Ontologische Sicherheit (), auch Seinsgewissheit, ist in der Soziologie nach Anthony Giddens das Vertrauen, das die meisten Menschen in die Kontinuität ihrer Identität und die Konstanz der sie umgebenden sozialen und materiellen Handlungsumwelt haben.Anthony Giddens. Zitiert nach: Christopher Daase, Stefan Engert, Julian Junk: Verunsicherte Gesellschaft – Überforderter Staat: Zum Wandel der Sicherheitskultur. Campus Verlag, 2013, ISBN 978-3-593-39873-0, S. 265.

Ihr Gegenteil wird ontologische Unsicherheit genannt.

Begriff Das Konzept der „ontologischen Sicherheit“ (engl. ) wurde erstmals 1960 von Ronald D. Laing vorgeschlagen und später von Giddens aufgegriffen.Maren Hartmann: Mediatisierung als Mediation: Vom Normativen und Diskursiven. In: Maren Hartmann, Andreas Hepp: Die Mediatisierung der Alltagswelt. Springer-Verlag, 2010, ISBN 978-3-531-17042-8, S. 35 ff. S. 38. Laing wollte das Wort „ontologisch“ nicht philosophisch, sondern empirisch verstanden wissen: als ein Adverb oder Adjektiv, das dem Wort „Sein“ nahekommt. Zitiert nach: Martin Howarth-Williams: R.D. Laing: His Work and its Relevance for Sociology (RLE Social Theory), Routledge, 2014, ISBN 978-1-317-65124-6. S. 151. Er suchte nach einem grundlegenden Konzept, das die Bedingung der Entstehung von Psychosen erfasst, und nannte dies „ontologische Unsicherheit“. Sie gebe Anlass zu selbstzerstörerischem Verhalten, oder aber zur Konstruktion eines angepassten „falschen Selbst“ als Abschirmung des „inneren“ („wahren“) Selbst.The Divided Self. Zusammenfassung nach Eine Position „ontologischer Sicherheit“ ist nach Laing da erreicht, wo ein Individuum sich seiner Identität und Autonomie gewiss ist, die Verbundenheit mit anderen als potentiell belohnend und nicht als permanente Bedrohung erlebt und sich als „real, lebendig, ganz“ in einer entsprechend „sicheren Welt“ erfahren kann.R. D. Laing: Das geteilte Selbst. Eine existentielle Studie über geistige Gesundheit und Wahnsinn. 1987, S. 40 f. (orig. The Divided Self. An existential study on sanity and madness. 1960)

Der Begriff wird aus dem Englischen als „ontologische Sicherheit“ übersetzt, bisweilen auch als „Seinsgewissheit“. Letzterer Ausdruck erhielt zuvor bei Alfred Schütz eine etwas andere Bedeutung: die Gewissheit, dass die Dinge so sind, wie sie einem erscheinen.„Das Konzept der Seinsgewißheit stammt ursprünglich von Alfred Schütz. Es wird von Giddens im gleichen Sinne verwendet, aber in einen leicht verschiedenen Argumentationskontext gesetzt. Bei Schütz bedeutet Seinsgewißheit soviel wie die Gewißheit, daß die Dinge so sind, wie sie mir erscheinen.“ Zitiert aus: Benno Werlen, Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen: Globalisierung, Region und Regionalisierung, Franz Steiner Verlag, 1997, ISBN 978-3-515-06607-5. S. 162.

Konzept nach Anthony Giddens Anthony Giddens bezieht die ontologische Sicherheit unter Rückgriff auf Erik H. Erikson und Donald Winnicott auf das Urvertrauen zurück, das auf der Basis einer sicheren Bindung zu einer wichtigen Bezugsperson entsteht.„Drawing upon the object-relational psychoanalysis of Erik Erikson and D.W. Winnocott, Giddens argues that ontological security is grounded in trust relations – relations constitutes at the level of unconscious communications which relate infant and primary caretaker.“ Zitiert aus: Anthony Elliott, Subject to Ourselves: An Introduction to Freud, Psychoanalysis, and Social Theory, Routledge, 2015, ISBN 978-1-317-25121-7. S. 108. Gewohnheiten und Rituale tragen laut Giddens zur Aufrechterhaltung ontologischer Sicherheit bei.„Giddens […] argues that ontological security depends on our ability to have faith in those social narratives and routines in which we are embedded and through which our social identity is constituted, […] The answers on which our ontological security rests are not stable and enduring truths of the self, but are produced and enshrined through routinized practices.“ Enclosing critique: the limits of ontological security, International Political Sociology, 9 (4), S. 369–386.

Der ontologischen Sicherheit stellt Giddens die existenzielle Angst gegenüber. Das Individuum verteidige seine ontologische Sicherheit, um emotionale Störungen in Form von Existenzängsten, Argwohn und Feindseligkeit abzuwehren.Anthony Giddens. Zitiert nach: Andreas Brachmann: Re-Institutionalisierung statt De-Institutionalisierung in der Behindertenhilfe: Neubestimmung der Funktion von Wohneinrichtungen für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung. Springer-Verlag, 2011, ISBN 978-3-531-93205-7. S. 213.

Rezeption

Sozialpsychologie Das Konzept der ontologischen Sicherheit wird in verschiedenen Bereichen als Erklärungsmodell verwendet. So stellte der Soziologe Jan Wehrheim 2004 eine ontologische Verunsicherung in Zusammenhang mit Erfahrungen von sozialem Abstieg, Ausgrenzung und Angst vor Kriminalität:

Des Weiteren wird die Annahme, dass Glaubenssätze mit einem absoluten Wahrheitsanspruch ontologische Sicherheit vermitteln können, als eine Erklärung für die starke Anziehungskraft fundamentalistischer Bewegungen, ob Islamismus oder Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, herangezogen.Manfred Brocker: Weltanschauliche Differenz oder das Ende der Zivilgesellschaft? Der „Culture War“ in den USA. In: Gerhard Kruip: Schatten der Differenz: das Paradigma der Anerkennung und die Realität gesellschaftlicher Konflikte. LIT Verlag, 2006, ISBN 978-3-8258-8197-9, S. 275 ff. S. 277.

Das Konzept der ontologischen Sicherheit ist von manchen Autoren mit Wohneigentum in Zusammenhang gebracht worden. Weitere Autoren sprechen der nationalen Identität (Beispiel: Britishness, das Britisch-Sein) eine besondere Rolle bei der Erreichung ontologischer Sicherheit zu.

Internationale Beziehungen Im Bereich der Internationalen Beziehungen wird eine Theorie der Ontologischen Sicherheit (ontological security theory, OST) als Element staatlichen Handelns verwendet, das neben der physischen Sicherheit eine wesentliche Rolle spiele.

Jeffrey Huysmans führte 1998 erstmals das Konzept im Zusammenhang mit Internationalen Beziehungen an. Er unterscheidet zwischen der „täglichen“ und der „ontologischen“ Sicherheit. Fremde seien weniger für die physische Sicherheit als vielmehr für die ontologische Sicherheit eines Nationalstaates eine Herausforderung, da seine Ordnung und Legitimität infrage gestellt würden.Jeffrey Huysmans. Zitiert durch: Brent J. Steele: Ontological Security in International Relations: Self-Identity and the IR State. Routledge, 2008, ISBN 978-1-135-98009-2. S. 57.

Durch die OST würden auch Verhaltensweisen erklärbar, die dem Anschein nach irrational seien.Brent J. Steele: Ontological Security in International Relations: Self-Identity and the IR State. Routledge, 2008, ISBN 978-1-135-98009-2. S. 3. Beispielsweise würden so auch humanitäre Investitionen durch Staaten erklärbar, da Entscheider bemüht seien, Scham in Bezug auf sich oder ihre Organisation bzw. ihren Staat zu vermeiden.Brent J. Steele: Ontological Security in International Relations: Self-Identity and the IR State. Routledge, 2008, ISBN 978-1-135-98009-2. S. 53–54. Auch für langanhaltende, scheinbar irrationale Konflikte bietet die OST einen Erklärungsansatz. So nimmt Jennifer Mitzen an, dass ein Konflikt, wenn er erst tief genug im Bewusstsein verwurzelt ist, als Teil der Identität aufgefasst werde und es in diesem Fall die Möglichkeit einer Lösung des Konflikts sei, die ontologisch verunsichere.

Grenzen und Erweiterung des Modells Verschiedentlich wird betont, dass die Annahme, dass ein Staat (oder eine ähnliche Organisation) eine einheitliche Identität hat, nicht notwendigerweise eine adäquate Beschreibung ist. Es wird auch infrage gestellt, ob die verschiedenen Akteure in einem Kollektiv „nur eine kritische Position hinsichtlich des Scheiterns ihrer eigenen Routinen oder Praktiken einnehmen können“ und ob sie sich nicht auch „reflexiv gegenüber den Strukturen oder Regeln selbst verhalten können“.Ulrich Wesser: Heteronomien des Sozialen: Sozialontologie zwischen Sozialphilosophie und Soziologie. Springer-Verlag, 2011, ISBN 978-3-531-93211-8. S. 205.

Auch Christopher S. Browning und Pertti Joenniemi zufolge greift in Bezug auf internationale Beziehungen eine enge Interpretation ontologischer Sicherheit als eine Sicherung der Identität – unter Gleichsetzung von Identität und Selbst – zu kurz. Das Selbst könne als flexibler und anpassungsfähiger betrachtet werden als die Identität. Um ontologische Sicherheit zu erreichen, sei es nicht notwendig, auf eine Erhaltung der Identität als solcher zu zielen. Vielmehr sei auch eine Erreichung ontologischer Sicherheit durch eine Öffnung in Richtung neuer Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Literatur Bahar Rumelili (Hrsg.): Conflict Resolution and Ontological Security: Peace Anxieties. Routledge, 2016, ISBN 978-1-138-20574-1. Brent J. Steele: Ontological Security in International Relations: Self-Identity and the IR State (New International Relations). Taylor & Francis Ltd, 2008, ISBN 978-0-415-77276-1.

Einzelnachweise

Kategorie:Sozialpsychologie Kategorie:Soziologie Kategorie:Internationale Beziehungen Kategorie:Politische Philosophie