mini|Röntgenbild eines Blasensteins
Harnsteine (lateinisch-griechisch Urolithe), kurz auch Steine genannt, sind kristalline Ablagerungen („steinförmige“ Konkremente) der ableitenden Harnwege unterschiedlicher Zusammensetzung und Größe, die aus dem Urin gebildet werden. Abzugrenzen hiervon sind Verkalkungen des Nierenfunktionsgewebes z. B. bei Nephrokalzinose, die außerhalb des Hohlsystems der Niere liegen. Je nach Fundort unterscheidet man Nierensteine (Nephrolithe, Lage im Nierenbecken oder in den Nierenkelchen; Nephrolithiasis), Harnleitersteine (Ureterolithe, Lage im Harnleiter; Ureterolithiasis), Blasensteine (Zystolithe, Lage in der Harnblase; Zystolithiasis) oder Harnröhrensteine (Urethralithe, Lage in der Harnröhre; Urethralithiasis).Winfried Vahlensieck (Hrsg.): Urolithiasis. Band 1 von P. Alken, Karl-Horst Bichler, Walter Brendel, Christian Chaussy, E. Hahn, Egbert Schmiedt, Jürgen Sökeland, A. Wolters (Konservative, instrumentelle und operative Harnsteinentfernung), Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1979, S. 70 f.
Das Krankheitsbild wird als Steinleiden, Steinkrankheit und Urolithiasis bezeichnet. Harnsteine (lateinisch calculi,Vgl. Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 398 (zu harnstain: Harnstein, Blasenstein, „stain“, lateinisch calculus) und 467 (zu stain). Plural von calculus) oder Harnkonkremente sollten nicht mit sogenannten Urinsteinen verwechselt werden.
Entstehung „Die äußere Form der Harnsteine ist durch den Ort der Bildung bedingt.“Immanuel Munk: Concrementbildungen. In: Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. Urban & Schwarzenberg, 2. Auflage, Wien/Leipzig 1885, Zitat S. 425. Die Harnsteine werden benannt nach ihrem ersten Fundort, nicht nach dem Ort ihrer Entstehung. Beim natürlichen Steinabgang werden also viele Harnsteine letztlich zu Harnröhrensteinen. In der Fachliteratur werden dagegen als Harnröhrensteine in der Harnröhre steckengebliebene Konkremente aus höheren Harnwegsabschnitten bezeichnet. Eine primäre Harnröhrensteinbildung ist selten. Um den Entstehungsort zu kennzeichnen, sprach man gelegentlich vom Blasenharnröhrenstein oder vom Vorblasenstein.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperlysinämie), ISBN 3-541-84000-5, S. H 77.
Die Fachwörter Urethrolith beziehungsweise Urethrolithiasis fehlen in der deutschen Fachliteratur. International findet man das Wort uretholith nur sporadisch.Nicola di Girolamo, P. Selleri: Removal of a urethrolith via ovariohysterovaginectomy after endoscopic retropulsion in a rabbit with uterine adenocarcinoma. In: Journal of Small Animal Practice. 56. Jahrgang, Nummer 2 vom 23. Januar 2015, S. 142. DOI:10.1111/JSAP.12322. Gerd Herold nennt das seltene Vorkommen in der Harnröhre lokalisierter Steine „Urethralithiasis“.Gerd Herold: Innere Medizin 2022. Selbstverlag, Köln 2021, ISBN 978-3-9821166-1-7, S. 657. Identisch auch in Innere Medizin 2023, Selbstverlag, Köln 2022, ISBN 978-3-9821166-2-4 auf derselben Seite. Ein medizinisches Wörterbuch bezeichnet einen „in der Harnröhre befindlichen, meist steckengebliebenen Stein aus den oberen Harnwegen oder der Blase“ als Urethrastein;Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 2094. das Reallexikon der Medizin nennt nur Urethralstein und ebenfalls Urethrastein.Heinz Walter, Günter Thiele (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Loseblattsammlung, Band 6 (S–Zz), Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin / Wien 1974, ISBN 3-541-84006-4, S. U 37. „Verlegungen der Harnröhre durch Steine führen gelegentlich auch zu Harnstauungen.“Erich Matouschek: Über die (aseptische) Harnstauungsniere. In: Handbuch der inneren Medizin, 5. Auflage, 8. Band, 3. Teil, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1968, ISBN 3-540-04152-4, S. 425.
Früher war die Benennung vom Ursprungsort abhängig. „Unter diesem Namen [Nierensteine] fasst man alle diejenigen Concremente zusammen, welche ausserhalb des eigentlichen Nierenparenchyms, aber noch nicht in der Blase sich befinden, also von den Papillen ab in den Nierenkelchen, dem Nierenbecken und Harnleiter. Da viele Nierensteine erst, nachdem sie in die Blase gelangt sind, krankhafte Erscheinungen veranlassen, ist ein strenger Unterschied zwischen Nieren- und Blasenstein nicht durchzuführen.“Hermann Senator: Die Erkrankungen der Nieren. 2. umgearbeitete Auflage, Verlag Alfred Hölder, Wien 1902, in: Hermann Nothnagel (Hrsg.): Spezielle Pathologie und Therapie. Band XIX, 1. Hälfte. Wien 1906, Nachdruck, S. 463 f.
Ursachen Harnsteine können aus unterschiedlichen Gründen entstehen, so zum Beispiel infolge einer Entzündung der Nieren oder der ableitenden Harnwege, aufgrund einer zu engen Harnröhre, als Folge von Gicht und Zuckerkrankheit oder durch Genuss von übermäßig viel Oxalsäure in bestimmten Lebensmitteln. Ferner können angeborene Stoffwechselstörungen wie eine Cystinurie oder ein Morbus Crohn zur Steinbildung führen. Eine länger bestehende Hyperphosphaturie kann gleichfalls zu Harnsteinen führen.
Entwicklung Man unterscheidet Phosphatsteine, Karbonatsteine, Oxalatsteine, Xanthinsteine und Cystinsteine. Harnsteine können entstehen, wenn Mineralsalze ausgefällt werden, die normalerweise im Urin gelöst sind, wie etwa Calciumcarbonat, Calciumphosphat und Calciumoxalat. Im Falle der Cystinurie ist u. a. die Rückresorption der Aminosäure Cystin gestört, sodass die Konzentration dieser schwer löslichen Cystein-Verbindung im Harn ansteigt und Cystinsteine entstehen können.
Bei einem hinreichend großen Säuregehalt des Urins bilden sich zunächst kleine Kristalle (Blasengrieß, Harngrieß, Harnsand, Harnkonkremente), die sich allmählich zu größeren Gebilden zusammenfügen. Im Extremfall kann das gesamte Nierenbecken durch diese harten Einlagerungen ausgefüllt werden (Ausgussstein).
Chemische Zusammensetzung und Benennung Da in der Vergangenheit zur Analyse von Harnsteinen häufig Mineralogen hinzugezogen wurden, hat sich bei vielen Steinarten bis heute die mineralogische gegenüber der chemischen Bezeichnung durchgesetzt. Es werden folgende Harnsteine unterschieden: HarnsteinartChemische ZusammensetzungMineralnameRelative HäufigkeitCalciumoxalatCalciumoxalat-MonohydratCalciumoxalat‐DihydratWhewellitWeddellit60–70 %10–15 %Harnsäurehaltige SteineHarnsäureHarnsäure‐DihydratAmmoniumuratUricit10 %2–5 %0,5–1 %CalciumphosphatCarbonat-FluorapatitCalciumhydrogenphosphat-DihydratHydroxylapatit (auch Dahllit)Brushit5 %1 %InfektsteinMagnesiumammonium-phosphat-HexahydratStruvit5–10 %CystinCystin0,5 %SelteneXanthin2,8-DihydroxyadeninMedikamentensteineMatrixsteine< 0,5 %< 0,5 %< 0,5 %< 0,5 %
Epidemiologie Weltweit ist die Harnsteinerkrankung eine der häufigsten Erkrankungen. Inzidenz und Prävalenz steigen kontinuierlich, was vermutlich mit sich ändernden Lebensumständen und Ernährungsgewohnheiten der Menschen zusammenhängt. Durch eine verbesserte medizinische Diagnostik werden aber auch mehr Fälle nachgewiesen. In Deutschland sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung von einem Harnsteinleiden betroffen.
Anzahl, Größe und Masse Als Extreme hinsichtlich Anzahl und Größe von Nierensteinen finden sich in der alten Fachliteratur Angaben von bis zu 1000 Konkrementen im rechten Nierenbecken und vom Gewicht eines einzelnen Nierensteins von 1088 Gramm (36¼ Unzen).Hermann Senator: Die Erkrankungen der Nieren. 2. umgearbeitete Auflage, Verlag Alfred Hölder, Wien 1902, in: Hermann Nothnagel (Hrsg.): Spezielle Pathologie und Therapie. Band XIX, 1. Hälfte. Wien 1906, Nachdruck, S. 471. Immanuel Munk beschrieb 1885 Harnkonkremente von Erbsengröße bis Apfelgröße.Immanuel Munk: Concrementbildungen. In: Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. Urban & Schwarzenberg, 2. Auflage, Wien / Leipzig 1885, Zitat S. 421.
Sandkorngroße Harnsteine heißen Harngrieß.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 269. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 688. Früher galt: „Kleinere, durch die Harnröhre abgehende Concremente bezeichnet man als Harngries (arena urinaria; [wörtlich: Urinsand]).“Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände – Conversations-Lexikon, Verlag F. A. Brockhaus, 11. Auflage, 14. Band, Leipzig 1868, S. 93. Analog war früher die urina arenosa der GriesharnLudwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon, 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 122. ; . oder Sandharn. Später bezeichnete man als Harngrieß oder Harnsand meist multiple noch mit bloßem Auge sichtbare Harnkonkremente.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1969, 3. Ordner (F–Hyperl), ISBN 3-541-84000-5, S. H 73.Vgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 454 (sand: Lithiasis, sandkorngroße Konkrementbildung aus dem Harn, Harnsand, Harngrieß).
2024 wurde in Afghanistan bei einem 21-jährigen Mann ein linksseitiger Harnleiterstein mit einer Größe von 4 cm × 9 cm operativ entfernt.Mohammad Jawed Jawad, Abdul Azim Amiri, Abdul Tawab Saljuqi: A Giant Ureteral Stone in a Young Adult: A Case Report. In: Urology Case Reports. 1. Dezember 2024, 102915, ISSN 2214-4420, DOI:10.1016/j.eucr.2024.102915.
Klinisches Bild Harnsteine bleiben häufig lange Zeit unbemerkt und werden erst auffällig, wenn sie sich (meist unter extrem starken, krampfartigen Schmerzen (Kolik)) im Nierenbecken oder im Harnleiter verklemmen.
Für die Diagnostik und Kontrolle ist die Ultraschalluntersuchung die erste Wahl, sowohl in Notfall- als auch in Routinesituationen. Konventionelles Röntgen kann bei schattengebenden Konkrementen angewendet werden, z. B. bei Steinen aus Calciumsalzen.
Behandlung Patienten mit Kolik sollten umgehend eine Schmerztherapie erhalten. Steine mit kleinem Durchmesser gehen oft von selbst ab (Spontanabgang). Falls nicht, müssen die Steine entweder operativ (früher durch den Steinschnitt beziehungsweise Blasensteinschnitt und Lithotripsie, heute z. B. mittels einer Ureterorenoskopie oder aber mit Ureterolithotomie und einer SteinfasszangeHeinz Walter, Günter Thiele (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Loseblattsammlung, Band 6 (S–Zz), Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin / Wien 1974, ISBN 3-541-84006-4, S. U 34.) entfernt oder durch Stoßwellen-Zertrümmerung (extrakorporale Stoßwellenlithotripsie, ESWL) so zerkleinert werden, dass sie selbständig abgehen.