Merlin ist eine englischsprachige Oper in drei Akten von Isaac Albéniz (Musik) mit einem Libretto von Francis Burdett Money-Coutts. Der Text basiert frei auf Thomas Malorys mittelenglischen Prosaepos Le morte d’Arthur (veröffentlicht 1469). Die Oper entstand zwischen 1897 und 1902, wurde aber erst am 18. Dezember 1950 gekürzt in spanischer Sprache im Cine-Teatro Tívoli in Barcelona szenisch uraufgeführt.

Handlung

Erster Akt

Vor der Ostseite der St Paul’s Cathedral in London; Weihnachten vor Sonnenaufgang

In der erleuchteten Kirche singen Mönche das Veni redemptor gentium. Neben der Kirchenmauer befindet sich ein Marmorblock mit einem juwelenbesetzten Schwert, an dem eine Schriftrolle hängt. Der Zauberer Merlin wartet auf die englischen Lords und Ritter, die nach der Messe den neuen König wählen wollen. Merlin wünscht sich, dass die Wahl auf Arthur, den Sohn Uther Pendragons, falle. Das versklavte sarazenische Tanzmädchen Nivian erinnert Merlin an sein Versprechen, sie und die anderen Tänzerinnen freizulassen, sobald der wahre Thronerbe seine Macht erhalte. Merlin bittet sie um Geduld. Ihre magischen Tänze zwingen die Zwerge, ihm ihre Goldschätze zu überlassen. Nur so kann er Uthers falscher Stieftochter Morgan le Fay etwas entgegensetzen. Nivian zieht sich enttäuscht zurück.

Die Ritter und Edelleute kommen aus der Kirche, unter ihnen Morgan le Fay mit ihrem Sohn Mordred, König Lot von Orkney mit seinem Sohn Gawain, Arthurs vermeintlicher Vater, der Ritter Sir Ector de Maris, sowie Morgans Hauptmann Sir Pellinore. Die Mönche und der Erzbischof von Canterbury folgen ihnen singend. Merlin fordert die Lords auf, zur Wahl des Königs zu schreiten. Der Erzbischof erzählt ihnen von seiner Vision, dass derjenige zum König berufen sei, der das mystische Schwert Excalibur aus dem Steinamboss ziehe. Jedoch scheitern sowohl Gawain als auch Mordred kläglich an dieser Aufgabe. Merlin fordert Pellinore und Ector auf, gut auf das Schwert achtzugeben. Die anderen gehen zurück in die Kirche, und Herolde kündigen ein Turnier an.

Da nähern sich Arthur und sein vermeintlicher Bruder, Ectors Sohn Kay. Arthur stellt fest, dass er sein Schwert vergessen hat. Er erblickt das Schwert im Marmorblock und zieht es spontan heraus, ohne dessen Bedeutung zu kennen. Ector und Pellinore beobachten ihn erstaunt, und Pellinore geht in die Kirche, um die Edelleute zu holen. Während Arthur und Kay das kunstvolle Schwert bewundern, tritt Ector näher und fordert Kay auf, vor dem neuen König Arthur niederzuknien. Dieser wirft das Schwert erschrocken fort. Ector hebt es auf. Die Edelleute und Mönche kommen zurück und bilden einen Kreis um Arthur. Ector und Pellinore schwören dem neuen König auf die Bibel ihre Treue. Merlin erklärt den Anwesenden, dass Arthur nicht Ectors echter Sohn ist, sondern er selbst auf Bitten der sterbenden Königin Igraine deren neugeborenes Kind vor Ectors Tür gelegt habe. Arthur ist somit nicht nur durch das göttliche Zeichen bestätigt, sondern außerdem königlicher Herkunft. Die Menge jubiliert. Morgan allerdings ist nicht bereit, den neuen König zu akzeptieren. Es bilden sich zwei Fraktionen: auf der einen Seite Morgan, Mordred, Pellinore und ihre Anhänger, auf der anderen Arthur mit Lot und Gawain. Morgan und ihre Leute ziehen sich unter Drohungen zurück. Ector überreicht Arthur Excalibur, das dieser hoch emporhält. Die Anwesenden preisen den neuen König. Arthur kniet vor dem Erzbischof nieder und erhält dessen Segen.

Zweiter Akt

Thronsaal in Schloss Tintagil

Während Arthur vor einem Kruzifix betet, betritt Merlin den Saal. Er berichtet dem König vom Sieg gegen die Truppen Morgans und Mordreds, warnt ihn aber vor den Verführungskünsten Gueneveres, in die sich Arthur inzwischen verliebt hat. Trompetenklänge verkünden die Ankunft der Ritter. Ector, Kay, Gawain und die anderen treten ein. Wärter führen Morgan, Mordred und Pellinore gefangen herein. Obwohl sich Morgan Arthur zu Füßen wirft und um Gnade fleht, fordert Merlin, dass ihr niemals vergeben werde. Gawain gibt Pellinore die Schuld am Tod seines im Kampf gefallenen Vaters Lot. Auch die anderen Ritter fordern Rache. Arthur allerdings zeigt Milde. Er vergibt seinen Gegnern, um den Frieden in seinem Reich wiederherzustellen. Nachdem die Gefangenen ihm auf dem Knien gedankt haben, schlägt Arthur Gawain feierlich zum Ritter. Die Edelleute preisen seinen Großmut. Alle bis auf Mordred und Morgan ziehen aus dem Saal. Diese beiden haben ihre Ansprüche noch nicht aufgegeben. Morgan bittet ihren Sohn um Geduld. Sie will durch Zauberei dafür sorgen, dass Arthur das „gefährliche Weib“ Guenevere zur Frau nimmt. Nachdem Mordred gegangen ist, bittet Morgan die „Höllenfürsten“ um Beistand gegen ihren mächtigen Gegner Merlin.

Da erscheint Nivian und fleht Morgan um Hilfe an: Merlin zwinge sie und ihre Schwestern noch immer zum Tanz, um den Zwergen ihr Gold abzunehmen. Inzwischen sehe sie sich selbst überall von Dämonen umgeben. Morgan erklärt Nivian, dass sie ihre Freiheit gewinnen könne, wenn sie Merlins Zauberstab stehle und ihn damit auf ewig in die Zwergenhöhle sperre. Den Stab könne sie allerdings nicht durch Magie, sondern nur durch weibliche List gewinnen.

Dritter Akt

Waldlichtung mit blühenden Bäumen; an einer Seite ein großer Felsen mit einem dunklen Höhleneingang; dahinter ein See

Es ist Nachmittag im Mai, und der Chor singt ein erotisch aufgeladenes Mailied. Arthur, der schlafend unter einer Buche gelegen hatte, erhebt sich. Er hat über seine Liebe zu Guenevere nachgedacht und ist jetzt entschlossen, sie zu heiraten. Dies teilt er dem gerade eintreffenden Merlin mit und macht sich auf den Weg, bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten. Merlin, der das Unheil vorhersieht, beschließt, noch einmal die Dienste Nivians in Anspruch zu nehmen. Nivian und die anderen sarazenischen Tänzerinnen locken mit ihrem Tanz die Zwerge aus der Höhle. Diese verfolgen die Mädchen, und beide Gruppen verschwinden im Wald. Es wird Nacht, der Mond geht auf, und Nebel umhüllt Merlin und Nivian, während der Gesang der Mädchen aus dem Wald schallt. Inzwischen ist unbemerkt auch Morgan eingetroffen und beobachtet zwischen den Bäumen schleichend die Szene. Nivian nähert sich tanzend dem Zauberer, der ihr gebannt zuschaut. Sie bittet ihn um ein „kleines Geschenk“ – seinen Stab. Im Vertrauen darauf, dass dieser für Nivian nur ein Stück Holz ohne magische Eigenschaften ist, gibt er ihn ihr. Nivian jedoch bringt ihn tanzend in den Wald zu Morgan. Merlin betritt die Höhle, um den Schatz der Zwerge zu holen. Morgan gibt Nivian ein Zeichen. Diese berührt mit dem Stab den Felsen, der sofort in sich zusammenfällt und den Eingang zur Höhle verschließt. Die Zwerge laufen verwirrt umher. Nivian jubelt über ihre wiedergewonnene Freiheit und verschwindet im Wald. Morgan schaut ihr im vollen Mondlicht nach.

Fortsetzung

In der geplanten Folgeoper der Trilogie, Launcelot, wird die nun mit Arthur vermählte Königin Guenevere fälschlich bezichtigt, einen der Ritter vergiftet zu haben. Der Ritter Launcelot ist bereit, für sie zu kämpfen, um ihre Unschuld zu beweisen. Die beiden verlieben sich allmählich ineinander. Im dritten Teil, Guenevere, wird Launcelot durch einen gefälschten Brief in das Gemach der Königin gelockt, wo sie zusammen ertappt werden. Arthur erklärt Launcelot den Krieg, erkennt aber bald, das eigentlich Mordred sein Gegner ist. Es kommt zu einem Zweikampf zwischen Arthur und Mordred, in dem sich beide gegenseitig töten. Guenevere zieht sich in ein Kloster zurück. Am Schluss grübelt Launcelot über den Untergang des Rittertums nach.

Gestaltung

Albéniz’ King-Arthur-Projekt ist stark von Richard Wagners Ring des Nibelungen beeinflusst. Er war bereits seit seinen Studienzeiten in den 1870er Jahren Anhänger Wagners und hatte in seine Kopie der Ring-Partitur detaillierte Anmerkungen eingetragen. Auch der Librettist Coutts war mit Wagner vertraut. Sein Text ähnelt der Vorlage Thomas Malorys nur grob. Im Wesentlichen wählte er solche Elemente aus, die Parallelen in den Opern Wagners aufwiesen, beispielsweise das aus dem Felsen gezogene Schwert, den religiösen Hintergrundchor während einer politischen Handlung (analog zum Pilgerchor im Tannhäuser) oder den magisch beschützten Goldschatz. Die Figur der Nivian weist deutliche Ähnlichkeiten mit dem Alberich im Rheingold auf, wie auch die Tanzmädchen an die Rheintöchter erinnern. Arthur und seine Verbündeten entsprechen den Göttern Wotan und Freia, während Morgan, Mordred und Pellinore dazu bestimmt sind, den Untergang des Reichs herbeizuführen. Eine detaillierte Gegenüberstellung der Szenen zur Vorlage Malorys und der jeweiligen Parallele bei Wagner findet sich bei Haller.

Das Vorspiel zum ersten Akt erinnert in seiner Atmosphäre auch musikalisch an den Anfang des Rheingold. Die Instrumentierung ist höchst differenziert. Über einem Paukenwirbel erklingen zunächst ausgehaltene Töne der Kontrabässe, Hörner und des Kontrafagotts. Allmählich treten Fagott, Bassklarinette und Cello hinzu. Die Melodie erscheint in Englischhorn, Klarinette und Oboe, während die Streicher im Tremolo spielen. An einer Stelle begleitet in dreifachem Piano spielenden Posaunenchor ein Thema der tiefen Streicher, bevor das Englischhorn mit einer gespenstischen Melodie einsetzt.

Wie Wagner verwendet auch Albéniz Leitmotive, die er fast ausschließlich im Orchester verarbeitet. Vier der Hauptmotive gehen direkt auf den Ring zurück oder sind davon inspiriert. Sie erscheinen auch in den fertiggestellten Teilen der Folgeoper Launcelot. Auch die Stimmbehandlung, der Verzicht auf den gleichzeitigen Gesang mehrerer Figuren und der Vorrang einer verständlichen Deklamation sind typisch wagnerianisch. Das Gleiche gilt für die chromatischen Harmonien und den weitgehenden Verzicht auf voneinander abgesetzte Musiknummern.

In der Mitte des dritten Akts gibt es zwei Flamenco-Tänze im spanischen Stil.

Die Textsprache des Librettos wurde oft kritisiert. Coutts orientierte sich am altertümlichen Vokabular Malorys, verwendete aber eine Syntax, die Ende des 19. Jahrhunderts fälschlicherweise für authentisch für Malorys Zeit gehalten wurde, und die er zusätzlich in Reime fasste. Ulrich Schreiber bemängelte konkret die „archaisierend daherwabernde Sprache“ und Probleme mit der Dramaturgie. Die Handlung werde durch die Tanzeinlagen und Zeremoniestücke aufgehalten. Dennoch sei die Oper „ein bemerkenswertes Beispiel für den mittel-westeuropäischen Opernstil um 1900“. Die Leitmotive werden weniger symphonisch verarbeitet als bei Wagner, sondern „in eine manchmal naiv wirkende Sequenzierungstechnik“ gezwungen.

Orchester

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:

Holzbläser: Piccoloflöte, drei Flöten, zwei Oboen, Englischhorn, drei Klarinetten, Bassklarinette, drei Fagotte, Kontrafagott Blechbläser: vier Hörner, vier Trompeten, drei Posaunen, Bassposaune, Tuba Pauken, Schlagzeug: Tamtam, Kleine Trommel zwei Harfen Streicher

Werkgeschichte