Der Name Dietkirchen Bonn steht für mehrere Begriffe, die in der Geschichte der heutigen Bundesstadt Bonn und ihrer Region eine bedeutende Rolle hatten. So war Dietkirche (= Volkskirche) nicht nur der Name einer ersten christlichen Kirche, sondern auch der Namensursprung einer früh entstandenen Ansiedlung, die sich um das Gotteshaus gebildet hatte. Dietkirchen wurde auch der Name des späteren Pfarrbezirkes (Sprengel) und gleichfalls der Name eines bei der Kirche gegründeten Klosters, aus dem später das freiadelige Stift St. Petrus in Dietkirchen hervorging. Das Kloster Dietkirchen gehörte neben den klösterlichen Gründungen in Vilich (978) und Schwarzrheindorf (1151) zu den ersten religiös-weiblichen Konventen im Raum Bonn. Das Stift Dietkirchen wurde 1802 unter der französischen Verwaltung aufgehoben und sein Besitz beschlagnahmt. mini|hochkant=1.4| Ehemaliger Standort der „Dietkirche“ vor der Stadtmauer. Im Hintergrund ganz links die Doppeltürme der heutigen Stiftskirche, die innerhalb der Befestigung ihren Ursprung hatte
mini|hochkant=1.4|Erzbistum Köln 1638 Kartenausschnitt
Geschichte Römisch-fränkische Zeit mini|Relief des Militärlagers
In der nachrömischen Zeit bildete sich aus dem oppidum castrum Bonna – an der Südwestecke des ehemaligen Römerlagers – eine ubisch-römisch gemischte Wohnsiedlung. In dieser hatte sich – seit der Abkehr vom heidnischen Glauben – in fränkischer Zeit eine christliche Gemeinde gebildet, die sich als Volkskirche (= Dietkirche) verstand.Paul Clemen: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. Band 5: Die Kunstdenkmäler der Stadt und des Kreises Bonn. 1905, Einleitung des Bandes. Im Gegensatz zu weiteren früh entstandenen Kirchen war die Dietkirche vorerst die einzige Pfarrkirche mit Taufrecht und wird als Urpfarrei des Bonner Raumes angesehen.Norbert Schloßmacher: Pfarrgemeinde St. Martin. In: Bonner Kirchen und Kapellen. 1989, S. 30.
Freilegung der Ur-Kirche in der Bonner Nordstadt mini|Relief der Grundrisse in drei farblich abgestuften „Zeitepochen“
Zu den frühen Geschichtsabläufen fehlen allerdings Urkunden. Ein der heutigen Wissenschaft zu verdankender Ersatz sind die archäologischen Befunde, die in den 1970er-Jahren im Umfeld der ehemaligen Dietkirche durch die Grabungskampagne „Loëkaserne“ (Rheindorfer Str., später BMF) mit den dort freigelegten Grundmauerresten festgestellt werden konnten.Hugo Borger: Bemerkungen zur Entstehung der Stadt Bonn im Mittelalter. In: Aus Geschichte und Volkskunde von Stadt und Raum Bonn. Festschrift J. Dietz. (= Veröff. des Bonner Stadtarchivs. Band 10). Bonn 1973, ISBN 3-7928-0333-X, S. 10–42.Ulrike Müssemeier: Die merowingerzeitlichen Funde aus der Stadt Bonn und ihrem Umland. Bonn 2004, „Grabung Sölter zwischen 1971 und 1976“
Die im Boden der Grünanlage einer Neubausiedlung (Graurheindorfer Straße/Am Römerkastell/Drususstraße) festgestellten fassbaren Spuren eines wohl aus dem 6. Jahrhundert stammenden Gotteshauses werden einer sehr frühen Christengemeinde in der Region zugeschrieben. In welches Jahr die freigelegten Fundamente der Kirchbauten exakt einzuordnen sind, bleibt derzeit unbeantwortet. Die in spätrömischer, spätestens jedoch in frühfränkischer Zeit entstandene, kleine, rechteckige Steinkirche, deren erste Nachfolgerin Reste einer halbrunden Apsis hinterließ, war bis zu ihrem Ruin Kern einer wachsenden Ansiedlung.
Diese wurde zwischen 1002/21 als Kirche des hl. Petrus in Thiedenkireca bezeichnet, deren Nonnen des dortigen Klosters Kaiser Heinrich II. sein Kammergut zu Bibern (Engers, heute Neuwied) schenkte und die später, am 10. August 1021, als „de monasterio sancti Petri Thietkircha dicto in suborbio Bvnae sito, ad altare predicti Sancti Petri apostuli“ angeführt wurde.Josef Dietz: Topographie der Stadt Bonn vom Mittelalter bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit. S. 125 (Diet, Stiftskirche Bonn, Pfarrarchiv U 1; MGDH II, Nr. 446) Zu dieser Zeit leitet Äbtissin Bertswindis den Konvent, in der Schenkung wurde sie als „abatissa[e] de monasterio s. Petri Thietkiricha dicto in suburbio Bvnnae sito“ bezeichnet.Paul Clemen: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. Band 5: Die Kunstdenkmäler der Stadt und des Kreises Bonn. 1905, S. 110.
Chronologie Frühmittelalter 795 (wahrscheinlich aber früher) soll in der Nähe des verfallenen römischen Castrums eine christliche Kirche gestanden haben, die als „mit eigenem Grundbesitz ausgestattete Kirche“ urkundlich belegt werden konnte.Norbert Schloßmacher: Pfarrgemeinde St. Johann Baptist und Petrus. In: Bonner Kirchen und Kapellen. 1989, S. 17f.
mini|Wappen des Erzbistums Köln Mit Gunthar, der von 850 bis 863 als erster Erzbischof des Erzbistums Köln amtierte, begannen massive Umbrüche in der bisherigen Kirchengeschichte. 866 war durch Erzbischof Gunthar die Entwicklung zur Verselbstständigung einzelner Kirchen anerkannt worden, sodass auch Stifte und Klöster Dotationen von Kirchen vergeben oder auch annehmen konnten. Danach waren und wurden auch die meisten Bonner Kirchen zu Lehen, die durch den Propst des Bonner Cassiusstiftes vergeben wurden. Lediglich St. Remigius in Bonn, die zuerst eine Eigenkirche des Erzbischofs in Köln war und die im Vorland gelegene Dietkirche hatten einen abweichenden Status. Dietkirchen ging später an das vor 1015 gegründete Benediktinerinnenkloster und spätere freiadelige Damenstift St. Petrus in Dietkirchen.Eduard Hegel: Abhängigkeit der Pfarrkirchen von Kirchenherren. In: Bonner Kirchen und Kapellen. 1989, S. 3 f.
Jahrtausendwende In den Jahren 1000 bis 1015 soll die Gründung eines reichbegüterten Benediktinerinnenklosters in Dietkirchen bei der gleichnamigen Kirche stattgefunden haben. Die Erbauerin und erste Äbtissin war Mathilde, Tochter des Ezzo, Pfalzgraf von Lothringen. Sie war in Personalunion Äbtissin in Dietkirchen und Vilich. Dort war sie Nachfolgerin der Äbtissin Adelheid, deren Eltern Megingoz von Geldern und Gerberga ein Benediktinerinnenkloster gestiftet hatten.Irmingard Achter: Geschichte und Kunst der Katholischen Gotteshäuser und Pfarreien. In: Bonner Kirchen und Kapellen. 1989, S. 215ff. Die Anzahl der Konventualinnen oder Kanonissen soll bis in die Neuzeit bei zwölf gelegen haben, wobei in der Regel selten die volle Belegstärke erreicht wurde. Zu den „Jungfern“ (Stiftsfräulein) heißt es, dass sie dem niederen Adel angehörten, deren Familien in der Umgebung Bonns ansässig waren.
Der Kopf eines in die Zeit um 1015 datierten Sandsteinreliefs soll möglicherweise Teil der Fassade der frühen gotischen Dietkirche gewesen sein.Objekt-Information des Rheinischen Landesmuseums Bonn Ebenfalls dem Jahr 1015 entstammt die Erwähnung in einer Urkunde – sie ist heute die älteste zur Kirchengeschichte der Stadt Bonn – die erstmals einen Frauenkonvent bei der Dietkirche belegt, der nur wenige Jahre zuvor als Kloster der Benediktinerinnen gegründet worden war. In der Urkunde heißt es unter anderem:
Diese und weitere Urkunden belegen die Anfänge des späteren Damenstiftes.Josef Dietz: Topographie der Stadt Bonn vom Mittelalter bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit. S. 125 (Diet, Stiftskirche Bonn, Pfarrarchiv U1; MGDH II, Nr. 333)
Hoch- und Spätmittelalter mini|Kruzifixus der ehemaligen Dietkirche, spätes 11. Jahrhundert
Der Verfall der Ordensdisziplin in Dietkirchen führte 1166 zu einer von Erzbischof Rainald von Dassel angeordneten Klosterreform, in der er die in einer Urkunde von 1015 erstmals als Frauenkonvent bezeichnete Vereinigung erneut unter die Regel des hl. Benedikt stellte – ein Status, der offiziell, auch wenn sich das strenge Reglement über die Jahrzehnte liberalisierte, bis zur Umwandlung in ein Stift beibehalten wurde. Auch bezüglich der von der Äbtissin Ermentrude wiedererworbenen, ehemals verpfändeten Güter, verbot Reinald die Entfremdung derselben vorzunehmen.Richard Knipping (Bearb.): Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter. II. Band, Nr. 863, Bonn 1901, S. 151–152. 1246 erlaubte Erzbischof Konrad in seinem Bistum, Sammlungen zur Sanierung beziehungsweise zum Wiederaufbau (reedificare) der vom Einsturz bedrohten Dietkirche durchzuführen.Josef Dietz: Topographie der Stadt Bonn vom Mittelalter bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit. S. 125, Diet U 15Paul Clemen: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. Band 5: Die Kunstdenkmäler der Stadt und des Kreises Bonn. 1905, Einleitung des Bandes.
mini|links|Taufbecken aus Basaltlava (um 1290) Ein in die Zeit um 1290 datierter Taufstein aus Basaltlava wurde in seinen vermauerten Bruchstücken im Abbruchmaterial der niedergelegten späteren Barockkirche gefunden und rekonstruiert. Dieser, und die sogenannte Dietkirchenmadonna aus dem 14. Jahrhundert sind überkommene Schätze. Sie zieren die heutige, von Heinrich Wiethase entworfene, im gotischen Stil erbaute Kirche.Gisbert Knopp, in: Bonner Kirchen und Kapellen. 1989, S. 19 f. Wann der Taufstein, der zeitweise auch als „Volksaltar“ diente, sowie die Skulptur der Madonna mit Kind in den Besitz der Pfarrkirche gelangten, ist derzeit nicht bekannt; sie werden aber später in die Dietkirche gekommen sein, da diese selbst zum Ende des 13. Jahrhunderts (Spendenaufruf durch Erzbischof Sifrid) und ebenfalls in den Anfängen des 14. Jahrhunderts auf Spenden für einen Neubau (der um 1316/17 im Bau war) angewiesen war. Auch einer späteren Textpassage einer Einlassung von 1647 ist zu entnehmen, dass die Ausstattung des Kircheninneren recht dürftig gewesen sei. Auch die Gebäude des Konvents blieben in der oft von Durchzügen kriegerischer Banden betroffenen Stadt nicht von Schäden verschont. So berichtet eine Urkunde von 1320, dass die Äbtissin Ponzetta zu Dietkirchen – Schwester des Erzbischofs Heinrich II. von Virneburg – noch vor 1320 ein durch Brand/Brandstiftung vernichtetes Dormitorium in Dietkirchen für ca. 1000 Mark wieder aufbauen musste.Regesten der Kölner EB. IV, 1162 Nach den Kölner erzbischöflichen Regesten soll 1317 eine Krypta der Kirche existiert haben, die als ältester Teil des Bauwerks bezeichnet wurde.Josef Dietz: Topographie der Stadt Bonn vom Mittelalter bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit. S. 125, Reg. Eb. Köln, IV, 984
links|mini|Dietkirchen Ablass von 1326 Ein Transfix von 1327 besagte, dass im Dezember 1326 Dominicus Patriarch von Grado (1318–1332) und elf Bischöfe in Avignon für andächtigen Besuch der Pfarrkirche zum heiligen Petrus in Dietkirchen an bestimmten Tagen sowie für Beisteuer zur Baukasse, Beleuchtung, Zierrat oder zu den sonstigen Erfordernissen der Kirche einen Ablass von 40 Tagen verliehen.Rückvermerk Urkunde IV Pfarrarchiv St. Petrus, Bonn: Domino Hermanno plebano… und Registraturvermerk: Nr. 14 literae apostolicae super quadragenarum dierum indulgenciis cum transfixo sub sigilla Henrici archiepiscopi Coloniensis, qui addit in consimili forma quadraginta dies indulgenciarum de anno 1326 decembris 22. – Mit Transfix von 1327 Die Verleihung des 40-tägigen Ablassrechtes scheint erfolgreich verlaufen zu sein, denn nur drei Jahre später, im Jahr 1330 hieß es in einer Eintragung: Herstellung der Stiftsgebäude.Josef Dietz: Topographie der Stadt Bonn vom Mittelalter bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit. S. 124 (Diet. U 30) Ebenfalls für dieses Jahr wurde ein Haus auf dem an das Stift angrenzenden Markt erwähnt.Josef Dietz: Topographie der Stadt Bonn vom Mittelalter bis zum Ende der kurfürstlichen Zeit. S. 96 (Diet. U 37),
Besitzungen des Stifts