Gaius villosus ist eine im westaustralischen Weizengürtel verbreitete Webspinne aus der Unterordnung Vogelspinnenartige. Ihre monotypische Gattung Gaius gehört zur Familie Idiopidae. Ein bis 2017 verwendetes Synonym von Gaius villosus ist Anidiops villosus, die übrigen Arten von Anidiops stehen heute in der Gattung Idiosoma.
Gaius villosus gilt als eine der größten und am besten an semiaride Lebensräume angepassten Arten unter den in Australien zusammenfassend als „Falltürspinnen“ bezeichneten Spinnen. Im Unterschied zu vielen ihrer Verwandten hat die Art ein großes Verbreitungsgebiet und ist stellenweise häufig.
Beschreibung Gattung Gaius mini|Gaius villosus, Ocellenfeld eines adulten Weibchens, hintere Ocellen oben, Zeichnung aus der Erstbeschreibung Die Arten der Gattung Gaius unterscheiden sich von allen anderen Gattungen der Familie Idiopidae durch die Kombination der folgenden Merkmale: die trapezförmige Anordnung der vorderen Ocellen, die hinteren seitlichen Ocellen stehen vor den mittleren und bilden mit ihnen einen ausgeprägten Bogen; einen stark ausgeprägten distalen tibialen Sporn an den Pedipalpen männlicher Spinnen; die dichte Behaarung von Körper und Beinen.
Die meisten Arten der Gattung Gaius, einige in Sammlungen belegte Arten wurden noch nicht beschrieben, verfügen über einen weiteren massiven tibialen Sporn. Sie erreichen eine beachtliche Größe und gehören, abgesehen von den Arten der Familie Theraphosidae, zu den größten australischen Vogelspinnenartigen.
Da für adulte weibliche und für juvenile Exemplare keine hinreichenden morphologischen Merkmale zur Bestimmung von Gattung und Art existieren, wird heute zur Bestimmung eine molekularbiologische Untersuchung herangezogen.
Gaius ist nahe mit der Gattung Eucyrtops , 1897 verwandt. Von dieser Gattung unterscheidet sich Gaius durch seine Größe, die stärkere Behaarung von Körper und Beinen und den distalen tibialen Sporn.
Gaius villosus Mit einer Körperlänge, einschließlich der Cheliceren, von bis zu fünf Zentimeter ist Gaius villosus eine der größten australischen Spinnen aus der Verwandtschaft der Falltürspinnen. Ihre Größe wird als evolutionäre Anpassung an ihre semiariden Lebensräume verstanden, da sie eine Verringerung der relativen Körperoberfläche und des Wasserverlustes bedeutet.
Die Art zeichnet sich durch ihre sehr starke Behaarung aus. Ihre Farbe ist dunkelbraun, fast schwarz. Aufgrund ihrer Größe, ihren kräftigen Beinen und Pedipalpen sowie den massiven Cheliceren ist sie leicht als Vogelspinnenartige zu identifizieren. Im Feld ist die Art an den charakteristischen Eigenschaften ihrer Wohnröhren zu erkennen.
Verbreitung mini|Bioregion Avon Wheatbelt in Western Australia Die Typlokalität von Gaius villosus ist das Minnivale Nature Reserve im westaustralischen Shire of Dowerin. Die Typlokalität befindet sich in der Bioregion Avon Wheatbelt, die ihrerseits in der vom WWF als stark gefährdet angesehenen WWF-Ökoregion Southwest Australia Savannas liegt.
Das Verbreitungsgebiet der Gattung Gaius erstreckt sich in Western Australia vom südlichen Weizengürtel und der westlichen Nullarbor-Ebene nach Norden bis nach Pilbara und zur Kleinen Sandwüste. Dort herrscht ein semiarides Klima mit trockenen Sommern und winterlichen Regenfällen vor. Die Lebensräume von Gaius villosus werden häufig von Mulga oder Dickichten aus anderen Arten von Akazien geprägt und gehören zu einem in Australien als Wodjil bezeichneten Landschaftstyp. Die Art kommt jedoch auch in Habitaten vor, in denen Kasuarinengewächse oder Eukalypten dominieren. Gaius villosus bevorzugt lehmige Böden.
Lebensweise Wohnröhren Die Arten der Gattung Gaius leben als Lauerjäger in bis zu 70 Zentimeter tiefen vertikalen Wohnröhren im Bereich der Streuschicht unter Bäumen oder Büschen, in denen stets eine ausreichende Luftfeuchtigkeit und gemäßigte Temperaturen herrschen. Die Wohnröhren sind mit einem aus Spinnenseide und kleinen Zweigen gefertigten und mit eingesponnenen Erdbrocken getarnten Klappdeckel verschlossen. Die Wohnröhre ist stets bis wenige Zentimeter unterhalb der Eingangsöffnung mit Spinnenseide ausgekleidet. Der obere Bereich dieser Auskleidung ist mit wenigen Spinnfäden nur lose an der Wand der Wohnröhre befestigt. Die Spinnen lösen nach der Nahrungsaufnahme häufig die Umhüllung von der Wand, verbringen unverdauliche Nahrungsreste in den Zwischenraum, und befestigen die Hülle wieder. Bei Gefahr durch einen Eindringling löst die Spinne den „Strumpf“ am oberen Ende von der Wand und zieht ihn nach unten, so dass sich von oben das Bild einer am Boden mit Nahrungsresten bedeckten leeren Wohnröhre bietet.
Die Spinnen legen um den Eingang der Wohnröhre herum einen Fächer aus Zweigen mit dem Eingang im Zentrum an. Die Zweige sind mit Spinnfäden am Rand der Wohnröhre befestigt und haben vorrangig eine Funktion als Signalgeber, deren Berührung durch eine potentielle Beute von den Spinnen mit den Tarsen wahrgenommen wird. Die lauernde Spinne verlässt ihre Wohnröhre wenn sie eine Beute wahrnimmt einige Zentimeter weit. Die Zweige vergrößern somit den Jagdbereich im Vergleich zu anderen Falltürspinnen, die nur solche Beute ergreifen, die ohne Verlassen der Wohnröhre überwältigt werden kann. Die ringförmige Anordnung von Steinen um den Eingang der Wohnröhren einer namibischen Art der Gattung Ariadna (Fischernetzspinnen) dient demselben Zweck. Sie vergrößert den Wahrnehmungsbereich und gilt als eine Form des Werkzeuggebrauchs. Darüber hinaus sammeln sich an den Zweigen Tau- und Regentropfen, die die Wasserversorgung der Spinne verbessern.
Gaius villosus ist auf eine intakte Streuschicht mit entsprechendem Baumaterial und auf den Schatten der Vegetation angewiesen. Störungen wie das Entfernen von Zweigen oder gar des Deckels der Wohnröhre durch stöbernde Vögel und andere Tiere können von adulten Spinnen verkraftet werden, wenn die Wohnröhre selbst unzerstört bleibt. In diesen Fällen wird der Fächer aus Zweigen neu geordnet und der Deckel wieder angebracht, gelegentlich auch falsch herum. Jungspinnen können eine neue Wohnröhre graben, wenn die alte zerstört wird. Beim ersten Bau gräbt die junge Spinne nur so tief, dass sie sich vollständig in die Wohnröhre zurückziehen kann. Anschließend wird der Fächer aus Zweigen angelegt und zum Schluss die Falltür gebaut. Die Reihenfolge ist bei späteren Bauten verändert, die Falltür wird dann vor dem Fächer angelegt. Das wird auf die Notwendigkeit der raschen Nahrungsbeschaffung zurückgeführt, die für gerade aus der Wohnröhre der Mutter kommende Jungspinnen Priorität hat. Nach der ersten Nahrungsaufnahme tritt der Sicherheitsaspekt einer Falltür in den Vordergrund.
Während des Heranwachsens werden die Wohnröhren der Falltürspinnen wiederholt in Durchmesser und Tiefe erweitert. Das geschieht bei anderen Arten während der Regenfälle im Herbst, wenn der Boden feucht ist und bearbeitet werden kann. Die gelöste Erde wird von den Spinnen ohne die Wohnröhre zu verlassen hinausgeschleudert, so dass sie einen Ring um den Eingang bildet. Gaius villosus gehört zu den wenigen Arten, die ihre Wohnröhre nach Sommergewittern erweitern. Da das Herausschleudern der Erde den Fächer aus Zweigen in seiner Funktion beeinträchtigen würde hat die Art eine eigene Strategie zur Entsorgung der Erde entwickelt. Knapp unterhalb des „Scharniers“ der Falltür gräbt sie seitwärts einen Tunnel, dessen Decke sie mit der ausgehobenen Erde formt. Von außen betrachtet erscheint dieser Tunnel wie ein von der Wohnröhre wegführender Wulst aus Erde. Auf diese Weise bleibt die Spinne bei der Entsorgung vor Fressfeinden weitgehend verborgen, nur in seltenen Fällen versuchen Vögel die Spinne im Tunnel zu erbeuten. Nach dem Erweitern der Wohnröhre verschließt die Spinne den Tunneleingang mit Erde und überzieht ihn wieder mit Spinnenseide. Der ungenutzte Tunnel sinkt bei den nächsten Regenfällen in sich zusammen.
Die Durchmesser der Deckel sind ein Indiz für das Alter der Spinne, die eine Wohnröhre bewohnt. Das Heranwachsen von Gaius villosus zum adulten Exemplar dauert fünf Jahre, die Geschlechtsreife tritt mit sechs Jahren ein. Deckeldurchmesser von vier und mehr Zentimeter und Röhrendurchmesser von mehr als 3,5 Zentimeter deuten auf ein geschlechtsreifes Weibchen hin. Bei Deckeldurchmessern von etwa fünf Zentimeter, die während des Sommers auf 4,5 Zentimeter zurückgehen können, kommt es zu keiner weiteren Zunahme. Das tatsächliche Alter einer Spinne kann im weiteren Verlauf mithilfe der Aufzeichnungen über eine markierte Wohnröhre belegt werden, da die weiblichen Spinnen stets in ihrer Wohnröhre verbleiben und die Wohnröhren nach dem Tod einer Bewohnerin nicht neu belegt werden.
Aggregationen Gaius villosus bildet aufgrund der geringen Mobilität der jungen Spinnen Aggregationen mit zahlreichen Wohnröhren von Spinnen unterschiedlichen Alters. Die Wohnröhren der jungen Spinnen befinden sich meist unter demselben Baum oder Strauch wie die ihres Muttertieres, wodurch unter einem einzigen Baum Dutzende Wohnröhren liegen können. Eine hinreichende Anzahl von Beutetieren vorausgesetzt kann die Dichte so groß sein, dass die Fächer aus Zweigen um die Eingänge der Wohnröhren fast aneinander stoßen. Solche dicht besiedelten Bereiche oder Aggregationen sind voneinander durch Bereiche ohne Streuschicht oder aus anderen Gründen ungeeigneten Boden getrennt. Abhängig vom Alter des Baumes oder Strauchs, unter dem das Nest eines Muttertieres liegt, kann die Streuschicht so dicht sein, dass Jungspinnen dort keine Wohnröhre graben können. In diesen Fällen wandern sie bis zum Auffinden eines geeigneten Ortes umher und sind verstärkt durch Prädatoren bedroht. Die eigentlich störende Aktivität stöbernder Vögel und Kleinsäugetiere kann dazu beitragen, dass eine für Jungspinnen zu dichte Streuschicht aufgelockert und teilweise entfernt wird, so dass wieder geeignete Bereiche für deren Ansiedlung frei werden.
Fortpflanzung Die Spinnen werden im Frühherbst geschlechtsreif. Beim Einsetzen der Regensaison, örtlich und jährlich unterschiedlich zwischen Ende März und Ende Juni, verlassen die männlichen Spinnen ihre Wohnröhren und begeben sich auf die Suche nach geschlechtsreifen Weibchen. Nach der Paarung mit einem oder mehreren Weibchen in deren Wohnröhren sterben die Männchen. Für weibliche Spinnen sind Lebensspannen von mehr als vierzig Jahren belegt, ein Alter von mehreren Jahrzehnten ist nicht ungewöhnlich. Die mit der Langlebigkeit verbundene Fähigkeit, mehrfach Nachwuchs aufzuziehen, trägt wesentlich zum Erhalt der Art in ihren für Spinnen eher ungünstigen Lebensräumen bei.
Im Anschluss an die Paarung ziehen die Weibchen sich in ihre Wohnröhren zurück und verschließen sie mit einem Pfropf aus Erde. Die Eiablage erfolgt während des Frühlings, die Eier werden von der Mutter in einen scheibenförmigen Kokon eingesponnen, den sie mit mehreren Spinnfäden an der Wand der Wohnröhre befestigt. Die Brut schlüpft im Hochsommer und hat eine Länge des Peltidiums bzw. Carapax von etwa drei Millimeter. Für ein besonders großes Weibchen ist eine Brut mit 42 Nachkommen belegt, die durchschnittliche Zahl liegt niedriger. Die Wohnröhre bleibt bis in den Herbst, ein volles Jahr nach der Paarung, verschlossen, um die Eier und die Brut vor der Sommerhitze zu schützen. Wenn die Paarung sehr zeitig erfolgt, und die herbstlichen Regenfälle des folgenden Jahres spät einsetzen, können die Wohnröhren deutlich länger als ein Jahr verschlossen bleiben.