Präsident des Weltreklamekongresses war der Chairman der IAA Charles C. Younggreen. In Deutschland wurde für die Vorbereitung des Kongresses eine umfangreiche Organisation mit den Vorsitzenden Hans Luther (ehemaliger Reichskanzler) und Rudolf Krohne (Reichsminister a. D.) geschaffen. Zwölf Ausschüssen oblag es, in weniger als einem Jahr den reibungslosen Ablauf des Weltreklamekongresses sicherzustellen. Maßgeblichen Anteil am erfolgreichen Verlauf hatte Max Riesebrodt, neben Rudolf Krohne Vorsitzender des Arbeitsausschusses.Robert Müller: Weltreklamekongress 1929. In: Marketing Journal, Hamburg, 2/82, S. 182
Kongressablauf Am 11. August 1929 strömten über 3000 Teilnehmer zur feierlichen Eröffnung des Weltreklamekongress in die Funkhalle auf dem städtischen Ausstellungsgelände neben dem Berliner Funkturm. (Die Begrüßungsrede hielt Hans Luther; Außenminister Stresemann war wegen der Verhandlungen in Den Haag über den Youngplan verhindert.) Auf den Vollversammlungen am 12. und 13. August referierten im Varietétheater Wintergarten führende Persönlichkeiten des Werbewesens aus Amerika, England und dem Kontinent über ausgewählte Probleme der Werbung. Die beiden folgenden Tage waren den Sitzungen einzelner Fachgruppen gewidmet.Die Tagungen des Kontinentalen Reklame-Verbandes und der International Advertising Association 1929 in Berlin. In: Die Reklame, Zeitschrift des Deutschen Reklame-Verbandes, Berlin, Sonderheft „Reklameschau“, 1. Septemberheft 1929, S. 657–658 Der Wintergarten erschien mit über 3000 Plätzen und zahlreichen Nebenräumen als Veranstaltungsort von allen Berliner Räumlichkeiten am geeignetsten. Seine Nähe zur City, zum Bahnhof Friedrichstraße und zu den großen Hotels sprach ebenfalls für ihn als Tagungsstätte. Das fachliche Programm wurde von Ausflügen, Banketten, Besichtigungen großer industrieller Betriebe und Fahrten ins Reichsgebiet umrahmt.Der Sieg der Reklame. In: Die Reklame, Zeitschrift des Deutschen Reklame-Verbandes, Berlin, 2. Augustheft 1929, S. 623–625
Die Reklameschau 1929 Berlin Zwischen den Tagungen erfolgte eine offizielle Besichtigung der den Kongress begleitenden Reklameschau 1929 Berlin, „der größten derartigen Ausstellung, die jemals auf der Welt gezeigt wurde“.Johannes Schmiedchen: Der Weltreklamekongress zu Berlin. In: Seidels Reklame, Blatt für Werbewesen und Verkaufstechnik, Berlin, Oktober 1929, S. 200 Vom 10. August bis zum 8. September 1929 wurde der Bevölkerung auf dem Berliner Messe- und Ausstellungsgelände am Funkturm ein umfassender Eindruck des Werbewesens in Geschichte und Gegenwart geboten.Karl Vetter: Die deutsche Reklameschau. In: Alfred Knapp, Reklame, Propaganda, Werbung – ihre Weltorganisation, Verlag für Presse, Wirtschaft und Politik, Berlin 1929, S. 135–137 Die Reklameschau nahm zwei durch Rolltreppen verbundene Hallen in Anspruch, in denen sich die deutsche Werbeindustrie (Graphisches Gewerbe, Zeitungen, Zeitschriften, Lichtreklame, Verkehrsreklame, Reklamefilm, Reklameartikel und Reklamefahrzeuge usw.) präsentierte. Auf dem Freigelände neben den Hallen war im Rahmen eines kleinen Vergnügungsparks die Sonderschau „Die Volksbelustigung als Reklamehelfer“ untergebracht.Karl Vetter: Die „Reklameschau 1929 Berlin“ nach vier Monaten Vorbereitung. In: Die Reklame, Zeitschrift des Deutschen Reklame-Verbandes, Berlin, 2. Aprilheft 1929, S. 266
Veranstaltungsprogramm mini|Das internationale Bankett in den Marmorsälen des Zoo Die Erwartungen an den Weltreklamekongress und die Reklameschau waren hoch: Die Reklamefeindlichkeit weiter Teile der Bevölkerung sollte bekämpft und die Reklamefreudigkeit insbesondere der deutschen Unternehmen erhöht werden. Darüber hinaus galt es, Besucher aus dem Ausland von der Leistungskraft der deutschen Wirtschaft zu überzeugen.Maks Ludwig: Was kann man von der Reklameschau erwarten? In: Seidels Reklame, Blatt für Werbewesen und Verkaufstechnik, Berlin, Juli 1929, S. 54–55
In über 300 fünfzehnminütigen Redebeiträgen wurde bei den Vollversammlungen und in zehn Fachgruppen (Werbeagenturen, Zeitungen und Zeitschriften, Graphiker, Einzelhandelswerbung, Rundfunkwerbung, Industriewerbung usw.) von namhaften Referenten aus dem In- und Ausland all das behandelt, was die Beziehungen und Auswirkungen der Reklame in wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Hinsicht betrifft.Weltreklamekongress. In: Die Reklame, Zeitschrift des Deutschen Reklame-Verbandes, Berlin, 1. Maiheft 1929, S. 295–296 Zum Beispiel:
Stellung der Reklame im internationalen Handel Reklame und Massenproduktion Ethik des Werbewesens Sonderfragen der Marktanalyse Bedeutung der sich etablierenden Kino- und Radioreklame Plagiate in der Werbung.Johannes Schmiedchen: Der Weltreklamekongress zu Berlin. In: Seidels Reklame, Blatt für Werbewesen und Verkaufstechnik, Berlin, Oktober 1929, S. 200
Versammlungsstätten für die Fachtagungen waren u. a. das Haus Vaterland, das Zentralhotel, das Hotel Bristol, der Kaiserhof und das Hotel Esplanade. Nicht nur die deutsche Presse berichtete über den Weltreklamekongress. Auch weltweit fand die Veranstaltung ein großes Echo.Weltreklamekongress. In: Die Reklame, Zeitschrift des Deutschen Reklame-Verbandes, Berlin, 1. Juniheft 1929, S. 373, sowie: The Press: Grand Jamboree. In: Time Magazine, August 19,1929 Ohne Zweifel war der Kongress eine gelungene PR-Veranstaltung für Deutschland als Wirtschaftsstandort.
Die „Entdeckung“ des Verbrauchers