mini|Joseph Roth (1926) Hiob ist der Titel eines 1930in der Frankfurter Zeitung und als Buch mit dem Untertitel Roman eines einfachen Mannes im Gustav Kiepenheuer Verlag Berlin erschienenen Romans von Joseph Roth. Er erzählt den Leidensweg des jüdisch-orthodoxen Toralehrers Mendel Singer im fiktiven Schtetl Zuchnow in Russland und in dem folgenden amerikanischen Exil in der Zeit von 1900 bis nach dem Ersten Weltkrieg. Mendel erleidet in der Geschichte schwere Schicksalsschläge, durch die seine Frömmigkeit erschüttert und sein Glaube an Gott auf eine harte Probe gestellt werden.
Inhalt Erster Teil Mendel Mechelovitsch Singer, dessen Ahne vor ein paar Jahrhunderten aus Spanien nach Wolhynien eingewandert sind, verdient im Dorf Zuchnow notdürftig seinen Lebensunterhalt, wie schon sein Vater und sein Großvater, als Toralehrer für jüdische Elementarschüler, die er im Lesen und Memorieren der Bibel unterrichtet. Sein Leben rinnt „stetig dahin, wie ein kleiner Bach zwischen kärglichen Ufern.“Joseph Roth: Hiob. Rowohlt Verlag Reinbeck bei Hamburg, 1976 Zusammen mit seiner Frau Deborah hat er bereits zwei Söhne (Jonas und Schemarjah) und eine Tochter (Mirjam), als ihr viertes Kind Menuchim geboren wird (Kap. 1). Bald zeigt sich bei diesem eine schwere Entwicklungsstörung und ein Arzt diagnostiziert Epilepsie. Sein Leiden wird zur schweren Prüfung für die gesamte Familie und ist der Beginn einer Reihe von Schicksalsschlägen. Mendel entscheidet sich gegen die Behandlung Menuchims, weil er kein Vertrauen in die Methoden der Krankenhäuser hat. Er fügt sich in sein Los, betet und vertraut auf Gott. Deborah, die schon immer dazu neigte, mit ihrem kümmerlichen Schicksal zu hadern („Sie schielte nach dem Besitz Wohlhabender und neidete Kaufleuten den Gewinn“), ist dagegen der Auffassung, dass der Mensch versuchen muss, sich zu helfen, dann werde ihm Gott helfen. Sie erinnert sich an ein Erlebnis während ihrer Schwangerschaft, das sie als böses Vorzeichen ansieht. Sie konnte die kleine Mirjam nicht vor der Anziehungskraft einer golden glänzenden christlichen Kirche bewahren. Jetzt sucht sie verzweifelt Rat bei einem Wunderrabbi in der Kreisstadt Kluczýsk. Dieser weissagt Menuchim eine späte Genesung und für die Zukunft sogar besondere Fähigkeiten durch seine Behinderung: „Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark.“ Sie solle ihren Sohn trotz der für sie schweren Belastung nicht verlassen und ihn nicht weggeben, denn er komme von ihr „wie ein gesundes Kind“.
Menuchim lässt alles passiv über sich ergehen, reagiert interessiert nur auf Klänge (Kap. 4, 16) und kann mit zehn Jahren noch nicht sprechen und lediglich das Wort „Mama“ lallen. „Lange Zeit bedeutet[-] dieses eine Wort, das er nach so schrecklichem Schweigen zustande gebracht hat[-], Essen und Trinken, Schlafen und Liebe, Lust und Schmerz, Himmel und Erde“. Für Deborah erscheint er mit dem einen Wort „beredt wie ein Prediger und reich an Ausdruck wie ein Dichter“. Menuchim braucht ständig Unterstützung, auch durch seine drei Geschwister und diese verachten und quälen ihn, weil sie sich seit seiner Geburt von ihrer Mutter, die sich nur noch um ihren kleinen Bruder kümmert, vernachlässigt fühlen. Sie werden wegen Menuchims Behinderung von den anderen Kindern im Schtetl gehänselt. Daher kommt es einmal sogar so weit, dass sie ihn in eine Regenwassertonne werfen, worin der ungeliebte Rivale zu ertrinken droht. Doch Menuchim überlebt die Attacke (Kap. 2). Obwohl sich sein Zustand nicht ändert und sein Vater ihm vergeblich das Wort Gottes beizubringen versucht, geben die Eltern ihre Hoffnung nie auf, aber ihre Beziehung zueinander kühlt immer mehr ab und neues Unheil kündigt sich an, als ihre Kinder ihre eigenen Wege gehen:
Mendel entdeckt zu seinem Entsetzen, dass seine schöne Tochter Mirjam, „kokett und gedankenlos wie eine Gazelle“, ihre Anziehungskraft auf die Soldaten genießt, sich gegen ihren Vater auflehnt und Affären mit einigen „Kosaken“ hat: „Gleich hinter den äußeren Toren ihrer Sinne lauert[-] die Neugier in Mirjam, die Schwester der Jugend, die Künderin der Lust.“ Einige Jahre später, als Mirjam in New York nach mehreren Beziehungen mit Männern psychisch erkrankt, wird Mendel über sie sagen: „Sie hat ohne Männer nicht leben können. Sie ist verrückt.“
Eine weitere Sorge der Eltern ist die mit ihrem Glauben unvereinbare Einberufung ihrer Söhne zu Armee (Kap. 3).Zur zeitlichen Einordnung wird das Ende des Russisch-Japanischen Krieges (1905) erwähnt. Für den jüngeren Sohn Schemarjah, „schlau und hurtig wie ein Fuchs“, kann die Mutter mit kostspieliger Hilfe des Geschäftemachers Kapturak die Fahnenflucht aus Russland organisieren (Kap. 5). Er wird über die westliche Grenze geschleust und kann sich in Triest das Geld für die Überfahrt nach Amerika verdienen. Der ältere Jonas, „stark und langsam wie ein Bär“, hat die Familie schon vorher verlassen, um dem strengen jüdischen Leben in der Familie und im Schtetl zu entfliehen: „Ich konnte es nicht bei euch aushalten, aber ich hab' euch alle ganz gern!“ Er wird Stallknecht beim Bauern Sameschkin, trinkt gern Alkohol und lässt sich zum mehrjährigen Militärdienst einberufen.
Einige Jahre später besucht Schemarjahs amerikanischer Freund und Geschäftspartner Mac die Singers in Zuchnow und überbringt Geld und Nachrichten von ihrem Sohn (Kap. 6): Er nennt sich inzwischen Sam, lebt mit seiner Frau Vega in New York und hat mit Mac eine Versicherungsgesellschaft gegründet. Mit seinen erarbeiteten Ersparnissen will er seine Familie ins „freie Land“ holen. Die Singers fällen die schwere Entscheidung, zu emigrieren, Mirjam aus ihren Beziehungen mit den Soldaten zu lösen und ihren behinderten Sohn Menuchim, entgegen dem Rat des Rabbis, in Russland zurückzulassen. Sie geben ihn bei einer Tochter der benachbarten jüdischen Familie Billes in Pflege und diese darf mit ihrem Mann das Haus der Singers kostenlos bewohnen.
Mendel reist nach Dubno, um von der Behörde die Ausreise genehmigen zu lassen, er wird jedoch von autoritären und desinteressierten Beamten von einem Büro zum nächsten geschickt, muss ein Gesuch schreiben lassen, Stempelgeld zahlen, auf neue Termine warten und sich auf eine lange Bearbeitungszeit einstellen (Kap. 7). Er reflektiert: Die Welt hat der Herr in sieben Tagen geschaffen, „wenn eine Jude nach Amerika fahren will, braucht es Jahre!“ Mendel wendet sich an den Agenten Kapturak und dieser organisiert für 40 Rubel die Reise, nachdem ihm Schemarjahn das Geld geschickt hat (Kap. 8).
Mendel, Deborah und Mirjam besteigen nach drei Tagen Eisenbahnfahrt in Bremerhaven den Ozeandampfer „Neptun“und erreichen nach vierzehn Tagen im Zwischendeck New York (Kap. 9). Von Bord aus erblicken sie die Freiheitsstatue, das Symbol eines besseren Lebens. Obwohl ihnen Mac bei der komplizierten Einreiseprozedur behilflich ist und sich Sam und seine Frau Vega sofort um sie kümmern, wird Mendel bei der Ankunft von der brodelnden Fülle der Eindrücke erschlagen: „Amerika drang auf ihn ein, Amerika zerbrach ihn, Amerika zerschmetterte ihn. Nach einigen Minuten wurde er ohnmächtig.“ Nicht nur die Sprache, auch alles andere ist ihm fremd; selbst sein eigener Sohn kommt ihm wie ein Ausländer vor. Er fragt sich: „Bin ich noch Mendel Singer? Wo ist mein Sohn Menuchim? Es war ihm, als wäre er aus sich selbst herausgestoßen worden, von sich selbst getrennt würde er fortan leben müssen. Es war ihm, als hätte er sich selbst in Zuchnow zurückgelassen, in der Nähe Menuchims. […] Schon war er einsam, Mendel Singer: schon war er in Amerika…“
Zweiter Teil Nach einigen Monaten haben sich die Singers, gut versorgt von ihrem Sohn, in die neue Umgebung eingefunden (Kap. 10) In ihrem Viertel leben mehr Juden als in ihrer Heimat und Mendel findet im Laden der Familie Skowronnek, wo sich alle älteren Leute des Viertels treffen, neue Bekannte. Sie sprechen über Politik und erzählen Anekdoten aus der Heimat. Mendel trägt immer noch seinen Kaftan, „wandert vom Morgengebet zum Abendgebet, vom Frühstück zum Nachtmahl, vom Erwachen zum Schlaf“. Sam und Mac sind erfolgreiche Geschäftleute, sie spekulieren mit Grundstücken und betreiben ein Warenhaus, in dem Mirjam als Verkäuferin arbeitet. Deborah genießt das quirlige Leben, Kino und Theater, und ihre Tochter findet in Mac einen neuen Liebhaber. Die Beziehung Mendels zu seiner Frau jedoch erkaltet immer mehr, er nimmt sie nur noch als alternde Fremde wahr (Kap. 11). Außerdem sehnt er sich nach Menuchim. Er fühlt sich mit seinen 59 Jahren alt, während seine Kinder schwärmen, Amerika sei „das Land Gottes […] New York die Stadt der Wunder und Englisch die schönste Sprache“, die Amerikaner seien „gesund, die Amerikanerinnen schön, der Sport wichtig, die Zeit kostbar, die Armut ein Laster, der Reichtum ein Verdienst, die Tugend der halbe Erfolg, der Glaube an sich selbst ein ganzer, der Tanz hygienisch, Rollschuhlaufen eine Pflicht, Wohltätigkeit eine Kapitalanlage, Anarchismus ein Verbrechen, Streikende die Feinde der Menschheit, Aufwiegler Verbündete des Teufels, moderne Maschinen Segen des Himmels, Edison das größte Genie“. Bald würden die Menschen „fliegen wie Vögel, schwimmen wie Fische, die Zukunft sehn wie Propheten, im ewigen Frieden leben und in vollkommener Eintracht bis zu den Sternen Wolkenkratzer bauen“. Mendel glaubt seinen Kindern gern ihren Optimismus, zumal gute Nachrichten aus der Heimat eingetroffen sind: Jonas ist zufrieden mit seinem Soldatenleben. Er reitet wie ein Kosake, ist gut versorgt und braucht selbst nicht zu denken. Menuchim macht Fortschritte im Sprechen und Laufen und die Singers planen, ihn zu sich zu holen.
Die Nachricht vom Kriegsausbruch in Europa verändert schlagartig die Situation. Die Singers erhalten vom Roten Kreuz die Mittelung, Jonas sei „verschollen“. Dann greifen die USA, die sich weltpolitisch lange neutral verhalten haben, 1917 in den Ersten Weltkrieg ein (Kap. 12). Sam und Mac melden sich als Patrioten freiwillig und werden an der europäischen Front eingesetzt. Anfang Februar überbringt Mac den Singers die Nachricht von Sams Tod. Deborah stirbt aus Schmerz daüber. Wenige Tage später erleidet Mirjam, die während Macs Abwesenheit eine Affäre mit dem Ersten Direktor des Kaufhauses, Herrn Glück, begonnen hat, eine schwere degenerative Psychose und wird in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert (Kap. 13). Durch diese Schicksalsschläge zweifelt Mendel an der Barmherzigkeit Gottes (Kap. 13, 14). Er bereut sein bisheriges gottesfürchtiges Leben: „Mehr als sechzig Jahre war ich verrückt, heute bin ich es nicht.“ Er lästert Gott und zieht sich völlig aus dem religiösen Leben zurück: „Ich habe keine Angst vor der Hölle […] Alle Qualen der Hölle habe ich schon gelitten. Gütiger als Gott ist der Teufel.“ Er zögert allerdings, seine Tefillin, seinen Tallit und seinen Siddur zu verbrennen. Seine jüdischen Freunde versuchen, ihn zu beruhigen, erinnern ihn an die Prüfung Hiobs durch Gott und übereden ihn, seine schäbige Wohnung zu verlassen und in eine Kammer im Laden des Schallplattenhändlers Skowronnek zu ziehen. Dort lebt Mendel sehr zurückgezogen. Er erledigt Hausmeisterdienste und Besorgungen für seine Nachbarn und erhält kleine Entgelte, die er spart. Um das Unglück seiner schwangeren, verwitweten Schwiegertochter Vega und ihres kleinen Sohnes MacLincoln zu mildern, überredet er Mac, statt der vermutlich unheilbar kranken Mirjam nun Vega zu heiraten und mit ihr die Geschäfte weiterzuführen.