mini|Rosette eines Cembalos von Karl Conrad Fleischer; Hamburg, 1720 Das Cembalo [] (italienisch: clavicembalo, französisch: clavecin, niederländisch: klavecimbel, englisch: harpsichord, spanisch: clavecín, portugiesisch: cravo) ist ein Tasteninstrument, das seine Blütezeit im 15. bis 18. Jahrhundert hatte. Sein Tonumfang ist kleiner als beim modernen Klavier, kann aber oft durch 4-Fuß-Register, manchmal auch durch 16- und 2-Fuß-Register erweitert werden. Das Cembalo zeichnet sich durch einen hellen, obertonreichen Klang aus. Anders als beim Klavier werden die Saiten nicht mit Hämmerchen angeschlagen, sondern mit Plektren – sogenannten Kielen – gezupft. Weil der Tastendruck keinen nennenswerten Einfluss auf die Lautstärke des Tons hat, ist die artikulatorische und agogische Gestaltung des Spiels umso wichtiger.
Etymologie und Bezeichnungen
Cembalo ist ursprünglich eine Kurzform für Clavicembalo, wobei italienisch clavicembalo auf mittellateinisch clavicymbalum zurückgeht (mittellateinisch clavis „Taste“, cymbalum „Zimbel“).Duden online: Cembalo und Clavicembalo Eine Nebenform im Italienischen war gravicembalo.
Die historische deutsche Bezeichnung ClavicimbelSiehe Stichwort: „Flügel, Clavicimbel.“ In: Heinrich Christoph Koch: Musikalisches Lexicon. Frankfurt 1802, S. 586–588. (moderne Schreibart: Klavizimbel)Duden online: Klavizimbel ist in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts außer Gebrauch gekommen. Eine systematische Bezeichnung, die alle verschiedenen Bauformen von Cembali umfasst, wäre Zupfklavier, wenngleich die Begriffe Kielklavier und Kielinstrument gebräuchlicher sind.Ulrich Michels (Hrsg.): Die Kielinstrumente. In: dtv-Atlas zur Musik. Tafeln und Texte. Systematischer Teil, Band 1. München 1994, S. 37.Artikel Kielinstrumente. In: Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage 1990, Band 11, S. 669. Cembali in der verbreiteten flügelförmigen Bauart werden auch Kielflügel genannt.Duden online: Kielflügel In historischen Quellen wird das Cembalo in seiner Blütezeit bis etwa 1800 umgangssprachlich meist als Flügel bezeichnet, während das noch ganz neue Hammerklavier im 18. Jahrhundert als Fortepiano oder Pianoforte bekannt war.Carl Philipp Emanuel Bach: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen, erster Teil, Berlin 1753 und zweiter Teil, Berlin 1762. Faksimile-Neuausgabe bei Bärenreiter, Kassel et al., 1994. Beispiele: 1. Teil, Einleitung: § 13, S. 9; und § 15, S. 10–11; 2. Teil, Einleitung, § 1, S. 1; und § 6, S. 2.Siehe Stichwort: „Flügel, Clavicimbel.“ In: Heinrich Christoph Kochs: Musikalisches Lexicon. Frankfurt 1802, S. 586–588. Erst nachdem das Cembalo völlig aus der Mode gekommen war, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ging die Bezeichnung Flügel auf das flügelförmige Pianoforte über, wie noch heute gebräuchlich.
Die übliche Pluralform in der Fachsprache ist Cembali. Der Duden verzeichnet als Pluralform daneben auch Cembalos (Stand 2019).Duden online: Cembalo.
Tonerzeugung mini|links|Das obere Ende des Springers: Zunge (rot), Zungenachse, Kiel (grau), Saite und Dämpferfähnchen (blau) mini|hochkant|Springer in historischer Bauart (Vorder-, Seiten-, Ober- und Rückansicht) mini|links|Das Anreißen und Abdämpfen der Saite (schematisch)
mini|links|Schnittmodell eines historisierend gebauten zweimanualigen Cembalos mit Schiebekoppel (gekoppelter Zustand) Man kann das Cembalo als „Zupfinstrument mit Klaviatur“ beschreiben. Die Tonerzeugung erfolgt über Tasten und beruht auf dem Anreißen von Saiten mittels dornförmiger Plektren, sogenannter „Kiele“ (früher Vogelfederkiele, daher der Name, oder Lederplektren, heute meist industriell gefertigter Kiele aus Kunststoffen wie Polyamid oder POM). Die Kiele stecken in beweglichen „Zungen“; diese sind in „Springern“ oder „Docken“ montiert; die Springer wiederum stehen auf den Hintertastenenden auf und werden in einem „Rechen“ geführt. Beim Anschlag der Taste bewegt sich der Springer aufwärts, und der Kiel zupft die Saite an. Beim Loslassen der Taste fällt der Springer zurück; dank der beweglichen Zunge schabt der Kiel an der Saite vorbei; ein ebenfalls am Springer befestigtes Filzfähnchen dämpft die Saite ab. Die Kiele sind Verschleißteile und können vom Spieler selbst ausgetauscht und intoniert werden.
Die Saiten bestehen fast immer aus Metall, in der Regel aus Messing oder Eisen. Messing klingt wärmer, dunkler und etwas lauter; Eisen ist etwas silbriger, heller und feiner. In vielen Cembali wird Messing für den Bassbereich genommen und Eisen für die mittleren und hohen Lagen. Es gibt aber auch Cembali, die ganz mit Messingsaiten bezogen werden, vor allem Instrumente italienischer Bauart. Nur die seltenen Lautencembali wurden mit Darmsaiten bezogen.
Alle guten Cembali verfügen über eine gewisse Anschlagsdynamik – die zwischen Einzeltönen messbaren Lautstärkeunterschiede sind allerdings sehr gering.Dynamik beim Cembalo auf www.kalaidos-fh.ch mit downloadbarer wissenschaftlicher Studie, abgerufen am 30. März 2023. Deshalb spielen anderweitige Maßnahmen zur Gestaltung des Klangs eine wichtige Rolle. Wie eine Orgel kann ein Cembalo Register, das heißt verschiedene aus- und einschaltbare Sätze von Saiten haben. Dadurch lassen sich Lautstärke und Klangfarbe verändern. Da die Registrierung nur großflächig einsetzbar ist, gestaltet man den musikalischen Vortrag im Wesentlichen über die Artikulation (auch das Liegenlassen von Harmonietönen in Akkordbrechungen, das sogenannte „Legatissimo“) und über die Agogik.
Die meisten Cembali verfügen über einen Lautenzug, eine zuschaltbare Dämpfung, die das Zupfen einer Laute imitiert. Bei nachbarocken Cembali wurden weitere Möglichkeiten der Tonbeeinflussung erprobt. So besaßen englische Cembali aus der Zeit nach 1760 (u. a. von Kirkman und Shudi) einen sogenannten Deckelschweller, der mittels eines Pedals geöffnet oder geschlossen werden kann.Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2003 Die dynamische Wirkung ist mit der eines Schwellwerks einer Orgel aber nur bedingt zu vergleichen.
Manche Cembali des 20. Jahrhunderts, meist in Rastenbauweise, das heißt, mit nach unten offenem Corpus, lassen dynamische Änderungen zuweilen auch innerhalb eines Registers zu, indem sich die Stellung der Kiele zu den Saiten verändern lässt. So werden die Saiten stärker oder schwächer angerissen. Diese Einrichtung hat sich jedoch nicht bewährt.
Hauptbauformen Die große Bauform des Cembalos und gleichzeitig die engere Wortbedeutung von Cembalo ist der „Kielflügel“. Die beiden wichtigen kleineren Formen heißen „Virginal“ und „Spinett“.
Kielflügel Beim eigentlichen Cembalo in Flügelform („Kielflügel“) verlaufen die Saiten in der Verlängerung der Tasten; die Klaviatur mit der Mechanik befindet sich an einem Ende der Saiten. Vereinzelt kommen historischMartin-Christian Schmidt: Das Pedalcembalo – ein fast vergessenes Tasteninstrument. In: Cöthener Bachhefte, 8. Beiträge des Kolloquiums zum Pedalcembalo am 18./19. September 1997. Herausgeber: Bachgedenkstätte Schloss Köthen und Historisches Museum für Mittelanhalt. Köthen 1998. (PDF; 87 kB) Abgerufen am 28. Dezember 2011. und in modernen Instrumenten auch Pedalklaviaturen vor. Eine hochkant stehende Flügelform hat das Clavicytherium.
mini|Italienisches einmanualiges Cembalo (1677) von Pietro Faby, Paris, Musée de la musique Einmanualige Cembali Einmanualige Cembali – also Instrumente mit einer einzigen Klaviatur – haben manchmal zwei verschiedene Saitenbezüge (Register). Diese klingen meistens auf derselben Tonhöhe (8') mit verschiedener Klangfarbe. (Die normale Tonlage bezeichnet man als „Achtfuß“ (8'), in Anlehnung an die Pfeifenlängen tonhöhenanaloger Orgelregister.) Der unterschiedliche Klang entsteht durch verschiedene Anreißpunkte der Kiele: Je näher der Anreißpunkt der Mitte der Saite, desto voller und runder ist der Ton; das zweite Register mit dem näher der Taste gelegenen Anreißpunkt klingt etwas heller und silbriger. Die beiden Register können einzeln oder auch gleichzeitig, also „gekoppelt“, gespielt werden.Bei historischen Instrumenten aus Italien gab es manchmal keine Registerhebel. Auf solchen Cembali klangen immer beide Register gleichzeitig. Diese Art von Instrumenten waren vor allem im 17. und 18. Jahrhundert in Italien verbreitet, aber es gab sie auch in anderen Ländern.
Frühe italienische Cembali im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert hatten ursprünglich oft zwei Register in unterschiedlicher Tonhöhe; und ebenso die Cembali der berühmten Ruckers-Couchet-Dynastie in Antwerpen, die von ca. 1580 bis 1655 tätig war: Zu einem Saitenbezug in normaler 8-Fuß-Lage kam ein zweiter, der kürzer war und eine Oktave höher klang.Grant O’Brian: Ruckers – A harpsichord and virginal building tradition. Cambridge University Press, Cambridge et al. 1990, S. 40–41. Auch: Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2003, S. 112. Dieses Register bezeichnet man als „Vierfuß“ (4'). Die historische Tatsache dieser 8'/4'-Disposition war lange nicht bekannt, denn viele Original-Instrumente waren zum Teil schon im 17. Jahrhundert umgebaut und das 4-Fuß- gegen ein zweites 8-Fuß-Register ausgetauscht worden, oder es war sogar ein dritter Saitenbezug eingebaut worden (oft im 18. Jahrhundert bei Ruckers-Cembali).
mini|Französisches zweimanualiges Cembalo (1648) von Jean Denis, ältestes erhaltenes Instrument seiner Art, Musée de l’Hospice Saint Roch, Issoudun Zweimanualige Cembali Cembali mit zwei Manualen haben meist drei Saitenbezüge, zwei verschieden klingende 8-Fuß- und ein 4-Fuß-Register. Zweimanualige Cembali mit dieser Disposition von 8'/8'/4' waren mindestens ab 1648 in Gebrauch (siehe Abb. rechts), anscheinend zuerst in Frankreich, später auch in England, Deutschland und den südlichen Niederlanden (heutiges Belgien). Normalerweise hatte jedes der beiden Manuale ein 8-Fuß-Register; das 4-Fuß-Register konnte nur von einem Manual gespielt werden, das dann also die alte Ruckers-Disposition 8'/4' hatte. Dazu kam meistens ein Lautenzug.
Die Register konnten nur mit der Hand bedient werden; erst um 1760 kamen Vorkehrungen auf, mit deren Hilfe man auch während des Spiels umregistrieren konnte: In Frankreich mithilfe von Kniehebeln (genouillères), in England mittels Pedalen (machine-stop). Bei vielen dieser Instrumente gab es eine sogenannte Schiebekoppel, mit der man durch Verschieben eines Manuals die beiden „Achtfüße“ oder auch alle drei Register gleichzeitig spielen konnte. Dadurch sind auch forte-piano- oder Echo-Effekte zwischen den Manualen möglich. Vor allem in England, Deutschland und Flandern waren statt der Schiebekoppel auch sogenannte dogleg-Springer im Gebrauch: Dabei hatte ein 8-Fuß-Register getreppte Springer, die man von beiden Manualen aus bedienen konnte.
Register und Züge Wenige Cembali wurden mit einem vierten Register in Sechzehnfußlage (16') gebaut, dies fast ausschließlich von Cembalobauern in Hamburg, Sachsen und Thüringen.Martin-Christian Schmidt: Das 16’-Register im deutschen Cembalobau des 18. Jahrhunderts. Groteske oder beachtenswerte Erscheinung mit aufführungspraktischer Relevanz? In: Eszter Fontana (Hrsg.): Festschrift für Rainer Weber. Halle 1999, ISBN 3-932863-98-4. S. 63–72. (= Scripta Artium, Bd. 1. Schriftenreihe der Kunstsammlungen der Universität Leipzig). Solche Instrumente sind wegen der 16'-Saiten auch deutlich länger als normale Cembali. Fast noch seltener war ein 2-Fuß-Register.