Das Neandertal (bis Anfang des 20. Jahrhunderts Neanderthal und bis in das frühe 19. Jahrhundert überwiegend als das Gesteins bezeichnet) ist ein weitgehend unbebauter Talabschnitt der Düssel auf dem Gebiet der Städte Erkrath und Mettmann, rund zehn Kilometer östlich von Düsseldorf. Die ursprüngliche, einst weithin bekannte Schlucht von knapp einem Kilometer Länge wurde im 19. Jahrhundert durch den Abbau von Kalkstein vollständig zerstört. Unmittelbar danach erlangte das Neandertal weltweit Berühmtheit durch den Fund fossiler Überreste eines Urzeitmenschen aus dem Pleistozän, der als Neandertaler Namensgeber dieser Spezies wurde.

Namen mini|hochkant|Joachim Neander (1650–1680) Das Neandertal wurde ursprünglich das Gesteins, das Hundsklipp oder einfach nur das Klipp genannt.Bärbel Auffermann, Gerd-C. Weniger (Hrsg.): Time Travel – A Journey Through the History of Humankind. Neanderthal Museum, 2001, ISBN 3-935624-00-X.Die Bezeichnung „Hundsklip“ (die im engeren Sinne die rechts der Düssel gelegene Klippe am Eingang (Südost-Ende) des engen Felsentales – des Gesteins – bezeichnete) findet sich auch in der historischen Karte „Tranchot 1801–1828“; die Bezeichnung „Das Gestein“ in der „Uraufnahme 1836–1850“; beide online einsehbar in TIM-online. Bezirksregierung Köln, basierend auf Geobasisdaten Land NRW; abgerufen am 18. April 2016 (im linken Seitenmenü über „Dienste des NRW-Atlas“ → „Historische Karten“ die gewünschte Karte aktivieren – bei allen genannten Angaben muss das Häkchen gesetzt sein – und die anderen Karten deaktivieren, zudem im links angeordneten Menü „Kartenpositionierung“ „Kartenmittelpunkt“ anklicken und in der entsprechenden Zeile darunter „6°56′40,85″ : 51°13′40,10″“ eingeben, dann noch auf „Karte aktualisieren“ klicken, ggf. zudem auf einen Maßstab von 1:5.000 zoomen). Welche Bedeutung der Name Hundsklipp (manchmal auch Hunnsklipp geschrieben) hat, ist nicht eindeutig geklärt. Es gab Erklärungsversuche, das Wort leite sich von Honnschaft oder gar von den Hunnen ab.Johann Heinrich Bongard: Wanderung zur Neandershöhle – Eine topographische Skizze der Gegend von Erkrath an der Düssel. Arnz & Comp, Düsseldorf 1835, Faksimile: ISBN 3-922055-19-2. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte die Umbenennung in Neanderthal, in Erinnerung an den bekannten Kirchenliedkomponisten und evangelisch-reformierten Pastor Joachim Neander (Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren). Der gebürtige Bremer Neander war zwischen 1674 und 1679 Rektor der Düsseldorfer Lateinschule der reformierten Kirchengemeinde und Hilfsprediger. Oft suchte er in seiner Freizeit dieses damals noch schluchtartige Tal auf. Hier hielt er Gottesdienste und Konventikel ab und komponierte viele seiner heute noch bekannten Kirchenlieder und Choräle.Helmut Ackermann: Joachim Neander – Sein Leben, Seine Lieder, Sein Tal. Grupello-Verlag, Düsseldorf 1997, ISBN 3-928234-67-6. Von Neander stammt auch das älteste bekannte gedruckte Dokument, in dem das Aussehen des Tals beschrieben wird:

Ursprünglich wurden neben dem Begriff Gesteins oftmals auch die einzelnen Fels- und Höhlenformationen wie Engelskammer, Teufelskammer, Leuchtenburg, Predigtstuhl, Feldhofer Kirche oder Rabenstein mit Namen genannt, ab 1800 wurden die Begriffe Neandersstuhl und Neandershöhle in Reiseberichten gebräuchlich.H. Eggerath, A. Rose: Im Gesteins – Das ursprüngliche Neandertal in Bildern des 19. Jahrhunderts Bergische Forschungen Band XXVI, Wienand-Verlag, 1996, ISBN 3-87909-517-5. Während der Kalksteinabbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Naturschönheit der Felsen zerstörte und ein weiträumiges Tal entstand, setzte sich der Begriff Neanderthal durch. Bis in die 1880er Jahre jedoch hielt sich im Volksmund der Begriff Gesteins. Er verschwand somit erst, als vom eigentlichen Gesteins nichts mehr übrig war.Heinrich Forsthoff: Eine Zuflucht im Neandertal. In: Jülich-Bergische Geschichtsblätter, Band I, 1922, S. 58 (zitiert aus: Ackermann: Joachim Neander, Grupello-Verlag 1997) Bis heute sind die Flurnamen Im Gesteins (links, d. h. südlich) und Unter’m Gesteins (rechts, d. h. nordnordöstlich) der Düssel im Amtlichen Liegenschaftskatasterinformationssystem (ALKIS) verzeichnet.ALKIS in TIM-online. Bezirksregierung Köln, basierend auf Geobasisdaten Land NRW; abgerufen am 18. April 2016 (deutsch, die Darstellung der betreffenden ALKIS-Informationen lässt sich im linken Seitenmenü über „Dienste des NRW-Atlas“ → „Liegenschaftskarte“ → „ALKIS“ → „Flurstücke“ erreichen – bei allen genannten Angaben muss das Häkchen gesetzt sein – zudem im links angeordneten Menü „Kartenpositionierung“ „Kartenmittelpunkt“ anklicken und in der entsprechenden Zeile darunter „6°56′42,09″ : 51°13′40,39″“ eingeben, dann noch auf „Karte aktualisieren“ klicken, ggf. zudem auf einen Maßstab von 1:2.000 zoomen).

Schreibung mit oder ohne h

Im Zuge der Rechtschreibreform von 1901 entfiel das h offiziell aus dem Namen; das Museum mit seiner paläontologischen Thematik verwendet jedoch in Anlehnung an die wissenschaftliche Schreibweise neanderthalensis weiterhin die traditionelle Schreibweise. Auch der Regiobahn-Haltepunkt hat diese Schreibweise beibehalten.Fahrplan der S28 mit Nennung des Bahnhofes Neanderthal. (PDF; 112 kB) vrr.de Die Website der Stadt Mettmann begründet das so: „Weder die Bundesbahn noch die Regio-Bahn wagten es, diesen Haltepunkt wegen seines engen Bezuges und seiner unmittelbaren Nähe zum Museum umzubenennen.“mettmann.de

Geschichte mini|hochkant|Der Rabenstein nach einer Säuberungsaktion 2007 mini|Schautafel am „Alten Kalkofen“ mit Ansicht des Rabensteins von 1906 mini|hochkant|Johann Heinrich Bongard (1779–1857) mini|Kalkofen Huppertsbracken Das Neandertal war früher eine knapp einen Kilometer lange und etwa 50 Meter tiefe enge Schlucht im mitteldevonischen KalksteinM. Woike, S. Woike: Das Neandertal. Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, 1988, ISBN 3-88094-616-7 (= Rheinische Landschaften, Heft 32). mit teils überhängenden Wänden, Wasserfällen, vielen kleineren Höhlen und großem Artenreichtum. In der Hügellandschaft des Niederbergischen, einer Fastebene mit eingeschnittenen Bachtälern, war ein derartig enges Felsental eine ungekannte, fremdartige Erscheinung,Hans-Joachim Dietz: 85 Jahre Naturschutzgebiet Neandertal. (PDF; 3,2 MB) In: LÖBF-Mitteilungen, 4/2006. weshalb sie mitunter sogar mit der Graubündener Schlucht Viamala verglichen wurde. Trotz zahlreicher erhaltener Naturstudien, unter anderem von Schülern der Düsseldorfer Malerschule, und einiger Fotografien früher Abbauzustände (das Neanderthal Museum zählt 150 bildliche Darstellungen) liegt die damalige Topographie der Schlucht heute großenteils im Dunklen.

Erstmals wird das Tal in einem Zehntverzeichnis von Haus Unterbach 1609 als Hundtß Schlippen genannt.Verzeichniß und Demonstration des Brochaußer Zehnden aufs Hauß Unterbach gehörig, 1609 (Original verschollen), Abschrift in: Archiv Haus Unterbach, Akten 17 (zitiert aus: Eggerath, Rose: Im Gesteins, S. 16) Auch in der ersten Landesaufnahme und geografischen Beschreibung des Herzogtums Berg, der Topographia Ducatus Montani von Erich Philipp Ploennies, erschienen 1715, fand das Gesteins Aufnahme:

Der Erkrather Arzt und preußische Hofrat Johann Heinrich Bongard beschreibt in seinem 1835 erschienenen Buch Wanderung zur Neandershöhle erstmals das zu diesem Zeitpunkt noch unberührte Gesteins mit seiner Düsselklamm sehr detailliert inklusiv einiger Illustrationen, ohne den noch nicht gebräuchlichen Namen Neandertal zu nennen. Zudem beschreibt der Naturfreund in diesem Wanderführer die Geologie und die vielfältige Botanik der Felsenschlucht und ihren Artenreichtum mit Pflanzen wie Belladonna, Wolfsmilch, Schierling, Thymian, Waldmeister, Brunnenkresse und der im Tale sehr häufig vorkommenden und großflächig wachsenden Pestwurzen. Seine Schilderungen geben auch heute noch den besten Überblick über die ursprüngliche Schönheit der Natur, die zu seiner Zeit bereits ein weithin bekanntes und nach Eröffnung der Bahnstrecke Düsseldorf–Elberfeld 1841 auch stark frequentiertes Ausflugsziel von Naturfreunden, Tagesausflüglern und Sangesgruppen war. Die Künstler der Düsseldorfer Malerschule nutzten das Gesteins nicht nur als Vorlage zur Landschaftsmalerei, sondern auch vielfach für ihre Festivitäten und Tagesausflüge.

Im Neandertal wurde vermutlich bereits seit dem Mittelalter Kalkstein (devonischer Massenkalk) in geringen Mengen für die bäuerliche Kalkbrennerei abgebaut. So sind bereits aus den Jahren 1519 und 1672 Kalköfen beurkundetStadt Erkrath (Hrsg.): Hochdahl. 1989, S. 52., von denen sich der ältere auf dem heutigen Gelände des ehemaligen Mannesmann-Kalkwerkes befand und der andere mit Namen Huppertsbracken als kulturgeschichtliches Denkmal 1986 restauriert wurde und heute an der Düssel oberhalb des Neandertales (zwischen den Höfen Thunis und Bracken) am Wegesrand zu besichtigen ist. Die Ruine des Feldhofer oder Hatzfeld’schen Kalkofens befindet sich an der Braumüllerschen Düsselbrücke am Parkplatz Am alten Kalkofen.

Der Kalk-Abbau war eine Zeitlang wohl auch ein wichtiger Wirtschaftszweig der Region, da er des Öfteren in den Quellen erwähnt wird, so auch in den Beyträge zur Statistik des Herzogthumes Berg von 1806:

War das Tal vom Bau der ersten westdeutschen Eisenbahnlinie von Düsseldorf nach Erkrath noch nicht unmittelbar betroffen (eröffnet 1838, 1841 bis nach Elberfeld erweitert), so veränderte der 1849 einsetzende industrielle Kalksteinabbau das Tal vollständig. 1854 wurde die „Actiengesellschaft für Marmorindustrie im Neanderthal“ gegründet, die den Kalksteinabbau in großem Stil vorantrieb. Kalk wurde nicht nur für Bauzwecke und die Stahl- und Kohleindustrie des Ruhrgebiets benötigt, auch die nahegelegene Eisenhütte in Hochdahl benötigte ihn als basischen Zusatzstoff für die Verhüttung. Etwa ein Jahrhundert lang prägte der Kalksteinabbau das Tal; erst 1945 wurde der Betrieb eingestellt.

Von den ursprünglichen Kalkfelsen war hiernach nichts mehr zu sehen, da sämtliche Gesteinsformationen und Höhlen innerhalb von weniger als 100 Jahren dem Kalksteinabbau zum Opfer gefallen waren. Nur der sogenannte Rabenstein, eine Felsnase unmittelbar an der Straße und am Eingang zum Fundort des Neandertalers, ist übrig geblieben. 1926 wurde eine Tafel angebracht, die an den Fund des Neandertalers durch Johann Carl Fuhlrott erinnert.

Die nahezu gesamte Zerstörung der ursprünglichen Natur erregte schon zu damaliger Zeit Kritik:

Drei Jahre später wurde auch die Neanderhöhle als letzter Rest des ursprünglichen Gesteins gesprengt.

Topographische Skizze des ehemaligen Neandertals um 1840 mini|links|Der untere Eingang der eigentlich nach rechts gekrümmten Neandershöhle (Lithographie in Bongard, 1835) mini|hochkant|Der „kleine Wasserfall“, vermutlich der Laubach-Wasserfall (in Bongard, 1835) mini|hochkant|Blick von der Kanzel auf den Rabenstein im Hintergrund, rechts die Höhle Feldhofskirche, Darstellung etwas überhöht (in Bongard, 1835) mini|Sondermarke der Deutschen Post AG zum 150. Jahrestag des Fundes 2006 mit Verwendung des Rabensteinbildes von Bongard und der im Neandertal vorgefundenen Schädelkalotte

Im Folgenden ist die Schlucht nur so weit beschrieben, wie es aus den bisher bekannten Dokumenten weitgehend sicher geschlossen werden kann.Hanna Eggerath: Im Gesteins – das ursprüngliche Neandertal in Bildern des 19. Jahrhunderts (mit Fotos von Anton Rose, 2. ergänzte und überarbeitete Auflage der Ausgabe Köln 1996). Bergische Forschungen 26 (Hrsg.: Bergischer Geschichtsverein e. V.), Düsseldorf 2012.