Nördlingen (; Rieser-schwäbisch Nearle []Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben, Band I, S. 233. oder Nerle) ist eine Große Kreisstadt in Bayerisch-Schwaben und größte Stadt des Landkreises Donau-Ries.

Das erstmals im Jahr 898 urkundlich erwähnte Nördlingen war von der Stadterhebung durch den Stauferkönig Friedrich II. bis zur Eingliederung ins Kurfürstentum Bayern im Zuge der Mediatisierung 1802 eine selbstständige Reichsstadt im Heiligen Römischen Reich. Aufgrund seiner Lage an der Kreuzung zweier großer Handelsstraßen (Frankfurt/Würzburg–Augsburg und Nürnberg–Ulm) war Nördlingen vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit ein bedeutender Handelsplatz. Der durch die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges und Verlagerung der Handelsrouten verursachte wirtschaftliche Bedeutungsverlust und Stillstand trugen zur weitgehenden Erhaltung des mittelalterlichen Stadtbildes bei und machten Nördlingen letztlich zu einem Ziel des Kulturtourismus. Zusammen mit den Städten Dinkelsbühl und Rothenburg ob der Tauber war von 1984 bis 1993 die Stadt Nördlingen als Kandidatin für die Erhebung zum Weltkulturerbe auf der Tentativliste der UNESCO platziert.

Geografie Lage Nördlingen liegt im Nördlinger Ries, dem Einschlagkrater eines Meteoriten, der vor 15 Millionen Jahren in die Alb einschlug. Der Krater hat einen Durchmesser von 23 bis 25 Kilometern; sein Rand ist ringsum als Hügelkette sichtbar. Durch die wissenschaftliche Erforschung des Ries-Ereignisses wurde Nördlingen weltweit bekannt. Das Ries wird von der Wörnitz und der Eger durchflossen; erstere mündet 30 Kilometer südöstlich in die Donau.

Gliederung der Kernstadt Die Nördlinger Kernstadt gliedert sich grob in Altstadt, Graben, Wemdinger Viertel, Saubrunnen, Augsburger Viertel, Talbreite, Herkheimer Viertel und Südtiroler Viertel. Die Gemeindeteile Baldingen und Kleinerdlingen gehen fast fließend in die Kernstadt über, während die übrigen Gemeindeteile sich den Charakter abgeschlossener Dörfer erhalten haben.

Gemeindegliederung Gemeindeteile Die Gemeinde hat 17 Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben):

Gemarkungen bzw. ehemalige Gemeinden Es gibt auf dem Gemeindegebiet die Gemarkungen Baldingen, Dürrenzimmern, Grosselfingen, Herkheim, Holheim, Kleinerdlingen, Löpsingen, Nähermemmingen, Nördlingen, Pfäfflingen und Schmähingen. Die Gemarkung Nördlingen hat eine Fläche von 14,263 km². Sie ist in 6313 Flurstücke aufgeteilt, die eine durchschnittliche Fläche von 2259,32 m² haben.

GemarkungWappenEingemeindungEinwohner (Stand 1. Januar 2026)GemeindeteileWohnplätzeBaldingen46x46px|klasse=noviewer1. Mai 19781.976 BaldingenDürrenzimmern45x45px|klasse=noviewer1. Mai 1978402 DürrenzimmernGrosselfingen45x45px|klasse=noviewer1. Januar 1976560 Grosselfingen, Hobelmühle und WiesmühleHerkheim45x45px|klasse=noviewer1. Juli 1972549 HerkheimHolheim44x44px|klasse=noviewer1. Juli 1972399 HolheimKleinerdlingen47x47px|klasse=noviewer1. Juli 1972660 KleinerdlingenLöpsingen45x45px|klasse=noviewer1. Januar 19731.092 Löpsingen Angerhof und SulzhofNähermemmingen44x44px|klasse=noviewer1. Juli 1972750Bruckmühle, Klötzenmühle, Nähermemmingen, WalkmühleNördlingen43x43px|klasse=noviewer15.536 Nördlingen Aumühle, Bergmühle, Heutal, Lohmühle, Schwallmühle und StegmühlePfäfflingen45x45px|klasse=noviewer1. Januar 1976477PfäfflingenSchmähingen49x49px|klasse=noviewer1. Januar 1978375Grünenbaind, Schmähingen

Nachbargemeinden mini|Panoramablick vom Daniel über Nördlingen thumb|Nördlingen mit Nördlinger Ries im Hintergrund mini|Nördlingen, Luftaufnahme (2016), Blick von Westsüdwest Folgende Gemeinden grenzen an die Stadt Nördlingen:

Flächennutzung Fläche und Flächennutzung Gesamtfläche 6810 ha Landwirtschaftsfläche 5418 ha Gebäude- und Freifläche 591 ha Verkehrsfläche 529 ha

Geschichte Vorrömische Zeit und Antike Funde in den Ofnethöhlen belegen, dass das heutige Ortsgebiet von Nördlingen bereits im Spätpaläolithikum besiedelt war. In den Gemeindeteilen von Nördlingen wurden Fundstellen aus fast allen folgenden vorgeschichtlichen Epochen entdeckt. Besonders intensiv besiedelt war ein Bereich am Ostrand des Gemeindeteils Baldingen, wo Siedlungen der Bandkeramik und des Jungneolithikums, der Urnenfelderkultur, der Hallstatt- sowie der Latènezeit entdeckt wurden. Hier lag auch eine römische Villa mit Brandgräberfeld.

2023 wurde ein Grab aus der Bronzezeit (14. Jahrhundert v. Chr.) entdeckt, das die Überreste eines Mannes, einer Frau und eines Jungen sowie Gegenstände aus Bronze, darunter ein gut erhaltenes Bronzeschwert, enthielt. Es ist unklar, ob sie miteinander verwandt sind. Das Schwert hat einen achteckigen Griff, der durch den Kupferanteil einen grünlichen Schimmer hat.

mini|Karte der Provinz Raetia (gelb umrandet) im Römischen Reich und Germania magna (Droysens Historischer Handatlas, 1886) Um das Jahr 85 n. Chr. – das Ries war zu diesem Zeitpunkt Teil der ihm namensgebenden Provinz Raetia und damit Teil des Römischen Reichs – entstand im Süden der heutigen Stadt ein römisches Kastell mit Siedlung (vicus), das in den Jahren 259/260 bei der Eroberung des heutigen Süddeutschlands durch die Alamannen unterging. Der Name dieser Siedlung lautete wahrscheinlich Septemiacum. Dieser lateinische Ortsname ist durch die Peutingertafel (Tabula Peutingeriana) für die Gegend von Nördlingen zuverlässig überliefert, kann aber bisher nicht sicher der römischen Siedlung im heutigen Nördlingen zugeordnet werden. Ein römischer Gutshof (Villa rustica) wurde im Stadtteil Holheim ausgegraben und kann besichtigt werden. Das römische Nördlingen ist bislang kaum erforscht.

Mittelalter und frühe Neuzeit Im 6. und 7. Jahrhundert lässt sich eine alemannische Besiedlung nachweisen. Drei Reihengräberfriedhöfe aus dieser Epoche sind bisher in Nördlingen ausgegraben worden.

„Nordilinga“ wurde im Jahr 898 zum ersten Mal urkundlich als karolingischer Königshof erwähnt. Unter der Herrschaft des Bischofs von Regensburg wuchs Nördlingen zum Markt heran.

Reichsstadt mini|hochkant|Darstellung Friedrichs II. am Brot- und Tanzhaus 1215 erhielt Nördlingen von König Friedrich II. Stadtrechte und wurde Reichsstadt.RI V,1,1 n. 840, In: Regesta Imperii Online (Digitalisat der RI-Buchseite, abgerufen am 8. Januar 2020). In jenem Jahr wurde die erste Stadtmauer errichtet, deren Grundriss bis heute sichtbar ist. 1219 wurde die Nördlinger Pfingstmesse das erste Mal urkundlich erwähnt. Die Stadt, an der Kreuzung zweier großer Handelsstraßen (Frankfurt/Würzburg–Augsburg und Nürnberg–Ulm) gelegen, stieg zum wichtigen Handelsplatz für Getreide, Vieh, Textilien, Pelze und Metallwaren auf. Neben Frankfurt war Nördlingen eine der wichtigsten Fernhandelsmessen Deutschlands. Im großen Freiheitsbrief vom 8. November 1219 gewährte Friedrich II. der Stadt Nürnberg – gleichsam als Wirtschaftsförderung und Einzelfallbestimmung – das Recht, auf den Messen in Nördlingen und Donauwörth einen eigenen Wechseltisch zu unterhalten, mit Nürnberger Pfennigen Gold und Silber aufzukaufen und dieses dort durch den Nürnberger Münzmeister in Geld umzuschlagen; am Ort bestand somit bereits eine Münze.Eberhard Isenmann: Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150–1550: Stadtgestalt, Recht, Verfassung … Böhlau-Verlag, 2014, S. 74–76: Item in nundinis Werde civis Nurembergensis cum denariis Nurembergensibus de iure cambiet et emet aurum et argentum, et nemo prohibebit. Similiter in nundinis Nordelingen eum denariis Nurembergensibus ement et cambient aurum et argentum. Et magister Nurembergensis monete illuc ibit, si voluerit, et denarios sue monete ibi formabit.

1238 zerstörte ein Brand einen großen Teil der Stadt, von dem sie sich rasch erholte. So wird Nördlingen in der Reichssteuermatrikel von 1241stauferstelen.net 70. Item (de Werda) cives de Nordelingen (C)C mr. pro enormitate commissa. mit einer Zahlung von 100 Mark Silber erwähnt. Drei Generationen später hatten sich außerhalb der Stadtmauern eine große Zahl von Handwerkern, vor allem Gerber und Weber, angesiedelt. 1327 wurde der heute noch bestehende Mauerring gebaut, mit dem die ummauerte Stadtfläche auf das Vierfache anwuchs. 1427 begann der Bau der St.-Georgs-Kirche.

Im Verlauf des Rintfleisch-Pogroms wurden im Jahr 1298 fast alle Juden der jüdischen Gemeinde, die sich seit 1250 gebildet hatte, ermordet.Nördlingen/Ries (Schwaben/Bayern). Jüdische Gemeinden.de abgerufen am 8. Juli 2021. Ende 1348 wurden die Juden von Nördlingen Opfer beim Pestpogrom. Der Rat der Stadt ließ danach die jüdischen Schuldscheine einziehen und befreite die Stadt damit von einer Schuld in Höhe von zweitausend Haller.Christian Scholl: Die Ulmer Juden und ihr Umfeld im 14. Jahrhundert. S. In: Die Juden in Schwaben. Hrsg.: Michael Brenner u. Sabine Ullmann, Oldenbourg 2013, ISBN 978-3-486-70484-6, S. 103. Im Sommer 1384 wurde bei einem weiteren Pogrom die Nördlinger Judengemeinde vollständig ausgelöscht. Da das Pogrom mit Umsturztendenzen in Verbindung gebracht wurde, entschlossen sich die im Rheinisch-Schwäbischen Städtebund organisierten Städte, Nördlingen vorübergehend auszuschließen.Christian Scholl: Juden und Städtebünde – Annäherung an ein komplexes Beziehungsgeflecht. In: Pro multis beneficiis – Festschrift für Friedhelm Burgard. Forschungen zur Geschichte der Juden des Trierer Raums. Hrsg. von Sigrid Hirbodian, Christian Jörg, Sabine Klapp und Jörg R. Müller. Kliomedia, Trier 2012, S. 120 f.

Für das Jahr 1472 ist in den Gerichtsakten der Stadt das Verfahren gegen den städtischen Frauenwirt Linhardt Freiermuth und seine Ehefrau Barbara Taschenfeind protokolliert. Ausgangspunkt der Verhandlung war der Vorwurf der erzwungenen Abtreibung der Dirne Els von Eystett. Das Gericht sprach das Zuhälterpaar schuldig und verbannte den Frauenwirt aus der Stadt. Seine Ehefrau wurde auf der Stirn gebrandmarkt und an den Pranger gestellt. Die im städtischen Archiv von Nördlingen erhaltenen 40 Pergamentseiten zu dieser Gerichtsverhandlung geben einen einmaligen Einblick in die damaligen Zustände eines – der Stadt gehörenden – Bordells.

Ende 1506 erhielt Nördlingen gegen Zahlung von 700/800 Gulden an König Maximilian I. das Juden-Ausschaffungs-Privileg und in der Folge wurden die Juden der Stadt verwiesen und deren Häuser von der Stadt an die Bürger verkauft.Dietmar-H. Voges: Die Reichsstadt Nördlingen. C.H. Beck, 1988, ISBN 3-406-32863-6, S. 163 ff.

Die Stadt gehörte 1529 zu den Vertretern der protestantischen Minderheit (Protestation) am Reichstag zu Speyer. Ihre Bürgerschaft forderte die ungehinderte Ausbreitung der evangelischen Konfession. 1555 wurde die Reformation in Nördlingen endgültig bestätigt. Bürgermeister Peter Seng d. Ä. (1512–1589) unterzeichnete 1579 für den Rat der Stadt die lutherische Konkordienformel von 1577.Vgl. Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, S. 765; vgl. S. 17.

Hexenverfolgungen mini|Frühere Hinrichtungsstätte Hexenfelsen auf dem Galgenberg Die Geschichte der Hexenverfolgung in Nördlingen ist gut dokumentiert. In der Amtszeit von Bürgermeister Johannes Pferinger wurden von 1590 bis 1598 34 Frauen und ein Mann wegen Hexerei auf dem Scheiterhaufen hingerichtet, eine Frau starb bereits in der Haft.Sonja Kinzler: Hexenprozesse in Nördlingen, auf historicum.net Besonders bekannt wurden die Hexenprozesse gegen Rebekka Lemp († 1590) und Maria Holl, die 1594 aus der Haft freikam. Die Verbrennungen der Verurteilten fanden auf der Richtstätte am Galgenberg statt. Da dieser damals nicht bewaldet war, waren die Feuer im ganzen Ries zu sehen.