The Death of Klinghoffer ist eine Oper von John Adams (Komposition) und Alice Goodman (Libretto) über die Entführung des Kreuzfahrtschiffs Achille Lauro durch Terroristen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) im Jahr 1985.Werkinformationen bei Boosey & Hawkes, abgerufen am 22. Mai 2018. Dabei wurde der 69-jährige Leon Klinghoffer ermordet, ein Amerikaner jüdischen Glaubens, der auf den Rollstuhl angewiesen war. Die Idee zur Oper hatte der Regisseur Peter Sellars, der wie Choreograph Mark Morris auch wesentlich am Konzept beteiligt war.David Littlejohn: The Ultimate Art: Essays Around and about Opera. Los Angeles 1992, S. 57. Auftraggeber waren fünf amerikanische und europäische Opernhäuser, darunter die Oper von San Francisco und die Brooklyn Academy of Music. Wegen seiner Thematik, dem Nahostkonflikt, ist das Werk politisch sehr umstritten. Kritiker, darunter die beiden Töchter von Klinghoffer, halten es für antisemitisch und Terrorismus verherrlichend. Aufgrund massiver Proteste verzichtete die New Yorker Metropolitan Opera 2014 darauf, eine Aufführung weltweit in Kinos zu übertragen.Singende Terroristen: „Der Tod von Klinghoffer“. In: Der Tagesspiegel, 22. Oktober 2014, abgerufen am 22. Mai 2018.

Handlung

Prolog Zwei Chöre treffen im Prolog aufeinander, der „Chor der Exil-Palästinenser“ und der „Chor der Exil-Juden“. Beide besingen ihr Volk und seine Geschichte.

Erster Akt Der namenlose Kapitän der MS Achille Lauro erinnert sich an die Entführung. Kurz zuvor waren die meisten Passagiere in Ägypten von Bord gegangen, um die Pyramiden zu besichtigen. Das Schiff war wieder ausgelaufen, um die Landgänger später wieder abzuholen. Die Entführer hatten den Hafenaufenthalt genutzt, um an Bord zu gehen. Nachdem sie die Kontrolle über die Brücke übernommen hatten, mussten sich die verbliebenen Passagiere im Restaurant versammeln. Eine Großmutter aus der Schweiz reist mit ihrem Enkel, die Eltern sind unter den Gästen, die den Pyramiden-Ausflug gebucht hatten. Der Erste Offizier mit dem fiktiven Namen Giordano Bruno informiert den Kapitän über die Entführung und darüber, dass ein Kellner verletzt wurde. Offizier und Kapitän versuchen, die Passagiere zu beruhigen. Molqui, einer der Entführer, erklärt allen Anwesenden, was passiert. Der Kapitän und Molqui haben eine Auseinandersetzung, der Kapitän befiehlt, Nahrung und Getränke heran zu schaffen und bietet Molqui an, er dürfe die Speisen auswählen.

Die zweite Szene wird vom „Ozean-Chor“ eröffnet. Der Entführer Mahmoud bewacht den Kapitän. Mahmoud blickt auf seine Jugendzeit zurück und auf die Lieder, die damals im Radio liefen. Der Kapitän spricht den Nahostkonflikt an und äußert die Ansicht, die einzelnen Menschen auf beiden Seiten, Palästinenser und Juden, könnten sich treffen und versuchen, einander zu verstehen. Mahmoud streitet das ab. Die „Österreicherin“ hat sich in die Kabine eingeschlossen und bleibt während der weiteren Entführung verschwunden. Der „Nacht-Chor“ beschließt den ersten Akt.

Zweiter Akt Der „Hagar-Chor“ zitiert die biblische Geschichte von Hagar und Ismael, die auch in der islamischen Tradition als Legende von Hagar und dem Engel überliefert ist – der Beginn des arabisch-israelischen Konflikts, dessen Folge auch die Entführung ist. Molqui ist frustriert, dass seine Forderungen nicht beantwortet wurden. Mahmoud droht allen Passagieren mit dem Tod. Leon Klinghoffer beteuert, dass er normalerweise seine Ruhe haben will und ein einfaches und anständiges Leben führt, beschimpft jedoch die Entführer. Der dritte Entführer, Rambo, antwortet mit Flüchen auf Juden und Amerikaner. Eine britische Tänzerin erinnert sich, wie zuvorkommend sie und alle anderen vom Entführer Omar behandelt wurde, so durfte sie rauchen. Omar sehnt sich nach dem Märtyrertum. Er gerät mit Molqui aneinander, der daraufhin Klinghoffer weg bringt. Der „Wüsten-Chor“ beschließt die erste Szene.

Marilyn Klinghoffer singt von Behinderung, Krankheit und Tod. Sie glaubt, ihr Mann sei in die Krankenstation gebracht worden. Die Entführer setzen den Kapitän mit der Drohung unter Druck, alle fünfzehn Minuten einen Passagier zu erschießen. Daraufhin stellt sich der Kapitän als nächstes Opfer zur Verfügung. Molqui tritt auf und verkündet den Tod von Klinghoffer, der (auf der Bühne nicht sichtbar) erschossen wurde. Klinghoffer nimmt mit der „Arie des Fallenden Körpers“ (Gymnopaedie) Abschied vom Diesseits. Die Leiche wurde samt Rollstuhl auf Befehl der Terroristen vom Schiffsfriseur und einem Kellner ins Meer geworfen. Der „Tages-Chor“ leitet zur Schluss-Szene über.

Nach der Aufgabe der Entführer und dem Ausschiffen der überlebenden Passagiere, bleibt dem Kapitän nur noch, Marilyn Klinghoffer über den Tod ihres Mannes zu informieren. Sie beschimpft den Kapitän, weil der sich ihrer Meinung nach den Entführern angebiedert hat. In ihrer Trauer wünscht sie sich, sie wäre an Stelle ihres Mannes erschossen worden.

Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:

Holzbläser: zwei Flöten (beide auch Piccolo), zwei Oboen (2. auch Englischhorn), zwei Klarinetten (2. auch Bassklarinette), zwei Fagotte (2. auch Kontrafagott) Blechbläser: zwei Hörner, zwei Trompeten, zwei Posaunen Schlagzeug (ein Spieler): KAT MIDI mallet controller, Pauken zwei Keyboard-Sampler Harfe Streicher: acht Violinen 1, acht Violinen 2, sechs Bratschen, sechs Violoncelli, vier Kontrabässe

Werkgeschichte

Nach dem großen Erfolg von Nixon in China (1987), dem ersten gemeinsamen Projekt von Peter Sellars, Alice Goodman und Adams, regte Sellars 1988 die Oper The Death of Klinghoffer an. Er nannte das Werk eine „Meditation“.Tom Sutcliffe: Believing in Opera. Princeton (New Jersey) 1996, S. 201. Sellars ging es darum, den historischen und ideologischen Hintergründen der Entführung nachzuspüren, die „zwei Wochen die Nachrichten beherrscht“ habe: „Dafür brauchten wir ein großräumigeres Medium als Zeitungen oder Fernsehen.“Peter Sellars: Peter Sellars: „The United States is coming close to censorship“. In: The Guardian, 20. November 2014, abgerufen am 22. Mai 2018. So wird das Spannungsverhältnis zwischen Muslimen und Juden analysiert, die sich bekriegen, obwohl es sich in beiden Fällen um monotheistische Religionen handelt und die gemeinsame historische Tradition offenkundig ist. Das wird durch den Tanzauftritt von Hagar und Ismael deutlich, die für die islamische Tradition, abweichend vom Alten Testament, eine wichtige Rolle spielen: Hagar, die zweite Frau des Stammvaters Abraham, kommt mit ihm und dem gemeinsamen Sohn nach Mekka und bleibt dort. Die Gräber von Hagar und Ismael sollen sich nach islamischer Überlieferung an der Kaaba befinden, Ismael gilt als religiöser Stammvater der Araber. Außer dem Titel hatte Sellars zunächst keine weiteren Anregungen.Michael K. Bohn: The Achille Lauro Hijacking: Lessons in the Politics and Prejudice of Terrorism. Dulles (Virginia) 2004, S. 141.

John Adams war sofort begeistert, war er doch der Meinung, dass Terroristen über die mediale Vermittlung längst die Bedeutung moderner Totems bekommen hatten. Gefördert wurde das Projekt durch die Entscheidung der Oper von San Francisco, einen bereits erteilten Kompositionsauftrag an Hugo Weisgall für eine biblische „Esther-Oper“ zu Gunsten von The Death of Klinghoffer zu stornieren. Weitere Koproduktionspartner waren neben dem Uraufführungshaus, dem Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, die Ópera de Lyon, das Glyndebourne Festival, die Brooklyn Academy of Music und das Los Angeles Festival of the Arts.Richard Taruskin: Music in the Late Twentieth Century: The Oxford History of Western Music. Oxford 2005, S. 517. Bei der Komposition fühlte sich Adams nach eigener Aussage mehr von sakraler Musik wie der von Johann Sebastian Bach als von Giuseppe Verdi inspiriert, der zu seiner Zeit ebenfalls politisch-aktuelle Opernstoffe vertont hatte.Michael K. Bohn: The Achille Lauro Hijacking: Lessons in the Politics and Prejudice of Terrorism. Dulles (Virginia) 2004, S. 141. Nachdem die Metropolitan Opera New York die weltweite Live-Übertragung einer Aufführung wegen massiver Proteste gestoppt hatte, sagte Adams in einem Interview mit der New York Times: „Die wirklich ironische und traurige Tatsache ist, dass der Inhalt dieser Oper 2014 relevanter ist als er 1991 bei der Uraufführung war. Ich glaube, dass die Leute, die wütend und aufgebracht sind über diese Produktion nur versuchen, die Kontrolle über ihre Botschaften zu bewahren. Durch die Absage ist die Met vor diesen Einschüchterungsversuchen eingeknickt.“Michael Cooper: ‘Klinghoffer’ Composer Responds to Met’s Decision. In: The New York Times, 18. Juni 2014, abgerufen am 22. Mai 2018. Bereits früher hatte der Komponist bekräftigt: „Wenn die Oper eine Zukunft haben soll, muss sie die Dinge behandeln, die uns bewegen.“ Dazu gehöre auch das Thema Terrorismus. Diejenigen, die The Death of Klinghoffer aufführten, bräuchten letztlich mehr Mut als er, äußerte Adams.Bálint András Varga: The Courage of Composers and the Tyranny of Taste: Reflections on New Music. Rochester (New York) 2017, S. 31.

Librettistin Alice Goodman, die später vom jüdischen zum christlichen Glauben konvertierte und seit 2006 als anglikanische Pfarrerin in Cambridgeshire arbeitet, hält ihr Textbuch ungeachtet aller Kritik für das beste, was sie je geschrieben hat. Sie bedauere jedenfalls nichts: „Das ist ja so irre. Sie selbst wissen immer, wenn Sie etwas Gutes vollbracht haben, und das Komische daran – ich dachte tatsächlich, jeder andere würde das genauso sehen.“Stuart Jeffries: The furore that finished me. Interview mit Alice Goodman. In: The Guardian, 29. Januar 2012, abgerufen am 22. Mai 2018. Als sie während ihrer Arbeit einige Verse aus der Arie eines Terroristen an John Adams gefaxt habe, so Goodman, habe der den Text jüdischen Nachbarn gezeigt. Bereits diese hätten das Material für „antisemitisch“ gehalten: „John konnte sich nicht vorstellen, dass diese Oper irgendetwas ‚heilen‘ würde. Ich antwortete, dass ich selbst Jüdin bin und vertrat die Ansicht, dass das Publikum in Brooklyn aufstehen und uns lynchen würden, wenn wir aus allen Palästinensern Schlümpfe gemacht hätten. John dachte darüber nach und kam zum Ergebnis, dass ich richtig lag.“Linda Winer: Opera Out of Terrorism: Peter Sellars, John Adams and Alice Goodman, the creators of „Nixon in China“, are at it again with „The Death of Klinghoffer“. In: Los Angeles Times, 16. Juni 2003, abgerufen am 22. Mai 2018.

Rezeption