Die Kindermann-Wolscht-Affäre entspann sich um drei Reisende, die im Oktober 1924 eine Reise in die Sowjetunion antraten und im gleichen Monat noch in Moskau verhaftet wurden. In der Anklageschrift vom Juni 1925 wurde den Angeklagten Karl Kindermann,Kindermann, Karl, bei DNB, siehe auch de.everybodywiki.com Theodor Wolscht und Maxim Napolinowitsch von Dittmar (auch: von Dittmarin oder von Ditmar) Spionage gegen die Sowjetunion und versuchter Mord an hohen Sowjet-Führern vorgeworfen. Der gegen die drei geführte Prozess stand in engem Zusammenhang zu dem nahezu zeitgleich in Leipzig abgehaltenen Tscheka-Prozess und spielte vor dem Hintergrund schwieriger deutsch-sowjetischer Verhandlungen.
Die handelnden Personen Die als Kindermann-Wolscht-Affäre bekannt gewordene Affäre um drei Studenten, die im Oktober 1924 in die Sowjetunion reisten, spielte auf zwei Ebenen: Die erste Ebene betrifft die drei Studenten selber, die nach allem, was heute bekannt ist, Opfer eines sowjetischen Manövers zur Freipressung von in Deutschland angeklagten und verurteilten Agenten wurden. Die zweite Ebene spielt auf einer diplomatischen Ebene, auf der es um die deutsch-sowjetischen Beziehungen ging, für die sich die Kindermann-Wolscht-Affäre und der Leipziger Tscheka-Prozess zunehmend als Belastung erwiesen.
Auf der ersten Ebene der Kindermann-Wolscht-Affäre, die von Kindermann selber, aber auch von anderen Autoren, als Moskauer Studentenprozess bezeichnet wurde, ging es um drei Studenten, die – vermutlich aus Abenteuerlust – zu einer gemeinsamen Reise aufbrachen.
Dass die drei diese Reise auch mit Vorschüssen und Honoraren deutscher Zeitungsverlage, so zum Beispiel vom Berliner Tageblatt,Alfred Erler: Das Schicksal der Moskauer Studenten. S. 16. finanzieren wollten oder vorgaben, sich auch um Kontakte zu wissenschaftlichen Einrichtungen und Industriepartnern kümmern zu wollen, waren wenig überzeugende Gründe, ihnen Spionage gegen die Sowjetunion vorzuwerfen. Dass dies dennoch geschah, was in Deutschland mit Ausnahme des österreichischen Kommunisten Egon Erwin KischEgon Erwin Kisch & Stefan Großmann, in: Das Tage-Buch, herausgegeben von Stefan Großmann, 6. Jahrgang, 2. Halbjahr, Berlin, 1925, S. 1006–1014. von niemandem ernst genommen wurde, legt vor dem Hintergrund des späteren Gefangenenaustausches die Vermutung nahe, sie seien Bauernopfer in einem Spiel geworden, das ausschließlich dem Ziel diente, die Angeklagten im Tscheka-Prozess freizupressen.
Es ist fraglich, ob die Anklage und Verurteilung der drei Studenten ausgereicht hätte, Deutschland zur Auslieferung der Angeklagten im Tscheka-Prozess zu bewegen. Hierzu musste politisch-diplomatischer Druck aufgebaut werden, und in dessen Zentrum geriet schnell ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau: Gustav Hilger.
Hilger hatte Kindermann und Wolscht (von Dittmar hatte einen anderen Reiseweg gewählt) zufällig bei ihrer Einreise in die Sowjetunion kennengelernt und ihnen auch seine Visitenkarte überlassen, für den Fall, dass sie in Moskau einmal Hilfe benötigen sollten. Seine Erwähnung in der Anklageschrift gegen die drei Studenten führte zu einer schweren Belastung der deutsch-sowjetischen Beziehungen.
Der Reiseplan Im Moskauer Urteil vom 3. Juli 1925 heißt es: „Die reaktionären Kräfte Deutschlands, die unter faktischer Mithilfe der deutschen Sozialdemokratie die wiederholten Versuche der Arbeiterklasse, das Joch der kapitalistischen Sklaverei abzuwerfen, im Blute erstickt haben, haben aus ihrer Mitte die aktive terroristische Geheimorganisation ‚Consul‘ (‚G. O. C.‘) […] ausgeschieden.“Urteil gegen Kindermann, Wolscht und von Dittmar vom 3. Juli 1925. In: Karl Kindermann: Zwei Jahre in Moskaus Totenhäusern. S. 226–229. Diese Organisation Consul habe 1924 die Entsendung von Kindermann, Wolscht und von Dittmar nach Moskau beschlossen, „denen folgende Aufgaben und Pläne aufgetragen wurden, die durch die genauen Aussagen Kindermanns und Dittmars, zum Teil auch Wolschts als feststehend zu betrachten sind: die Auskundschaftung sowohl des inneren organisatorischen Aufbaus der Komintern und ihrer Verbindung mit der Kommunistischen Partei Deutschlands, als auch der Regierungsorgane der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Insbesondere hatten diese Personen den Auftrag, festzustellen, ob die Handelsvertretung und die bevollmächtigte Vertretung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken mit der Kommunistischen Partei Deutschlands, insbesondere in Berlin und Riga, Verbindungen besitzt und welche. Eine weitere grundlegende Aufgabe dieser Gruppe bestand in der Vorbereitung und Durchführung von terroristischen Attentaten gegen Mitglieder des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Rußlands, die Genossen Stalin, Sinowjew, Trotzki und Dsershinski.“
Jenseits dieser „wie ein feuilletonistisch gehaltener Leitartikel eines kommunistischen Unterhaltungsblattes“ anmutenden UrteilsprosaSchwäbischer Merkur vom 6. Juli 1925, zitiert nach Manfred Schmid: Zum Tode verurteilt – begnadigt – ausgetauscht waren die Reisepläne der drei Verurteilten wesentlich trivialer oder gar naiv. Der Anstoß zu dieser Reise ging von Karl Kindermann aus und war nicht zuletzt der Versuch, den unter den vorherrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen nicht gegebenen beruflichen Perspektiven (er war Altphilologe) etwas entgegenzusetzen. Nach einer Polarfahrt Kindermanns an die Nordwestküste Spitzbergens im Sommer 1923 ist auch Abenteuerlust als Motiv für die Reise in die Sowjetunion nicht auszuschließen. Der von Kindermann ausgeheckte Plan sah eine etwa zweijährige Reise vor, deren eigentliches Ziel Peking sein sollte:„1. Rußland diesseits des Urals. Mehrmonatlicher Aufenthalt in Moskau. Besuch der wirtschaftlich und wissenschaftlich wichtigsten Zentren wie: Leningrad, Jarosláwl, Wladimir, Nischni-Nówgorad, Odéssa und Kiew.2. Mittelasien mit dem Zentrum in Irkútsk, Semipalatinsk, Barnaúl, Tomsk, Irkutsk, Reisen nach Riáchta, Urgá, Tschitá und in das Burjätengebiet.3. Die arktische Zone. Von Irkutsk nach Jakútsk, Bulún und die Eismeerküste.4. Das Amurgebiet.5. Peking.“Karl Kindermann: Zwei Jahre in Moskaus Totenhäusern. S. 11–12.
Kindermann, der die Fahrt ursprünglich zusammen mit einem mit ihm befreundeten Inder unternehmen wollte, dem aber von der sowjetischen Botschaft ein Visum verweigert wurde, hatte inzwischen Theodor Wolscht kennengelernt und begonnen, mit Universitäten in seinen Zielgebieten zu korrespondieren. „Alle Zuschriften und Antworten aus Sibirien ließen erkennen, daß wir dort mit großer Freude aufgenommen würden und viele Einladungen sammeln können.“ Zwei wichtige Probleme aber waren noch zu lösen: Kindermann und Wolscht brauchten finanzielle Unterstützung für die Reise, und sie benötigten die Erlaubnis der sowjetischen Botschaft in Berlin zur Ein- und Durchreise.
Über die erfolgreiche Sponsorensuche der beiden schreibt Manfred Schmid: „So bewilligte ihnen der bekannte Chefredakteur des „Berliner Tagblatts“, Theodor Wolff, einen größeren Vorschuss auf Reiseberichte. Ebenso waren sie an verschiedene deutsche, früher in Rußland tätige Firmen mit dem Vorschlag herangetreten, über die dortigen Wirtschaftsverhältnisse zu berichten, Absatzquellen ausfindig zu machen und Geschäfte einzuleiten. Sogar von freiwilligen Spendern, die von dem Vorhaben der beiden jungen Leute gehört hatten, wurden sie mit namhaften Beträgen bedacht. Auch der Philosoph Oswald Spengler, mit dem Kindermann Kontakt aufgenommen hatte, unterstützte ihr Vorhaben.“Manfred Schmid: Zum Tode verurteilt – begnadigt – ausgetauscht Alfred Erler beurteilte dies wohlwollend-skeptisch: „Der Plan selbst war gut und nur der Zeitpunkt unglücklich gewählt. Außerdem erwies sich der nominelle Leiter, Dr. Kindermann, als viel zu jung und schwierigen Verwicklungen nicht gewachsen. Das schließt übrigens nicht aus, daß bei normaler politischer Konstellation wertvolle Früchte für die Wissenschaft hätten gezeitigt werden können. Die Begeisterung tut oft viel.“Alfred Erler: Das Schicksal der Moskauer Studenten. S. 19.
Weniger erfolgreich verliefen zunächst die Versuche, von der sowjetischen Botschaft die nötigen Papiere für einen Aufenthalt in der Sowjetunion zu erhalten. Hier kam dann von Dittmar ins Spiel, der von den Reiseplänen erfahren und sich selbst als Reisepartner angeboten hatte. „Die arglosen Studenten schenkten ihm Vertrauen und übertrugen ihm die Verhandlungen mit der russischen Botschaft. Auf einmal wehte von Moskau her ein anderer Wind. Die russischen Behörden schienen sich plötzlich für die Expedition zu interessieren, stellten allerlei Unterstützung in Aussicht und forderten nur, daß die Studenten vor Antritt der großen Reise ein Semester in Moskau zubringen sollten. Die jungen Leute gingen mit Freuden darauf ein, als ihnen Hoffnung auf freie Fahrt I. Kl. auf russischen Bahnen sowie auf freie Wohnung und Verpflegung in der berühmten Sowjetzentrale gemacht wurde. Sie rechneten außerdem darauf, mit den Sowjets persönlich Fühlung zu gewinnen.“Alfred Erler: Das Schicksal der Moskauer Studenten. S. 17.
Erler fragt nach den Gründen für dieses plötzliche Entgegenkommen seitens der Botschaft. Eine definitive Antwort kann er nicht bieten, nur Hypothesen. Eine besagte, die Sowjets hätten es auf von Dittmar abgesehen gehabt, weil sie den für einen estnischen Spion hielten. Nach der zweiten handelte es sich um eine planmäßige Falle für die zu Opfern auserkorenen Kindermann und Wolscht.In diesem Sinne äußerte sich auch der Historiker Günter Rosenfeld, der davon ausging, „daß Stalin 1924 die beiden als Touristen nach Moskau gekommenen deutschen Studenten Karl Kindermann und Theodor Wolscht kurzerhand unter Spionageverdacht verhaften ließ, damit er sie dann gegen die inzwischen in Deutschland verhafteten und vom Reichsgericht zum Tode verurteilten roten Kommandeure austauschen konnte“. (Günter Rosenfeld: Eine Pyjama-Beratung gab das okay für den Rapallo-Vertrag, Neues Deutschland, 18. April 1992) Der weitere Verlauf der Geschichte scheint für die These von der planmäßigen Falle zu sprechen, auch wenn sie bis heute nicht als erwiesen angesehen werden kann. Die These klingt plausibel vor dem Hintergrund, dass Kindermann und Wolscht das Faustpfand waren für den Austausch des im eingangs erwähnten Tscheka-Prozess zum Tode verurteilten Woldemar Rose alias Peter Alexander Skoblewsky. Der war im März 1924 verhaftet worden; der Prozess gegen ihn begann allerdings erst im Frühjahr 1925. Im Klartext hieße dies, dass die Verhaftung Skobolewskys den Umschwung in der Berliner Sowjetbotschaft bewirkt hätte. Die sich dadurch aufdrängende Frage, ob die Sowjets damals eine so vorausschauende Taktik entwickelt haben, lässt sich nicht beantworten.
Die Reise nach Moskau und die Verhaftung Am 9. Oktober 1924 begann für Kindermann und Wolscht ihre Reise nach Moskau in Berlin. Sie führte sie zunächst nach Riga, wo sie in den direkten Zug von Riga nach Moskau umstiegen. Diese hier beginnende Fahrt empfand Kindermann als wahre Luxusreise.Karl Kindermann: Zwei Jahre in Moskaus Totenhäusern. S. 18.
Von Dittmar war einige Tage vorher bereits nach Estland aufgebrochen, um dort noch seine Mutter zu besuchen; er wollte an der lettisch-russischen Grenze zu seinen Reisepartnern dazustoßen, verspätete sich aber und traf erst in Moskau mit ihnen zusammen. Dafür lernten Kindermann und Wolscht während der Fahrt den an der deutschen Botschaft in Moskau tätigen Gustav Hilger kennen: „Er interessierte sich für unsere Reise und gab uns manche guten Ratschläge. In liebenswürdiger Weise machte er uns mit verschiedenen wichtigen Verordnungen bekannt, deren Kenntnis für jeden Ausländer in Sowjetrußland wertvoll war. Als er von unserer Absicht vernahm, eine Studienreise nach Sibirien zu unternehmen, erklärte er sich bereit, uns mit seinem Rate beizustehen und lud uns freundlich ein, in der nächsten Zeit einmal auf der deutschen Botschaft vorzusprechen.“Karl Kindermann: Zwei Jahre in Moskaus Totenhäusern. S. 20.